Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
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Wolf Lotter und die Dialektik des Vereinheitlichens

2020-04-20

Mein Beitrag über Effizienz und Redundanz hat mich dazu gebracht, das seit Jahren in meinem Regal stehende Buch über Verschwendung endlich mal zu lesen.

Lange habe ich kein Buch mehr so verschlungen wie dieses von Wolf Lotter, den ich vor allem aus der Zeitschrift brand eins kenne. Und noch nie habe ich in einem Buch erlebt, dass sich Höhepunkte und Tiefpunkte in so kurzer Folge abwechseln.
Vieles von dem, was Lotter darin schreibt, feiere ich richtiggehend. Aus meiner Sicht hat er aber an mehreren Punkten blinde Flecken, was den Erkenntnis- und auch den Unterhaltungswert des Buches leider wieder schmälert.

Er ist auf jeden Fall ein Fan des Kapitalismus. Was das bedeutet, hängt natürlich davon ab, wie man Kapitalismus definiert; er tut das so:

Konsequenter als je muss man zumal in unseren technikkritischen Zeiten Industrialismus und Kapitalismus auseinander halten. Kapitalismus ist ein von Prestige und Verschwendung gesteuertes Prinzip, Marktwirtschaft ein höchst natürlicher, grundlegend sozialer Vorgang. Doch unser Bild von Wirtschaft entspricht einer keineswegs natürlichen Gemengelage aus überlebtem Ethos, wie ihn Weber beschreibt, Größenwahn, wie er sich in ewigen Wachstumskurven ausdrückt, und Ideenlosigkeit hinsichtlich Systemstabilisierungen, an denen man sich seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts immer wieder verzweifelt versucht, ohne retten zu können, was nicht zu retten ist. Der Industriekapitalismus ist keine zwingende evolutionäre Größe. Der Kapitalismus entstand aus ganz anderen Motiven: aus der Liebe zum Prestige, zur Vielfalt, zur Kraft des Neuen. Kurz: aus dem Wesen der Verschwendung.

Lotter hat mich nun definitiv überzeugt, dass es auch für mich Zeit ist, Max Webers Protestantische Ethik zu lesen. Die ist mir nun schon an so vielen Stellen begegnet, dass ich einfach nicht mehr drum herum komme.

Zurück zum eigentlichen Buch, aus dem ich angesichts seiner Dichte (obwohl es sehr kurzweilig geschrieben ist) nur einzelne Aspekte herausgreifen kann. Ein ganz Wesentlicher steht schon in der Überschrift: Die Dialektik des Vereinheitlichens. Lotter feiert die Verschwendung vor allem deshalb, weil sie dadurch Vielfalt schafft und ihrerseits aus der Vielfalt kommt. Vereinheitlichung und Standardisierung ist ihm ein Greuel. Da bin ich weitgehend bei ihm, obwohl ich als Informatiker und Techniker Standards auch durchaus zu schätzen weiss bzw. umgekehrt nur zu oft unter fehlenden Standards leide.

Was das angeht, habe ich aus seinem Buch z.B. gelernt, dass James Watt zu Unrecht als Erfinder der Dampfmaschine gilt; eigentlich ist er nämlich der Erfinder des Industriemonopols:

Der Mann, der die Dampfmaschine, eine bereits im 18. Jahrhundert gebräuchliche, aber recht unzuverlässige Erfindung, so verbessert hatte, dass sie solide lief, hatte langfristige Patente auf seinen Maschinen. Er verkaufte seine Dampfmaschinen auch nicht, sondern erteilte Lizenzen. Die Fabrikanten bauten dann nach seinen Plänen eine Maschine, deren Bestandteile es wiederum nur bei Watt gab. Das sollte das De-facto-Monopol der Watt'schen Industrien sichern – und tat es für viele Jahrzehnte auch.

Na, kommt euch das irgendwie bekannt vor?

Nach Lotter war das Projekt der Industrialisierung im Kern eine Vereinheitlichung von allem, die die menschliche Gesellschaft überschaubar und berechenbar machen sollte:

Die Welt der Industrie erzeugte eine kalkulkierbare Gesellschaft, die nicht mehr nach Glück oder Selbsterfüllung strebte, sondern nach Sicherheit. Sicherheit ist ein Begriff, der Vielfalt ausschließt.

Diesen Gedanken hatte ich das erste Mal bei Fabian Scheidlers Ende der Megamaschine gelesen:

Der gemessene, objektivierte, vorhersagbare und von Befehlen bewegte Mensch war das frühe Ideal der Großen Maschine.

Und weiter:

Das Projekt einer allumfassenden Durchdringung, Berechnung und Beherrschung der Natur durch die Wissenschaft ging einher mit einem anderen, ebenso umfassenden Projekt: der Durchdringung der sozialen Welt durch den Staat.

Scheidler zitiert dazu ausführlich aus dem Buch Seeing Like A State von James C. Scott, der hier im Blog ja schon mehrfach vorkam. Auch in seinem Buch Die Mühlen der Zivilisation schreibt er darüber, und das zeigt ein grundsätzliches Problem von Wolf Lotters Buch: er schaut nicht weit genug in die Vergangenheit zurück und erkennt deshalb nicht die Ursachen von vielem, das er beschreibt. Nun also zu Scott:

Alle Anstrengungen der frühen Staatenbildung richten sich auf die Standardisierung und Abstraktion, die erforderlich sind, um mit Arbeits-, Getreide- und Landeinheiten sowie Nahrungszuteilungen umzugehen. Wesentlich für diese Standardisierung war die Erfindung einer einheitlichen Nomenklatur – mittels der Schrift – für alle wesentlichen Kategorien: Quittungen, Arbeitsanweisungen, Arbeitsentgelte und so weiter.

Die Standardisierung fing also beileibe nicht erst mit der Industrialisierung an, sondern bereits mit den ersten Staaten in Mesopotamien, China, im Industal und Ägypten.

So sehr ich Wolf Lotters anarchistisches, mindestens jedenfalls herrschaftskritisches Anliegen begrüße, so läuft er doch Gefahr, tiefer liegende Quellen von Herrschaft zu ignorieren. Eine davon ist das Geldsystem.
Er betrachtet das Geld als Medium der Verschwendung:

Überfluss wiederum bedeutet die ständige Entwicklung und Produktion von Neuem. Alles, was wir an Erneuerung und Innovation kennen, ist Ausfluss von Verschwendung. Das Medium der Verschwendung ist das Geld, das mit dieser eine ganz bedeutende Eigenschaft teilt. Es ist nur in der Lage, nützlich zu sein, indem es sich bewegt. Geld ist eine universelle Sprache, eine Glanzleistung der menschlichen Kultur. Es wurde erschaffen, um den Zugang zu einer Vielzahl noch gar nicht existierender Produkte und Dienstleistungen, Wünsche und Möglichkeiten zu eröffnen.

Offensichtlich ignoriert er die Dialektik des Geldes, die er an wenigen Stellen sogar direkt in sein Buch geschrieben hat, so auch hier: Geld ist eine universelle Sprache, also eine Sprache, die alles vereinheitlicht.

Das ist gerade die zentrale Eigenschaft des Geldes: Es vereinheitlich alles, es schert alles über einen Kamm, es ignoriert gezielt alle Vielfalt, alles Individuelle, um die Dinge auf einer eindimensionalen Skala von "mehr" bis "weniger" vergleichbar zu machen.

Später schreibt er über die Rolle des Geldes im ausgehenden Mittelalter:

Geld, das im bisherigen Mittelalter nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatte, wurde zunehmend zu einem wesentlichen wirtschaftlichen Tauschmittel. Nun konnten auf einer standardisierten Grundlage Waren und Dienstleistungen den Besitzer wechseln.

Hier benutzt er sogar das Wort "standardisiert". Und auch hier blickt er nicht weit genug zurück in die Geschichte, denn bei Charles Eisenstein habe ich gelernt, dass das antike Griechenland die erste komplett durchmonetarisierte Gesellschaft war. Und in eben diesem antiken Griechenland hat das Geld auch maßgeblich das Denken der Philosophen geprägt:

Es ist kein Zufall, dass dort, wo das symbolische Geld entstand, im antiken Griechenland, auch die anderen weltanschaulichen und philosophischen Grundsteine gelegt wurden, die noch heute unser Denken prägen, zum Beispiel die Idee vom Individuum oder Konzepte wie Logik und Verstand. In seinem wissenschaftlichen Meisterwerk “Money and the Early Greek Mind” hat Richard Seaford den Einfluss des Geldes auf die griechische Gesellschaft und das griechische Gedankengut untersucht und daraus Eigenschaften hergeleitet, die das Geld einzigartig machen: Geld ist beides, konkret und abstrakt, es ist einheitlich, unpersönlich, ein universelles Ziel und ein universelles Mittel, und es kennt keine Grenzen. Die Etablierung dieser neuen Macht in unserer Welt hatte weitreichende Auswirkungen, von denen viele so tief in unserer Kultur und unserem Denken, der Psyche und der Gesellschaft verwurzelt sind, dass wir sie kaum mehr wahrnehmen, geschweige denn in Frage stellen.

Eben das meine ich mit der Dialektik des Geldes. Es hat offensichtlich das Potential, in einer Wirtschaft ungeahnte Möglichkeiten von Vielfalt und Verschwendung freizulegen. Zugleich gilt, was Charles Eisenstein weiter schreibt:

Wenn wir über ein mögliches Geld der Zukunft nachdenken, dürfen wir nicht vergessen, dass es die Macht hat, alles zu vereinheitlichen, mit dem es in Berührung kommt. Vielleicht sollte Geld nur für Dinge verwendet werden, die standardisiert, quantifizierbar oder unspezifisch sind oder sein sollten. Vielleicht sollte eine andere Art von Geld oder überhaupt kein Geld für Dinge verwendet werden, die persönlich und einzigartig sind.

Durch Wolf Lotters Buch zieht sich die Erkenntnis, dass Deutschland seit Mitte des 19. Jahrhunderts sich ganz besonders der Vereinheitlichung verschrieben hat:

Der deutsche Staat und die deutsche Industrie waren eins. Die Industrie war die deutsche Staatsreligion, das Evangelium der Nation.

Und die Deutschen können sich mit Fug und Recht als die Weltmeister der Normierung bezeichnen:

Im Jahr 1856 hatten sich Ingenieursverbände in der Industrie formiert, die Vorläufer des heutigen Verbandes Deutscher Ingenieure (VDI), der wohl weltweit bedeutendsten Techniker- und Normierungsgruppe. Großbritannien galt damals als "Werkstatt der Welt", doch in dieser Werkstatt lagen Stoffe und Werkzeug wirr durcheinander. Auf dem Kontinent hingegen waren Tausende deutsche Ingenieure damit beschäftigt, Qualitäten und Mengen für die in der Industrie benötigten Produkte minutiös festzulegen. An die Stelle ungeregelter Produktion, die die ganze Industriegesellschaft damals noch lose kennzeichnete, trat planvolles, systematisches Vorgehen.

Das erwies sich als nützlich – weltweit. Und so wurde Deutschland zur größten Industrienation Europas, seine Ingenieure zum Synonym für die Berechenbarkeit der Welt und, was noch wichtiger ist, für Sicherheit. Denn Normen und Standards liefern brauchbare Hinweise auf Qualität, auf Zuverlässigkeit und Dauer der Nutzbarkeit von Produkten. Sie schaffen Vertrauen.

Kommen wir zum herrschaftskritischen Teil, der sich bei Lotter in erster Linie gegen den Wohlfahrtsstaat richtet:

Der Wohlstand einer Nation ist das Produkt der Bemühungen und Leistungen ihrer Bürger. Eine ganz andere Frage ist allerdings, ob sich die Bürger dieser Tatsache auch bewusst sind.

Die Regierungen, unter denen wir leben, ermöglichen ihren Bürgern den Zugriff auf nur einen Teil dieses Reichtums. Der Reichtum dieser Staaten wird durch die Regierungen umverteilt, was nicht unbedingt eine Umschichtung des Vermögens von den eher Wohlhabenden zu den eher Bedürftigen meint. Umverteilung ist ein Herrschaftsprinzip, eine Führungsmethode.

Da bin ich insofern bei ihm, als ich zwangsweises Umverteilen ebenfalls ablehne. Er führt dabei auch aus, dass das eine Variation des alten Teile-und-herrsche-Prinzips ist:

Schon dieser Prozess teilt die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer, eine Voraussetzung für die Herrschaft der Dritten, der Regierung, die vom Spannungsverhältnis zwischen den konkurrierenden Gruppen lebt.

Weiter schreibt er, dass progressive Besteuerung tatsächlich von oben nach unten umverteilt:

Wer mehr verdient, bezahlt einen höheren Prozentsatz an Steuern. So kommt es, dass ein Viertel der Bundesbürger, die wohlhabendsten, drei Viertel der Gesamtsumme an Lohn- und Einkommensteuern bezahlen. Der Rest sorgt gerade mal für fünfundzwanzig Prozent. Fast die Hälfte der Bundesbürger, die berühmten Otto Normalverbraucher, erhalten aus diesem Topf mehr, als sie einzahlen.

Hier zeigt sich ein weiterer blinder Fleck von Lotter für das Geldsystem, denn das hat die Umverteilung von unten nach oben schon fest eingebaut. Die Umverteilung über Lohn- und Einkommensteuern ist daher nur eine sekundäre Umverteilung, die der grundsätzlichen Umverteilung (in die andere Richtung!) durch das Geldsystem nur nachgelagert ist.
Seine sehr berechtigte Kritik der Bevormundung durch den Wohlfahrtsstaat trifft daher nur ein Symptom:

Besitzstandswahrung ist eine sehr natürliche Reaktion auf die erfahrene Entmündigung seitens einer Taschengeldgesellschaft, deren Lohn vielfach via Umverteilungsmechanismen mit Förderungen und großzügig gewährten Zulagen aufgebessert wird, die also ihr Geld von einem gütigen Regime als Almosen (und natürlich nur zum Teil) wiedererhält. So wie Eltern, die ihren Kindern einen Schein zustecken und dafür Wohlverhalten und Loyalität erwarten, handeln auch die gegenwärtigen Regierungen.

Das Kapitel "Die biologische Konstanz der Vielfalt" ist wieder eines meiner persönlichen Highlights. Zu Beginn feiert er Buckminster Fuller mit dessen Zitat

So etwas wie Umweltverschmutzung gibt es nicht. Alles, was wir tun, wenn wir verschmutzen, ist, dass wir die Wiederaufbereitung schwieriger und nicht leichter machen.

Dabei fiel mir sofort Michael Braungart ein, der im Kapitel auch prominent zu Wort kommt.
Lotter schreibt, dass Charles Darwins entscheidende Erkenntnis darin besteht, dass Verschiedenartigkeit die treibende Kraft in der Natur ist:

Verschiedenartigkeit ist das Endprodukt dieses Prozesses. Alle Lebewesen und Pflanzen sind so einmalig und unverwechselbar, wie Prozesse und Methoden es auch sind. Jedes einzelne in dieser Vielfalt hervorgebrachte Individuum ist wiederum treffsicher unterscheidbar (wofür letztlich der genetische Code verantwortlich ist).

Eben, wenn wir uns in der Natur umschauen, sehen wir eine überbordende Fülle von Wesen, die sich alle in Details voneinander unterscheiden.

Ganz bei ihm bin ich, wenn er auf die Schule schimpft; dazu zitiert er wiederum Alvin Toffler:

"Der Industrialismus konstruierte ein neues Bildungssystem für die Massen, einen sinnreichen Apparat, um den benötigten Menschentyp zu konstruieren. Das Problem war außerordentlich komplex. Wie passte man Kinder einer neuen Welt an, einer Welt der eintönigen Plackerei in Fabrikhallen, des Rauches, des Lärms, der Maschinen, der beengten Wohnverhältnisse, der kollektiven Disziplin, einer Welt, in der die Zeit nicht durch den Kreislauf von Sonne und Mond, sondern durch Fabriksirenen und Stechuhr eingeteilt wurde?", fragt Toffler, und die Antwort lautet: indem man ein Bildungssystem schafft, das diese Struktur der neuen Welt bis ins Kleinste simuliert. Sehen wir uns dazu ein Klassenzimmer an: Beengt sitzen Kinder in engen Stuhlreihen. Es gibt, wie bei der Schicht in der Fabrik, ein durchdringendes Klingelsignal, das den Wechsel des Unterrichtsstoffes – oder der Produktion – verkündet. Das Benotungssystem stützt die autoritäre Rolle des Vorarbeiters, der in der Schule Lehrer genannt wird, und die wichtigste Tugend aller Insassen ist es, sich vollständig dem Lehrplan und seiner Ordnung zu unterwerfen.

Seine Forderung nach Bildungsvielfalt kann ich voll unterschreiben:

So wie genetische Differenzierung das Überleben einer Art sichert, so ist Bildungsvielfalt die einzige Chance, in einer sich rasch verändernden Welt das Überleben von Gesellschaften zu sichern. Das jedenfalls hat Toffler der Schulfabrik als Schlussfolgerung empfohlen. So leidet der Schulbetrieb daran, dass zu wenig Experimente möglich sind, und zwar praktische, die vor allem eines lehren: sich zu verändern, sich zu entscheiden. Beide Tugenden sind essenzielle Schlüsselqualifikationen für die Zukunft und der zuverlässigste Garant für Vielfalt.

Kommen wir zu einem weiteren blinden Fleck Wolf Lotters: Ausbeutung scheint er weitgehend auszublenden, und zwar sowohl die Ausbeutung anderer Menschen als auch vor allem die Ausbeutung der Erde. Aus seinem Fokus auf Verschwendung heraus lobt er den Konsum in den höchsten Tönen:

Das 21. Jahrhundert setzt fort, was nach 1945 begann: das Zeitalter des Konsumismus. Es ist getrieben von Prestige, Luxus, Verschwendung und einer allmählichen Entdeckung der Vielfalt, verwirft dagegen Zwangsarbeit und Ausbeutung.

Sicher: Noch müssen viele für ihre Prestigesucht, ihre Verschwendungsfreude hart arbeiten; aber es tritt immer deutlicher zutage, dass dies kein Naturgesetz ist.

Nun ja: immer weniger reiche Menschen müssen hart für ihre Prestigesucht arbeiten – weil dafür andere auf der anderen Seite des Globus sich abrackern und ausgebeutet werden. Und auch die Automatisierung findet statt auf Kosten von Ressourcen, die der metallurgische Komplex (über den Fabian Scheidler ausführlich schreibt) der Erde entreißt. Für jedes Kilogramm Nahrung wendet die industrielle Landwirtschaft im Schnitt 10-12 kg Erdöl auf. Wie lange wird sie das noch so tun können? Hier kommt die Permakultur ins Spiel, in Gestalt von David Holmgren, der in seinem Aufsatz Das Wesen der Permakultur vom "Energieabstieg" spricht:

Daher beruht die Permakultur auf einer Annahme des sich schrittweise reduzierenden Energie- und Ressourcenverbrauchs und einer unvermeidlichen Verringerung der Weltbevölkerung. Ich nenne dies die „Zukunft des Energieabstiegs“ um das Primat der Energie im menschlichen Schicksal zu betonen, und die am wenigsten negative, aber klare Beschreibung, was einige vielleicht „Niedergang“, „Kontraktion“, „Zerfall“ oder „Absterben“ nennen würden. Diese Zukunft des Energieabstiegs ist wie ein sanfter Abstieg nach einer aufregenden Ballonfahrt, die uns wieder auf die Erde, unsere Heimat zurückbringt.

Auch beim Blick zurück in die Geschichte blendet Lotter die Ausbeutung auf anderen Kontinenten geflissentlich aus, wenn er schreibt

Die unmittelbare Folge der Reformation ist Krieg, die des jungen Kapitalismus ein langer Friede. Die von den Medici und den Fuggern angestoßene und organisierte neue Ordnung sorgt zwischen 1555 und 1618 für eine lange Phase des Friedens.

In Europa, vergisst er dabei einzuschränken. Bei Fabian Scheidler können wir nachlesen, welchen Preis die Menschen in Amerika damals für diesen Frieden in Europa zahlten:

Nach mehr als 50 Jahren, in denen die Spanier den halben Kontinent auf der Suche nach Edelmetallen verwüstet hatten, stießen sie schließlich im Gebiet des heutigen Boliviens in 4000 Meter Höhe auf einen Berg, der in den folgenden Jahren zur größten Silbermine der Welt werden sollte: den Cerro Rico. In kurzer Zeit wurde die Kleinstadt Potosí am Fuße des Berges zu einer der reichsten Städte der Erde, größer als Paris, Rom oder Madrid. Einige Straßen wurden mit Silber gepflastert, mehr als 600 reich ausgestattete Kirchen und Dutzende von luxuriösen Spielsalons errichtet. Die andere Seite des Reichtums war die Hölle der Minen. Zehntausende von Indigenen wurden zur Arbeit in den Bergwerken und Schmelzen gezwungen. Die meisten von ihnen starben bei der Arbeit: durch Einstürze, Wassereinbrüche, den Wechsel von glühender Hitze im Inneren des Berges und eisiger Kälte draußen, durch Quecksilbervergiftung und schließlich Erschöpfung und Auszehrung. Ein Mönch aus der Region bezeichnet Potosí als "Höllenschlund, der Indios zu Tausenden verschlingt". Vielleicht ist tatsächlich kein Ort auf Erden dem Bild der Hölle je so nahe gekommen wie die Minen von Potosí. Nachts brannten an den Hängen des Berges 6000 Feuer, in denen das Silber geschmolzen wurde; die giftigen Dämpfe löschten jede Vegetation im Umkreis von 30 Kilometern aus. Der uruguayische Journalist Eduardo Galeano schätzt die Gesamtzahl der Todesopfer in den Minen während der drei Jahrhunderte ihres Betriebes auf acht Millionen Menschen. Ganze Landstriche wurden entvölkert, die Landwirtschaft verfiel, die Küste des heutigen Perus, einst von den Inkas durch bewässerte Terrassen kultiviert, verwandelte sich in eine Wüste, die dort noch heute zu sehen ist. Als die Indigenen fast alle gestorben waren, versuchten die Spanier sie durch afrikanische Sklaven zu ersetzen, die allerdings ebenfalls schnell zugrunde gingen. Der Berg selbst, einst über 5000 Meter hoch, sackte mehrere hundert Meter ein, nachdem insgesamt 40.000 Tonnen reines Silber aus seinem Inneren geholt und nach Spanien verschifft worden waren.

Doch das Silber blieb nicht in Spanien, sondern floss durch die Hände der Krone gleich weiter an die Gläubiger aus Genua, Augsburg und Antwerpen und befeuerte dort die boomende Geldwirtschaft. Die gesamte Conquista einschließlich Völkermord war auf Pump finanziert, und es war der Druck der Gläubiger, der die Höllenfeuer von Potosí anheizte.

Dass Wolf Lotter diesen hohen Preis des Luxus und der Verschwendung in Europa einfach verschweigt, nehme ich ihm nachhaltig übel.

Wieder bei ihm bin ich beim Grundeinkommen, zu dem ich ihn hier im Blog schon mal zitiert hatte. Allerdings verkennt er auch hier die Dialektik des bedingungslosen Grundeinkommens für alle Bürger eines Staates, von denen im derzeitigen Geldsystem dieser Staat die Mittel ja erst mal per Zwang als Steuern einkassieren muss, um sie dann als Grundeinkommen auszuzahlen. Anders sähe das aus mit einer Zentralbank als Bürgergenossenschaft. Und als freiwilliges bedingungsloses Grundeinkommen können wir einfach schon mal loslegen, wie es Mein Grundeinkommen vormacht.

Dankbar bin ich ihm für den Hinweis auf Bruce Ackerman mit dessen Idee einer Teilhabegesellschaft:

Dabei bekäme jeder Bürger mit der Vollendung seines achtzehnten Lebensjahres einen Betrag von achtzigtausend US-Dollar (oder achtzigtausend Euro) ausbezahlt. Damit verfügte, so Ackerman, jeder Bürger über die gleichen ökonomischen Chancen und zugleich über ein hohes Maß an Handlungsfreiheit, das sich im gegenwärtigen Alimentierungssystem nicht abzeichnet. Alimentierung ist eine nie endende Notpolitik. Man gibt kleine Happen, statt einmal die richtige Mahlzeit anzubieten.

Auch sehr sympathisch:

Die Finanzierung würde durch eine sehr moderate Steueranhebung bei der Vermögenssteuer gesichert – und durch eine goldene Regel dieser Teilhabegesellschaft: Vermögen, das die Gemeinschaft ihren Bürgern zur Verfügung stellt, bleibt im Grunde nur geliehenes Geld. Stirbt der Teilhaber, dann fällt der Rest – oder, was durchaus wahrscheinlich ist, das gemehrte Vermögen – bis zu einer Höhe von zweihundertfünfzigtausend Dollar an die Verwalter der Fonds zurück, damit neue Lebens-Darlehen vergeben werden können.

Das gefällt mir tatsächlich sogar noch besser als der Vorschlag von 100% Erbschaftssteuer. Die würde nämlich eine vollständige Umverteilung nach dem Tod bedeuten, mit Ackermans Vorschlag wäre die Umverteilung an die Gesellschaft gedeckelt. Ich profitiere ja auch ganz persönlich vom Erbe meiner Eltern, das hat schon was. Und es stößt auf deutlich weniger Widerstand als die 100% Erbschaftssteuer.

Neben Max Weber stützt sich Lotter auch viel auf Werner Sombart sowie Joseph Schumpeter. Schumpeter ist mir schon einige Male in unterschiedlichen Zusammenhängen begegnet, Sombart hatte ich noch nicht so auf dem Schirm, werde mich aber auch mit ihm ausführlicher befassen. Lotter bezieht sich vor allem auf sein Werk Liebe, Luxus und Kapitalismus. Über die Entstehung der modernen Welt aus dem Geist der Verschwendung. Klar, dass dieses Buch eine große Inspiration für Lotter war.

In der Coronakrise sind Lotters Ausführungen über die Pest sehr aufschlussreich, die wurde nämlich von der Goldenen Horde nach Europa gebracht:

Die Goldene Horde aber hat einen blinden, geradezu blindwütigen Passagier aus den tiefen Steppen des Ostens mit sich gebracht. Dort, im weithin menschenleeren Raum Asiens, konnte er sich nicht entfalten, sein Schaden blieb lange begrenzt. Doch nun stößt der blinde Passagier auf Städte, deren Einwohnerzahlen hunderttausend und mehr betragen. Dicht an dicht leben hier die prassenden Bürger: Sie trifft nun die Pest.

Unter den Belagerern von Kaffa bricht die Seuche zuerst aus. Sie binden Pesttote auf Katapulte und schleudern die Leichname in die Stadt. Dort verbreitet sich die tödliche Krankheit wie ein Lauffeuer. Doch Kaffa ist nicht vollständig umzingelt, die Genueser versuchen kostbare Ware auf dem Seeweg zu evakuieren, und leider gelingt ihnen das auch. Die Schiffe nehmen im Jahr 1347 Kurs auf Kairo, Konstantinopel und Messina. Es sind die wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der bekannten Welt. Die Pest springt von Schiff zu Schiff. Ratten, die sich längst in den vollen Getreidebunkern der Kaufleute eingenistet haben, tragen die Seuche in jedes Haus. Von Genua aus, der nächsten betroffenen Stadt, pflanzt sich die Pest nach Marseille weiter fort. Die Seehäfen sind gleichzeitig Umladestation für die Waren, die über Schiffe in die Metropolen innerhalb des Kontinents gebracht werden. So erreicht die Pest das Herzstück des reichen Frankreichs, ist ein Jahr nach der Belagerung von Kaffa bereits im Languedoc, in Bordeaux und Avignon, Toulouse und Paris.

Was damals Monate dauerte, geschieht heute in der globalisierten Welt innerhalb von Tagen, wie wir gerade live erleben. Und damit kommen wir zu einem weiteren blinden Fleck Wolf Lotters. Er lobt nämlich die Komplexität unserer Gesellschaft in den Himmel und ignoriert damit, dass steigende Komplexität auch das Risiko von Clusterfucks steigert. Eine Pandemie ist auch ein Clusterfuck, und diese ist nur die letzte einer langen Reihe, wie Marx21 in einer schönen Grafik zusammengefasst hat.
So lobt Lotter die Komplexität:

Komplexität ist schwierig, aber wir brauchen das Komplexe. Komplexität wird im Westen als Ursache vielen Übels verkannt. Tatsächlich aber genießen wir unser Leben in einer komplexen Welt: Wir wohnen in Städten mit komplexer Infrastruktur, nutzen ein komplexes medizinisches Versorgungssystem und bewegen uns inmitten unzähliger weiterer komplexerer Gegenstände und Sachverhalte, deren gemeinsames Ziel die Verbesserung unseres Wohlbefindens ist.

Das ist ja alles schön & gut so lange die Komplexität funktioniert. Ich kann als Admin und nach 9 Jahren PC ab 50 aber sehr ausführlich mein Leid klagen, was passiert, wenn mal etwas nicht wie gewünscht funktioniert. Und ich beobachte seit Jahren, dass die Wartbarkeit von Hard- und Software ständig abnimmt. Dazu noch die Geschichte eines Kollegen, der während meiner Ausbildung eine Umschulung zum Informatiker bei uns anfing: Vorher war er KFZ-Mechaniker und meinte, die würden heute kaum noch was anderes machen als kaputte Platinen austauschen.

In Sachen Software greift Lotter mal so richtig tief ins Klo, wenn er über Open Source schreibt

Keiner von denen, die individuell abgestimmte Programme schreiben, hat wohl das Gefühl, etwas Dauerhaftes, für die Ewigkeit Bestimmtes zu produzieren.

Das sollten sie aber, verdammt! Genau das ist das große Problem von Software, die immer potentiell für die Ewigkeit geschrieben wird, weil Software nun mal nicht verdirbt oder kaputt geht.
Clusterfucks wie Y2K sollten uns eine Lehre sein, oder auch Bill Gates' unsägliche Aussage "640 kB sollten eigentlich genug für jeden sein", die uns Krücken wie den UMB, EMS und XMS beschert hat. Und in der Corona-Krise sind Programmierer der schon lange tot geglaubten Sprache COBOL auf einmal wieder gefragt.

Also noch mal zum Mitmeißeln: Wenn du Software schreibst, solltest du davon ausgehen, dass diese Software noch lange nach deinem Tod benutzt wird. Alles andere ist grob fahrlässig.

Mit der Komplexität lobt Wolf Lotter auch den Fortschritt, und da bin ich nur in Teilen bei ihm. Grundsätzlich hat er mit diesem Satz Recht:

Fortschritt besteht darin, Probleme zu lösen – Innovationen sind Anpassungsleistungen.

Ich nenne den Fortschritt aber nicht ohne Grund Hamsterrad. Wenn Lotter schreibt

Dem stets angespannten Verhältnis zwischen Haben und Wollen entspricht das dringende Bedürfnis, ein Problem zu lösen. Das Mittel zum Zweck heißt Innovation. Seine Gesamtheit wird Fortschritt genannt.

dann schwingt in dem stets angespannten Verhältnis und dem dringenden Bedürfnis ein steter Druck mit, um nicht zu sagen Stress. Dieser ist eng mit dem Geld verknüpft:

Im Zeitalter der Geldwirtschaft aber sind mangelndes Risikobewusstsein und Investitionsangst Todsünden. Nichts Neues kann entstehen.

Deutlicher wird das Hamsterrad hier:

Es ist, jedermann weiß das aus eigener Erfahrung, vor allem der hohe Beschleunigungsfaktor, der uns dabei vor scheinbar unlösbare Probleme stellt.

Man kann, wie Fabian Scheidler, diesen unbedingten Fortschrittsglauben auch als Folge von Traumatisierung deuten:

Für den Apokalyptiker ist die Gegenwart unerträglich und unrettbar. Den Zumutungen der Macht kann er hier und jetzt nichts entgegensetzen. Anstelle der Erfahrung von Selbstwirksamkeit tritt der Glaube an eine höhere Macht, die in der Zukunft stellvertretend für die Ohnmächtigen handeln wird. Daraus ergibt sich eine vollkommen neue Vorstellung von der Zeit. Ist das Leben in einer intakten (nicht traumatisierten) Gemeinschaft bestimmt von wiederkehrenden Rhythmen und dem Wechsel der Generationen, in dem sich das Leben stets erneuert, so wird dieser Kreis durch traumatische Erfahrungen zerbrochen: Die Menschen sind nicht mehr in der Lage, sich als Teil eines sinnvollen und im Prinzip gutartigen überindividuellen Zusammenhangs zu sehen, sie sind dissoziiert, herausgerissen aus den Kreisläufen der Natur, der Gemeinschaft und des Kosmos. Alles, was ihnen bleibt, um der Verwüstung der Gegenwart etwas entgegenzusetzen, ist die Vision von einer Zukunft, in der alles anders wird, in der die gegenwärtige kaputte Welt durch eine ganz neue Welt ersetzt wird. Die Fixierung der westlichen Zivilisation auf die Zukunft, sei sie im Himmel oder auf Erden, hat ihren Ursprung in einer umfassenden kollektiven Traumatisierung, in der die Menschen aus allen Sinnzusammenhängen der Gegenwart herausgerissen wurden. Diese Traumatisierung hat sich nicht nur einmal ereignet, sondern sich an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten mehrfach wiederholt, und zwar bis in die jüngste Vergangenheit.
Der moderne Fortschrittskult ist eine Variante der daraus folgenden apokalyptischen Grundverfassung. Wem ständig der Boden unter den Füßen weggezogen wird, der kann nur rennen, um neuen festen Grund zu erreichen. In der Flucht aus der Gegenwart setzt das ein, was wir Geschichte nennen: die Herrschaft eines unentrinnbaren eindimensionalen Zeitpfeils, der uns vorantreibt, weg von den schlimmen Vergangenheiten, hinein in eine Zukunft, in der wir dem eigenen Sturz zuvorkommen wollen durch permanente Überholung, Modernisierung, Spurenvertilgung, durch einen Krieg gegen die Zeit, der nie zu gewinnen ist, weil das, was wir als einen äußeren Feind bekämpfen, durch unsere eigene Bewegung – die Bewegung des Kampfes – überhaupt erst erzeugt wird.

Wolf Lotter untermauert diesen Fortschrittsglauben noch mit dem Zivilisationsmythos, dass früher natürlich alles viel schlechter war:

Die Menschheit hat einen großen Teil ihrer Geschichte damit verbracht, diesem Kerker zu entrinnen: dem Kampf um das täglich Notwendige, Unverzichtbare.

Nicht nur James C. Scott hat schon viel gegraben, um diesen Mythos zu widerlegen, Marshall D. Sahlins hat das schon in den Sechzigern in seinem Buch Stone Age Economics beschrieben, und auch Jared Diamond arbeitet heraus, dass es den Menschen vor der Sesshaftigkeit durch die Bank besser ging als danach.

Wie Lotter das Planen als hoffnungsloses Unterfangen entlarvt, gefällt mir dafür wieder sehr:

Würden wir einem Menschen vertrauen, der behauptete, er könne genau bestimmen, was in vier Wochen passierte, oder gar in einem Jahr? Wahrscheinlich nicht. Doch wenn es um die große Ordnung geht, sind wir nicht recht bei Verstand. Planung: Konzernen, Regierungen trauen wir das ohne weiteres zu. Ihre Perspektiven sind äußerst gewagt: Zehn, zwanzig, fünfzig Jahre in die Zukunft wird da gesehen, und, und darin liegt das eigentliche Problem, es werden exakte Richtlinien für diese Zukunft bereits heute festgelegt.

Weiter:

Die naiven sozialen Schattenspiele, in denen "Projekte" durch zugeordnete "Akteure" durchgeführt werden sollten, sind alle gescheitert – theoretischer Unfug, der vor einer Naturgewalt kapitulieren musste: dem Wandel.

Damit sind wir auch wieder bei Arnys Motto Follow nature.

Der Wandel mag insgesamt als wirrer Superlativ erscheinen – aber er ist im Detail bewältigbar. Die Voraussetzungen dafür sind beispielsweise Autonomie, Unabhängigkeit und der Verzicht auf statische Methoden.

Was ist mit statischen Methoden gemeint? Pläne:

Pläne sind damit eine Rechtfertigung für statisches Verhalten. Denn nicht die Veränderung eines Zustandes ist Ziel des Plans, sondern die wahnwitzige Idee, Zukünftiges in das gegenwärtig Gewünschte voll integrieren zu können. Diese Meisterleistung menschlicher Selbsttäuschung bedeutet also nichts anderes, als dass das Wesen, das sich evolutionär anzupassen hat, nun den Spieß umdreht. Nicht die Menschen folgen den sich verändernden Bedingungen, sondern die Bedingungen folgen dem, was wir wollen.

An diesem Punkt passt Lotter wieder zu den Prinzipien der Permakultur, die alle auf Anpassung an natürliche Prozesse abzielen.

Das Prinzip Beyond Budgeting war mir schon in Wolfgang Bergers Buch Business Reframing begegnet. Der nennt Unternehmensplanung übrigens Beschäftigungstherapie. ;-)

Lotters Buch enthält einen großartigen Diss von Managern:

Für Manager sind aber "Werte" wie Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Anstand, Charakter und Respekt in der Praxis Fremdwörter. Wer die Selbstdarstellung leitender Angestellter aus Seminaren und Workshops kennt, weiß, dass hier psychisch äußerst labile Persönlichkeiten versammelt sind. Was diese Führungskräfte am Wochenende in kleinster, intimer Gruppe zu Protokoll geben, würde die Öffentlichkeit maßlos erschrecken. Nichts bleibt von der Fähigkeit zur Entscheidung: Aus den forschen und scheinbar klaren Entscheidern, die in einer unverständlichen Sprache nicht nachvollziehbare Handlungen rechtfertigen, was die Gesellschaft in guten Zeiten einfach akzeptierte, werden kleine Jammerlappen, ein kläglicher Abklatsch des eigenen Selbstbildes. Manager sind, anders als Unternehmer, Renegaten, Emporkömmlinge durch fremde Kraft, Beamte, die im Grunde die Institutionen bewahren sollten, aber mit dieser Aufgabe im Zeitalter des Wandels völlig überfordert sind. Zerrissen zwischen der Lüge der Einheit und der Lüge der dauerhaften Macht, geben sie ein trauriges Bild ab.

Und nun noch der Sargnagel:

Manager sind heute eine nur noch historisch interessante soziale Kategorie.

Zum Ende berührt Lotter doch tatsächlich noch das Gemeinschaffen, auch wenn er es nicht so nennt. Unter der Überschrift "Persönliche Ökonomie" schreibt er

"Persönliche Ökonomie" bezeichnet, anders als in der Terminologie des Industrialismus, kein separates Feld, das nur rein materielles Handeln umfasst. Lebensplanung und die Fähigkeit, weitgehend selbstständig über die eigenen Talente, die eigene Zeit und den Einsatz seiner intellektuellen und manuellen Arbeitskraft zu entscheiden, sind ihre Grundlagen. Das ist "Gewerbefreiheit" für jeden Einzelnen, und mehr als das: Es ist das Grundrecht auf die Entscheidung, wirtschaftlich zu handeln und dabei sein Recht auf das persönliche Glück in den Fokus zu stellen.

Dabei kommt auf jeden Fall ein wirtschaftliches Handeln jenseits des Staates heraus; Lotter ist zwar ein Markt-Fan, aber das hier klingt tatsächlich noch mehr nach Commoning:

Wir erkennen schon lange, dass in kleineren Einheiten Vielfalt deutlich besser genutzt werden kann. Es ist eigentlich ziemlich klar, warum: Wo Menschen mit ihrem Handeln in einem klaren sozialen Bezugsrahmen stehen, kontrollieren sie sich selbst, und zwar in aller Regel ohne Repression, direkt und unmittelbar.

Abschließend möchte ich noch mal sagen, dass sein Anliegen, die Verschwendung und den Überfluss zu rehabilitieren, mir auch sehr am Herzen liegt. Schon vor 14 Jahren habe ich über den Paradigmenwechsel vom Mangel zur Fülle geschrieben, und der hatte mich damals schon seit Jahren beschäftigt.

Ich kann das Buch sehr empfehlen, es ist das widersprüchlichste Buch, das ich bisher in meinem Leben gelesen habe. Spannend auf jeden Fall, und man lernt auch ne ganze Menge!

Nachtrag vom 05.05.: Bei Foucault habe ich gerade gelesen, dass das Wort Statistik ursprünglich die Lehre von den Daten des Staates bedeutet. Bingo!

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