Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Die Menschheit steckt mitten in den Wehen

2021-07-14

Während ich mich Anfang des Jahres noch davor gefürchtet hatte, dass die Konsensrealität zerbricht, habe ich das inzwischen akzeptiert (eine Erläuterung, was mit Konsensrealität gemeint ist, findest du im Beitrag Konflikte entstehen an der Grenze zwischen Konsensrealität und Traumland). Wie ich in meinem Telegram-Kanal schrieb

die Konsensrealität hat sich aufgelöst, wir leben längst im Traumland.

Es fiel mir am Montag Abend erstaunlich leicht, das so anzunehmen. Dazu beigetragen hat sicherlich das Buch Also sprach Corona. Die Psychologie einer geistigen Pandemie von Wilfried Nelles. Den kannte ich bisher noch gar nicht, das Buch wurde mir geschenkt & hat sich als ein Volltreffer erwiesen.

Da schreibt echt ein weiser alter Mann. Es ist sehr dicht gepackt und dabei gut zu lesen. Seine Kernbotschaft ist, dass die Geisteshaltung unserer ("westlichen") Kultur die eigentliche Pandemie ist – der Anspruch, das Leben kontrollieren zu wollen. Mit dieser Geisteshaltung setze ich mich schon lange auseinander, was u.a. zu Beiträgen geführt hat wie Haben wir uns zu viel vorgenommen? oder Sterben lassen.

Jochen Kirchhoff arbeitet sich an dieser Geisteshaltung schon seit Jahrzehnten ab, ganz aktuelles Video von ihm:

Auch Charles Eisenstein schreibt in seinem Essay Die Krönung in eine ähnliche Richtung. Und ganz wie Eisenstein kommt Wilfried Nelles zu dem Schluss, dass das Chaos, welches wir gerade erleben, wohl so etwas wie die Geburtswehen der Menschheit sind – mit ungewissem Ausgang.

Wenn du also manchmal dieses Gefühl hast:

… dann bist du in guter Gesellschaft.

Einen guten Vorgeschmack auf das Buch gibt der Artikel Corona und der Tod von Mai 2020. Darin bestreitet er auch ausdrücklich, dass eventuelle Dunkelmächte menschlicher Natur sind:

Regierungen können letztendlich nur das vollziehen, was das jeweilige Bewusstsein der Bevölkerung zulässt. Sie können dieses Bewusstsein ein wenig und für eine kurze Zeit in diese oder jene Richtung manipulieren und geben sich sehr viel Mühe, dies zu tun, aber am Ende spiegeln sie es nur – auch in den jeweiligen Spielarten von links-rechts oder liberal-autoritär. Das gilt besonders für Demokratien, aber selbst ein Land wie China kann nicht dauerhaft gegen das Bewusstsein der Bevölkerung regiert werden (und wird es faktisch auch nicht, wie ich nach 15 Jahren psychologischer Arbeit in China und der sehr nahen Begegnung mit einigen tausend Menschen dort aus eigener Erfahrung sagen kann). In einer auch nur halbwegs funktionierenden Demokratie besteht zwischen dem Regierungshandeln und dem mehrheitlichen Bewusstsein der Bevölkerung immer eine tragfähige Resonanz. Im Falle der Maßnahmen gegen Corona ist diese Resonanz sogar überwältigend. Das ist kein Resultat politischer Manipulation – auch wenn die Art, wie in den Medien über Corona berichtet wird, welche „Experten“ wie zu Wort kommen und welche nicht zu Wort kommen oder gar niedergemacht werden, sehr manipulativ sein mag -, sondern ein Spiegel dessen, was die Menschen wollen. Sie wollen lieber ein totes Leben, als lebendig sterben.

Im Buch verwendet er selbst das Wort Zeitgeist – Zeitgeister sind ja auch ein Phänomen, mit dem die von Arnold Mindell inspirierte Weltarbeit arbeitet.

Und es ist sehr interessant & herausfordernd, gegen den Zeitgeist zu leben. Immer wieder macht mich das einfach fertig. Damit erinnert es mich jedes Mal an das, was Don Juan Matus sagt:

Wir sind Staub in den Händen dieser Kräfte.

Die Cypherpunks und die Blockchain

2021-07-14

Im Februar hatte ich schon mal festgestellt, dass mich das Blockchain-Thema so schnell offenbar doch nicht loslässt. Deshalb widme ich mich in diesem Beitrag den geistigen/ideologischen Hintergründen der Blockchain-Technologie.

Diese wurzelt in der Bewegung der Cypherpunks seit Ende der 80er Jahre. Die Cypherpunks widmeten sich der Datenverschlüsselung, wie auch Verfahren zur Anonymisierung in Datennetzen. Von ersterem rührt der Name, auf Englisch heißt Verschlüsselungs-Algorithmus nämlich Cipher.
Das Punks im Namen deutet schon darauf hin, dass sich die Bewegung eher als Widerstand im Untergrund verstand.

Die Cypherpunks lebten größtenteils in den USA – dem Land, in dem Ayn Rand die meistgelesenste Autorin war und ist. Das färbt auch auf Untergrund-Gruppen ab, bei den Cypherpunks ist das für mich sehr deutlich.

Der heutzutage bekannteste Cypherpunk ist sicherlich Julian Assange, und damit gleichzeitig eine Ausnahme, denn der stammt bekanntlich aus Australien.

Das Gründungsdokument der Cypherpunks ist das Crypto Anarchist Manifesto. Der Titel macht klar, warum mich das Thema nicht loslässt, denn es geht um Anarchismus, wenn auch nicht um Inneren.
Aus diesem Manifest scheint ein aus meiner heutigen Sicht naiv erscheinender Techno-Optimismus durch:

Just as the technology of printing altered and reduced the power of medieval guilds and the social power structure, so too will cryptologic methods fundamentally alter the nature of corporations and of government interference in economic transactions. Combined with emerging information markets, crypto anarchy will create a liquid market for any and all material which can be put into words and pictures.

Wie ich an anderer Stelle schon schrieb, war (und ist) das einer der vielen zum Scheitern verurteilten Versuche, soziale Probleme technisch zu lösen.

Der Artikel What Is Crypto-Anarchism And How Is It The Most Successful Branch of Libertarianism? erläutert die geistig-ideologischen Grundlagen näher. Zunächst geht er auf die bis heute anhaltenden Crypto Wars ein, denn natürlich versuchen alle Regierungen, allen voran die US-Regierung, die Technologien der Cypherpunks zu entschärfen.
Der Anarchist in mir findet deshalb Verschlüsselungs- und Anonymisierungstechniken zur Abwehr staatlicher Akteure eine gute Sache. Allerdings bevorzuge ich den Weg der Transparenz gegenüber dem Weg der Geheimhaltung, den ich schon aus kosmischer Sicht für einen groben Irrtum halte.

Im weiteren Verlauf des Artikels feiert dieser den Marktradikalismus, der durch die Cypherpunk-Ideen befördert wird, nach der Manier der Voluntaristen. Ayn Rand lässt grüßen.

Der nächste Baustein der geistigen Hintergründe der Blockchain-Technologie ist die Hackerethik, von der in diesem Zusammenhang vor allem dieser Punkt wichtig ist:

Mißtraue Autoritäten – fördere Dezentralisierung

Die Dezentralisierung und das (vermeintliche) Verzichtenkönnen auf Autoritäten ist ja eines der Hauptargumente für Blockchain.

Der nächste, nun mehr technische Baustein ist das Hashcash-Verfahren, das ursprünglich entwickelt wurde, um Spam zu bekämpfen. Dabei sollten sendende Mailserver jeweils einen gewissen Rechenaufwand leisten müssen, um eine Mail ausliefern zu dürfen. Das war die Geburtsstunde des Proof of Work.

Dessen Anwendung auf Zahlungssysteme kam von Wei Dai mit dem Vorschlag des b-money. Darin wird die Krypto-Anarchie auf die Spitze getrieben:

Unlike the communities traditionally associated with the word "anarchy", in a crypto-anarchy the government is not temporarily destroyed but permanently forbidden and permanently unnecessary.

Mehr zu Hashcash findet sich im Paper Hashcash – A Denial of Service Counter-Measure von Adam Back.

Das alles führt dann schließlich am 31. Oktober 2008 zu dem berühmten Whitepaper Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System, das unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto veröffentlicht wurde. Das diagnostiziert den Zahlungssysteme im Internet, die auf finanziellen Institutionen beruhen,

inherent weaknesses of the trust based model.

Vertrauen in Dritte gilt es also abzuschaffen und durch Vertrauen in Programmcode zu ersetzen. Das steht da nicht so, doch ohne Vertrauen in die Bitcoin-Software würde niemand Bitcoin freiwillig benutzen. Das Vertrauen wird also de facto nur verlagert. Und der Gag ist, dass auch Bitcoin auf mehrheitlich ehrliche Teilnehmerinnen am System angewiesen ist:

The system is secure as long as honest nodes collectively control more CPU power than any cooperating group of attacker nodes.

Unterm Strich ist die Wurzel von Blockchain und Kryptowährungen der Ansatz der Cypherpunks, Einzelne mit technischen Mitteln vor Übergriffen des Staates zu schützen. Anders ausgedrückt ist das die technologische Version des Individualanarchismus. Einzelne sollen über digitale Infrastrukturen Waren und Meinungen austauschen – und dabei vereinzelt bleiben.

Ich halte es da mit dem komplementären Ansatz des kollektivistischen Anarchismus, den Ton Steine Scherben so treffend vertont haben:

Siehe auch Wellness vs. Solidarität.

Rainer Rehak kommt in seinem Artikel Die Blockchain politisch gelesen. Vom Experiment einer Gesellschaft ohne Vertrauen auch zu dem Schluss

Der ewige Wunsch, soziale und gesellschaftliche Probleme durch neutrale Tech­nik lösen zu wollen, bleibt auch mit der Blockchain unerfüllbar. Sie lässt die In­termediäre nicht verschwinden, sondern verschiebt sie nur in Bereiche, die technisch nicht mehr direkt abbildbar sind. Zudem folgen die Versuche, Inter­mediäre aufzulösen, dem neoliberalen Mantra der Individualisierung gesell­schaftlicher Risiken: Wesentliche Verantwortung liegt wieder auf den Schultern der einzelnen Person. Wehe denen, die ihr Erspartes durch einen Hack verlieren, weil der heimische Rechner und damit das Bitcoin­-Portemonnaie nicht hinrei­chend abgesichert oder der smarte Rentenvertrag schlecht programmiert war.

So gesehen ist Blockchain (jedenfalls in der Anwendung auf Kryptowährungen) eine zutiefst unsolidarische Technologie. Da erinnere ich noch mal an den schon früher verlinkten Artikel im Neuen Deutschland, der Blockchain als "codegewordenen Neoliberalismus bezeichnet".

You'll own nothing, and you'll be happy

2021-06-6

Der Great Reset des Weltwirtschaftsforums

Das Video mit den "8 predictions for the world in 2030" sorgt in den letzten Monaten für viel Aufruhr. Es stammt übrigens schon aus dem Jahr 2016. Der Grund, warum das seit Corona hochgekocht ist, ist natürlich der Great Reset des Weltwirtschaftsforums (WEF). Das Motto des WEF-Treffens in diesem Jahr lautet "The Great Reset", und es greift diese "Vorhersagen" aus dem Jahr 2016 auf.
Von den insgesamt 8 "Vorhersagen" konzentriere ich mich in diesem Beitrag auf die erste, die auch den Titel dieses Beitrags bildet:

You'll own nothing.

And you'll be happy.

Zu deutsch: Du wirst (im Jahr 2030) nichts mehr besitzen, und du wirst glücklich damit sein. An dieser Stelle kommt schon eine Übersetzungs-Unschärfe ins Spiel, denn "own" meint genau genommen nicht besitzen, sondern Eigentümerin sein. Besitzen werden wir natürlich auch im Jahr 2030 noch alle möglichen Dinge, aber laut dem WEF werden diese alle gemietet sein:

Whatever you want you'll rent, and it'll be delivered by drone.

Bei dem Teil mit der Drohne musste ich natürlich sofort an QualityLand von Marc-Uwe Kling denken, aber das ist eine andere Geschichte.

Serviceprodukte in der Kreislaufwirtschaft

Für euch ist bestimmt interessant, warum ich diese Idee, kein Eigentum an Dingen des täglichen Bedarfs zu haben, nicht pauschal verwerfe. Sie ist mir nämlich das erste Mal bei Michael Braungart in einem anderen Zusammenhang begegnet. In seinem Buch Einfach intelligent produzieren beschreibt er das Konzept einer Kreislaufwirtschaft (Cradle to cradle). Ein Ansatz, eine solche Kreislaufwirtschaft voranzutreiben, ist eben gerade das: dass Unternehmen keine Produkte mehr verkaufen, sondern diese vermieten und damit im Endeffekt eine Dienstleistung verkaufen. Braungart nennt das Serviceprodukte:

Ein Design von Erzeugnissen als Serviceprodukte beinhaltet, sie so zu konzipieren, dass sie zerlegt werden können. Es ist nicht notwendig, dass die Industrie – im Gegensatz zur Natur – ihren Produkten eine unbegrenzte Haltbarkeit verleiht. Die Langlebigkeit vieler heutiger Produkte könnte man gar als Generationen übergreifende Tyrannei betrachten. (Vielleicht wünschen wir uns ja, dass unsere Gegenstände ewig halten, aber was wollen zukünftige Generationen? Wie steht es mit ihrem Recht auf Leben, Freiheit, Glück und Freude, auf den Genuss ihres eigenen Reichtums an Nährstoffen und Materialien?) Die Hersteller hätten jedoch die ständige Verantwortung für die Lagerung und die Wiederverwendung – falls diese überhaupt gefahrlos möglich ist – aller in ihren Produkten enthaltenen, potenziell gefährlichen Stoffen. Welchen größeren Anreiz könnte es geben, als ein Design zu entwickeln, das gänzlich ohne gefährliche Stoffe auskommt?

Eben diesen Anreiz, wirklich nachhaltig von der Wiege bis zur Wiege zu designen und zu produzieren, will ich nicht leichtfertig wegwerfen.

Kapitalismus: Die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln

Zugleich kann ich das Unbehagen mehr als gut nachvollziehen, wenn ausgerechnet das Weltwirtschaftsforum so eine Botschaft aussendet. Denn solange die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln so sind, wie sie sind, kann "You'll own nothing" nur bedeuten, dass die globale Kapitalistenklasse dann endgültig die Eigentümerinnen von allem werden – eine Neuauflage des Feudalismus.
Der Knackpunkt, den auch Braungart weitestgehend ausblendet, ist also: Serviceprodukte sind nur dann sozial gerecht möglich, wenn die Unternehmen den Menschen gehören, die dann ihre Serviceprodukte mieten. Das WEF redet ja gerne von Stakeholdern; solange diese Stakeholder nicht auch alle Shareholder sind, bleiben das leere Worte. Und natürlich wird dieser Club von Milliardären und Multimillionären im Verein mit Staatschefinnen & Co. einen Teufel tun, so grundlegend an den Eigentumsverhältnissen zu rütteln. Das wäre allerdings notwendig, damit "You'll own nothing" – mit der Einschränkung "except for the companies whose services you use" – tatsächlich zu "And you'll be happy" führt.
Dies ist daher eine gute Stelle, um mal wieder an den interessanten Ansatz der Purpose Economy zu erinnern. Die nehmen das mit den Eigentumsverhältnissen ernst.
Und mir fällt gerade auf, dass dieser Beitrag im Grunde eine Fortsetzung des Beitrags Nur Commonismus ist echte Sharing Economy bildet.

Serviceprodukte konkret hier und jetzt

Und damit kommen wir zum praktischen Teil. Der konkrete Auslöser, diesen Beitrag zu schreiben, ist nämlich, dass mein Mobilfunkanbieter WEtell sich einer Serviceprodukt-Allianz angeschlossen hat: Fair✦TEC. FairTEC setzt genau das, was Michael Braungart beschrieben hat, um: Du kannst dort ein Fairphone, das ja genau mit dem Ziel, einfach zerlegt werden zu können, designt wurde, mieten. O-Ton FairTEC:

Ein nachhaltigeres digitales Ökosystem bedeutet für uns: […]

ein Geschäftsmodell zu wählen, das Langlebigkeit begünstigt, indem du dein Smartphone mietest und dabei unterstützt wirst, es so lange wie möglich zu behalten.

Da ich mir gerade ein Fairphone gekauft habe, als ich von dieser Initiative noch nicht wusste, kommt das für mich erst mal nicht in Frage. Aber: schon seit einer Weile trage ich mich mit dem Gedanken, mir einen hochwertigen Kopfhörer anzuschaffen. Das löse ich nun dadurch, dass ich im Crowdfunding für Commown einen Gutschein für 1 Jahr Gerrard Street-Headsetnutzung gekauft habe.

Commown ist als Genossenschaft eine ganz andere Nummer als z.B. Amazon, die wahrscheinlich im WEF-Video gemeint sind als diejenigen, die dann mit Drohnen die gemieteten Produkte ausliefern – auch wenn ich bisher nicht vorhabe, selber Commown-Mitglied zu werden. Ich probiere das erst mal aus. Vielleicht reizt dich das ja auch?!

Schwurbeln für Fortgeschrittene

2021-05-25

Wer die Corona-Maßnahmen kritisiert, gilt heutzutage ja als "Verschwörungstheoretiker", "Corona-Leugner" und "Schwurbler". Dabei gilt: Schwurbeln will gelernt sein. In dem inzwischen mehr als einem Jahr Corona habe ich einiges gelernt. Vor allem habe ich gelernt, dass ich noch viel weniger weiß als ich dachte. Mit Antworten auf die Frage warum läuft es so, wie es läuft, halte ich mich inzwischen zurück. Denn ich kann nicht wirklich einschätzen, in welchem Verhältnis die 3 möglichen Erklärungsansätze stehen:

  • tatsächlicher böser Wille
  • Inkompetenz
  • Beharrungsvermögen / schlechte Fehlerkultur (einmal getroffene Entscheidungen werden beibehalten, um keinen Fehler zugeben zu müssen und dadurch "sein Gesicht zu verlieren")

Der tatsächliche böse Wille könnte theoretisch bei 0 liegen; dass Inkompetenz und schlechte Fehlerkultur vorliegen, lässt sich wohl kaum bestreiten. Wie das tatsächliche Verhältnis der 3 Faktoren aussieht, weiß ich schlicht & ergreifend nicht; vielleicht werden wir das nie wissen.

Was den bösen Willen angeht: schon in meinem allerersten Corona-Beitrag schrieb ich

den 11. September 2001 haben bekanntlich Staatsapparate in aller Welt zum Anlass genommen, elementare Bürgerrechte massiv und dauerhaft einzuschränken. Droht uns nun ähnliches durch die Corona-Pandemie?

Die Staatsapparate haben den 11. September zum Anlass genommen, elementare Bürgerrechte massiv und dauerhaft einzuschränken. Das ist ein feiner Unterschied gegenüber "die CIA oder welcher US-Geheimdienst auch immer hat die Anschläge vom 11. September inszeniert, um das zu erreichen".
Entsprechend halte ich mich auch weiterhin mit Aussagen zurück, die Corona-Pandemie sei von Anfang an inszeniert worden (Stichwort "Plandemie"). Ich schließe diese Möglichkeit nicht aus, wende aber Ockhams Rasiermesser an und komme dadurch mit der einfacheren Erklärung aus, dass sie eine willkommene Gelegenheit für die bekannten Grundrechtseinschränkungen und Umgestaltungen der Wirtschaft ist.

Darüber hinaus sage ich nicht, dass wir uns bereits in einer Corona-Diktatur befinden. 1933 war Deutschland ja auch noch keine voll ausgeprägte Diktatur, aber die Zeichen der Zeit waren deutlich zu erkennen. Deshalb gilt für mich das Motto, das nach der Nazi-Diktatur aufkam: Wehret den Anfängen!

Nachtrag vom 26.05.: Was die Impfungen angeht, reicht im Grunde genommen die Grafik aus dem Blog von Bill Gates von April 2020.
Phasen der Impfstoffzulassung mit der Aussage, dass die bisher schnellste Zulassung eine Impfstoffs nach 5 Jahren war, während für die Corona-Impfstoffe 18 Monate geplant sind
Langzeitfolgen lassen sich, wie der Name schon sagt, eben erst nach langer Zeit feststellen. Wir befinden uns also im größten medizinischen Experiment der Menschheitsgeschichte.

Und für Freunde der Realsatire hier noch meine Top 3 Tweets aus der Politik (achtet jeweils auf das Datum):

China ist... anders

2021-05-23

Zu Beginn dieses Beitrags bekenne ich, dass ich von China bisher kaum eine Ahnung hatte und zu großen Teilen westlicher Propaganda aufgesessen war (dies gilt insbesondere für meine bisherige Einschätzung des chinesischen Social Credit Systems).
Auch jetzt fange ich gerade erst an, mich vorsichtig in die chinesische Kultur einzuschwingen, so weit mir das hier aus der Ferne überhaupt möglich ist. Deshalb danke ich all den Menschen, die viel tiefer eingetaucht sind und ihre Erlebnisse und ihr Wissen weitergeben in Sprachen, die ich verstehe.

Je mehr ich mich nun damit beschäftige, um so deutlich wird mir, dass die chinesische Kultur schon vor Jahrtausenden an einigen Weggabelungen anders abgebogen ist als die indoeuropäische Kultur. Deshalb die Überschrift.

Und weil wir hier von einer jahrtausendealten, sehr weit entwickelten Kultur reden, kann ich in diesem Beitrag nur anreißen, was es da zu entdecken gibt. Es ist für mich der Beginn einer sicherlich noch langen und weiten, auf jeden Fall faszinierenden Reise.

Ach ja, im Zuge dieses Beitrags habe ich rückwirkend ein neues Tag "China" im Blog eingeführt.

Daoistisch, praktisch, gut

Diese Reise begann für mich, wenn ich mich recht entsinne, schon während meiner Ausbildung in Prozessorientierter Psychologie. In dieser Zeit las ich natürlich auch verstärkt Bücher von Arnold Mindell, darunter sein erstes Buch zur Prozess-Theorie River's Way: The Process Science of the Dreambody (die deutsche Übersetzung "Traumkörper-Arbeit oder Der Weg des Flusses" ist nur noch antiquarisch erhältlich). Darin geht er auf den Daoismus als voll entwickelte Prozesstheorie ein, die somit eine wesentliche Wurzel der Prozessorientierten Psychologie bildet. Deren Ansatz lässt sich sehr kompakt in dem Satz zusammenfassen

Follow nature.

was zugleich auch als Ultrakurzzusammenfassung des Daodejing durchgeht.

Eben jenes Daodejing habe ich in Gestalt der 3bändigen Studien zu Laozi Daodejing von Viktor Kalinke (fast vollständig) durchgelesen:

  1. Originaltext und Übersetzung sowie ein vollständiges Zeichenlexikon
  2. Anmerkungen und Kommentare: Tiraden der Vieldeutigkeit, Daoistische Wurzeln systemischen Denkens
  3. Nichtstun als Handlungsmaxime. Zur Rationalität des Mystischen. Essay

Dabei habe ich mich nicht an die Reihenfolge gehalten; zuerst habe ich den eigentlichen Text in Band I gelesen, dann aber zunächst den 2. Band übersprungen, weil der sehr ins Detail geht. Band 3 gibt dem gegenüber einen Überblick über die Entstehungsgeschichte und den historischen und geistesgeschichtlichen Kontext. Erst zum Schluss habe ich den 2. Teil von Band 2 gelesen. Der erste Teil "Tiraden der Vieldeutigkeit" geht mir zu sehr in die Details der chinesischen Sprache, als dass ich dem folgen könnte. Vielleicht kommt das noch irgendwann später; fürs erste habe ich diesen Teil ausgelassen.

Besonders spannend fand ich im 3. Band die Information, dass es in der chinesischen Geschichte häufige Volksaufstände gegeben hat, die gelegentlich sogar einfache Bauern zum neuen Kaiser machten. Philosophisch hatte das u.a. den Hintergrund, dass der chinesische Kaiser zwar als himmlischer Herrscher galt, als solcher dennoch dem Himmel und zuletzt dem Dao untergeordnet war. Anders als die europäischen Herrscher "von Gottes Gnaden" konnte das Volk immer noch kritisch beäugen, ob der Kaiser wirklich der himmlischen Ordnung diente oder aus ihr herausgefallen war; dann konnte er gestürzt werden.

Dieses Motiv fand ich später in Fabian Scheidlers Buch Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen wieder (er hat davor auch schon Das Ende der Megamaschine geschrieben). Er bestätigt darin, dass anders als in Europa in China die meisten Volksaufstände erfolgreich waren, was dazu führte, dass die Herrscher sich nicht so weit aus dem Fenster lehnen können mit autoritärer Politik, die den Interessen des Volkes zuwider läuft.

Ein anderer fundamentaler Unterschied zwischen der chinesischen und der indoeuropäischen Kultur findet sich im 3. Band von Viktor Kalinke:

Erst später kam in den indoeuropäischen Kulturen die Vorstellung vom Schöpfergott auf. Der Glaube an einen transzendenten Gott, der die Erde und das Leben geschaffen habe, beruht auf der Fähigkeit zum Staunen. Was nicht nachvollzogen werden konnte, wurde in anthropomorpher Umschmelzung als Tat betrachtet: denn zu einem "Geschöpf", suggerieren die indoeuropäischen Sprachen, gehört ein "Schöpfer". Und weil zu solcher Großtat nur eine übermächtige Person in der Lage sein könne, kann sie nur in einem Wort, in einem Befehl bestanden haben. […]

In China fehlt die Vorstellung vom Schöpfergott und alle Versuche der jesuitischen Missionare, ihn in die chinesischen Klassiker hineinzulesen, können als gescheitert gelten. Der Grund liegt darin, dass die Chinesen sehr früh – lange vor dem Aufkommen des Daoismus – im Dao ein Symbol für die immanenten Abläufe in der Natur gefunden hatten, das sie – so glaubten und glauben sie bis heute – auf die Vorgänge in der menschlichen Gesellschaft übertragen können.

Immanenz und Transzendenz – diese beiden Pole charakterisieren den Unterschied zwischen chinesischen und indoeuropäischen Denkmustern am treffendsten. Für die Indoeuropäer gibt es außerhalb der sinnlich wahrnehmbaren Welt eine höhere Wirklichkeit, die sie nicht genau kennen können, aber auf die sie sich ständig berufen, um ihr Handeln zu legitimieren. Für die Chinesen gibt es nur eine Welt, innerhalb derer sich alles entwickelt. Ihr wohnt das Dao inne, das Anzeichen über den potentiellen Entwicklungsverlauf verrät. Jeder Versuch, die Chinesen mit einer transzendenten Göttervorstellung zu missionieren, ist an ihnen abgeprallt und gilt ihnen – zu Recht – als "barbarisch", d.h. sie zeugt von ungenügender Einsicht in die Abläufe dieser Welt. Es handelt sich um zwei gegenläufige Geistesbewegungen: Während die Indoeuropäer ihre subjektiven Launen und Ideen in die höhere Wirklichkeit der Götterwelt hineinspiegeln, holen die Chinesen die Einsicht in die natürlichen Entwicklungswege vom Himmel hinunter, um sie auf der Erde anzuwenden.

An diese fundamental andere Sichtweise als die europäische muss ich mich erst langsam gewöhnen; sie fasziniert mich auf jeden Fall.

Als Appetitanreger stellt der Verlag ein Essay von Viktor Kalinke zur Verfügung, Nichtstun als Handlungsmaxime. Deutungsvarianten im 1. Kapitel des Daodejing.

Als weiteres Buch von Kalinke steht schon Zhuangzi. Das Buch der daoistischen Weisheit im Regal und wartet darauf, von mir gelesen zu werden (ich habe die Reclam-Ausgabe, es gibt auch eine Ausgabe inklusive des chinesischen Originaltextes für den vierfachen Preis).

Wer statt zu lesen lieber Vorträge hört, der empfehle ich Hannes Fellners Vorträge bei der Gesellschaft für dialektische Philosophie. Angefangen habe ich mit Klassenkampf im antiken China. Sozialphilosophische Grundlagen des Daodejing von April diesen Jahres. Darin wurde ich dann aufmerksam auf den Vortrag Die Dialektik des Dao. Philosophische Grundlagen des Daodejing von vor einem Jahr. Diese Reihenfolge ist gar nicht so verkehrt, der neuere Vortrag eignet sich m.E. besser als Einstieg.

Womit ich mich bisher noch nicht ernsthaft befasst habe, weil ich noch keinen richtigen Zugang dazu gefunden habe, ist das I Ging, das ich in der klassischen Übersetzung von Richard Wilhelm habe. Auch die Schafgarbenstengel liegen noch unbenutzt rum; Orakeln ist offenbar nicht so meins.

Sozialismus auf Chinesisch

Ein weiterer Text, der mir China näher gebracht hat, sind die 34 Seiten Ein nicht-eurozentristisches politisches China-Brevier von Beat Schneider. Darauf wurde ich wiederum aufmerksam im Artikel Planvolle Gestaltung der Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung Chinas: Nationaler Volkskongress stimmt 14. Fünfjahresplan zu über den dortigen Link zum Artikel Die Volksrepublik China und der Sozialismus der Schweizer Kommunisten (was es nicht alles gibt!).

Was mir darin besonders deutlich wurde, ist, dass entgegen der westlichen Propaganda die chinesische Führung sehr wohl am Sozialismus festhält und diesen weiterentwickeln will. Kostprobe:

Der Entscheid für eine ‘sozialistische Marktwirtschaft’ wurde und wird in China nicht als ein Systementscheid betrachtet. Marktwirtschaft sei nicht identisch mit Kapitalismus, und die «sozialistische Marktwirtschaft chinesischer Prägung» werde nicht durch eine unsichtbare Hand gelenkt, sondern durch eine recht deutlich sichtbare von der KP China gesteuerte staatliche Hand und sie werde einer recht rigiden gesetzlichen Marktkontrolle unterzogen.

Ein Beispiel dafür ist das rigorose Durchgreifen der KP Chinas gegen Alibaba.
Weiter im Text:

Das Festhalten am Kommunismus als «höchstem revolutionärem Ideal» und «endgültigem Ziel» ist ein Teil der chinesischen Supraplanung. In der chinesischen Verfassung steht: «Das höchste Ideal des Kommunismus, das die Kommunisten anstreben, kann nur auf der Grundlage der vollen Entwicklung und des hochgradigen Gedeihens der sozialistischen Gesellschaft realisiert werden.» Mao Zedong meinte, dass sich der Kommunismus allerdings nur und erst von der ganzen Menschheit verwirklichen lasse. «Wenn es so weit ist, dass die ganze Menschheit sich selbst und die Welt bewusst umgestaltet, dann wird die Epoche des Kommunismus in der ganzen Welt erreicht sein.»

Gerade das ist auch der Grund, warum China speziell für die USA, aber generell für den kapitalistischen Westen zur Gefahr geworden ist, denn damit bietet China eine echte Systemalternative.

Auch mein Bild von der Kommunistischen Partei Chinas ist durch Beat Schneider klarer geworden:

In der VR China hat die gesamte politische Willensbildung gemäss Verfassung grundsätzlich innerhalb der KP China zu erfolgen. Man muss sich die grösste Partei der Welt mit ihren rund 90 Millionen Mitgliedern als eine grosse Bevölkerung vorstellen, die mehr als zehn Mal grösser ist als diejenige in der Schweiz. In einem solchen Gebilde, das nur schon wegen seiner Grösse nicht monolithisch sein kann, geschweige denn wegen der vielen, zum Teil disparaten Interessen, in einem solchen Gebilde gibt es selbstverständlich eine Vielzahl von verschiedenen, miteinander sich streitenden Strömungen. Die politische Debatte mit der Opposition findet gewissermassen innerhalb dieses Riesengebildes statt. Peter Achten meint: «Es gibt laut glaubwürdigen Quellen innerhalb der Partei bis zu einem gewissen Punkt Diskussionen um Meinungsverschiedenheiten. Nach einem einmal gefällten Entscheid allerdings ist die Diskussion beendet.»

Der chinesische Weg als Alternative zum westlichen Kapitalismus spielt auch eine Rolle in Werner Rügemers Buch Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts, das ich allerdings erst angefangen habe. Schon nach den ersten Kapiteln kann ich eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen, das Buch ist eine Fundgrube an Informationen.

Strategeme: Die Kunst der List

Noch ein anderer Aspekt der chinesischen Kultur wurde mir nähergebracht, indem ich Harro von Sengers Buch Die Kunst der List. Strategeme durchschauen und anwenden geschenkt bekam. Es ist eine Einführung in die 36 Strategeme, über die er auch ein viel dickeres gleichnamiges Buch geschrieben hat.
Worum geht es?

Die Beschäftigung mit der chinesischen Listweisheit vermittelt westlichen Menschen etwas für sie ganz Neues, nämlich einen Gesamtüberblick über die Ressource List. Der krampfhafte, zum Scheitern verurteilte westliche Versuch, die Welt als einen geordneten, übersichtlichen und durch Eindeutigkeit geprägten Raum zu denken, wird freilich gründlich infrage gestellt. Wenn man grundsätzlich die List als einen integralen Bestandteil menschlichen Lebens anerkennt, ergibt sich die in der Tat zunächst einmal verunsichernde Einsicht in die Vieldeutigkeit und Unübersichtlichkeit humaner Dinge. Die Welt wird etwas verwickelter als es der westliche Glaube an das Licht einer eindimensionalen Vernunft, das angeblich keine Schattenreiche unausgeleuchtet lässt, wahrhaben will. Westliche Selbstherrlichkeit, die nicht daran zweifelt, die Erde dank routinemäßiger Rationalität im Griff zu haben, erkennt eine ihrer Achillesfersen – die eigene Listblindheit.

Das Anwenden und das Durchschauen von List haben im Reich der Mitte seit alters einen viel höheren Stellenwert als in Europa. Da in China die List unbefangen betrachtet wird, haben Chinesen jahrtausendelang vergleichsweise vorurteilsfrei über sie nachdenken können und vor etwa einem halben Jahrtausend die wichtigsten im Laufe der Zeit erprobten Listen im Katalog der 36 Strategeme benannt, zusammengestellt und numeriert. Aus nur 138 Schriftzeichen bestehend, kristallisiert dieses ABC der List jahrtausendealte, weltweit gültige Erfahrungen im trickreichen Umgang mit prekären Situationen aller Art. Keine andere Kultur der Welt verfügt über eine vergleichbare Listenliste. Das Außergewöhnliche daran sind die wertfreien Formulierungen der 36 Listtechniken und die durch deren Zusammenstellung ermöglichte grandiose Gesamtschau der List in all ihrer Vielschichtigkeit.

Dieser Spur werde ich auf jeden Fall weiter folgen. Auch für meine neue Rolle als Geschäftsführer kann das ganz bestimmt nicht schaden.

Ein weiteres Buch von Harro von Senger steht ebenfalls schon in meinem Regal, Meister Suns Kriegskanon. Der Titel ist vermutlich geläufiger in der Formulierung Die Kunst des Krieges.

Noch umfassender als die Strategemkunde ist Moulüe - Supraplanung. Mal sehen wann ich dazu komme, mich damit auch noch zu beschäftigen. Für Geschäftsführer ist es bestimmt ebenfalls sehr lohnende Lektüre…

Senger äußert sich übrigens auch immer wieder zur Menschenrechtsfrage, wie aus seinem Wikipedia-Artikel hervorgeht:

Neben der Menschenrechtsgeschichte beschäftigt er sich auch mit sinomarxistischen und weitgehend auf UNO-Dokumente abstellenden Menschenrechtspositionen der chinesischen Regierung und weist darauf hin, dass die Volksrepublik China auf globaler Ebene im Rahmen der Vereinten Nationen, namentlich im UNO-Menschenrechtsrat in Genf, eine starke Position einnehme, eine Tatsache, mit der man sich im Westen kaum auseinandersetze.

Er macht ferner darauf aufmerksam, dass westliche Staaten und die Volksrepublik China im Menschenrechtsrat in einer Mehrzahl von inhaltlichen Menschenrechtsfragen übereinstimmende Positionen verträten. Die recht grosse chinesisch-europäische Schnittmenge an gemeinsamen Menschenrechtspositionen scheinen aber laut Senger europäische Staaten ihren Völkern gegenüber geheim zu halten. In ihren Menschenrechtsverlautbarungen würden diese Staaten ihren Völkern den Anschein vorspiegeln, zwischen europäischen und chinesischen Menschenrechtspositionen gebe es einzig und allein eine gewaltige Kluft, welche europäische Staaten mühsam zu überbrücken hätten.

China geopolitisch

Noch ungelesen steht in meinem Regal das Buch Das chinesische Jahrhundert von Wolfram Elsner.

Geopolitisch finde ich es höchst bedeutsam, dass China und Russland schon seit mehreren Jahren an einem eigenen Zahlungssystem arbeiten, um sich damit vom EU-basierten SWIFT (das eng mit US-Geheimdiensten kooperiert und auf deren Wunsch auch schon mal Transaktionen sperrt) unabhängig zu machen. Darüber schweigen sich die westlichen Leitmedien aus; Russia Today informiert über den aktuellen Stand des Projekts.

Ein anderes geopolitisches Thema sind die mutmaßlichen chinesischen Menschenrechtsverletzungen an Uiguren in Xinjiang (an dieser Stelle gilt wieder die Propaganda-Warnung für Wikipedia). Hier greift mal wieder die typische westliche Doppelmoral "gute Islamisten" vs. "böse Islamisten". Die Islamisten in Xinjiang sind "gute Islamisten", denn sie richten sich gegen China, so wie die in Tschetschenien gegen Russland oder die in Syrien gegen Assad.
Den Syrien-Vergleich bringt auch direkt der Artikel Der Konflikt in Xinjiang und seine Entstehung im InfoSperber:

Die chinesische Regierung befürchtet, dass in Xinjiang ein syrisches Szenario entstehen könnte. In Syrien hatten die Saudis zusammen mit Katar und den NATO-Staaten eine vorerst friedliche Protestbewegung für ihre Zwecke benutzt und einen bewaffneten Aufstand unterstützt, der einen nunmehr seit zehn Jahren anhaltenden Bürgerkrieg zur Folge hat.

Und er spricht die Doppelmoral direkt an:

Über solche chinesischen Befürchtungen informieren unsere Medien kaum. Dieselben Schweizer Zeitungen, die keinen investigativen Aufwand scheuen, um eine «islamistische Gefahr» in Winterthur oder sonstwo ausfindig zu machen und jede Dschihadistin wie eine Stecknadel im Schweizer Heuhaufen suchen, haben es nie für nötig befunden, über den Terror uigurischer Extremisten in Xinjiang mehr als ein paar Worte zu verlieren.

Die uigurischen Islamisten werden u.a. von Erdogans türkischer Regierung unterstützt:

1995 weihte Recep Tayyip Erdogan, damals Bürgermeister von Istanbul, in einer Ecke des Parks der Blauen Moschee ein kleines Denkmal ein. Der Ziegelstein-Obelisk trägt eine Plakette, auf der zu lesen ist: «Zu Ehren der Märtyrer von Ostturkestan». Ostturkestan ist der Name, den uigurische Aktivisten der chinesischen Provinz Xinjiang geben. Das Denkmal erinnert an Isa Yusuf Alptekin, den Gründungsvater der separatistischen Uiguren-Bewegung. Alptekin stand während des Bürgerkrieges auf Seiten von Tschiang Kai Schecks Kuomintang, die von den USA militärisch und finanziell unterstützt wurde, um einen Sieg der Kommunisten zu verhindern. 1949 marschierten Mao Tse-tungs Rotarmisten in Xinjiang ein, ohne dass ein Schuss fiel. Die Kuomintang-Truppen liefen praktisch geschlossen über zur kommunistischen Volksarmee. Alptekin floh in die Türkei.

Dessen Sohn Erkin Alptekin lebt übrigens in Würzburg.

Und natürlich mischen die USA kräftig mit:

Seit der Machtübernahme von Mao Tse-tung haben die USA versucht, ethnische Minderheiten im Widerstand gegen die kommunistische Regierung in Peking zu organisieren, vor allem in Tibet, Nordburma und in Xinjiang. Diese Versuche schwankten – je nach politischer Grosswetterlage – in Intensität und Entschlossenheit. Ziel war jedoch stets und ist bis heute die Destabilisierung Chinas und ein Regime Change in Peking.

Ein interessantes Detail:

Der erste Agent der damals neu gegründeten Central Intelligence Agency (CIA), der in Ausübung seiner Tätigkeit ums Leben kam, war Douglas Seymour Mackiernan. Er wurde 1950 bei dem Versuch, von Xinjiang nach Tibet einzureisen, erschossen. Der US-Luftwaffenoberst hatte zuvor im Grenzgebiet von Xinjiang ein System von hochsensiblen Mikrophonen installiert, die die Schallwellen atomarer Explosionen auffangen und den Testort annähernd lokalisieren konnten. Mit Hilfe dieses Systems und der Messungen der Luftradioaktivität in der Region kamen die USA im August 1949 zu der Erkenntnis, dass die Sowjetunion in Kasachstan ihre erste Atombombe gezündet hatte.

Den Artikel über Mackiernan gibt es in der Wikipedia nur auf Englisch, Russisch und Chinesisch. ;-)

Nun ist auch nicht alles eitel Sonnenschein in Xinjiang:

Tatsächlich strömten mit der steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften sehr viele Han-Chinesen nach Xinjiang, so dass sich die Bevölkerungsstruktur zu Ungunsten der Uiguren verschiebt. Bei der Arbeitssuche sind Uiguren häufig benachteiligt, weil sie nicht gut chinesisch sprechen. Wirtschaftlich und gesellschaftlich geben Han-Chinesen immer stärker den Ton an. Verteidiger der Minderheiten- und Menschenrechte sehen die Uiguren wohl mit Recht in Bedrängnis.

Aber:

Uigurische Aktivisten und mit ihnen die US-Regierung verbreiten, in Xinjiang werde die uigurische Kultur systematisch ausgelöscht und es fände ein Genozid statt. Das ist eine masslose Übertreibung und Verniedlichung der tatsächlichen Genozide. Völkermorde gab es im Zweiten Weltkrieg, während dem rund sechs Millionen Juden sowie Zehntausende Sinti und Roma ermordet wurden, oder 1994 in Ruanda, wo die Hutu etwa 800’000 Tutsi umbrachten.

In Xinjiang gibt es keine Anzeichen eines Massakers. Auch für systematische, organisierte Vergewaltigungen und Folterungen in den geschlossenen Uiguren-Camps gibt es keine überzeugenden Indizien, geschweige denn Beweise. Das schliesst nicht aus, dass es in Einzelfällen zu grobem Fehlverhalten gekommen ist und kommt.

Zu den Fotos von angeblichen Umerziehungslagern siehe Xinjiang offers real-site photos to debunk satellite images ‘evidence’ of ‘detention centers’.

Zur weiter oben erwähnten Kuomintang liefert der englischsprachige Artikel They were CIA-backed Chinese rebels. Now you’re invited to their once-secret hideaway aufschlussreiche Hintergründe.
Die Kuomintang war in den 30er und frühen 40er Jahren des 20. Jahrhunderts der Gegner der Kommunistischen Partei Chinas. Sie zog sich 1949 nach Gründung der Volksrepublik China nach Taiwan zurück und stellte dort bis 1991 die Einparteienregierung; allerdings flohen einige Einheiten stattdessen nach Birma (dieser Wikipedia-Artikel ist erfrischend antiimperialistisch). Von denen handelt der Artikel. Wie Wikipedia schon schreibt

Bis zur Mitte der 1970er-Jahre soll die KMT in Birma etwa 80 % der Opiumproduktion im Goldenen Dreieck kontrolliert haben.

Auch dabei hat die CIA natürlich kräftig mitgemischt.

Die Tibet-Frage habe ich dabei bisher noch gar nicht berührt; die CIA hat jedenfalls auch dort auf Seiten der Tibeter interveniert, was die Sachlage nicht einfacher macht.

Für den sehr weiten Überblick stehen in meinem Regal die beiden Geschichtsbücher Das alte China sowie Das neue China, jeweils von Helwig Schmidt-Glintzer. Das "alte China" reicht dabei bis ins 19. Jahrhundert.

Licht und Schatten in einem sehr komplexen Land

Bei allem neuen Interesse an China sehe ich auch, dass dort – wie überall in der Welt der Erscheinungen – einiges im Argen liegt. Die auf Hochtouren betriebene Industrialisierung Chinas betrachte ich mit Sorgen. In einer Doku habe ich erfahren, dass China in den letzten Jahren 10-15 neue Flughäfen pro Jahr gebaut hat und immer noch baut! Anderswo hörte ich von 50 (!) neuen Kohlekraftwerken im Jahr, also fast jede Woche geht ein neues ans Netz.
Da verwundert es nicht, dass Chinas jährlicher Ausstoß von Treibhausgasen erstmals die Emissionen aller entwickelten Länder zusammen übersteigt (wobei ich bekanntlich Charles Eisenstein darin folge, Treibhausgase nur als ein zweitrangiges Problem zu betrachten).
In der Hinsicht kann ich China nicht wirklich als ein Vorbild sehen.

Auf der anderen Seite sticht China durch groß angelegte Aufforstungsprojekte hervor, was u.a. dazu geführt hat, dass es in Beijing inzwischen so gut wie keine Sandstürme mehr gibt.

All diese Beobachtungen kommen mindestens aus zweiter Hand zu mir; mir fehlt für China so jemand wie Thomas Röper, der in Russland lebt und vor Ort berichten kann, was dort abgeht. Wenn du so jemand kennst, sei es deutsch- oder auch englischsprachig, dann freue ich mich sehr über einen entsprechenden Hinweis.

Aus diesem Grund habe ich auch mit großem Interesse Fefes China-Reisebericht von April 2019 gelesen; er hat eine Woche später noch mal nachgelegt. Darüber hinaus hat er auch in Alternativlos Folge 43 von seiner China-Reise erzählt.

Und dann gibt es ja auch noch von Chinesinnen geschriebene Romane. Die Republik empfiehlt «Weiches Begräbnis» von Fang Fang, wobei sie zunächst die Erwartungen dämpft:

Ein einziges Buch lesen und damit 1,4 Milliarden Menschen, 5000 Jahre Kultur­geschichte und eines der wider­sprüchlichsten politischen Systeme der Gegenwart begreifen?

«Wer China verstehen will, sollte diesen Roman lesen» – so bewirbt der Verlag die deutsche Übersetzung des Romans «Weiches Begräbnis» der chinesischen Autorin Fang Fang. Man kann das als klares Angebot verstehen, ein sehr europäisches Bedürfnis zu befriedigen: sich bitte so wenig wie möglich mit China beschäftigen zu müssen – und doch möglichst viele einfache Antworten zu bekommen.

Es klingt durchaus vielversprechend:

Zugleich aber ist Fang Fang eine Autorin, die dafür bekannt ist, in ihren Büchern äusserst kritisch die soziale Ungleichheit und die ideologischen Widersprüche der Volks­republik zu analysieren. Dabei drängt sie immer wieder auf die Aufarbeitung der zahlreichen nationalen Traumata des chinesischen 20. Jahr­hunderts, die im offiziellen Diskurs ausgeklammert und zensiert werden, weil ihre Ursachen zumeist in katastrophalen Fehlern der Partei­führung liegen.

Auch der Republik-Artikel selbst gibt weitere spannende Hinweise:

China ist ein autoritäres Regime ohne Presse­freiheit, aber kein Terror­staat wie Nordkorea. China ist ein Land voller Graswurzel­bewegungen und NGOs, die sich für Umwelt­schutz, für LGBT-Rechte oder soziale Gerechtigkeit einsetzen; ein Land, das eine reiche Tradition an Formen des alltäglichen Mikro­widerstands besitzt. In chinesischen Universitäten und im chinesischen Internet finden, trotz aller Bemühungen der Zensur­behörde, engagierte politische Diskussionen statt – zum Beispiel, indem immer wieder humorvolle Wege gefunden werden, «sensible» Worte durch Geheim­codes und -sprachen an der Zensur vorbeizuschmuggeln.

Autoren wie Liao Yiwu oder Yang Lian, die in Europa als Dissidenten gefeiert werden, sind in China gänzlich unbekannt; Dissidentinnen, die in China wirklich aktiv sind, kennt wiederum in Europa niemand – und viele Mitglieder der Kommunistischen Partei sehen diese durchaus kritisch und versuchen sie von innen zu verändern.

Zurück zu Fang Fangs Roman:

Niemand kann China durch die Lektüre eines einzigen Buchs «verstehen». Aber wenn es momentan einen in deutscher Übersetzung zugänglichen Roman gibt, der die Wider­sprüche der chinesischen Gegenwart ebenso differenziert und multi­perspektivisch zeigt wie die Lebens­realität ihrer Bewohner; einen Roman, der uns Chinesinnen als ganz normale Menschen mit all ihren Ambivalenzen, Bedürfnissen, Alltags­sorgen, Lieblings­gerichten, Familien­streitereien und Haus­tieren nahebringt – dann ist es Fang Fangs «Weiches Begräbnis».

Im Kern ist dieser Roman ein Buch über die Volatilität ideologischer Systeme und ihrer Begriffe, die das 20. Jahr­hundert in China geprägt haben wie nirgendwo sonst.

Kann gut sein, dass ich mir das noch zu Gemüte führe, es reizt mich auf jeden Fall.

Der weiter oben schon angesprochene Peter Achten schreibt im Infosperber über Vielfältiges China: Demokratie unten, Meritokratie oben und betont darin, wie unterschiedlich die Wertesysteme Chinas und der westlichen Kultur aufgebaut sind:

In der 3500 Jahre alten Geschichte Chinas ist bis auf den heutigen Tag politisch wie sozial wenig Vergleichbares mit dem Westen zu erkennen. Bis vor kurzem definierten sich Chinesinnen und Chinesen eher über die Gruppe (Familie, Clan oder Arbeitsplatz) als über das Individuum. Das zeigte sich etwa 1989 bei den Demonstrationen auf dem Tiananmenplatz in Peking. Demonstranten traten in Gruppen auf, etwa hinter dem Banner einer Universität, einer Fabrik, einer Zeitung, eines Ministeriums. Gedacht und gehandelt wird noch heute eher in der Kategorie „Sowohl als auch“ ungleich dem westlichen „Entweder-Oder“.

Mir selber geht es auch so, dass der Wert "Freiheit" in meiner persönlichen Hierarchie langsam aber sicher weiter nach unten wandert, je mehr ich mich mit China beschäftige…

Auch Kai Ehlers hat sich in diesem Jahr schon in mehreren Artikeln mit China befasst:

Die finde ich seeehr lesenswert. Aus dem ersten Artikel:

Die kommenden Monate und Jahre werden zeigen, wohin die Neuausrichtung der Politik treibt. Aber die Fragen sind nicht nur an die Politik zu richten. Was mit China heraufkommt, ist nicht nur ein ökonomischer, nicht nur ein politischer Konkurrent in einer sich machtpolitisch neu gruppierenden Weltordnung. Es ist das Wetterleuchten einer noch nicht klar erkennbaren, aber neuen Kultur des Sozialen, die sich am Horizont ankündigt. Und dieses Wetterleuchten ist nicht auf China begrenzt. Als „great reset“ erfasst es den ganzen Globus.

Aus dem dritten Artikel:

Längerfristig liegen die Chancen aber in der gegenseitigen Durchdringung, Anregung und Förderung der historisch gewachsenen Mentalitäten der drei genannten Kulturräume. In Stichworte gefasst sind das: Der individualisierte, vom selbstbewussten Ich getriebene Pioniergeist des Westens, die pragmatische Einordnung des Ich in die kosmische Ordnung im chinesischen, die intuitive Spontaneität des Ich zwischen diesen Extremen im russisch-eurasischen Raum.

Damit sind die Stärken der drei Kulturräume skizziert, die man im Detail noch weiter anschauen muss, um zu den geistigen Wurzeln zu kommen, aus denen sie ihre Kraft beziehen – das alte taoistische und konfuzianische Erbe Chinas, das ägyptisch-griechisch-römische Euro-Amerikas, das spirituelle und schamanische Russlands als Herzland Eurasiens zwischen Osten und Westen, um nur etwas anzudeuten, wohin genauer zu schauen sein wird. Am Ende der Skizze werden dann aber auch die vereinseitigten Extreme sichtbar, die immer wieder aus der Geschichte hervortreten: Da wird der Pionier des Westens zum Eroberer, die kosmische Einordnung in China zur Unterordnung, die russisch-eurasische Spontaneität zur Unberechenbarkeit. Diese Liste endet beim imperialen Ego des Westens, im autoritären Kontrollstaat Chinas, im russisch-eurasischen Chaos.

Eine umfassende Rückschau, die Handhabung für den bewussten Austausch gibt, kann hier nur als Aufgabe benannt werden. Soviel aber ist sicher: Eine lebensförderliche Zukunft, die die Ödnis einer vereinheitlichten weltumgreifenden technischen, genauer bio-digitalen Zivilisation überwinden könnte, kann sich nur dann öffnen, wenn nicht nur China sich auf seine geistigen Wurzeln besinnt und sie ins Weltgeschehen einbringt, sondern Euro-Amerika und Russland/Eurasien ebenso, ohne dass gegenseitige Herrschaftsansprüche gestellt werden.

Dieser schönen Vision für die Menschheitsentwicklung gebe ich doch gerne meine geistige Kraft & Ausrichtung.

Wo ich bisher noch gar nicht näher reingeschaut habe, ist das englischsprachige Justrecently's Weblog.

Konfuzius & Co.

Von den chinesischen Klassikern habe ich bisher nur das Daodejing studiert, weil es eben eine wesentliche Grundlage der Prozessphilosophie ist. Wer sich mit der chinesischen Kultur befassen will, kommt allerdings natürlich nicht um Konfuzius herum. Von dessen Gesprächen habe ich mir 2 verschiedene Übersetzungen besorgt, die sind demnächst dran.
Menzius und Mozi sind dann wohl auch noch dran.

Was die Übersetzungen der klassischen Texte angeht, werde ich außer dem schon erwähnten Richard Wilhelm auch Ernst Schwarz studieren, der die DDR-Ausgaben von Konfuzius und Laotse übersetzt hat.

Ein integraler Blick auf China

Durch seine Kritik am integralen Modell auf hohem Niveau (wobei mir die deutsche Übersetzung holprig erscheint, hier ist das englische Original) bin ich auf Joseph Dillard aufmerksam geworden. Der hat auch eine 4teilige Serie von langen Artikeln über China geschrieben:

In Teil 1 nennt er die hauptsächlichen religiösen bzw. philosophischen Einflüsse der chinesischen Kultur:

Although other religious traditions have been influential in China, Chinese humanism is primarily composed of four main traditions: Chinese folk rituals, which are a mixture of shamanism and Buddhism, Taoism, and Confucianism. The spiritual outlook of most Chinese people traditionally consists of some combination of beliefs and practices from these four traditions. Buddhism itself had a very widespread and powerful expression in China from 200 BC, probably due to its philosophical and atheistic nature, which was compatible with Chinese humanism, until a persecution in the Tang dynasty in 845 AD led to the almost complete eradication of Buddhism from China. Therefore, outside of Chinese folk traditions, Buddhism has not been a major influence in China for centuries, primarily because Chinese society and culture continuously reverts to its humanistic roots.

Und hier kontrastiert er die unterschiedlichen Wertesysteme:

While Western humanism emphasizes individual liberties and rights, Chinese humanism emphasizes personal perfection for the good of family, state, and natural collectives. While the former emphasizes freedom, the latter emphasizes responsibility and obedience. Western humanism takes the form of collectivist actions and institutions to protect the individual, such as protests, unions, and the Bill of Rights, while Chinese humanism manifests as individual actions and institutions designed to protect the collective, such as social ritual, observance of social hierarchies, obedience, and meritocracy. While Western humanism was a rational and secular reaction to pre-rational, absolutist, and religious culture, society, and religion, Chinese humanism was organic and not reactive. As a result, it has a degree of deep-seated authenticity that reactive world views find difficult to sustain. Indeed, this is validated not only by the multi-millennial influence of Chinese humanism but by its continued existence within the current communist-socialist-capitalist Chinese governmental structure and in contrast to the ongoing collapse of major elements of Western humanism and neoliberal economics.

Dillard konstatiert für die integrale Theorie auch einen blinden Fleck hinsichtlich der chinesischen Kultur:

Integral AQAL essentially ignores China and Chinese humanism. Its multi-perspectivalism fails when it comes to assessing and integrating three thousand years of Chinese philosophy, history, and world view. In this regard, Integral AQAL is quintessentially Western, because while the West has been able to assimilate Indian-based world views into its own, largely through the New Age tradition from Blavatsky, Gurdjieff, Vivikananda, Yogananda, Aurobindo, Hudson, Suzuki, Watts, Jung, and Thurman, it is impossible to come up with a comparable list of names of influences integrating Chinese humanism into Western world views.

In der gesamten Reihe betont er immer wieder, dass er die moralische Entwicklung für den Gradmesser von gesamtgesellschaftlicher Entwicklung hält. Und diese sieht er in China höher entwickelt als bei uns im Westen.

Die integrale Theorie selber sieht er im Oberen Linken Quadranten zentriert, während die chinesische Kultur genau gegenüber im Unteren Rechten Quadranten ihren Schwerpunkt hat. Das macht es für sie schwer, China zu begreifen:

While Integral AQAL considers all four quadrants, due to its emphasis on consciousness, spirituality, and self-development, it emphasizes or is centered in the interior individual quadrant while Chinese culture, and particularly its humanism, is centered in the exterior collective quadrant, meaning that they are opposites in many respects. Western socio-cultural civilization as a whole tends to emphasize individual achievement and progress over collective solidarity. Therefore, both the specific lens of Integral AQAL and the broader context in which it is embedded tend to frame China and Chinese culture in terms that are foreign to it. This is a bias that is difficult to escape or neutralize, but being aware of it is a first step toward a more objective assessment of China.

Insgesamt finde ich, Dillard hätte sich mit seiner eigenen Methode des Integral Deep Listening in diesen Artikeln mehr zurückhalten sollen. So versucht er gleichzeitig die integrale Theorie zu erweitern und mit der so erweiterten Theorie auf China zu blicken, was das Lesen & Verstehen m.E. erschwert.

Im 2. Teil habe ich viel über die schamanischen Wurzeln der chinesischen Kultur gelernt. Außerdem betont er, wie außergewöhnlich die Ideen des Daodejing und von Zhuangzi für ihre Zeit waren:

What is extraordinary about these texts is what is not in them. We should be able to find clearly shamanistic sources in texts that date from 400 BC and 300 BC China, but we do not and neither do most of the prominent authorities on Taoism. Instead of discussing trance, spirit communication, journeying between earth, heaven, and hell, and totem animals, they emphasize wu-wei, or action through non-action, naturalness, simplicity, spontaneity, and the “Three Treasures” of compassion, moderation, and humility. The dualisms that are fundamental to shamanism are treated in an abstract way foreign to shamanism. Instead of concrete, naïve realism built around sensory experience and the reality of perception, the Tao Te Ching and Chuang Tzu focus on going beyond and beneath appearances and on the integration of opposites. In fact, the concepts in these works are not only foreign to shamanism, but to the mainstream of world religions. They contain no dogma, ritual, belief, prophesy, blessing, divine law, or ecstatic practice, which is why these works are generally referred to as “philosophy” instead of religious texts. However, this is incorrect. It is much more accurate to term them “mystical,” in the sense that mysticism focuses on the apprehension of various types of union and non-duality.

Im 4. Teil bezieht er sich ausgiebig auf Xi Jinpings Autobiographie. Das ist mit einer gewissen Vorsicht zu genießen, da dieser über sich selbst geschrieben hat; dennoch finde ich es beeindruckend. Da klingen für mich deutliche Führungsqualitäten durch, die ich bei westlichen Politikerinnen (mit wenigen Ausnahmen wie Tulsi Gabbard) doch sehr vermisse.
Und die Kriterien, nach denen offenbar Führungskräfte in China ausgewählt werden, haben mich daran erinnert, wie Tom Porter den Auswahlprozess zukünftiger Anführer bei den Haudenosaunee beschreibt:

Wenn in einer Gruppe von Krabbelkindern eines durch Freigebigkeit, Friedfertigkeit und Gemeinschaftssinn hervorsticht, dann ist es mit Führungsqualitäten zur Welt gekommen, und die Clanmütter beobachten es. Spielt es friedlich? Streitet es? Wenn ja, warum? Wenn ein Kind Streit unter Gleichaltrigen schlichtet, dann verhält es sich bereits wie ein Anführer. Hilft das Kind später im Haushalt mit? Hilft es den Alten ungefragt beim Holzmachen und Wasserholen? Das sind Führungsqualitäten. Begegnet er als Teenager und später als Erwachsener Frauen mit Respekt? Als verheirateter Mann soll er seiner Frau treu bleiben, seine Kinder gut behandeln, die Familie materiell gut versorgen und sich für das Dorf einsetzen. Das sind Führungsqualitäten. Wer sich anders verhält, kommt als Anführer nicht in Frage.

Dillard betont, dass anders als z.B. der US-Präsident der Staatspräsident wie auch der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas keine alleinige Befehlsgewalt hat; das eigentliche oberste Entscheidungsgremium ist der Ständiger Ausschuss des Politbüros der Kommunistischen Partei Chinas.

Er weist darauf hin, dass die konfuzianische Ausrichtung auf soziale Normen immer in Gefahr ist, zu einem freudianischen Über-Ich zu werden:

In fact, the Confucian junzi is something akin to the Freudian super-ego, the assimilated or appropriated values of culture, generally internalized social scripts of one form or another which become so embedded in our “nature,” “character,” or “self-definition,” that we think they are who we are. We are, along with Master K'ung and just about every well-meaning teacher, guru, and llama in the history of the world, very likely to confuse internalized, socially scripted priorities with yi because we lack methodologies to differentiate them from our life compass.

Seine Untersuchung, was vermutlich noch Schwachstellen des Konfuzianismus sind, ist für mich im Moment noch gar nicht dran. Da halte ich mich mit Urteilen lieber demütig zurück und arbeite weiter daran, die chinesische Kultur überhaupt erst mal zu begreifen.

Was mir allerdings erst in Teil 4 klar geworden ist: Das früher von mir noch als Horrorvision aufgenommene Social Credit System dient vor allem auch dazu, dass das Volk die Eliten überwachen kann, denn auch deren Taten und Untaten werden darin verzeichnet:

What is required is an increase in the surveillance technologies largely decried by libertarians. However, we can already see how ruling elites have much more to fear from these tools than does the average citizen, because they have so much more to lose. We have a powerful recent example. The video of one policeman choking a black man to death with his knee was sufficient to defund and dissolve the police department of the city of Minneapolis, instigate wide-ranging reforms of police departments in cities across the US, and generate massive increases in oversight by the federal government, enforced by the withdrawal of federal funding. Therefore, it does not take much of a crystal ball to predict that versions of China's “social credit” system are going to become commonplace across the globe. This is because only transparency and accountability motivate sociopaths and corporations with sociopathic characteristics to change their behavior.

Das geht dann wieder deutlich in Richtung Sousveillance, was mir das erste Mal bei David Brin begegnet ist & mich seither als Utopie nicht mehr losgelassen hat.

Übrigens habe ich mich direkt zu der Online-Konferenz Sozialkredit-System in China und Datenkapitalismus im Westen – Herrschaft durch Scoring und datengestützte Simulation von Gesellschaft angemeldet, von der ich eben erst erfahren habe. Das lasse ich mir nicht entgehen!

Uff, das war jetzt ein ganzes Stück Arbeit & musste doch am Ende Stückwerk bleiben. Ich hoffe, mein Beitrag inspiriert euch zu einem frischen Blick auf China.

Nachtrag vom 24.05.: Was der Westen von China lernen kann und sollte vom schon erwähnten Thomas Röper.

Der Kampf der Systeme gegen Länder wie China oder auch Russland hat einen viel banaleren Grund: Die dortigen Regierungen lassen sich von den westlichen Konzernen nichts vorschreiben und machen einfach eine eigene Politik.

Schlimmer noch: Sie lassen sich auch von den eigenen Konzernen nichts vorschreiben. Wenn Putin oder Xi Jingping sich wenigstens nach westlichem Vorbild von den eigene Oligarchen und deren Konzernen nach westlichem Vorbild die Politik aufzwingen lassen würden, könnten die westlichen Konzerne die russischen oder chinesischen Konzerne mit der Zeit übernehmen und sich so den Einfluss auf die Politik der Länder sichern.

Aber China und Russland sind der Meinung, dass der Staat die Regeln vorgeben sollte und nicht die Konzerne. Mehr noch: Sie sind sogar der Meinung, dass die heimische Wirtschaft sich gefälligst zum Wohle des eigenen Landes engagieren sollte.

Nachtrag vom 27.05.: Das Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung hat einen Artikel über Die ökologische Programmatik in China – ein riesiger Aufwand auch für China veröffentlicht.

Nachtrag vom 14.06.: Oh, spannend, das ist im November 2020 an mir vorübergegangen in Fefes Blog:

Und dann noch ein Gedanken zum Notstand: Da gibt es in China auch ein schon in konfuzianistischer Zeit etabliertes Protokoll: Du darfst als lokaler Regent jederzeit (begründet) den Notstand ausrufen, das ist dann mit erheblichen Sonderrechten für die Notstandsverwaltung gekoppelt (die üblicherweise militärisch organisiert ist, auch wenn die Notstände nicht immer Aufstände sind, sondern auch Naturkatastrophen beinhalten).

Aber: Wenn du den Notstand ausrufst, gibst du das Heft aus der Hand. Du hast den Notstand ausgerufen, du bist nicht mehr zuständig, dafür sind jetzt die Experten zuständig, die sich für diesen Notstand vorbereitet haben, und die das auch können — und die drücken anders als der Problemlöser bei Pulp Fiction nicht dir den Putzlappen in die Hand, sondern machen das selber, weil sie wissen, dass du auch so einfache Sachen nicht trainiert hast. Wenn die alles wieder geklärt haben, kannst du auch wieder eingesetzt werden, wenn du den Notstand rechtzeitig ausgerufen hast.

Das verhindert, dass der Notstand unnötig erklärt wird. Es verzögert evtl. das Ausrufen des Notstands (aber dann bist du wirklich weg). Es wird auf jeden Fall von dir erwartet, dass du nach Ausrufen des Notstands deinen Rücktritt anbietest; dieses Angebot wird dann verwehrt, wenn du keine großen Fehler gemacht hast. Der Bürgermeister von Wuhan hat sich ungefähr an das Protokoll gehalten.

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