Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

You'll own nothing, and you'll be happy

2021-06-6

Der Great Reset des Weltwirtschaftsforums

Das Video mit den "8 predictions for the world in 2030" sorgt in den letzten Monaten für viel Aufruhr. Es stammt übrigens schon aus dem Jahr 2016. Der Grund, warum das seit Corona hochgekocht ist, ist natürlich der Great Reset des Weltwirtschaftsforums (WEF). Das Motto des WEF-Treffens in diesem Jahr lautet "The Great Reset", und es greift diese "Vorhersagen" aus dem Jahr 2016 auf.
Von den insgesamt 8 "Vorhersagen" konzentriere ich mich in diesem Beitrag auf die erste, die auch den Titel dieses Beitrags bildet:

You'll own nothing.

And you'll be happy.

Zu deutsch: Du wirst (im Jahr 2030) nichts mehr besitzen, und du wirst glücklich damit sein. An dieser Stelle kommt schon eine Übersetzungs-Unschärfe ins Spiel, denn "own" meint genau genommen nicht besitzen, sondern Eigentümerin sein. Besitzen werden wir natürlich auch im Jahr 2030 noch alle möglichen Dinge, aber laut dem WEF werden diese alle gemietet sein:

Whatever you want you'll rent, and it'll be delivered by drone.

Bei dem Teil mit der Drohne musste ich natürlich sofort an QualityLand von Marc-Uwe Kling denken, aber das ist eine andere Geschichte.

Serviceprodukte in der Kreislaufwirtschaft

Für euch ist bestimmt interessant, warum ich diese Idee, kein Eigentum an Dingen des täglichen Bedarfs zu haben, nicht pauschal verwerfe. Sie ist mir nämlich das erste Mal bei Michael Braungart in einem anderen Zusammenhang begegnet. In seinem Buch Einfach intelligent produzieren beschreibt er das Konzept einer Kreislaufwirtschaft (Cradle to cradle). Ein Ansatz, eine solche Kreislaufwirtschaft voranzutreiben, ist eben gerade das: dass Unternehmen keine Produkte mehr verkaufen, sondern diese vermieten und damit im Endeffekt eine Dienstleistung verkaufen. Braungart nennt das Serviceprodukte:

Ein Design von Erzeugnissen als Serviceprodukte beinhaltet, sie so zu konzipieren, dass sie zerlegt werden können. Es ist nicht notwendig, dass die Industrie – im Gegensatz zur Natur – ihren Produkten eine unbegrenzte Haltbarkeit verleiht. Die Langlebigkeit vieler heutiger Produkte könnte man gar als Generationen übergreifende Tyrannei betrachten. (Vielleicht wünschen wir uns ja, dass unsere Gegenstände ewig halten, aber was wollen zukünftige Generationen? Wie steht es mit ihrem Recht auf Leben, Freiheit, Glück und Freude, auf den Genuss ihres eigenen Reichtums an Nährstoffen und Materialien?) Die Hersteller hätten jedoch die ständige Verantwortung für die Lagerung und die Wiederverwendung – falls diese überhaupt gefahrlos möglich ist – aller in ihren Produkten enthaltenen, potenziell gefährlichen Stoffen. Welchen größeren Anreiz könnte es geben, als ein Design zu entwickeln, das gänzlich ohne gefährliche Stoffe auskommt?

Eben diesen Anreiz, wirklich nachhaltig von der Wiege bis zur Wiege zu designen und zu produzieren, will ich nicht leichtfertig wegwerfen.

Kapitalismus: Die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln

Zugleich kann ich das Unbehagen mehr als gut nachvollziehen, wenn ausgerechnet das Weltwirtschaftsforum so eine Botschaft aussendet. Denn solange die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln so sind, wie sie sind, kann "You'll own nothing" nur bedeuten, dass die globale Kapitalistenklasse dann endgültig die Eigentümerinnen von allem werden – eine Neuauflage des Feudalismus.
Der Knackpunkt, den auch Braungart weitestgehend ausblendet, ist also: Serviceprodukte sind nur dann sozial gerecht möglich, wenn die Unternehmen den Menschen gehören, die dann ihre Serviceprodukte mieten. Das WEF redet ja gerne von Stakeholdern; solange diese Stakeholder nicht auch alle Shareholder sind, bleiben das leere Worte. Und natürlich wird dieser Club von Milliardären und Multimillionären im Verein mit Staatschefinnen & Co. einen Teufel tun, so grundlegend an den Eigentumsverhältnissen zu rütteln. Das wäre allerdings notwendig, damit "You'll own nothing" – mit der Einschränkung "except for the companies whose services you use" – tatsächlich zu "And you'll be happy" führt.
Dies ist daher eine gute Stelle, um mal wieder an den interessanten Ansatz der Purpose Economy zu erinnern. Die nehmen das mit den Eigentumsverhältnissen ernst.
Und mir fällt gerade auf, dass dieser Beitrag im Grunde eine Fortsetzung des Beitrags Nur Commonismus ist echte Sharing Economy bildet.

Serviceprodukte konkret hier und jetzt

Und damit kommen wir zum praktischen Teil. Der konkrete Auslöser, diesen Beitrag zu schreiben, ist nämlich, dass mein Mobilfunkanbieter WEtell sich einer Serviceprodukt-Allianz angeschlossen hat: Fair✦TEC. FairTEC setzt genau das, was Michael Braungart beschrieben hat, um: Du kannst dort ein Fairphone, das ja genau mit dem Ziel, einfach zerlegt werden zu können, designt wurde, mieten. O-Ton FairTEC:

Ein nachhaltigeres digitales Ökosystem bedeutet für uns: […]

ein Geschäftsmodell zu wählen, das Langlebigkeit begünstigt, indem du dein Smartphone mietest und dabei unterstützt wirst, es so lange wie möglich zu behalten.

Da ich mir gerade ein Fairphone gekauft habe, als ich von dieser Initiative noch nicht wusste, kommt das für mich erst mal nicht in Frage. Aber: schon seit einer Weile trage ich mich mit dem Gedanken, mir einen hochwertigen Kopfhörer anzuschaffen. Das löse ich nun dadurch, dass ich im Crowdfunding für Commown einen Gutschein für 1 Jahr Gerrard Street-Headsetnutzung gekauft habe.

Commown ist als Genossenschaft eine ganz andere Nummer als z.B. Amazon, die wahrscheinlich im WEF-Video gemeint sind als diejenigen, die dann mit Drohnen die gemieteten Produkte ausliefern – auch wenn ich bisher nicht vorhabe, selber Commown-Mitglied zu werden. Ich probiere das erst mal aus. Vielleicht reizt dich das ja auch?!

Schwurbeln für Fortgeschrittene

2021-05-25

Wer die Corona-Maßnahmen kritisiert, gilt heutzutage ja als "Verschwörungstheoretiker", "Corona-Leugner" und "Schwurbler". Dabei gilt: Schwurbeln will gelernt sein. In dem inzwischen mehr als einem Jahr Corona habe ich einiges gelernt. Vor allem habe ich gelernt, dass ich noch viel weniger weiß als ich dachte. Mit Antworten auf die Frage warum läuft es so, wie es läuft, halte ich mich inzwischen zurück. Denn ich kann nicht wirklich einschätzen, in welchem Verhältnis die 3 möglichen Erklärungsansätze stehen:

  • tatsächlicher böser Wille
  • Inkompetenz
  • Beharrungsvermögen / schlechte Fehlerkultur (einmal getroffene Entscheidungen werden beibehalten, um keinen Fehler zugeben zu müssen und dadurch "sein Gesicht zu verlieren")

Der tatsächliche böse Wille könnte theoretisch bei 0 liegen; dass Inkompetenz und schlechte Fehlerkultur vorliegen, lässt sich wohl kaum bestreiten. Wie das tatsächliche Verhältnis der 3 Faktoren aussieht, weiß ich schlicht & ergreifend nicht; vielleicht werden wir das nie wissen.

Was den bösen Willen angeht: schon in meinem allerersten Corona-Beitrag schrieb ich

den 11. September 2001 haben bekanntlich Staatsapparate in aller Welt zum Anlass genommen, elementare Bürgerrechte massiv und dauerhaft einzuschränken. Droht uns nun ähnliches durch die Corona-Pandemie?

Die Staatsapparate haben den 11. September zum Anlass genommen, elementare Bürgerrechte massiv und dauerhaft einzuschränken. Das ist ein feiner Unterschied gegenüber "die CIA oder welcher US-Geheimdienst auch immer hat die Anschläge vom 11. September inszeniert, um das zu erreichen".
Entsprechend halte ich mich auch weiterhin mit Aussagen zurück, die Corona-Pandemie sei von Anfang an inszeniert worden (Stichwort "Plandemie"). Ich schließe diese Möglichkeit nicht aus, wende aber Ockhams Rasiermesser an und komme dadurch mit der einfacheren Erklärung aus, dass sie eine willkommene Gelegenheit für die bekannten Grundrechtseinschränkungen und Umgestaltungen der Wirtschaft ist.

Darüber hinaus sage ich nicht, dass wir uns bereits in einer Corona-Diktatur befinden. 1933 war Deutschland ja auch noch keine voll ausgeprägte Diktatur, aber die Zeichen der Zeit waren deutlich zu erkennen. Deshalb gilt für mich das Motto, das nach der Nazi-Diktatur aufkam: Wehret den Anfängen!

Nachtrag vom 26.05.: Was die Impfungen angeht, reicht im Grunde genommen die Grafik aus dem Blog von Bill Gates von April 2020.
Phasen der Impfstoffzulassung mit der Aussage, dass die bisher schnellste Zulassung eine Impfstoffs nach 5 Jahren war, während für die Corona-Impfstoffe 18 Monate geplant sind
Langzeitfolgen lassen sich, wie der Name schon sagt, eben erst nach langer Zeit feststellen. Wir befinden uns also im größten medizinischen Experiment der Menschheitsgeschichte.

Und für Freunde der Realsatire hier noch meine Top 3 Tweets aus der Politik (achtet jeweils auf das Datum):

China ist... anders

2021-05-23

Zu Beginn dieses Beitrags bekenne ich, dass ich von China bisher kaum eine Ahnung hatte und zu großen Teilen westlicher Propaganda aufgesessen war (dies gilt insbesondere für meine bisherige Einschätzung des chinesischen Social Credit Systems).
Auch jetzt fange ich gerade erst an, mich vorsichtig in die chinesische Kultur einzuschwingen, so weit mir das hier aus der Ferne überhaupt möglich ist. Deshalb danke ich all den Menschen, die viel tiefer eingetaucht sind und ihre Erlebnisse und ihr Wissen weitergeben in Sprachen, die ich verstehe.

Je mehr ich mich nun damit beschäftige, um so deutlich wird mir, dass die chinesische Kultur schon vor Jahrtausenden an einigen Weggabelungen anders abgebogen ist als die indoeuropäische Kultur. Deshalb die Überschrift.

Und weil wir hier von einer jahrtausendealten, sehr weit entwickelten Kultur reden, kann ich in diesem Beitrag nur anreißen, was es da zu entdecken gibt. Es ist für mich der Beginn einer sicherlich noch langen und weiten, auf jeden Fall faszinierenden Reise.

Ach ja, im Zuge dieses Beitrags habe ich rückwirkend ein neues Tag "China" im Blog eingeführt.

Daoistisch, praktisch, gut

Diese Reise begann für mich, wenn ich mich recht entsinne, schon während meiner Ausbildung in Prozessorientierter Psychologie. In dieser Zeit las ich natürlich auch verstärkt Bücher von Arnold Mindell, darunter sein erstes Buch zur Prozess-Theorie River's Way: The Process Science of the Dreambody (die deutsche Übersetzung "Traumkörper-Arbeit oder Der Weg des Flusses" ist nur noch antiquarisch erhältlich). Darin geht er auf den Daoismus als voll entwickelte Prozesstheorie ein, die somit eine wesentliche Wurzel der Prozessorientierten Psychologie bildet. Deren Ansatz lässt sich sehr kompakt in dem Satz zusammenfassen

Follow nature.

was zugleich auch als Ultrakurzzusammenfassung des Daodejing durchgeht.

Eben jenes Daodejing habe ich in Gestalt der 3bändigen Studien zu Laozi Daodejing von Viktor Kalinke (fast vollständig) durchgelesen:

  1. Originaltext und Übersetzung sowie ein vollständiges Zeichenlexikon
  2. Anmerkungen und Kommentare: Tiraden der Vieldeutigkeit, Daoistische Wurzeln systemischen Denkens
  3. Nichtstun als Handlungsmaxime. Zur Rationalität des Mystischen. Essay

Dabei habe ich mich nicht an die Reihenfolge gehalten; zuerst habe ich den eigentlichen Text in Band I gelesen, dann aber zunächst den 2. Band übersprungen, weil der sehr ins Detail geht. Band 3 gibt dem gegenüber einen Überblick über die Entstehungsgeschichte und den historischen und geistesgeschichtlichen Kontext. Erst zum Schluss habe ich den 2. Teil von Band 2 gelesen. Der erste Teil "Tiraden der Vieldeutigkeit" geht mir zu sehr in die Details der chinesischen Sprache, als dass ich dem folgen könnte. Vielleicht kommt das noch irgendwann später; fürs erste habe ich diesen Teil ausgelassen.

Besonders spannend fand ich im 3. Band die Information, dass es in der chinesischen Geschichte häufige Volksaufstände gegeben hat, die gelegentlich sogar einfache Bauern zum neuen Kaiser machten. Philosophisch hatte das u.a. den Hintergrund, dass der chinesische Kaiser zwar als himmlischer Herrscher galt, als solcher dennoch dem Himmel und zuletzt dem Dao untergeordnet war. Anders als die europäischen Herrscher "von Gottes Gnaden" konnte das Volk immer noch kritisch beäugen, ob der Kaiser wirklich der himmlischen Ordnung diente oder aus ihr herausgefallen war; dann konnte er gestürzt werden.

Dieses Motiv fand ich später in Fabian Scheidlers Buch Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen wieder (er hat davor auch schon Das Ende der Megamaschine geschrieben). Er bestätigt darin, dass anders als in Europa in China die meisten Volksaufstände erfolgreich waren, was dazu führte, dass die Herrscher sich nicht so weit aus dem Fenster lehnen können mit autoritärer Politik, die den Interessen des Volkes zuwider läuft.

Ein anderer fundamentaler Unterschied zwischen der chinesischen und der indoeuropäischen Kultur findet sich im 3. Band von Viktor Kalinke:

Erst später kam in den indoeuropäischen Kulturen die Vorstellung vom Schöpfergott auf. Der Glaube an einen transzendenten Gott, der die Erde und das Leben geschaffen habe, beruht auf der Fähigkeit zum Staunen. Was nicht nachvollzogen werden konnte, wurde in anthropomorpher Umschmelzung als Tat betrachtet: denn zu einem "Geschöpf", suggerieren die indoeuropäischen Sprachen, gehört ein "Schöpfer". Und weil zu solcher Großtat nur eine übermächtige Person in der Lage sein könne, kann sie nur in einem Wort, in einem Befehl bestanden haben. […]

In China fehlt die Vorstellung vom Schöpfergott und alle Versuche der jesuitischen Missionare, ihn in die chinesischen Klassiker hineinzulesen, können als gescheitert gelten. Der Grund liegt darin, dass die Chinesen sehr früh – lange vor dem Aufkommen des Daoismus – im Dao ein Symbol für die immanenten Abläufe in der Natur gefunden hatten, das sie – so glaubten und glauben sie bis heute – auf die Vorgänge in der menschlichen Gesellschaft übertragen können.

Immanenz und Transzendenz – diese beiden Pole charakterisieren den Unterschied zwischen chinesischen und indoeuropäischen Denkmustern am treffendsten. Für die Indoeuropäer gibt es außerhalb der sinnlich wahrnehmbaren Welt eine höhere Wirklichkeit, die sie nicht genau kennen können, aber auf die sie sich ständig berufen, um ihr Handeln zu legitimieren. Für die Chinesen gibt es nur eine Welt, innerhalb derer sich alles entwickelt. Ihr wohnt das Dao inne, das Anzeichen über den potentiellen Entwicklungsverlauf verrät. Jeder Versuch, die Chinesen mit einer transzendenten Göttervorstellung zu missionieren, ist an ihnen abgeprallt und gilt ihnen – zu Recht – als "barbarisch", d.h. sie zeugt von ungenügender Einsicht in die Abläufe dieser Welt. Es handelt sich um zwei gegenläufige Geistesbewegungen: Während die Indoeuropäer ihre subjektiven Launen und Ideen in die höhere Wirklichkeit der Götterwelt hineinspiegeln, holen die Chinesen die Einsicht in die natürlichen Entwicklungswege vom Himmel hinunter, um sie auf der Erde anzuwenden.

An diese fundamental andere Sichtweise als die europäische muss ich mich erst langsam gewöhnen; sie fasziniert mich auf jeden Fall.

Als Appetitanreger stellt der Verlag ein Essay von Viktor Kalinke zur Verfügung, Nichtstun als Handlungsmaxime. Deutungsvarianten im 1. Kapitel des Daodejing.

Als weiteres Buch von Kalinke steht schon Zhuangzi. Das Buch der daoistischen Weisheit im Regal und wartet darauf, von mir gelesen zu werden (ich habe die Reclam-Ausgabe, es gibt auch eine Ausgabe inklusive des chinesischen Originaltextes für den vierfachen Preis).

Wer statt zu lesen lieber Vorträge hört, der empfehle ich Hannes Fellners Vorträge bei der Gesellschaft für dialektische Philosophie. Angefangen habe ich mit Klassenkampf im antiken China. Sozialphilosophische Grundlagen des Daodejing von April diesen Jahres. Darin wurde ich dann aufmerksam auf den Vortrag Die Dialektik des Dao. Philosophische Grundlagen des Daodejing von vor einem Jahr. Diese Reihenfolge ist gar nicht so verkehrt, der neuere Vortrag eignet sich m.E. besser als Einstieg.

Womit ich mich bisher noch nicht ernsthaft befasst habe, weil ich noch keinen richtigen Zugang dazu gefunden habe, ist das I Ging, das ich in der klassischen Übersetzung von Richard Wilhelm habe. Auch die Schafgarbenstengel liegen noch unbenutzt rum; Orakeln ist offenbar nicht so meins.

Sozialismus auf Chinesisch

Ein weiterer Text, der mir China näher gebracht hat, sind die 34 Seiten Ein nicht-eurozentristisches politisches China-Brevier von Beat Schneider. Darauf wurde ich wiederum aufmerksam im Artikel Planvolle Gestaltung der Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung Chinas: Nationaler Volkskongress stimmt 14. Fünfjahresplan zu über den dortigen Link zum Artikel Die Volksrepublik China und der Sozialismus der Schweizer Kommunisten (was es nicht alles gibt!).

Was mir darin besonders deutlich wurde, ist, dass entgegen der westlichen Propaganda die chinesische Führung sehr wohl am Sozialismus festhält und diesen weiterentwickeln will. Kostprobe:

Der Entscheid für eine ‘sozialistische Marktwirtschaft’ wurde und wird in China nicht als ein Systementscheid betrachtet. Marktwirtschaft sei nicht identisch mit Kapitalismus, und die «sozialistische Marktwirtschaft chinesischer Prägung» werde nicht durch eine unsichtbare Hand gelenkt, sondern durch eine recht deutlich sichtbare von der KP China gesteuerte staatliche Hand und sie werde einer recht rigiden gesetzlichen Marktkontrolle unterzogen.

Ein Beispiel dafür ist das rigorose Durchgreifen der KP Chinas gegen Alibaba.
Weiter im Text:

Das Festhalten am Kommunismus als «höchstem revolutionärem Ideal» und «endgültigem Ziel» ist ein Teil der chinesischen Supraplanung. In der chinesischen Verfassung steht: «Das höchste Ideal des Kommunismus, das die Kommunisten anstreben, kann nur auf der Grundlage der vollen Entwicklung und des hochgradigen Gedeihens der sozialistischen Gesellschaft realisiert werden.» Mao Zedong meinte, dass sich der Kommunismus allerdings nur und erst von der ganzen Menschheit verwirklichen lasse. «Wenn es so weit ist, dass die ganze Menschheit sich selbst und die Welt bewusst umgestaltet, dann wird die Epoche des Kommunismus in der ganzen Welt erreicht sein.»

Gerade das ist auch der Grund, warum China speziell für die USA, aber generell für den kapitalistischen Westen zur Gefahr geworden ist, denn damit bietet China eine echte Systemalternative.

Auch mein Bild von der Kommunistischen Partei Chinas ist durch Beat Schneider klarer geworden:

In der VR China hat die gesamte politische Willensbildung gemäss Verfassung grundsätzlich innerhalb der KP China zu erfolgen. Man muss sich die grösste Partei der Welt mit ihren rund 90 Millionen Mitgliedern als eine grosse Bevölkerung vorstellen, die mehr als zehn Mal grösser ist als diejenige in der Schweiz. In einem solchen Gebilde, das nur schon wegen seiner Grösse nicht monolithisch sein kann, geschweige denn wegen der vielen, zum Teil disparaten Interessen, in einem solchen Gebilde gibt es selbstverständlich eine Vielzahl von verschiedenen, miteinander sich streitenden Strömungen. Die politische Debatte mit der Opposition findet gewissermassen innerhalb dieses Riesengebildes statt. Peter Achten meint: «Es gibt laut glaubwürdigen Quellen innerhalb der Partei bis zu einem gewissen Punkt Diskussionen um Meinungsverschiedenheiten. Nach einem einmal gefällten Entscheid allerdings ist die Diskussion beendet.»

Der chinesische Weg als Alternative zum westlichen Kapitalismus spielt auch eine Rolle in Werner Rügemers Buch Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts, das ich allerdings erst angefangen habe. Schon nach den ersten Kapiteln kann ich eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen, das Buch ist eine Fundgrube an Informationen.

Strategeme: Die Kunst der List

Noch ein anderer Aspekt der chinesischen Kultur wurde mir nähergebracht, indem ich Harro von Sengers Buch Die Kunst der List. Strategeme durchschauen und anwenden geschenkt bekam. Es ist eine Einführung in die 36 Strategeme, über die er auch ein viel dickeres gleichnamiges Buch geschrieben hat.
Worum geht es?

Die Beschäftigung mit der chinesischen Listweisheit vermittelt westlichen Menschen etwas für sie ganz Neues, nämlich einen Gesamtüberblick über die Ressource List. Der krampfhafte, zum Scheitern verurteilte westliche Versuch, die Welt als einen geordneten, übersichtlichen und durch Eindeutigkeit geprägten Raum zu denken, wird freilich gründlich infrage gestellt. Wenn man grundsätzlich die List als einen integralen Bestandteil menschlichen Lebens anerkennt, ergibt sich die in der Tat zunächst einmal verunsichernde Einsicht in die Vieldeutigkeit und Unübersichtlichkeit humaner Dinge. Die Welt wird etwas verwickelter als es der westliche Glaube an das Licht einer eindimensionalen Vernunft, das angeblich keine Schattenreiche unausgeleuchtet lässt, wahrhaben will. Westliche Selbstherrlichkeit, die nicht daran zweifelt, die Erde dank routinemäßiger Rationalität im Griff zu haben, erkennt eine ihrer Achillesfersen – die eigene Listblindheit.

Das Anwenden und das Durchschauen von List haben im Reich der Mitte seit alters einen viel höheren Stellenwert als in Europa. Da in China die List unbefangen betrachtet wird, haben Chinesen jahrtausendelang vergleichsweise vorurteilsfrei über sie nachdenken können und vor etwa einem halben Jahrtausend die wichtigsten im Laufe der Zeit erprobten Listen im Katalog der 36 Strategeme benannt, zusammengestellt und numeriert. Aus nur 138 Schriftzeichen bestehend, kristallisiert dieses ABC der List jahrtausendealte, weltweit gültige Erfahrungen im trickreichen Umgang mit prekären Situationen aller Art. Keine andere Kultur der Welt verfügt über eine vergleichbare Listenliste. Das Außergewöhnliche daran sind die wertfreien Formulierungen der 36 Listtechniken und die durch deren Zusammenstellung ermöglichte grandiose Gesamtschau der List in all ihrer Vielschichtigkeit.

Dieser Spur werde ich auf jeden Fall weiter folgen. Auch für meine neue Rolle als Geschäftsführer kann das ganz bestimmt nicht schaden.

Ein weiteres Buch von Harro von Senger steht ebenfalls schon in meinem Regal, Meister Suns Kriegskanon. Der Titel ist vermutlich geläufiger in der Formulierung Die Kunst des Krieges.

Noch umfassender als die Strategemkunde ist Moulüe - Supraplanung. Mal sehen wann ich dazu komme, mich damit auch noch zu beschäftigen. Für Geschäftsführer ist es bestimmt ebenfalls sehr lohnende Lektüre…

Senger äußert sich übrigens auch immer wieder zur Menschenrechtsfrage, wie aus seinem Wikipedia-Artikel hervorgeht:

Neben der Menschenrechtsgeschichte beschäftigt er sich auch mit sinomarxistischen und weitgehend auf UNO-Dokumente abstellenden Menschenrechtspositionen der chinesischen Regierung und weist darauf hin, dass die Volksrepublik China auf globaler Ebene im Rahmen der Vereinten Nationen, namentlich im UNO-Menschenrechtsrat in Genf, eine starke Position einnehme, eine Tatsache, mit der man sich im Westen kaum auseinandersetze.

Er macht ferner darauf aufmerksam, dass westliche Staaten und die Volksrepublik China im Menschenrechtsrat in einer Mehrzahl von inhaltlichen Menschenrechtsfragen übereinstimmende Positionen verträten. Die recht grosse chinesisch-europäische Schnittmenge an gemeinsamen Menschenrechtspositionen scheinen aber laut Senger europäische Staaten ihren Völkern gegenüber geheim zu halten. In ihren Menschenrechtsverlautbarungen würden diese Staaten ihren Völkern den Anschein vorspiegeln, zwischen europäischen und chinesischen Menschenrechtspositionen gebe es einzig und allein eine gewaltige Kluft, welche europäische Staaten mühsam zu überbrücken hätten.

China geopolitisch

Noch ungelesen steht in meinem Regal das Buch Das chinesische Jahrhundert von Wolfram Elsner.

Geopolitisch finde ich es höchst bedeutsam, dass China und Russland schon seit mehreren Jahren an einem eigenen Zahlungssystem arbeiten, um sich damit vom EU-basierten SWIFT (das eng mit US-Geheimdiensten kooperiert und auf deren Wunsch auch schon mal Transaktionen sperrt) unabhängig zu machen. Darüber schweigen sich die westlichen Leitmedien aus; Russia Today informiert über den aktuellen Stand des Projekts.

Ein anderes geopolitisches Thema sind die mutmaßlichen chinesischen Menschenrechtsverletzungen an Uiguren in Xinjiang (an dieser Stelle gilt wieder die Propaganda-Warnung für Wikipedia). Hier greift mal wieder die typische westliche Doppelmoral "gute Islamisten" vs. "böse Islamisten". Die Islamisten in Xinjiang sind "gute Islamisten", denn sie richten sich gegen China, so wie die in Tschetschenien gegen Russland oder die in Syrien gegen Assad.
Den Syrien-Vergleich bringt auch direkt der Artikel Der Konflikt in Xinjiang und seine Entstehung im InfoSperber:

Die chinesische Regierung befürchtet, dass in Xinjiang ein syrisches Szenario entstehen könnte. In Syrien hatten die Saudis zusammen mit Katar und den NATO-Staaten eine vorerst friedliche Protestbewegung für ihre Zwecke benutzt und einen bewaffneten Aufstand unterstützt, der einen nunmehr seit zehn Jahren anhaltenden Bürgerkrieg zur Folge hat.

Und er spricht die Doppelmoral direkt an:

Über solche chinesischen Befürchtungen informieren unsere Medien kaum. Dieselben Schweizer Zeitungen, die keinen investigativen Aufwand scheuen, um eine «islamistische Gefahr» in Winterthur oder sonstwo ausfindig zu machen und jede Dschihadistin wie eine Stecknadel im Schweizer Heuhaufen suchen, haben es nie für nötig befunden, über den Terror uigurischer Extremisten in Xinjiang mehr als ein paar Worte zu verlieren.

Die uigurischen Islamisten werden u.a. von Erdogans türkischer Regierung unterstützt:

1995 weihte Recep Tayyip Erdogan, damals Bürgermeister von Istanbul, in einer Ecke des Parks der Blauen Moschee ein kleines Denkmal ein. Der Ziegelstein-Obelisk trägt eine Plakette, auf der zu lesen ist: «Zu Ehren der Märtyrer von Ostturkestan». Ostturkestan ist der Name, den uigurische Aktivisten der chinesischen Provinz Xinjiang geben. Das Denkmal erinnert an Isa Yusuf Alptekin, den Gründungsvater der separatistischen Uiguren-Bewegung. Alptekin stand während des Bürgerkrieges auf Seiten von Tschiang Kai Schecks Kuomintang, die von den USA militärisch und finanziell unterstützt wurde, um einen Sieg der Kommunisten zu verhindern. 1949 marschierten Mao Tse-tungs Rotarmisten in Xinjiang ein, ohne dass ein Schuss fiel. Die Kuomintang-Truppen liefen praktisch geschlossen über zur kommunistischen Volksarmee. Alptekin floh in die Türkei.

Dessen Sohn Erkin Alptekin lebt übrigens in Würzburg.

Und natürlich mischen die USA kräftig mit:

Seit der Machtübernahme von Mao Tse-tung haben die USA versucht, ethnische Minderheiten im Widerstand gegen die kommunistische Regierung in Peking zu organisieren, vor allem in Tibet, Nordburma und in Xinjiang. Diese Versuche schwankten – je nach politischer Grosswetterlage – in Intensität und Entschlossenheit. Ziel war jedoch stets und ist bis heute die Destabilisierung Chinas und ein Regime Change in Peking.

Ein interessantes Detail:

Der erste Agent der damals neu gegründeten Central Intelligence Agency (CIA), der in Ausübung seiner Tätigkeit ums Leben kam, war Douglas Seymour Mackiernan. Er wurde 1950 bei dem Versuch, von Xinjiang nach Tibet einzureisen, erschossen. Der US-Luftwaffenoberst hatte zuvor im Grenzgebiet von Xinjiang ein System von hochsensiblen Mikrophonen installiert, die die Schallwellen atomarer Explosionen auffangen und den Testort annähernd lokalisieren konnten. Mit Hilfe dieses Systems und der Messungen der Luftradioaktivität in der Region kamen die USA im August 1949 zu der Erkenntnis, dass die Sowjetunion in Kasachstan ihre erste Atombombe gezündet hatte.

Den Artikel über Mackiernan gibt es in der Wikipedia nur auf Englisch, Russisch und Chinesisch. ;-)

Nun ist auch nicht alles eitel Sonnenschein in Xinjiang:

Tatsächlich strömten mit der steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften sehr viele Han-Chinesen nach Xinjiang, so dass sich die Bevölkerungsstruktur zu Ungunsten der Uiguren verschiebt. Bei der Arbeitssuche sind Uiguren häufig benachteiligt, weil sie nicht gut chinesisch sprechen. Wirtschaftlich und gesellschaftlich geben Han-Chinesen immer stärker den Ton an. Verteidiger der Minderheiten- und Menschenrechte sehen die Uiguren wohl mit Recht in Bedrängnis.

Aber:

Uigurische Aktivisten und mit ihnen die US-Regierung verbreiten, in Xinjiang werde die uigurische Kultur systematisch ausgelöscht und es fände ein Genozid statt. Das ist eine masslose Übertreibung und Verniedlichung der tatsächlichen Genozide. Völkermorde gab es im Zweiten Weltkrieg, während dem rund sechs Millionen Juden sowie Zehntausende Sinti und Roma ermordet wurden, oder 1994 in Ruanda, wo die Hutu etwa 800’000 Tutsi umbrachten.

In Xinjiang gibt es keine Anzeichen eines Massakers. Auch für systematische, organisierte Vergewaltigungen und Folterungen in den geschlossenen Uiguren-Camps gibt es keine überzeugenden Indizien, geschweige denn Beweise. Das schliesst nicht aus, dass es in Einzelfällen zu grobem Fehlverhalten gekommen ist und kommt.

Zu den Fotos von angeblichen Umerziehungslagern siehe Xinjiang offers real-site photos to debunk satellite images ‘evidence’ of ‘detention centers’.

Zur weiter oben erwähnten Kuomintang liefert der englischsprachige Artikel They were CIA-backed Chinese rebels. Now you’re invited to their once-secret hideaway aufschlussreiche Hintergründe.
Die Kuomintang war in den 30er und frühen 40er Jahren des 20. Jahrhunderts der Gegner der Kommunistischen Partei Chinas. Sie zog sich 1949 nach Gründung der Volksrepublik China nach Taiwan zurück und stellte dort bis 1991 die Einparteienregierung; allerdings flohen einige Einheiten stattdessen nach Birma (dieser Wikipedia-Artikel ist erfrischend antiimperialistisch). Von denen handelt der Artikel. Wie Wikipedia schon schreibt

Bis zur Mitte der 1970er-Jahre soll die KMT in Birma etwa 80 % der Opiumproduktion im Goldenen Dreieck kontrolliert haben.

Auch dabei hat die CIA natürlich kräftig mitgemischt.

Die Tibet-Frage habe ich dabei bisher noch gar nicht berührt; die CIA hat jedenfalls auch dort auf Seiten der Tibeter interveniert, was die Sachlage nicht einfacher macht.

Für den sehr weiten Überblick stehen in meinem Regal die beiden Geschichtsbücher Das alte China sowie Das neue China, jeweils von Helwig Schmidt-Glintzer. Das "alte China" reicht dabei bis ins 19. Jahrhundert.

Licht und Schatten in einem sehr komplexen Land

Bei allem neuen Interesse an China sehe ich auch, dass dort – wie überall in der Welt der Erscheinungen – einiges im Argen liegt. Die auf Hochtouren betriebene Industrialisierung Chinas betrachte ich mit Sorgen. In einer Doku habe ich erfahren, dass China in den letzten Jahren 10-15 neue Flughäfen pro Jahr gebaut hat und immer noch baut! Anderswo hörte ich von 50 (!) neuen Kohlekraftwerken im Jahr, also fast jede Woche geht ein neues ans Netz.
Da verwundert es nicht, dass Chinas jährlicher Ausstoß von Treibhausgasen erstmals die Emissionen aller entwickelten Länder zusammen übersteigt (wobei ich bekanntlich Charles Eisenstein darin folge, Treibhausgase nur als ein zweitrangiges Problem zu betrachten).
In der Hinsicht kann ich China nicht wirklich als ein Vorbild sehen.

Auf der anderen Seite sticht China durch groß angelegte Aufforstungsprojekte hervor, was u.a. dazu geführt hat, dass es in Beijing inzwischen so gut wie keine Sandstürme mehr gibt.

All diese Beobachtungen kommen mindestens aus zweiter Hand zu mir; mir fehlt für China so jemand wie Thomas Röper, der in Russland lebt und vor Ort berichten kann, was dort abgeht. Wenn du so jemand kennst, sei es deutsch- oder auch englischsprachig, dann freue ich mich sehr über einen entsprechenden Hinweis.

Aus diesem Grund habe ich auch mit großem Interesse Fefes China-Reisebericht von April 2019 gelesen; er hat eine Woche später noch mal nachgelegt. Darüber hinaus hat er auch in Alternativlos Folge 43 von seiner China-Reise erzählt.

Und dann gibt es ja auch noch von Chinesinnen geschriebene Romane. Die Republik empfiehlt «Weiches Begräbnis» von Fang Fang, wobei sie zunächst die Erwartungen dämpft:

Ein einziges Buch lesen und damit 1,4 Milliarden Menschen, 5000 Jahre Kultur­geschichte und eines der wider­sprüchlichsten politischen Systeme der Gegenwart begreifen?

«Wer China verstehen will, sollte diesen Roman lesen» – so bewirbt der Verlag die deutsche Übersetzung des Romans «Weiches Begräbnis» der chinesischen Autorin Fang Fang. Man kann das als klares Angebot verstehen, ein sehr europäisches Bedürfnis zu befriedigen: sich bitte so wenig wie möglich mit China beschäftigen zu müssen – und doch möglichst viele einfache Antworten zu bekommen.

Es klingt durchaus vielversprechend:

Zugleich aber ist Fang Fang eine Autorin, die dafür bekannt ist, in ihren Büchern äusserst kritisch die soziale Ungleichheit und die ideologischen Widersprüche der Volks­republik zu analysieren. Dabei drängt sie immer wieder auf die Aufarbeitung der zahlreichen nationalen Traumata des chinesischen 20. Jahr­hunderts, die im offiziellen Diskurs ausgeklammert und zensiert werden, weil ihre Ursachen zumeist in katastrophalen Fehlern der Partei­führung liegen.

Auch der Republik-Artikel selbst gibt weitere spannende Hinweise:

China ist ein autoritäres Regime ohne Presse­freiheit, aber kein Terror­staat wie Nordkorea. China ist ein Land voller Graswurzel­bewegungen und NGOs, die sich für Umwelt­schutz, für LGBT-Rechte oder soziale Gerechtigkeit einsetzen; ein Land, das eine reiche Tradition an Formen des alltäglichen Mikro­widerstands besitzt. In chinesischen Universitäten und im chinesischen Internet finden, trotz aller Bemühungen der Zensur­behörde, engagierte politische Diskussionen statt – zum Beispiel, indem immer wieder humorvolle Wege gefunden werden, «sensible» Worte durch Geheim­codes und -sprachen an der Zensur vorbeizuschmuggeln.

Autoren wie Liao Yiwu oder Yang Lian, die in Europa als Dissidenten gefeiert werden, sind in China gänzlich unbekannt; Dissidentinnen, die in China wirklich aktiv sind, kennt wiederum in Europa niemand – und viele Mitglieder der Kommunistischen Partei sehen diese durchaus kritisch und versuchen sie von innen zu verändern.

Zurück zu Fang Fangs Roman:

Niemand kann China durch die Lektüre eines einzigen Buchs «verstehen». Aber wenn es momentan einen in deutscher Übersetzung zugänglichen Roman gibt, der die Wider­sprüche der chinesischen Gegenwart ebenso differenziert und multi­perspektivisch zeigt wie die Lebens­realität ihrer Bewohner; einen Roman, der uns Chinesinnen als ganz normale Menschen mit all ihren Ambivalenzen, Bedürfnissen, Alltags­sorgen, Lieblings­gerichten, Familien­streitereien und Haus­tieren nahebringt – dann ist es Fang Fangs «Weiches Begräbnis».

Im Kern ist dieser Roman ein Buch über die Volatilität ideologischer Systeme und ihrer Begriffe, die das 20. Jahr­hundert in China geprägt haben wie nirgendwo sonst.

Kann gut sein, dass ich mir das noch zu Gemüte führe, es reizt mich auf jeden Fall.

Der weiter oben schon angesprochene Peter Achten schreibt im Infosperber über Vielfältiges China: Demokratie unten, Meritokratie oben und betont darin, wie unterschiedlich die Wertesysteme Chinas und der westlichen Kultur aufgebaut sind:

In der 3500 Jahre alten Geschichte Chinas ist bis auf den heutigen Tag politisch wie sozial wenig Vergleichbares mit dem Westen zu erkennen. Bis vor kurzem definierten sich Chinesinnen und Chinesen eher über die Gruppe (Familie, Clan oder Arbeitsplatz) als über das Individuum. Das zeigte sich etwa 1989 bei den Demonstrationen auf dem Tiananmenplatz in Peking. Demonstranten traten in Gruppen auf, etwa hinter dem Banner einer Universität, einer Fabrik, einer Zeitung, eines Ministeriums. Gedacht und gehandelt wird noch heute eher in der Kategorie „Sowohl als auch“ ungleich dem westlichen „Entweder-Oder“.

Mir selber geht es auch so, dass der Wert "Freiheit" in meiner persönlichen Hierarchie langsam aber sicher weiter nach unten wandert, je mehr ich mich mit China beschäftige…

Auch Kai Ehlers hat sich in diesem Jahr schon in mehreren Artikeln mit China befasst:

Die finde ich seeehr lesenswert. Aus dem ersten Artikel:

Die kommenden Monate und Jahre werden zeigen, wohin die Neuausrichtung der Politik treibt. Aber die Fragen sind nicht nur an die Politik zu richten. Was mit China heraufkommt, ist nicht nur ein ökonomischer, nicht nur ein politischer Konkurrent in einer sich machtpolitisch neu gruppierenden Weltordnung. Es ist das Wetterleuchten einer noch nicht klar erkennbaren, aber neuen Kultur des Sozialen, die sich am Horizont ankündigt. Und dieses Wetterleuchten ist nicht auf China begrenzt. Als „great reset“ erfasst es den ganzen Globus.

Aus dem dritten Artikel:

Längerfristig liegen die Chancen aber in der gegenseitigen Durchdringung, Anregung und Förderung der historisch gewachsenen Mentalitäten der drei genannten Kulturräume. In Stichworte gefasst sind das: Der individualisierte, vom selbstbewussten Ich getriebene Pioniergeist des Westens, die pragmatische Einordnung des Ich in die kosmische Ordnung im chinesischen, die intuitive Spontaneität des Ich zwischen diesen Extremen im russisch-eurasischen Raum.

Damit sind die Stärken der drei Kulturräume skizziert, die man im Detail noch weiter anschauen muss, um zu den geistigen Wurzeln zu kommen, aus denen sie ihre Kraft beziehen – das alte taoistische und konfuzianische Erbe Chinas, das ägyptisch-griechisch-römische Euro-Amerikas, das spirituelle und schamanische Russlands als Herzland Eurasiens zwischen Osten und Westen, um nur etwas anzudeuten, wohin genauer zu schauen sein wird. Am Ende der Skizze werden dann aber auch die vereinseitigten Extreme sichtbar, die immer wieder aus der Geschichte hervortreten: Da wird der Pionier des Westens zum Eroberer, die kosmische Einordnung in China zur Unterordnung, die russisch-eurasische Spontaneität zur Unberechenbarkeit. Diese Liste endet beim imperialen Ego des Westens, im autoritären Kontrollstaat Chinas, im russisch-eurasischen Chaos.

Eine umfassende Rückschau, die Handhabung für den bewussten Austausch gibt, kann hier nur als Aufgabe benannt werden. Soviel aber ist sicher: Eine lebensförderliche Zukunft, die die Ödnis einer vereinheitlichten weltumgreifenden technischen, genauer bio-digitalen Zivilisation überwinden könnte, kann sich nur dann öffnen, wenn nicht nur China sich auf seine geistigen Wurzeln besinnt und sie ins Weltgeschehen einbringt, sondern Euro-Amerika und Russland/Eurasien ebenso, ohne dass gegenseitige Herrschaftsansprüche gestellt werden.

Dieser schönen Vision für die Menschheitsentwicklung gebe ich doch gerne meine geistige Kraft & Ausrichtung.

Wo ich bisher noch gar nicht näher reingeschaut habe, ist das englischsprachige Justrecently's Weblog.

Konfuzius & Co.

Von den chinesischen Klassikern habe ich bisher nur das Daodejing studiert, weil es eben eine wesentliche Grundlage der Prozessphilosophie ist. Wer sich mit der chinesischen Kultur befassen will, kommt allerdings natürlich nicht um Konfuzius herum. Von dessen Gesprächen habe ich mir 2 verschiedene Übersetzungen besorgt, die sind demnächst dran.
Menzius und Mozi sind dann wohl auch noch dran.

Was die Übersetzungen der klassischen Texte angeht, werde ich außer dem schon erwähnten Richard Wilhelm auch Ernst Schwarz studieren, der die DDR-Ausgaben von Konfuzius und Laotse übersetzt hat.

Ein integraler Blick auf China

Durch seine Kritik am integralen Modell auf hohem Niveau (wobei mir die deutsche Übersetzung holprig erscheint, hier ist das englische Original) bin ich auf Joseph Dillard aufmerksam geworden. Der hat auch eine 4teilige Serie von langen Artikeln über China geschrieben:

In Teil 1 nennt er die hauptsächlichen religiösen bzw. philosophischen Einflüsse der chinesischen Kultur:

Although other religious traditions have been influential in China, Chinese humanism is primarily composed of four main traditions: Chinese folk rituals, which are a mixture of shamanism and Buddhism, Taoism, and Confucianism. The spiritual outlook of most Chinese people traditionally consists of some combination of beliefs and practices from these four traditions. Buddhism itself had a very widespread and powerful expression in China from 200 BC, probably due to its philosophical and atheistic nature, which was compatible with Chinese humanism, until a persecution in the Tang dynasty in 845 AD led to the almost complete eradication of Buddhism from China. Therefore, outside of Chinese folk traditions, Buddhism has not been a major influence in China for centuries, primarily because Chinese society and culture continuously reverts to its humanistic roots.

Und hier kontrastiert er die unterschiedlichen Wertesysteme:

While Western humanism emphasizes individual liberties and rights, Chinese humanism emphasizes personal perfection for the good of family, state, and natural collectives. While the former emphasizes freedom, the latter emphasizes responsibility and obedience. Western humanism takes the form of collectivist actions and institutions to protect the individual, such as protests, unions, and the Bill of Rights, while Chinese humanism manifests as individual actions and institutions designed to protect the collective, such as social ritual, observance of social hierarchies, obedience, and meritocracy. While Western humanism was a rational and secular reaction to pre-rational, absolutist, and religious culture, society, and religion, Chinese humanism was organic and not reactive. As a result, it has a degree of deep-seated authenticity that reactive world views find difficult to sustain. Indeed, this is validated not only by the multi-millennial influence of Chinese humanism but by its continued existence within the current communist-socialist-capitalist Chinese governmental structure and in contrast to the ongoing collapse of major elements of Western humanism and neoliberal economics.

Dillard konstatiert für die integrale Theorie auch einen blinden Fleck hinsichtlich der chinesischen Kultur:

Integral AQAL essentially ignores China and Chinese humanism. Its multi-perspectivalism fails when it comes to assessing and integrating three thousand years of Chinese philosophy, history, and world view. In this regard, Integral AQAL is quintessentially Western, because while the West has been able to assimilate Indian-based world views into its own, largely through the New Age tradition from Blavatsky, Gurdjieff, Vivikananda, Yogananda, Aurobindo, Hudson, Suzuki, Watts, Jung, and Thurman, it is impossible to come up with a comparable list of names of influences integrating Chinese humanism into Western world views.

In der gesamten Reihe betont er immer wieder, dass er die moralische Entwicklung für den Gradmesser von gesamtgesellschaftlicher Entwicklung hält. Und diese sieht er in China höher entwickelt als bei uns im Westen.

Die integrale Theorie selber sieht er im Oberen Linken Quadranten zentriert, während die chinesische Kultur genau gegenüber im Unteren Rechten Quadranten ihren Schwerpunkt hat. Das macht es für sie schwer, China zu begreifen:

While Integral AQAL considers all four quadrants, due to its emphasis on consciousness, spirituality, and self-development, it emphasizes or is centered in the interior individual quadrant while Chinese culture, and particularly its humanism, is centered in the exterior collective quadrant, meaning that they are opposites in many respects. Western socio-cultural civilization as a whole tends to emphasize individual achievement and progress over collective solidarity. Therefore, both the specific lens of Integral AQAL and the broader context in which it is embedded tend to frame China and Chinese culture in terms that are foreign to it. This is a bias that is difficult to escape or neutralize, but being aware of it is a first step toward a more objective assessment of China.

Insgesamt finde ich, Dillard hätte sich mit seiner eigenen Methode des Integral Deep Listening in diesen Artikeln mehr zurückhalten sollen. So versucht er gleichzeitig die integrale Theorie zu erweitern und mit der so erweiterten Theorie auf China zu blicken, was das Lesen & Verstehen m.E. erschwert.

Im 2. Teil habe ich viel über die schamanischen Wurzeln der chinesischen Kultur gelernt. Außerdem betont er, wie außergewöhnlich die Ideen des Daodejing und von Zhuangzi für ihre Zeit waren:

What is extraordinary about these texts is what is not in them. We should be able to find clearly shamanistic sources in texts that date from 400 BC and 300 BC China, but we do not and neither do most of the prominent authorities on Taoism. Instead of discussing trance, spirit communication, journeying between earth, heaven, and hell, and totem animals, they emphasize wu-wei, or action through non-action, naturalness, simplicity, spontaneity, and the “Three Treasures” of compassion, moderation, and humility. The dualisms that are fundamental to shamanism are treated in an abstract way foreign to shamanism. Instead of concrete, naïve realism built around sensory experience and the reality of perception, the Tao Te Ching and Chuang Tzu focus on going beyond and beneath appearances and on the integration of opposites. In fact, the concepts in these works are not only foreign to shamanism, but to the mainstream of world religions. They contain no dogma, ritual, belief, prophesy, blessing, divine law, or ecstatic practice, which is why these works are generally referred to as “philosophy” instead of religious texts. However, this is incorrect. It is much more accurate to term them “mystical,” in the sense that mysticism focuses on the apprehension of various types of union and non-duality.

Im 4. Teil bezieht er sich ausgiebig auf Xi Jinpings Autobiographie. Das ist mit einer gewissen Vorsicht zu genießen, da dieser über sich selbst geschrieben hat; dennoch finde ich es beeindruckend. Da klingen für mich deutliche Führungsqualitäten durch, die ich bei westlichen Politikerinnen (mit wenigen Ausnahmen wie Tulsi Gabbard) doch sehr vermisse.
Und die Kriterien, nach denen offenbar Führungskräfte in China ausgewählt werden, haben mich daran erinnert, wie Tom Porter den Auswahlprozess zukünftiger Anführer bei den Haudenosaunee beschreibt:

Wenn in einer Gruppe von Krabbelkindern eines durch Freigebigkeit, Friedfertigkeit und Gemeinschaftssinn hervorsticht, dann ist es mit Führungsqualitäten zur Welt gekommen, und die Clanmütter beobachten es. Spielt es friedlich? Streitet es? Wenn ja, warum? Wenn ein Kind Streit unter Gleichaltrigen schlichtet, dann verhält es sich bereits wie ein Anführer. Hilft das Kind später im Haushalt mit? Hilft es den Alten ungefragt beim Holzmachen und Wasserholen? Das sind Führungsqualitäten. Begegnet er als Teenager und später als Erwachsener Frauen mit Respekt? Als verheirateter Mann soll er seiner Frau treu bleiben, seine Kinder gut behandeln, die Familie materiell gut versorgen und sich für das Dorf einsetzen. Das sind Führungsqualitäten. Wer sich anders verhält, kommt als Anführer nicht in Frage.

Dillard betont, dass anders als z.B. der US-Präsident der Staatspräsident wie auch der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas keine alleinige Befehlsgewalt hat; das eigentliche oberste Entscheidungsgremium ist der Ständiger Ausschuss des Politbüros der Kommunistischen Partei Chinas.

Er weist darauf hin, dass die konfuzianische Ausrichtung auf soziale Normen immer in Gefahr ist, zu einem freudianischen Über-Ich zu werden:

In fact, the Confucian junzi is something akin to the Freudian super-ego, the assimilated or appropriated values of culture, generally internalized social scripts of one form or another which become so embedded in our “nature,” “character,” or “self-definition,” that we think they are who we are. We are, along with Master K'ung and just about every well-meaning teacher, guru, and llama in the history of the world, very likely to confuse internalized, socially scripted priorities with yi because we lack methodologies to differentiate them from our life compass.

Seine Untersuchung, was vermutlich noch Schwachstellen des Konfuzianismus sind, ist für mich im Moment noch gar nicht dran. Da halte ich mich mit Urteilen lieber demütig zurück und arbeite weiter daran, die chinesische Kultur überhaupt erst mal zu begreifen.

Was mir allerdings erst in Teil 4 klar geworden ist: Das früher von mir noch als Horrorvision aufgenommene Social Credit System dient vor allem auch dazu, dass das Volk die Eliten überwachen kann, denn auch deren Taten und Untaten werden darin verzeichnet:

What is required is an increase in the surveillance technologies largely decried by libertarians. However, we can already see how ruling elites have much more to fear from these tools than does the average citizen, because they have so much more to lose. We have a powerful recent example. The video of one policeman choking a black man to death with his knee was sufficient to defund and dissolve the police department of the city of Minneapolis, instigate wide-ranging reforms of police departments in cities across the US, and generate massive increases in oversight by the federal government, enforced by the withdrawal of federal funding. Therefore, it does not take much of a crystal ball to predict that versions of China's “social credit” system are going to become commonplace across the globe. This is because only transparency and accountability motivate sociopaths and corporations with sociopathic characteristics to change their behavior.

Das geht dann wieder deutlich in Richtung Sousveillance, was mir das erste Mal bei David Brin begegnet ist & mich seither als Utopie nicht mehr losgelassen hat.

Übrigens habe ich mich direkt zu der Online-Konferenz Sozialkredit-System in China und Datenkapitalismus im Westen – Herrschaft durch Scoring und datengestützte Simulation von Gesellschaft angemeldet, von der ich eben erst erfahren habe. Das lasse ich mir nicht entgehen!

Uff, das war jetzt ein ganzes Stück Arbeit & musste doch am Ende Stückwerk bleiben. Ich hoffe, mein Beitrag inspiriert euch zu einem frischen Blick auf China.

Nachtrag vom 24.05.: Was der Westen von China lernen kann und sollte vom schon erwähnten Thomas Röper.

Der Kampf der Systeme gegen Länder wie China oder auch Russland hat einen viel banaleren Grund: Die dortigen Regierungen lassen sich von den westlichen Konzernen nichts vorschreiben und machen einfach eine eigene Politik.

Schlimmer noch: Sie lassen sich auch von den eigenen Konzernen nichts vorschreiben. Wenn Putin oder Xi Jingping sich wenigstens nach westlichem Vorbild von den eigene Oligarchen und deren Konzernen nach westlichem Vorbild die Politik aufzwingen lassen würden, könnten die westlichen Konzerne die russischen oder chinesischen Konzerne mit der Zeit übernehmen und sich so den Einfluss auf die Politik der Länder sichern.

Aber China und Russland sind der Meinung, dass der Staat die Regeln vorgeben sollte und nicht die Konzerne. Mehr noch: Sie sind sogar der Meinung, dass die heimische Wirtschaft sich gefälligst zum Wohle des eigenen Landes engagieren sollte.

Nachtrag vom 27.05.: Das Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung hat einen Artikel über Die ökologische Programmatik in China – ein riesiger Aufwand auch für China veröffentlicht.

Nachtrag vom 14.06.: Oh, spannend, das ist im November 2020 an mir vorübergegangen in Fefes Blog:

Und dann noch ein Gedanken zum Notstand: Da gibt es in China auch ein schon in konfuzianistischer Zeit etabliertes Protokoll: Du darfst als lokaler Regent jederzeit (begründet) den Notstand ausrufen, das ist dann mit erheblichen Sonderrechten für die Notstandsverwaltung gekoppelt (die üblicherweise militärisch organisiert ist, auch wenn die Notstände nicht immer Aufstände sind, sondern auch Naturkatastrophen beinhalten).

Aber: Wenn du den Notstand ausrufst, gibst du das Heft aus der Hand. Du hast den Notstand ausgerufen, du bist nicht mehr zuständig, dafür sind jetzt die Experten zuständig, die sich für diesen Notstand vorbereitet haben, und die das auch können — und die drücken anders als der Problemlöser bei Pulp Fiction nicht dir den Putzlappen in die Hand, sondern machen das selber, weil sie wissen, dass du auch so einfache Sachen nicht trainiert hast. Wenn die alles wieder geklärt haben, kannst du auch wieder eingesetzt werden, wenn du den Notstand rechtzeitig ausgerufen hast.

Das verhindert, dass der Notstand unnötig erklärt wird. Es verzögert evtl. das Ausrufen des Notstands (aber dann bist du wirklich weg). Es wird auf jeden Fall von dir erwartet, dass du nach Ausrufen des Notstands deinen Rücktritt anbietest; dieses Angebot wird dann verwehrt, wenn du keine großen Fehler gemacht hast. Der Bürgermeister von Wuhan hat sich ungefähr an das Protokoll gehalten.

Ein Anarchist wird Mitglied einer Partei

2021-05-7

Nachdem ich vor 2 Jahren schon als Anarchist 70 Jahre Grundgesetz gefeiert hatte, bin ich heute das 2. Mal in meinem Leben Mitglied einer Partei geworden, nämlich bei dieBasis, die Basisdemokratische Partei Deutschlands. Auch da gilt, was ich damals zum Grundgesetz schrieb:

Das ist das Schöne daran, dass ich auch innerer Anarchist bin: Ich bin nicht gezwungen, immer und in jeder Situation pauschal jede staatliche Struktur abzulehnen.

Basisdemokratische Grundwerte

Die Grundwerte der Partei teile ich:

  • Freiheit
  • Machtbegrenzung
  • Achtsamkeit
  • Schwarmintelligenz

Wobei ich "Schwarmintelligenz" eher für ein Buzzword halte, das erst noch mit sinnvollem Inhalt gefüllt werden will. Vielleicht ist dieBasis da ja gerade dabei. Sie schreibt dazu

Die Säule der Schwarmintelligenz bedeutet, die Weisheit der Vielen in konkrete Politik zu verwandeln. Oftmals reicht Expertenwissen allein nicht aus, um komplexe, fachübergreifende Themengebiete zu erfassen, denn nur ein aus vielen verschiedenen Perspektiven betrachtetes Problem lässt sich in seiner Gesamtheit erkennen und lösen.

Das klingt auf jeden Fall sinnvoll; das "Wie" wird interessant.

Zwei Punkte haben mich bei dieBasis besonders angesprungen: zum einen hat sich die Partei in ihre Satzung geschrieben, dass Entscheidungen möglichst mit systemischem Konsensieren (SK) getroffen werden. Da habe ich schon mal ein Einführungsseminar bei Adela Mahling mitgemacht & finde es ein durchaus interessantes Entscheidungsverfahren.

Der andere Punkt findet sich in den Grundprinzipien des Rahmenprogramms, bei denen ich direkt an die soziale Dreigliederung im Sinne Rudolf Steiners denken musste.

1.1 Entflechtung des geistig-kulturellen, rechtlichen und wirtschaftlichen Bereichs

Der geistig-kulturelle Bereich, zu dem Bildung, Forschung und Wissenschaft, Medizin, Kultur, öffentlicher Sport sowie die Medien gehören, darf nicht von wirtschaftlichen oder machtpolitischen Interessen bestimmt werden, sondern muss Freiheit und Eigenständigkeit bewahren oder erhalten.

Der rechtliche Bereich der Politik und Rechtsstaatlichkeit regelt das gesellschaftliche Zusammenleben nach den Grundsätzen der Gleichheit und ausgleichenden Gerechtigkeit. Wir setzen uns dafür ein, dass im politischen Leben eine durchgängige, direkte Beteiligung der Bürger durch basisdemokratische Verfahren gewährleistet wird sowie ein einfacher Zugang zur Gerechtigkeit für alle Menschen.

Der wirtschaftliche Bereich beruht auf Zusammenarbeit und Solidarität. Da eine Wirtschaft nur dann zukunftsfähig ist, wenn sie zugleich sozial und ökologisch arbeitet, soll der Staat wirtschaftliche Rahmenbedingungen und steuerliche Anreize festlegen, durch die die wirtschaftliche Tätigkeit dem sozialen und ökologischen Gemeinwohl dient.

Ich habe schon mitbekommen, dass dieser Bezug zur Dreigliederung innerhalb der Partei unterschiedlich stark ist & intern durchaus diskutiert wird.

Übrigens kandidieren neben vielen anderen Sucharit Bhakdi und Wolfgang Wodarg für dieBasis bei der Bundestagswahl.

Neben viel Licht auch Schatten

Mein Parteieintritt war überschattet von einem großen Datenleck – die Mitgliederliste lag ungesichert bei einem externen Dienstleister. Schon zur ersten Stellungnahme der Basis schrieb ich in meinem Telegram-Kanal

In der Stellungnahme fehlt mir der Teil "Sorry Leute, wir haben Scheiße gebaut und sind fahrlässig mit euren Daten umgegangen. Wir geloben Besserung und werden es Hackern in Zukunft erheblich schwerer machen."

Das besserte sich leider nicht mit der zweiten Stellungnahme. Darin schreibt der Vorstand

Für unsere Mitgliederverwaltung wurde ein professioneller Dienstleister für eine Software ausgewählt, der auf dem Markt eine breite Installationsbasis von mehreren 10.000 Kunden hat.

ohne zu erwähnen, um welchen professionellen Dienstleister es sich handelt. Ich wüsste doch gerne, wer meine Mitgliedsdaten außerhalb der Partei verarbeitet, und das geht bestimmt nicht nur mir so.

Der eigentliche Hammer kommt aber noch:

Zusätzlich hatte dieBasis beschlossen, aus Gründen einer erhöhten Sicherheit auf eine Datenspeicherung in der Cloud zu verzichten und stattdessen einen separaten Server bei einem Datenbankbetreiber anzumieten, auf dem die Verwaltungssoftware installiert wurde. Dieser Server wird von einem deutschen Anbieter in Deutschland betrieben.

Ein "separater Server bei einem Datenbankbetreiber" ist nichts anderes als eine Cloud, nur eben in Deutschland statt in den USA. Das nimmt sich aber nicht viel, wie sich ja nun auch prompt gezeigt hat. Auch hier bleibt unklar, um welchen Datenbankbetreiber es sich handelt. Da wünsche ich mir von meiner Partei doch deutlich mehr Transparenz. Hint: Security by obscurity ist eine Scheissidee! (das geht raus an die AG IT)

dieBasis wählen

Davon abgesehen bin ich sehr gespannt darauf, andere Mitglieder kennen zu lernen, und drücke uns alle Daumen, dass dieBasis es in die Parlamente schafft. Die nächste Wahl ist die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. Juni. In Baden-Württemberg kam dieBasis aus dem Stand auf 1% der Stimmen. Das Hauptziel ist natürlich der Einzug in den Bundestag am 26. September.

dieBasis vs. BüSo

Nun schrieb ich ja einleitend, dass ich das 2. Mal in meinem Leben in eine Partei eingetreten bin. Das erste Mal war im Jahr 2001 die Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo).
Eine Gemeinsamkeit ist, dass ich beide Male in einer globalen Krise in eine Partei eingetreten bin; 2001 war es im Zuge der geplatzten Dotcom-Blase. Da enden die Gemeinsamkeiten aber auch schon fast.

Zwar sind sowohl die BüSo als auch dieBasis Kleinparteien, die BüSo war aber schon damals eine "etablierte" solche und erfahren im Politikgeschäft. Damit bewegte sie sich zugleich auch auf eingefahrenen Bahnen. dieBasis gibt es erst seit wenigen Monaten, und sie macht vieles anders als etablierte Groß- wie Kleinparteien. Davon hatte ich ja schon geschrieben.

Ein weiterer Unterschied ist die Haltung, mit der ich eingetreten bin. Bei der BüSo war ich noch einigermaßen unbedarft, was die große Politik angeht. Die Anschläge vom 11. September 2001 gaben mir einen richtigen Kick, wie ich im Rückblick schrieb:

Nach dem 11. September hielt ich es für so dringlich wie nie zuvor, die Menschheit vor dem Untergang zu bewahren. Erst die Anschläge brachten mich dahin, an Bücherständen zu "organisieren", wie es im BüSo-Jargon heisst. In dieser heissen Phase war ich wohl am überzeugtesten vom Programm der Partei.

Auch wenn ich die Corona-Krise durchaus ernst nehme, habe ich mich in der Zwischenzeit von allen Patentrezepten verabschiedet, wie die BüSo eines vertrat und vertritt. Basis-Mitglied bin ich deshalb vor allem aus Neugier geworden, und weil ich Lust habe diese neuartigen politischen Strukturen mit aufzubauen. Dabei habe ich keine Sorge, dass die Welt untergeht, falls das nicht klappen sollte. ;-)

Anders als die Piraten ist dieBasis nicht mit einem Nischenthema angetreten, weshalb ich ihr auch bessere Chancen einräume, zu einer gesellschaftlichen Kraft zu werden.

Machtbegrenzung in der Partei – mein Anarcho-Spagat

Und als (innerer) Anarchist bin ich sehr gespannt, wie sich die Säule der Machtbegrenzung in der Basis bewährt. Der Erste Hauptsatz des Anarchismus lautet bekanntlich

Macht korrumpiert.

Mitgründer Alexander Harm schreibt Vielversprechendes über die Säule Machtbegrenzung, für die er im Bundesvorstand den Hut aufhat. Das Buch Power: A User’s Guide von Julie Diamond sollte Pflichtlektüre in der Partei sein. An dieser Stelle verlinke ich daher den Text Rang und Privilegien in einer Nussschale mit weiteren Lesetipps am Ende.

Ach, und falls du keine Lust auf Parteimeierei hast, dich aber dennoch für einen vernünftigen Umgang mit Corona engagieren willst, dann schau doch mal in den Beitrag Gesellschaftliche Gruppen gegen autoritäre Corona-Maßnahmen.

Nachtrag: Als selbst gewählten Mitgliedsbeitrag überweise ich der Basis monatlich 42 €, denn sie sucht nach der Frage. ;-)

Mein entgoogeltes Fairphone3+

2021-04-22

Einem ziemlich spontanen Impuls folgend habe ich mir ein Fairphone3+ bestellt, um darauf endlich noch weitere Messenger installieren zu können. Auf dem Uralt-Motorola, das ich bisher benutzt hatte, war dafür nämlich der Speicherplatz zu knapp. Das Fass zum Überlaufen gebracht hatten die letzten Entwicklungen bei Signal.

Google-freie Zone

Da ich schon länger in eine solche Richtung gedacht hatte, war auch der Plan schon lange klar, dieses Gerät dann gemäß der Anleitung von Mike Kuketz zu entgoogeln. Warum das eine empfehlenswerte Sache ist, zeigt z.B. mein Beitrag Alle hacken auf Facebook rum, dabei sammelt Google ein Vielfaches an Daten.

Das fing ich mit großem Elan an, wobei ich für die Installation von LineageOS mich an die Anleitung im LineageOS-Wiki für das Fairphone 3 halten musste. Die wiederum verweist auf die Fairphone-Dokumentation Manage the bootloader of your FP3/FP3+.
Die Images für Recovery sowie das eigentliche LineageOS findest du bei den Builds for FP3.

Ein erstes Hindernis auf dem Weg

In dieser Bootloader-Unlocking-Anleitung bin ich erst mal hängen geblieben daran, dass adb devices partout das Fairphone nicht anzeigen wollte.
Dabei waren ADB und fastboot auf Gentoo richtig installiert. Daran lag es also schon mal nicht.

Als nächstes verdächtigte ich möglicherweise fehlende Kernel-Optionen, doch auch in der Richtung fand ich keine Lösung.

Der nächste Hinweis verwies mich auf ggf. fehlende (e)udev-Regeln. Bei meiner Suche fand ich dabei android-udev-rules/51-android.rules bei GitHub, wo allerdings das Fairphone3 noch gar nicht drinsteht. Auch eine händisch eingetragene Regel mit der passenden Hersteller-ID brachte keinen Erfolg.

In einem Gentoo-Foreneintrag fand ich noch den Hinweis, dass frau mit ADB_TRACE=all den adb-Befehl gesprächiger machen kann. Aus der Ausgabe wurde ich allerdings überhaupt nicht schlau.

Erst ein Beitrag im Fairphone-Forum brachte den entscheidenden Hinweis. Dort schrieb nämlich jemand von den zwei Einstellungen, die frau auf dem Fairphone machen muss für eine adb/fastboot-Verbindung. Meine Frage welche beiden Einstellungen das sind, wurde nur eine Stunde später im Forum beantwortet – nach dem Aktivieren des Debug-Modus (was frau ohnehin tun muss, um den Bootloader zu entsperren) muss auch noch das USB-Debugging aktiviert werden. Das hatte ich nicht gemacht; es steht allerdings auch nicht in der Bootloader-Unlocking-Anleitung.

Von da an galt der alte Spruch "Kaum macht man's richtig, funktioniert's!"

Root-Zugriff und Firewall

Da ich mich an die Fairphone3-Anleitung von LineageOS gehalten habe, habe ich als Recovery-Image anders als Mike Kuketz nicht TWRP genommen, sondern das Recovery-Image von LineageOS. Mal sehen ob das langfristig irgendwelche Nachteile mit sich bringt; bisher habe ich keine entdeckt.

Die nächste kleine Abweichung von der Anleitung von Mike Kuketz ist, dass seit Version 22 Magisk und der Magisk Manager in einer APK-Datei zusammengefasst sind. Trotzdem musste ich die APK auf dem Gerät noch mal runterladen und installieren, um das Programm zum Laufen zu bekommen.

AFWall+ ist echt ein komplexes Stück Software, das sich mir wohl erst mit der Zeit erschließen wird. Und an dieser Stelle muss ich doch mal sagen, dass ich nicht ganz so paranoid wie Mike Kuketz bin…

Play Store-Apps ohne Google

Von den beiden Varianten Aurora Store oder Yalp Store (zum Installieren von Apps aus dem Google Play Store) habe ich mich für ersteren entschieden, weil Yalp im Januar 2019 das letzte Mal aktualisiert wurde.

Den Messenger Threema kann frau auch im hauseigenen Threema Shop kaufen und runterladen. Das ist auch gut so, denn der Versuch, es über Aurora im Play Store zu kaufen, ist fehlgeschlagen. Dazu hatte ich extra einen neuen Google-Account eingerichtet und mit meinem PayPal-Konto verknüpft. Das hätte ich mir wohl sparen können.

Dateitransfer mit MTP

Scheinbar funktionierte zunächst der USB-Dateitransfer nicht, das war aber Unwissenheit meinerseits. Denn Android-Geräte stellen ihr Dateisystem mittels MTP zur Verfügung. Komplexere Desktopumgebungen wie KDE oder GNOME können von Haus aus damit umgehen, da ich aber auf das schlanke LXDE setze, musste ich erst noch recherchieren und dabei lernen, bis ich nun erfolgreich Dateien zwischen Gentoo Linux und dem entgoogelten Fairphone hin- und hertransferieren kann.

Dabei war mein erster Anlauf MTPfs, auch weil im Gentoo-Wiki dazu steht "More mature than some of the alternatives". Das war für mich als konservativ werdenden IT-Nerd erst mal ein Grund, es zu benutzen. Es zeigte allerdings ein seltsames Verhalten: Zwar konnte ich durch die Verzeichnisstruktur des Fairphones navigieren, es wurden allerdings keine Dateien angezeigt. Als ich probehalber eine Datei vom Rechner aufs Fairphone kopierte, kam eine Fehlermeldung. Beim zweiten Versuch wurde ich dann gefragt, ob ich die vorhandene Datei überschreiben will. Das Kopieren hatte offensichtlich doch geklappt, aber auch die neu kopierte Datei wurde nicht angezeigt.

So was ist natürlich nicht praxistauglich, deshalb war mein nächster Versuch dann ein Volltreffer: go-mtpfs. Mit in Go geschriebenen Programmen habe ich bisher nur gute Erfahrungen gemacht (z.B. mit dem Backup-Tool restic), und auch dieses bestätigt das; es tut einfach was es soll.

Bei der Gelegenheit stellte ich dann auch fest, dass "more mature" im Falle von MTPfs heisst, dass es im Jahr 2016 das letzte Mal aktualisiert wurde… Da liegen ja nun doch einige Android-Versionen dazwischen.

Betriebssystemeinstellungen

Im 8. und letzten Teil der Serie geht Mike Kuketz auf ein paar Einstellungen von LineageOS ein, die standardmäßig immer noch Daten an Google & Co. weitergeben. Davon betreffen mich die meisten allerdings gar nicht, da ich auch das Fairphone nur in WLANs und nicht mit mobilem Internet nutze.

Von dem angesprochenen WLAN-Tracking habe ich das erste Mal bei dieser Gelegenheit erfahren. Auch das betrifft mich allerdings nicht, da ich mein Smartphone, wenn ich es irgendwohin mitnehme, unterwegs komplett ausschalte.

Mangels mobiler Internetverbindung läuft dementsprechend auch das SUPL ins Leere.

Die Telefon-App kann ich tatsächlich nutzen, indem ich eine freie Nebenstelle unserer neuen VoIP-Telefonanlage eingerichtet habe. So habe ich Festnetz auf dem Smartphone. 😜

Bluetooth und NFC schalte ich nur bei Bedarf ein (wobei ich bisher noch nie NFC-Bedarf hatte), das spart nebenbei auch noch Strom.

Neue Apps

Ob ich die App Shelter tatsächlich benutzen werde, um besonders datenhungrige Apps in einen Sandkasten zu sperren, bin ich mir nicht sicher. Vorerst habe ich sie mir nur installiert.

Der Werbeblocker AdAway tut bisher, was er soll, & das auf jeden Fall zuverlässiger als Blokada auf dem alten Smartphone. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass AdAway im Root-Modus grundsätzlich einfacher und damit stabiler funktioniert als Blokada, das sich als lokales VPN in den Datenverkehr einklinkt. AdAway modifiziert einfach die lokale /etc/hosts (es hat allerdings auch einen Nicht-Root-Modus als VPN). Nicht-Powerusern empfehle ich weiterhin Blokada.

Apps aus dem F-Droid-Store

Die meisten Apps habe ich mir aus dem F-Droid-Store installiert. Für mich neu sind dabei die folgenden (Stand heute):

  • Der anonym nutzbare Peer-to-Peer-Messenger Briar
  • Der föderierte Messenger Element (bisher habe ich dafür allerdings noch keinen Account)
  • Die Jitsi Meet-Android-App
  • Beim Stöbern begegnete mir auch die Peer-to-Peer-Videochat-App Jami, die ich bisher aber nur installiert und noch nicht ausprobiert habe; auch mangels Kommunikationspartnern – wenn du auch Jami nutzt, dann melde dich doch mal bei mir
  • Statt Google Maps nutze ich nun zum Navigieren OsmAnd~, das geht auch offline
  • Auf die Inhalte von YouTube will ich nicht verzichten, die sind auf meinem Fairphone nun in der App NewPipe verpackt
  • Mit der zusätzlichen Tastatur Simple Keyboard bin ich einer der Android-App-Empfehlungen von Mike Kuketz gefolgt; zwei verschiedene Tastatur-Apps zu haben, erweist sich als durchaus praktisch – die Standard-Tastatur von LineageOS hat nämlich keine Zeile mit Ziffern oben, während sich das bei Simple Keyboard einschalten lässt; dafür hat Simple Keyboard keine Autovervollständigung. Im Alltag nutze ich daher die mitgelieferte LineageOS-Tastatur, für die Eingabe meiner 20stelligen Zufallspasswörter Simple Keyboard.
  • als zusätzlichen Browser habe ich mir erst mal Fennec installiert, vielleicht später auch noch Privacy Browser
  • auch beim Editor bin ich der Empfehlung gefolgt

Apps aus dem Play Store via Aurora Store

Zunächst mal habe ich festgestellt, dass ich bei dieser Lösung selber regelmäßig im Aurora Store nachschauen muss, ob es Updates für darüber installierte Apps gibt.

Installiert habe ich auf diesem Wege ein paar der bisher auch schon genutzten Android-Apps. Dabei funktionierten die alle bis auf DiscourseHub, das auf LineageOS mangels Google Play-Diensten nicht zum Laufen zu kriegen ist. Sei's drum, das kann ich bei Bedarf auch einfach im Browser benutzen.

Wieder installiert habe ich den Messenger Wire, bei dem ihr mich wieder unter dem altbekannten Benutzernamen iromeister findet.

Ansonsten habe ich mir die Soundcloud-App neu installiert, die passte auch aus Speicherplatzgründen nicht auf mein Uralt-Smartphone. Soundcloud meckert zwar auch über fehlende Google-Play-Dienste, ich konnte allerdings bisher noch nichts finden, was deshalb nicht funktionieren würde.

Apps aus anderen Quellen

Das ist bisher nur der Messenger Threema, siehe oben. In der kurzen Zeit bin ich dort immerhin schon mit vier Menschen vernetzt. Der erste Eindruck ist durchaus vertrauenerweckend: ich kann Threema komplett anonym verwenden, jede Nutzerin bekommt eine Threema-ID, die zwar mit einer Handynummer oder einer E-Mail-Adresse verknüpft werden kann, aber nicht muss.
Ein kleiner Wermutstropfen für mich ist, dass es keinen Desktop-Client von Threema gibt. Aber wer WhatsApp Web kennt, wird ohne Probleme mit Threema Web zurecht kommen.
Von Drittanbietern gibt es zum einen ceema als Plugin für Pidgin sowie das eigenständige Programm openMittsu. Beide habe ich noch nicht ausprobiert.
Allerdings wird das ohnehin nicht so komfortabel wie mit dem Signal-Desktop-Client sein, denn bei Threema kann eine ID immer nur mit einem Gerät verknüpft werden. Frau muss also als Workaround jedes Mal eine eigene Gruppe einrichten, um von verschiedenen Geräten aus zu kommunizieren.

Vorläufiges Fazit

Da kann ich mich Mike Kuketz voll anschließen, der in seinem Fazit zur Artikelserie schreibt

Die Wiedererlangung der Datenhoheit im Android-Universum ist kein Ziel, das sich mal eben so an einem freien Wochenende erreichen lässt. Der Weg zu mehr Selbstbestimmung ist steinig und voller unvorhersehbarer Stolpersteine. Aber die Mühe lohnt sich – auch wenn ein »blinder Fleck« bleibt. Denn sobald ihr Daten mit anderen Menschen austauscht, sei es über E-Mail oder Messenger, so gibt es schlichtweg keine Garantie, dass die übermittelten Daten vom Empfänger sensibel behandelt werden oder nicht direkt nach Erhalt in der Microsoft-Cloud landen bzw. die Kontaktdaten via Google-Konto synchronisiert werden.

Einige meiner Stolpersteine und wie ich sie überwunden habe, habe ich oben beschrieben. Ich finde, das Ergebnis kann sich bisher sehen lassen, und werde euch auf dem Laufenden halten, wie mein Leben mit dem entgoogelten
Fairphone weitergeht.

Nachtrag: Mein erstes LineageOS-Update habe ich gerade erfolgreich absolviert. Dabei tat sich zwar auf dem Gerät nichts mehr, nachdem ich auf "Neustart" gedrückt hatte und es heruntergefahren war. Allerdings konnte ich wieder auf einen unschätzbaren Vorteil des Fairphones zurückgreifen und den Akku kurz rausnehmen und wieder einlegen, danach ging es wunderbar weiter.
Diese LineageOS-Updates kommen offenbar wöchentlich,was aus Sicherheits-Gesichtspunkten auf jeden Fall ne gute Sache ist.

Nachtrag vom 06.06.: Mein nächstes Fairphone werde ich vermutlich mieten statt kaufen.

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