Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Wilber, Evolution und Eigentum

2018-06-22

Vor kurzem habe ich das erste richtig dicke Buch von Ken Wilber angefangen, Das Wahre, Schöne, Gute.
Bisher war ich immer noch skeptisch vor allem was das Evolutionäre in Wilbers Theorie angeht. Es schwang mir ein gewisser blinder Fortschrittsglaube darin mit, nach dem Motto "später wird alles besser".

Heute bin ich nun tatsächlich ein Wilber-Fan geworden, angeregt durch das 2. Kapitel "Im Licht unserer Zeit – Integrale Anthropologie und die Evolution der Kulturen". Da geht es genau um diesen Knackpunkt der (kulturellen) Evolution.

Er geht darin (wie offenbar auch schon umfassender in seinem Buch Halbzeit der Evolution, das ich noch nicht gelesen habe) auf die Frage ein

Wie kann man vor dem Hintergrund von Auschwitz von einer kulturellen Evolution sprechen?

Damit ist klar, um blinden Fortschrittsglauben kann es ihm nicht gehen. Er weiss um die Schattenseiten der Evolution. Woher kommen diese? Ganz einfach:

Bei der Evolution und Entfaltung des Bewusstseins löst jede Phase bestimmte Probleme der vorangegangenen Phase, wirft aber zugleich hartnäckigere – und manchmal auch komplexere und schwerwiegendere – neue Probleme auf.

Und nun kommen wir zum Kern, der mich dazu bewegt, mitten in der Nacht zu bloggen, den Unterschied zwischen Differenzierung und Dissoziation in der Evolution:

Weil nun die Evolution mittels Differenzierung und Integration fortschreitet, kann es auf jeder Stufe zu Fehlentwicklungen kommen – je größer die Tiefe des Kósmos, desto mehr Krankheiten können auftreten. Eine der häufigsten Pathologien der Evolution entsteht, wenn aus einer überschießenden Differenzierung eine Dissoziation wird. Bei der Evolution des Menschen zum Beispiel ist es eines, Körper und Geist zu differenzieren, und etwas völlig anderes, sie zu dissoziieren. Es ist eines, Kultur und Natur zu differenzieren, etwas ganz anderes, sie zu dissoziieren. Differenzierung ist der Auftakt zur Integration; Dissoziation ist der Auftakt zur Katastrophe.

Das leuchtete mir spontan ein, & ich wendete es sogleich auf eine Frage an, die mich schon lange beschäftigt:

Was ist der evolutionäre Sinn des Konzepts von Eigentum?

An diese Stelle passt der Satz des Kängurus zum Thema, den ich immer wieder gerne zitiere

Ach, mein, dein – das sind doch bürgerliche Kategorien!

Eigentum differenziert also zwischen mein und dein. Anders ausgedrückt: auf einer ganz grundsätzlichen Ebene ist Eigentum einfach eine Zuordnung von Dingen zu Menschen.
Diese Zuordnung geschieht nun ursprünglich nicht vollkommen willkürlich, sondern orientiert sich an der Nutzung und Verantwortung:

Das ist meins, weil ich mich darum kümmere.

Daraus folgt dann auch

Du kannst es auch benutzen, wenn du dich mit darum kümmerst.

So weit, so evolutionär sinnvoll. Zu einer Fehlentwicklung wird Eigentum in dem Moment, in dem ich sage

Das ist meins, deshalb kriegst du es nicht!

Das ist eine Dissoziation, denn ich begründe gar nicht mehr inhaltlich, warum ich dir mein Eigentum nicht gebe, sondern das Eigentum als solches reicht schon als Grund.

Und hier kommen wir zu einem weiteren Aspekt möglicher Fehlentwicklungen der Evolution, dem Unterschied zwischen natürlicher Hierarchie und pathologischer Hierarchie:

Im Evolutionsprozess wird alles, was auf einer Stufe ein Ganzes war, auf der nächsten Teil eines Ganzen. […] Ganze Atome sind Teile von Molekülen, ganze Moleküle sind Teile von Zellen usw. Alles ist ein Ganzes/Teil, ein Holon, das in eine "natürliche Hierarchie" eingefügt ist, eine Aufeinanderfolge zunehmender Ganzheit.

Nun zur möglichen Fehlentwicklung:

Aber was transzendiert, kann auch unterdrücken. Deshalb können normale und natürliche Hierarchien zu pathologischen Hierarchien, zu Herrschaftshierarchien degenerieren. In einem solchen Fall weigert sich ein arrogantes Holon, sowohl Teil als auch Ganzes zu sein; es möchte nur Ganzes sein. Es möchte nicht in gegenseitiger Abhängigkeit Teil von etwas Größerem als es selbst sein, es möchte keine Kommunion mit seinen Mit-Holons, es möchte sie mit selbstverliehener Handlungsvollmacht und Agenz beherrschen.

Genau das geschieht, wenn Eigentum zu einem Exklusivanspruch wird, einem Anspruch, der andere ausschliesst.

Eigentum im Sinne von Pflegnutzen/Commoning/Gemeinschaffen ist also der ursprüngliche, evolutionär sinnvolle Impuls, und die heutige Form des (geraubten) Privateigentums eine evolutionäre Verirrung, die es zu korrigieren gilt. Zum Schluss noch mal Wilber:

Aber die einzige Möglichkeit, sich von pathologischen Hierarchien zu befreien, besteht darin, normale und natürliche Hierarchien zu akzeptieren, das heisst eine normale Holarchie, die das arrogante Holon wieder an seinen angestammten Platz zurückbeordert und in eine Wechselseitigkeit der Fürsorge, der Kommunion und des Mitleids integriert.

Auf meiner Plattform wird nix gelöscht

2018-06-20

An diesem heutigen schwarzen Tag für das Internet (zumindest in Europa) erkläre ich deutlich, dass ich mich davon nicht einschüchtern lasse. Ich erinnere an Artikel 5 des Grundgesetzes, in dem es heißt:

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.

D.h. ich bin der Auffassung, dass diese EU-Regelung gegen das deutsche Grundgesetz verstößt, denn es hindert die Menschen daran, sich aus (bisher) allgemein zugänglichen Quellen zu unterrichten.
Mein Blog wird eine solche allgemein zugängliche Quelle bleiben.

P.S.: Verlage, die nicht verlinkt werden wollen, wollen offensichtlich auch nicht gelesen werden. ;-)

Nachtrag: Noch ist nicht aller Tage Abend, Netzpolitik schreibt:

Die Schlacht ist geschlagen, der Krieg aber noch nicht vorbei: Nach der Abstimmung im Rechtsausschuss werden die Vorschläge nun dem ganzen Parlament zur Entscheidung vorgelegt. Üblicherweise folgt das Plenum den Vorschlägen des Ausschusses, allerdings sorgen insbesondere die Uploadfilter für Beunruhigung in der Öffentlichkeit. Das Votum des Parlaments könnte bereits in wenigen Wochen erfolgen, am 4. oder 5. Juli. Dann wird sich zeigen, ob sich gegen die umstrittene Copyright-Reform nicht doch noch Widerstand regt. Julia Reda und ihre Mitstreiter möchten dort noch eine Mehrheit gegen Uploadfilter finden.

Weiterer Nachtrag: Mal was Grundsätzliches zum Thema "Leistungsschutzrecht". Worüber reden wir hier? Verlage dürfen Lizenzgebühren für Hyperlinks auf ihre Inhalte verlangen. Das bedeutet nichts weniger als Den Tod des World Wide Web so wie es ursprünglich mal gedacht war und wie wir es kennen – nämlich als Hypertext, d.h. ein Gewebe von Links.

Besorgter Bürger die Dritte

2018-06-15

Verglichen mit den Jahren 2015 und 2017 steigt meine Besorgnis als Bürger immer weiter an. Dieses Jahr teilt nun das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Gestalt des WDR diese Besorgnis und hat eine 3teilige Dokureihe mit dem Titel Ungleichland produziert.

Die Lösungsansätze auf der Seite greifen allerdings allesamt zu kurz. Guy Kirschs Vorschlag von 100% Erbschaftssteuer ist ein sinnvoller Ansatz für echte Chancengleichheit. Letzten Endes kommen wir um das Geldsystem selbst und dessen Institution, die Zentralbanken, nicht herum, wenn wir ernsthaft etwas an der Misere ändern wollen.

Am besten an der Doku gefällt mir übrigens die Soziologin Brooke Harrington, die sich für ihre Forschung zur Vermögensverwalterin hat ausbilden lassen. Ihr Buch Capital Without Borders habe ich mir gleich mal bestellt.

Krass finde ich auch das Monopoly-Experiment von Paul Piff.

Nachtrag: Und natürlich gilt es, kollektiv aus unserer Besitztrance aufzuwachen.

2. Nachtrag: An dieser Stelle erinnere ich auch noch mal an den Roman Eine Billion Dollar von Andreas Eschbach.

Nachtrag vom 16.06.: Wenn wir uns Menschen als Zellen eines globalen Superorganismus betrachten, dann hilft ein Blick in die Biologie. Bruce Lipton beschreibt, wie der menschliche Körper Ungleichheit zwischen den Zellen so klein wie möglich hält. Sie bekommen faktisch ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Nachtrag vom 17.06.: Das Kapital der Deutschen Stiftung Eigentum wäre ein guter Grundstock für den Start eines bedingungslosen Grundeinkommens. ;-)

Besitztrance

2018-06-10

Dass ich da nicht schon längst selber drauf gekommen bin – neben Opfer- und Schöpfertrance gibt es in unserer Kultur eine massenhaft verbreitete Besitztrance. Das Wort entstammt der Überschrift des 11. Kapitels von How Soon Is Now? (siehe auch den Beitrag Daniel Pinchbeck über die Befreiung der Liebe), wo er im Wesentlichen meinen Beitrag Ego, Schuld und Eigentum: Die Illusion des Getrenntseins in anderen Worten und mit Bezug auf Rousseau, Karl Marx, Oscar Wilde und Buckminster Fuller wiedergibt.
Pinchbeck schreibt:

In einer Gesellschaft, die sich auf Eigentumsrechte gründet, fühlen sich die Menschen nicht sicher. Sie sind gezwungen, miteinander zu wetteifern – an des anderen Stuhl zu sägen und einander anzugreifen –, um zu Reichtum zu kommen oder diesen zu schützen. […]
Wenn wir darüber nachdenken, können wir sehen, dass der Privatbesitz – ein mentales Konstrukt, das von Gesetzen und Polizeikräften geschützt wird – aus unserer Welt eine unfreie Welt gemacht hat. Eine Taube, eine Ratte und ein Eichhörnchen haben mehr Bewegungsfreiheit als ein Mensch, der, wo auch immer er hingehen will, auf Zäune und Mauern trifft. Diese Zäune und Mauern gibt es auch in uns. Wir verinnerlichen sie. Wahrscheinlich bleibt unsere Welt immer ungerecht und unfrei, bis wir das System abschaffen, das dem Schutz des Privatbesitzes Vorrang vor allen anderen Rechten gibt.

An dieser Stelle erinnere ich noch mal daran, dass das lateinische Wort privare ursprünglich berauben bedeutet. Proudhon hatte also vollkommen Recht mit seinem Satz "Eigentum ist Diebstahl".

Was Pinchbeck übrigens mit keinem Wort erwähnt, ist das Commoning, das Gemeinschaffen. Dabei ist das genau das, was ihm vorschwebt.

Was ist los in Schweden?

2018-06-7

Hilfe, im Norden Europas braut sich entweder etwas zusammen, oder die drehen "nur" völlig am Rad dort.
Am 21. Mai wurden in ganz Schweden Flugblätter verteilt, was man im Kriegsfall tun kann. Das hatte ich bei Fefe gelesen.
Nun lese ich bei Augen geradeaus:

Erstmals seit mehr als 40 Jahren wurden am (gestrigen) Dienstag alle rund 22.000 Angehörigen der 40 Heimatschutzbataillone (Hemvärnet) aufgerufen, sich freiwilig zu dieser Übung zu melden

Was ist da los?

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