Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Wellness vs. Solidarität

2016-08-24

Eben habe ich die britische Feministin Laurie Penny entdeckt, über ihren sehr lesenswerten Artikel Die Wohlfühl-Lüge.

Die Wohlfühl-Ideologie ist ein Symptom einer breiteren politischen Krankheit. Die Bürden von Arbeit und Arbeitslosigkeit, die Kolonialisierung aller öffentlichen Flächen durch privates Geld, der prekäre Alltag und die wachsende Unmöglichkeit, sich in Gemeinschaften zu organisieren, führt dazu, dass jeder für sich versucht, zu überleben.
Wir sollen glauben, dass Arbeit allein unser Leben verbessern kann. Chris Maisano argumentiert, dass "individualistische und therapeutische Antworten auf die Probleme unserer Zeit nicht schwer zu begreifen sind. Aber nur wenn wir Gemeinschaften bilden, vertrauen wir wieder in unsere kollektiven Fähigkeiten, die Welt verändern zu können".
Die Wellness-Ideologie begegnet diesem sozialen Wandel in zwei wesentlichen Punkten. Erstens überzeugt sie uns davon, dass es kein wirtschaftliches Problem ist, wenn wir krank, traurig und erschöpft sind. Es gibt so gesehen keine strukturelle Ungleichheit. Individuen haben sich falsch angepasst, und das erfordert eine individuelle Antwort. Wenn du dich miserabel oder verärgert fühlst, weil dein Leben ein ständiger Kampf gegen Armut und Vorurteile ist, dann bist du das Problem. Die Gesellschaft ist nicht verrückt oder kaputt: Du bist es.

Und an späterer Stelle:

Das Problem mit der Selbstliebe, wie wir sie gerade verstehen, ist, dass wir Liebe an sich zu einfach definieren, mit Herzchen und Blumen, Fantasie und rituellem Konsum. Die Moderne macht uns zu betrübten, ein bisschen gruseligen Teenagern, die sich selbst sagen, wie besonders und perfekt sie sind. Das ist genauso wenig Selbstliebe wie die Liebe jener Typen, die auf der Straße lauthals Frauenhintern loben.
Die härtere, langweiligere Art der Selbstsorge besteht aus täglichen, unmöglichen Mühen, aufzustehen und durch das Leben zu kommen, in einer Welt, die dich lieber niedergebückt und angepasst sieht. Eine Welt, deren grausame Logik es will, dass du keine strukturellen Probleme siehst, sondern nur Probleme bei dir selbst, oder bei den viel marginalisierteren und verletzlicheren Leuten. Echte Liebe, die Art, die heilt und bleibt, ist kein Gefühl, sondern ein Verb, eine Handlung. Es geht darum, was du für andere tust – über Tage, Wochen und Jahre. Es ist die Art der Liebe, die wir uns am wenigsten zugestehen, gerade in der politischen Linken.

Dazu passt auch das Interview im Spiegel mit Holger Nachtwey über die Angst vor dem Abstieg im Kapitalismus, "Lauter kleine Narzissten, auf Wettbewerb getrimmt". Und McKinsey hat in einer Studie ermittelt, dass seit den letzten 10 Jahren immer mehr Menschen ärmer als ihre Eltern werden.

Der Trend geht also deutlich in Richtung noch krasserer Kampf jedeR gegen jedeN. Wellness bestärkt diesen Trend, Solidarität würde dagegen helfen.

Das beschäftigt mich, seit ich ins Diamond Lotus eingezogen bin, immer wieder. Denn ich will hier nicht die Megamaschine mit Wellness-Angeboten ölen, sondern auch im Tantra-Institut ihr Sand ins Getriebe streuen. Wie, das ist allerdings dabei die große & für mich bisher ungelöste Frage.
Ausformuliert lautet diese Frage Wie geht Tantra ohne Geld? oder mindestens wie geht Tantra solidarisch?

Tantra als Business widerspricht jedenfalls ganz klar der Grundidee, was wiederum nicht heisst, dass da kein Geld fliessen darf. Das ist schon OK & darf gerne dazu gehören, so wie alles dazu gehört. Wir leben global in einer Gesellschaft, die die Verfügungsgewalt über Vermögen krass ungleichmäßig verteilt und dabei sogar noch von unten nach oben umverteilt. Als Tantriker kann & will ich dabei nicht nur nicht mitmachen, sondern dem entgegenwirken. Denn wenn Tantra eines ist, dann ein Weg der Befreiung.

Ich beende diesen Beitrag deshalb mit der Atari Teenage Riot-Version von Kids Are United:

Und ein Klassiker von den Scherben hintendran:

Es muss hoffentlich hierzulande nicht erst so kommen wie in Griechenland, wo solidarische Kliniken und andere Einrichtungen aus der akuten Not entstanden sind.

Mein finanzielles Coming out

2016-08-22

Im Beitrag über die drei großen Tabus Sex, Geld und Tod hatte ich ja geschrieben, dass auch ich mir von der finanziellen Transparenz von Fairmondo noch eine Scheibe abschneiden kann. Das tue ich hiermit, wenn auch nicht in Form eines Lesezugriffs auf meine Konten, aber in Form einer Aufstellung meiner Investitionen bzw. Geschenke, die ich aus dem Erbe meiner Mutter (und indirekt damit auch meines Vaters, der im Wesentlichen dieses Vermögen durch genügsames Leben von seinem Lehrergehalt und Aktienspekulation erwirtschaftet hat) tätigen konnte. Und schon durch das Aussprechen dessen, was in Klammern steht, breche ich ein (familiäres & auch gesellschaftliches) Tabu.

Übrigens habe ich das Veröffentlichen dieses Beitrags mehrere Monate vor mir her geschoben…

Ein Teil dieses Erbes ist ein Sparkassenbrief über 50.000 €, den ich beschlossen habe zu behalten bis er im Oktober 2019 ausläuft, er ist nämlich beidseitig unkündbar. Was ich dann damit machen werde, weiss ich noch nicht; ich weiss auch nicht ansatzweise wie in drei Jahren die Welt aussehen wird. Die Zinsen in Höhe von gut 1,8 % jährlich bekommt ab diesem Jahr aber die Bewegungsstiftung (s.u.).

Außerdem habe ich aktuell noch 30.000 € auf einem Sparkonto bei der GLS-Bank, wo ich keine Zinsen bekomme, die Bank aber kurzfristige Kredite vergeben kann. Das Sparkonto hat eine Kündigungsfrist von 3 Monaten & man kann monatlich bis zu 2.000 € auf das Girokonto übertragen, was ich in den letzten Monaten jeweils getan habe. Auf meinem Girokonto befinden sich aktuell (Stichtag 22.08.2016) 860,73 €.

Seit ich in Berlin lebe, z.T. auch schon seit letztem Jahr, lebe ich im Wesentlichen von diesem Erbe. Meine Mutter (& indirekt mein Vater) hat mich damit für mehrere Jahre von den Zwängen der Megamaschine freigekauft. Als mir das so richtig klar wurde, habe ich für mich beschlossen:

Jetzt gilt es, aus diesen Jahren das schönste Kunstwerk zu machen, zu dem ich imstande bin.

Was ich nun aufliste, betrachte ich nicht als eine Liste davon, was ich alles tolles mit meinem Geld bewirke. Denn dieses Geld habe ich geschenkt bekommen, ich habe nichts, aber auch absolut gar nichts selber dafür getan, es kam ganz unverdient. Deshalb habe ich auch nicht vor, es zu behalten. Es gehört uns allen. Und weil es allen gehört, sollen auch alle wissen, was ich damit mache.

Und an dieser Stelle sage ich meinen Eltern für dieses Geschenk von Herzen Danke!

Ich bin letztes Jahr Mitglied bei drei Genossenschaften geworden:

Diese Investitionen sind Gelder, die ich bei Bedarf, allerdings mit einer Kündigungsfrist zwischen 1 & 5 Jahren, wieder bekommen kann (es sei denn ich finde jemand, der diese Anteile übernimmt, dann geht es kurzfristig). Dabei sind es bis auf die GLS alles Investitionen im Sinne der Ökonomie der Verbundenheit, denn ich verwende das Geld, um die Sphäre des Geldes insgesamt zu verkleinern. Und bei der Generalversammlung der GLS-Bank habe ich gegen die Auszahlung einer Dividende gestimmt.

Das Mietshäuser Syndikat liegt mir dabei besonders am Herzen, & auch Fabian Scheidler schreibt in Das Ende der Megamaschine:

Globale Immobilienfonds wie Cerberus – der Name bezeichnet in der griechischen Mythologie den Höllenhund – besitzen Hunderttausende von Wohnungen. In vielen Großstädten müssen Menschen inzwischen die Hälfte ihres Einkommens für Mieten ausgeben, sie schuften letztlich wie Leibeigene dafür, das return on investment der Fonds zu erwirtschaften. Für einen Ausstieg aus dem absurden Hamsterrad von Lohnarbeit und Akkumulation ist es daher von entscheidender Bedeutung, das Wohnen aus der Geldverwertungsmaschine herauszulösen und in die Hände der Bewohner selbst zu bringen. Wo das gelingt, wird auf Dauer enorm viel Zeit und Energie von Menschen frei, die sich nun anderen Aufgaben widmen können als die Cerberusse dieser Welt zu füttern.

Ein alternatives Modell, Wohnraum dauerhaft dem Markt zu entziehen, verfolgt die Stiftung Trias. Mir gefällt allerdings die gemeinschaftliche Konstruktion des Syndikats besser, denn faktisch konzentriert sich in der Stiftung Trias viel Macht.

Alles was ich im folgenden aufliste, fällt in die Kategorie Reiche, verschenkt euren Reichtum und ihr werdet reich bleiben, das habe ich wirklich verschenkt bzw. gestiftet:

  • im Jahr 2014 habe ich mit 300 € die Degrowth-Konferenz in Leipzig gecrowdfundet
  • ebenfalls per Crowdfunding habe ich 2014 der Aktion Mein Grundeinkommen 1.000 € geschenkt
  • Im Januar 2015 & 2016 habe ich dem ZEGG jeweils 1.000 € geschenkt, davon jeweils 500 € für den Stipendienfonds, um gezielt eine solidarische Ökonomie zu unterstützen
  • dem Vipassana-Zentrum in Triebel habe ich 1.000 € geschenkt, siehe meinen Bericht vom Vipassana-Kurs
  • dem Mönch Panyasara, bei dem ich meinen ersten Vipassana-Kurs gemacht hatte, habe ich 2.000 € geschenkt
  • im Mai letzten Jahres bin ich Lebenszeit-Mitglied beim Mellifera e.V. geworden mit 3.000 €, das kann man dort schon ab 1.500 €. Hintergrund dafür ist u.a., dass mein Opa mütterlicherseits über 40 Jahre lang geimkert hat und ich damit in gewisser Weise sein Erbe antrete
  • Über den Kriegsenkel e.V. habe ich das Buchprojekt Ein deutsches Leben mit 800 € unterstützt
  • Im Juli bin ich mit 7.500 € 5.000 € Stifter bei der Bewegungsstiftung geworden + 2.500 € Spende, diese bekommt außerdem ab diesem Jahr die Zinsen des oben erwähnten Sparkassenbriefs
  • an Mellifera habe ich noch mal 800 € gespendet für die Entwicklung eines neuen Logos für Bienen machen Schule
  • Neben "Mein Grundeinkommen" habe ich bei Startnext noch einige andere Projekte mit kleineren Beiträgen unterstützt, die findet ihr in meinem Profil bei Startnext aufgelistet (ohne die genauen Beträge)
  • auch bei der Visionbakery findet ihr meine dort unterstützen Projekte, bisher ist das nur die Degrowth-Konferenz

Bei der derzeitigen Zinssituation kann die Bewegungsstiftung Spenden eher gebrauchen als größere Zustiftungen. 5.000 € sind aber das Minimum, um als Stifter dort mit einzusteigen.

Abgesehen vom Geld verschenke ich bestimmte Bücher und Filme.

Bitte bezeichnet mich nicht als Philanthropen, das betrachte ich nämlich als ein Schimpfwort. Skin singt es in ihrem Lied mit Skunk Anansie ganz klar: I don't want your charity keeping me down.

Statt Almosen zu geben, tue ich alles was in meiner Macht steht, um die Umverteilung von unten nach oben zu beenden und am besten umzudrehen. Gleichzeitig schenke ich, weil das zum Guten Leben dazugehört und ich damit hier und jetzt schon im Geist des Schenkens lebe, ganz unabhängig von politischen Kämpfen.

Deshalb will ich zur Bewegungsstiftung noch mehr sagen, denn diese hat mich vor allen anderen Stiftungen angezogen. Dort entscheiden nämlich nicht allein die StifterInnen, wer zu welchem Zweck wie viel Geld bekommen soll, sondern die AktivistInnen der geförderten Projekte entscheiden über die Geldvergabe der Stiftung mit (mehr darüber in der Broschüre Den Wandel gestalten). Damit betreibt die Bewegungsstiftung keine undursichtige Wohltätigkeit wie die meisten anderen Stiftungen. Exemplarisch ist dabei in Deutschland die Bertelsmann-Stiftung zu nennen. Auch Warren Buffets Sohn Peter haut in die gleiche Kerbe, wenn er vom Charitable-Industrial Complex spricht. Aus dem Umfeld der Bewegungsstiftung ist u.a. die Initiative Vermögender für eine Vermögensabgabe entstanden, für die ich hier im Blog Gerhard Schröder werben lasse.
Bei der Bewegungsstiftung gibst du als StifterIn also tatsächlich ein gutes Stück aus der Hand, was mit deinem Geld geschieht. Und genau da geht die Reise hin, zur Schenkwirtschaft. Ich hatte schon im Beitrag Wenn du dein Bewusstsein erweiterst, kannst du nur gewinnen geschrieben:

Um wirklich in der Fülle zu leben, müssen wir daher etwas loslassen: eben diese Illusion, ein abgetrenntes Wesen zu sein.

Dass ich so viele unterschiedliche Initiativen unterstütze, sieht auf den ersten Blick so aus, als würde ich mich verzetteln. Fabian Scheidler bestätigt mich jedoch darin im Schlusskapitel des Ausstiegs aus der Megamaschine, wo er unter der Überschrift Revolution ohne Masterplan schreibt:

Der Ausstieg aus der Großen Maschine bedeutet eben auch einen Abschied vom universalistischen Denken, das – von der christlichen Mission bie hin zum Projekt des Weltkommunismus – den Anspruch auf die eine Wahrheit und die eine Vernunft erhoben hat. Das Fehlen eines Masterplans nach diesem Muster ist kein Manko, sondern ein Lernfortschritt aus den Desastern der vergangenen Jahrhunderte.

Als ein weiteres Stück Transparenz erzähle ich den Moment, in dem ich das erste Mal bewusst entschieden habe, mit meinem Geld für das größere Ganze wirksam zu werden. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, es war in einem Fundraising bei einem ZEGG-Sommercamp vor über einem Jahrzehnt. Seinerzeit hatte ich mein Erspartes in einem Silberdepot bei Siegfried Weigl angelegt, noch geprägt von Paul C. Martin und den Goldseiten. Damals rechnete ich mit einem baldigen Zusammenbruch des Weltfinanzsystems und wollte (nur!) mich persönlich durch den "Sachwert" Silber absichern. Bei diesem Fundraising nun entschied ich mich, statt einem abstrakten, seelenlosen Metall lieber der Gemeinschaft von Menschen im ZEGG vertrauen, und löste konkret mein Silberdepot (mit Verlust) auf, um es in ein Darlehen für das ZEGG umzuwandeln. Zahlenmäßig waren das damals irgendwas zwischen 3- & 5.000 €, genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Von dem Vermögen meines Vaters ahnte ich damals noch nichts. Er hatte mir allerdings mein Informatikstudium so großzügig finanziert, dass ich durch meine eigene genügsame Lebensweise mir so viel Geld ansparen konnte (z.T. auch schon während des Zivildienstes durch meinen Zivi-Sold).

Es war auch ein langer Weg, bis ich heute selber Geschenke mit weit geöffnetem Herzen annehmen und mich darüber freuen kann. Vor gut 10 Jahren schrieb ich z.B. noch über Dankbarkeit: "es fällt mir unheimlich schwer, dankbar zu sein".
Und gerade jetzt wo ich doch "reich" bin, sollte ich da kein schlechtes Gewissen haben, wenn mir jemand noch zusätzlich zu meinem längst vorhandenen Reichtum etwas schenkt?
Dieses Denken kommt immer noch aus der Illusion des Getrenntseins und damit aus dem Mangel. Die Fülle besteht doch gerade darin, dass mehr als genug für alle da ist! Deshalb kann und darf ich auch feiern, Geschenke zu bekommen. Außerdem spornt mich das an, auch meinerseits noch mehr von der Fülle weiterzugeben.

Zum Abschluss erinnere ich nicht zuletzt mich selber daran, dass ich als Agent des kosmischen Bewusstseins einer von ganz ganz vielen bin & deshalb nicht alles alleine machen & somit auch nicht alles finanzieren muss (was ich ja auch gar nicht könnte). Es gibt noch ganz viele andere da draußen, die mehr oder weniger zu verschenken haben & oft genug gar nicht wissen, wohin damit. Deshalb finde ich z.B. Crowdfunding eine geniale Erfindung. Die GLS Treuhand hat letztes Jahr zusätzlich zu den diversen schon vorhandenen Plattformen die Gemeinschaftscrowd nur für gemeinnützige Projekte gestartet. Etwas ähnliches gibt es in Gestalt der Spendenplattform betterplace.org schon länger. Und gerade vor ein paar Tagen erst wurde ich auf die in Entwicklung befindliche Plattform yunity aufmerksam, die Schenken und Teilen ohne Geld ermöglichen will und damit, wie mir scheint, die Idee eines Universellen Stigmergischen Allokationsystems in die Tat umsetzt. Vielleicht liegt das Abschaffen des Geldes doch gar nicht mehr in so weiter Ferne wie ich dachte…

Neu, jetzt noch besser! Kapitalistische Tendenzen im Open Source-Bereich

2016-08-6

Draußen schüttet's, eigentlich also ideales Wetter für Computertätigkeiten. Mein Rechner ist allerdings durch Updates blockiert. Zum Rumranten reicht es noch. ;-)
Ich arbeite mich nämlich gerade durch die Anleitung zum Upgrade auf KDE Plasma 5. Und das daaauert. Und es funktioniert natürlich nicht auf Anhieb alles, sondern es gibt immer wieder virtuelle Steine aus dem Weg zu räumen (und jetzt rechnet mal von meinem persönlichen Aufwand hoch auf alle, die sich damit herumschlagen müssen!).

Nun frage ich mich, wozu überhaupt der Aufwand. KDE 4 lief doch stabil & einwandfrei. Aber nein, es müssen neue Features her.

Das kennt man üblicherweise von kommerziellen Software-Anbietern. Die machen ihre geplante Obsoleszenz ganz öffentlich, siehe z.B. Microsofts Support Lifecycle. Ich spreche hier ganz bewusst von geplanter Obsoleszenz, denn Software wird ja im Prinzip nie schlecht und geht auch nicht kaputt. Eher ist sie von vornherein schon kaputt, d.h. voller Bugs.
Auch bei kommerzieller Software finde ich den Update-Zwang nicht in Ordnung, aber nachvollziehbar. Immerhin wollen die ständig was verkaufen, & dafür brauchen sie eben ständig Updates und Upgrades.

Open Source-Projekte haben das eigentlich nicht nötig, denn sie wollen und müssen nichts verkaufen. Nichts und niemand hält das KDE-Projekt deshalb davon ab, ihre Desktopumgebung an einem bestimmten Punkt für fertig zu erklären und von da an nur noch Bugs zu fixen. Donald Knuth hat das mit TeX vorgemacht.

Nun werden viele Open Source-Projekte von kommerziellen Firmen betrieben, die rund um die von ihnen entwickelte Software Geld verdienen wollen (z.B. Red Hat, SuSE, Intel, IBM u.v.a.). Und KDE basiert auf der Bibliothek Qt, die von einem solchen Unternehmen entwickelt wird.
Dennoch wäre es wahrscheinlich viel weniger Aufwand gewesen, KDE 4 an Qt 5 anzupassen.

Aber nein, es muss ja auch vom Open Source-Projekt mal wieder alles neu gemacht werden (Kenner wissen, dass die Überschrift auf ein Kapitel aus den Känguru-Chroniken anspielt). Da scheint sich auch bei Open Source-Softwareentwicklern das Hamsterrad als mentale Infrastruktur fest etabliert zu haben.

Dabei könnten wir doch diese genialen Produktionsmittel dafür verwenden, uns ein gutes Leben mit weniger Update-Aufwand zu machen (siehe Oekonux). Seufz.

Warum gilt Osho als erleuchtet, Trump oder Erdogan aber nicht?

2016-08-4

Ja, manchmal scheine ich sehr seltsame Gedanken zu haben. ;-)
Aber mal im Ernst: Wie kommt es eigentlich, dass nur Menschen als erleuchtet gelten, die sich durch bestimmte Eigenschaften wie Friedfertigkeit, heiteres Gemüt, Nicht-Anhaftung usw. auszeichnen? Widerspricht das nicht gerade dem erleuchtet sein?!

Schauen wir uns doch mal an, was das bedeutet, erleuchtet zu sein: Durchschauen, dass hier einfach die Einheit mit sich selbst spielt. Siehe Käptn Peng:

Von außen können wir gar nicht sicher erkennen, ob jemand anderes das durchschaut hat. Daher meine Frage: Woher wissen wir eigentlich, dass Osho erleuchtet war (nur als ein Beispiel)? Und woher wissen wir, dass z.B. Donald Trump oder Recep Tayyip Erdoğan nicht erleuchtet sind?!? Es kann doch sein, dass die beiden sehr wohl erkannt haben, dass wir hier ein Spiel miteinander spielen, in dem wir jede Rolle spielen können, die uns beliebt. Und die beiden spielen halt ihre jeweilige Rolle (& lachen sich vielleicht heimlich kaputt über das Spiel). Für ihre Rollen kommt es, anders als bei der Rolle des "Erleuchteten", darauf an, das Spiel ganz wichtig zu nehmen und es eben nicht als solches zu benennen.

Zur Erinnerung noch mal, was Seth als die tantrische Sicht skizziert:

Das ganze Universum und alle Dinge und Wesen darin – alles was existiert und jemals exisieren wird – ist eine Manifestation unbegrenzten, reinen, göttlichen Bewusstseins, das sich selbst in Grenzen gehüllt und so die dualistische Welt der vielen Dinge und Wesen hervorgebracht hat, um sich selbst auf mannigfache Weise zu reflektieren und zu erfahren. Alles bewusste Leben ist eine Selbsterfahrung des Bewusstseins. Alle fühlenden Wesen sind letztlich unterschiedliche Ausformungen des einen göttlichen Bewusstseins, welches auf das Universum, das sein Körper ist, durch unzählige Paare Augen schaut.

Es kommt also für das erleuchtet sein überhaupt nicht darauf an, welche Erfahrungen wir hier in der Welt der Erscheinungen machen & welche Rolle(n) wir spielen. Entscheidend ist, zu erkennen, dass wir Rollen spielen und uns diese Welt der Erscheinungen als großen Abenteuerspielplatz selbst erschaffen haben.
Und wie ich im Beitrag an Geheimdienst-Mitarbeiter geschrieben hatte, macht das Spiel natürlich keinen Spaß, wenn wir uns ständig dessen bewusst sind, dass wir ja "nur ein Spiel" spielen.

100 Jahre Sykes-Picot-Abkommen

2016-08-4

Um zu verstehen, was im Nahen Osten los ist, kommt mensch um das Sykes-Picot-Abkommen zwischen Frankreich und Großbritannien nicht herum, das im Mai seinen 100. Jahrestag hatte. In diesem Abkommen haben diese beiden Staaten den Grundstein für alle heutigen Konflikte dort gelegt.

In der FAZ gab es einen Artikel zum Jahrestag mit vielen, teils ernüchternden Details:

Diese Gebiete waren unter osmanischer Herrschaft relativ friedlich gewesen. Die Osmanen hatten durch eine kleinteilige Aufteilung des Gebiets Konflikten vorgebeugt, die entstehen, wenn viele unterschiedliche Gruppen in einem Staat zusammenlebten. Zudem wurden die kleinen Einheiten effizienter verwaltet. Die Kolonialmächte hatten das nicht begriffen: Sie legten drei osmanische Provinzen zusammen und nannten das Gebilde dann Irak. Drei andere Provinzen hießen nun Syrien, ohne dass es solche Nationen gegeben hätte. Um diese künstlichen Gebilde zusammenzuhalten, bedurfte es erst der Kolonialstaaten, dann repressiver Diktaturen. Als diese wegfielen, stürzte die Region in Krieg und Chaos. Der Westen versucht zwar, die alte Ordnung in den hundert Jahre alten Grenzen zu retten. Eine neue, stabile Ordnung, die an Sykes-Picot anknüpfen könnte, zeichnet sich aber nicht ab.

Und wir erinnern uns, der IS hat das Kalifat ausgerufen, das 1924 von Mustafa Kemal Atatürk abgeschafft wurde.

Ein Artikel beim Deutschlandfunk von 2014 zitiert einen IS-Kämpfer:

"Das hier ist die sogenannte Grenze von Sykes-Picot - wir haben sie nie akzeptiert und wir werden sie nie akzeptieren. Wir werden hoffentlich auch die anderen Grenzen aufbrechen - so Gott will."

Ein weiterer Artikel bei der NZZ relativiert den Einfluss des Abkommens im Vergleich zum restlichen Vorgehen der Kolonialmächte:

Die überlegenen Machtmittel der Europäer dienten dazu, sämtliche Lebensformen, die nicht aus der europäischen Tradition entstanden sind, einschneidend zu verändern. Dabei gingen die kulturelle Eigenständigkeit und letztlich die Identität der grossen Massen verloren. «Unsere Würde» ist die gängige Formulierung. Im Vergleich zum territorialen Prokrustesbett der Grenzziehung durch die übermächtigen Fremden wiegt die kulturelle Bevormundung schwerer. Doch die Grenzziehung ist greif- und sichtbarer. Vielleicht vermochte Sykes-Picot darum seinen Symbolgehalt zu bewahren, obwohl es bloss eine Episode war. Das Symbol steht in den Augen vieler Menschen im Orient für einen viel weiter gehenden Zwang zur Selbstaufgabe und Infragestellung der eigenen Kultur.

Um es mal wieder mit Fefe zu sagen: "Das müssen diese westlichen Werte sein, von denen man immer so viel liest!"

Der so genannte "islamistische Terror" scheint mir jedenfalls kein rein religiöses Phänomen zu sein.

Außerdem: wenn man so liest, was christliche Kreuzfahrer für Massaker im Namen der christlichen Religion angerichtet haben, nimmt sich das nichts. Und was der IS für den Islam, ist die Lord’s Resistance Army für das Christentum.

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