Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Keine Patentrezepte mehr

2017-04-25

Ich möchte an dieser Stelle mal deutlich kund tun, dass ich keinen Bock auf Patentrezepte habe. Damit meine ich Welterklärungsversuche nach dem Schema "Wir müssen nur [xyz], dann wird alles gut." Von denen sind mir in meinem Leben schon genug begegnet:

Damit meine ich jetzt nicht, dass das schlecht ist, was die jeweiligen Leute fordern. Mir geht es um diese Ausschließlichkeit. Ich finde es z.B. sehr sinnvoll, sich gemeinschaftlich die Produktionsmittel anzueignen. Nur ist dann eben noch lange nicht alles gut, allein schon, weil das Leben nicht nur aus Produzieren besteht, sondern auch aus Spielen, für Kinder, Alte, Kranke & füreinander sorgen, Singen, Schlafen, Träumen, ekstatischem Sex, Kuscheln, Baden im Sommer & Skifahren im Winter (das nur als kleine Auswahl).

Deshalb lasst uns doch all diese wichtigen & wertvollen Aufgaben als Mosaiksteine des Guten Lebens betrachten, die alle dafür gebraucht werden, & keiner ist wichtiger als die anderen.

Nur auf diese Weise können wir Allianzen zwischen all diesen Ansätzen bilden. Allzu oft zerfleischen sich Gruppierungen, die jede für sich genommen gute Sachen machen, im Streit, wessen Anliegen nun das Wichtigere und/oder Dringendere sei. Dabei sind die wie gesagt alle wichtig, & ich finde es toll, was die Leute alles so auf die Beine stellen. Nur, weil ich meine begrenzte Lebenszeit nur begrenzt wenigen Anliegen widmen kann, liegen die anderen mit ihren Anliegen doch nicht automatisch falsch.

Fabian Scheidler bringt das im letzten Kapitel von Das Ende der Megamaschine unter der Überschrift "Revolution ohne Masterplan" gut auf den Punkt:

Der Ausstieg aus der Großen Maschine bedeutet eben auch einen Abschied vom universalistischen Denken, das – von der christlichen Mission bis hin zum Projekt des Weltkommunismus – den Anspruch auf die eine Wahrheit und die eine Vernunft erhoben hat (vgl. Kapitel 5). Das Fehlen eines Masterplans nach diesem Muster ist kein Manko, sondern ein Lernfortschritt aus den Desastern der vergangenen Jahrhunderte.

Da möchte ich noch ergänzen: Auch die Vorstellung, dass irgendwann alles gut wird, gehört zu diesem universalistischen Denken. Das Leben ist ein Fluss, das weiss auch Thomas D:

Wie geht abhängig sein ohne Zwang?

2017-04-21

Die letzten Tage lag ich mal wieder krank im Bett, heute bin ich wieder so langsam auf den Beinen. Solche Krankheitszeiten bergen oft Inspirationen für mich, so auch dieses Mal.
Mir scheint nämlich die Titelfrage sehr wesentlich, was ich bisher noch nicht so auf dem Schirm hatte. Mein Denken mäandrierte allerdings schon lange da drum herum, so z.B. im Beitrag Bedürfnisse/Bedürftigkeit, brauchen und frei sein.

Gehen wir mal davon aus, dass wir als Mitglieder dieser Welt der Erscheinungen nicht darum herumkommen, von anderen abhängig zu sein.
(Ich sage manchmal nur halb scherzhaft, dass ich total sauerstoff-abhängig bin…)

Dann stellt sich natürlich die Frage, wo bleibt da noch die individuelle Freiheit? Im Nachdenken über Vipassana hatte ich diese schon mal als den Abstand zwischen Reiz und Reaktion definiert.

Unsere heutige Fragestellung führt mich zu der Antwort: meine Freiheit besteht darin, dass ich (in Grenzen) wählen kann, von wem oder was ich mich abhängig mache, und dass ich diese Wahl im Laufe meines Lebens ändern und mich von alten Abhängigkeiten lösen kann, um mich wieder von anderen abhängig zu machen.
Letzteres ist ja das herausragende Merkmal der Freien Kooperation – die Freiheit, aus der Kooperation wieder aussteigen und eine andere wählen zu können.

Im Beitrag über Bedürfnisse/Bedürftigkeit, brauchen und frei sein schrieb ich:

Vielleicht habe ich in meinem Artikel Eine neue Kultur schon die Antwort gegeben, die in der Freiwilligkeit liegt. Denn auch wenn Bedürfnisse eine Grundlage der Gewaltfreien Kommunikation sind, ist Freiwilligkeit eben die zweite Grundlage. Ein Bedürfnis ist kein Grund, sich selbst oder jemand anderen zu etwas zu zwingen. Ich kann nur bitten, und mein Gegenüber (oder auch ich selbst) kann mit Ja oder Nein antworten & beides ist in Ordnung.

In einer Kultur, die auf Bedürfnissen und Freiwilligkeit beruht, wäre die Frage zu aller Zufriedenheit beantwortet. Doch wie kommen wir dort hin? Und wie erhalten wir diese Kultur, denn es besteht immer das Risiko, dass sich Herrschaft wieder einschleicht?

Jede Abhängigkeit macht mich erpressbar (vgl. auch meine Theorie der strukturellen Weltverschwörung). Doch zum Erpressen gehören immer zwei: Eine, die erpresst, und einer, der sich erpressen lässt. Über letztere Rolle habe ich ausführlich im Beitrag über das Gehorchen geschrieben.
Abhängigkeiten lassen sich in der Sprache der Prozessarbeit auch als Rang-Gefälle beschreiben. Wenn A von B abhängig ist, hat B in dieser Beziehung einen höheren Rang als A. Nun zeigt die Erfahrung, dass B sich dessen in der Regel nicht oder kaum bewusst ist, und da liegt ein Hauptgrund für unseren menschlichen Schlamassel.

Das beste Beispiel dafür sind wohl Eltern und generell Erwachsene, die sich ihres in vielerlei Hinsicht wahnsinnig hohen Rangs gegenüber einem Baby oder Kleinkind wahrscheinlich nur in Ansätzen überhaupt bewusst werden können. Jeder Mensch wird in eine Welt hineingeboren, die von den bereits Lebenden und deren Vorfahren längst fertig so eingerichtet wurde (siehe die Geschichte von den drei Bären).

Es liegt also an uns allen, immer wieder unsere Privilegien zu checken, damit wir diese nicht gegen andere Wesen ausnutzen, die von uns abhängig sind (schon mal nachgeschaut, wie viele Sklaven für dich arbeiten?). Und auf der anderen Seite gilt es, immer wieder zu überprüfen, ob meine eigenen Abhängigkeiten es wert sind, mich zu irgendetwas zwingen zu lassen.
Bei beidem hilft es, die eigene Selbstwichtigkeit zu verlieren. more

Westliche Migranten

2017-04-10

Seit kurzem lese ich The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order von Samuel Huntington, das wirklich eine Fülle von Hintergründen zur aktuellen Weltlage liefert. Vor allem sehr interessant, was er damals 1996 schon alles gesehen hat, was sich in der Zwischenzeit bewahrheitet hat (böse Zungen behaupten, das Buch sei eine Vorlage der US-amerikanischen Außenpolitik samt ihrer Geheimdienste, was allerdings nicht damit zusammenpasst, dass es einen gewissen Niedergang des Westens und der USA vorhersagt). Das Buch gibt es auch auf Deutsch unter dem Titel Kampf der Kulturen.
Im achten Kapitel fiel mir gerade wie Schuppen von den Augen, dass die neuzeitliche Völkerwanderung im Grunde als das Zurückschwappen einer Welle von Menschen betrachtet werden kann, die über Jahrhunderte hinweg in die andere Richtung sich bewegt hatte. Huntington schreibt:

Between 1821 and 1924, approximately 55 million Europeans migrated overseas, 34 million of them to the United States. Westerners conquered and at times obliterated other peoples, explored and settled less densely populated lands. The export of people was perhaps the single most important dimension of the rise of the West between the sixteenth and twentieth centuries.

Ich übersetze mal: "Zwischen 1821 und 1924 sind ungefähr 55 Millionen Europäer nach Übersee ausgewandert, davon 34 Millionen in die Vereinigten Staaten. Westler eroberten andere Völker und rotteten diese manchmal aus, sie erkundeten und besiedelten weniger dicht bevölkterte Länder. Der Export von Menschen war vielleicht die wichtigste einzelne Dimension des Aufstiegs des Westens zwischen dem sechzehnten und dem zwanzigsten Jahrhundert."

Klar, Kolonialismus funktionierte nicht so, dass da ein paar versprengte Europäer nach Amerika, Afrika und Asien gefahren sind und dort andere Völker unterjocht haben. Millionen von Europäern sind dorthin ausgewandert, haben sich niedergelassen und ganz selbstverständlich an ihrer Kultur festgehalten, die sie für weit überlegen hielten.

Und wir regen uns jetzt über muslimische Einwanderer auf, die das Gleiche tun? Hmm…

Was die USA angeht, da war doch was. Und nicht zu vergessen der Sklavenhandel, vgl. The Trans-Atlantic Slave Trade Database.

Wetiko anpirschen

2017-03-20

Vor kurzem habe ich ein neues Wort gelernt, aus der Sprache der Cree bzw. der Algonkin: Wetiko oder auch Wendigo. Es beschreibt das Wirken der Megamaschine als eine Art geistiges Virus, ein Mem. Und es ist ein anderer Name für die Gedankenform, die ich nach der Lektüre von Christoph Türcke als "Schuld" bezeichnet hatte. Im Kern von Wetiko steckt die Illusion des Getrenntseins, von der ich hier schon viel geschrieben habe.

Den ersten Kontakt mit diesem indianischen Konzept hatte ich durch den Artikel Seeing Wetiko: On Capitalism, Mind Viruses, and Antidotes for a World in Transition. Dieser wiederum bezieht sich auf ein Buch von Jack D. Forbes und Artikel sowie ein anderes Buch von Paul Levy. Die Autoren des Seeing Wetiko-Artikels betreiben auch eine gleichnamige Website.

Im Artikel schreiben sie, dass der Kern, sozusagen die DNA des Wetiko-Virus, im "globalen Betriebsssystem" der Megamaschine verankert ist. Dazu gehört natürlich das Konzept des homo oeconomicus in der Mainstream-Wirtschaftstheorie. Vergleiche auch die Filme von Lutz Dammbeck oder von Adam Curtis. Die Autoren des Wetiko-Artikel prägen dafür das treffende Wort verteilter Faschismus (distributed fascism).

Das Wirken der Megamaschine als eine geistige Infektionskrankheit zu betrachten, hat einen großen Vorteil: Niemand wird als "böse" deklariert. Die Menschen, die den Kapitalismus propagieren und vorantreiben, sind krank und bedürfen der Heilung, sie sind keine bösen Menschen. Und: es gibt auch fast keine "Guten" in diesem Sinne, denn wir alle, die wir Teil der Wetiko-Kultur sind, sind ebenfalls infiziert, wenn sich die Krankheit bei manchen vielleicht auch schwächer ausprägt. "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein". Schon Jack D. Forbes schrieb, dass sich Wetiko z.T. auch von dem Widerstand gegen es ernährt. Dagegen auf herkömmliche Weise ankämpfen, indem man z.B. die Eliten köpft wie in der Französischen Revolution, funktioniert also nicht nur nicht, sondern bewirkt das Gegenteil. Das ist auch logisch, denn gegen etwas kämpfen folgt der Logik der Trennung, die es ja gerade zu überwinden gilt, um Wetiko zu schwächen. Alles gehört dazu.
Sie empfehlen übrigens das Schenken als eine Maßnahme, um Wetiko zu überwinden. Das wirkt auf jeden Fall, denn Wetiko will, dass wir immer auf unseren unmittelbaren Vorteil bzw. Nutzen achten.

Später las ich dann noch einen ins Deutsche übersetzten Artikel von Paul Levy, "Wetiko": Die größte Epidemie, die der Menschheit bekannt ist, der meine ursprüngliche Begeisterung wieder dämpfte. Es lässt sich mit dem Konzept von Wetiko, wie mit jedem Konzept, auch Schindluder treiben, bzw. es lässt sich über-treiben. Das tut m.E. Paul Levy, allein schon dadurch, dass er mit dem Wort "Wetiko" auch Menschen bezeichnet, die damit infiziert sind. Auf diese Art dämonifiziert er solche Menschen und führt durch die Hintertür doch wieder das Böse ein, das es auszurotten gilt. Im Endeffekt fällt er selber auf das Teile-und-Herrsche-Prinzip von Wetiko hinein.
Dennoch finde ich seinen Hinweis auf den Räuber bzw. Flieger, von dem Don Juan Matus berichtet, und auf die Archonten aus der Gnostik bedenkenswert. Bei Castaneda bin ich noch gar nicht so weit, gerade erst bei "Die Kunst des Träumens", & entsprechend gespannt.

In der Folge wurde mein Denken über Wetiko assoziativer, & die erste Assoziation war das Monster aus der chinesischen Sage, das ich bei Charles Eisenstein entdeckt hatte. Interessant auch die Verbindung zum Komplex aus der Jungschen Psychologie. Dabei handelt es sich um "eine assoziative und psychoenergetische Einheit von Bildern und Vorstellungen, Gefühlen und Gedanken". Das moderne Konzept des Mems könnte man als eine Art Update oder zumindest Neuauflage, vielleicht auch Verwässerung davon betrachten.

Sätze wie dieser haben dazu beigetragen, dass ich den Text doch bis zum Ende durchlas:

Unsere wahre Macht kommt dann, wenn wir unsere Schuld und Mittäterschaft an diesem Prozess erkennen und unsere Verantwortung annehmen, wodurch wir unsere Fähigkeit aktivieren, darauf zu reagieren - was uns die Kraft verleiht, uns anders zu entscheiden und die Dinge zu verändern.

Was gegen diese geistige Infektionskrankheit hilft, ist Bewusstsein darüber. In den Worten Don Juans: Wetiko anpirschen. In diesem Punkt sind sich Paul Levy und die Autoren von Seeing Wetiko einig. Makelloses Handeln mag Wetiko überhaupt nicht.
Ein Aspekt von Wetiko ist die Selbstwichtigkeit, die mich nun schon lange beschäftigt.

Weitere Assoziationen zu den Texten:

Die Rekultivierung unseres Lebens trägt auch dazu bei, Wetiko zu schwächen, wohingegen die Blockchain auf "mehr desselben", sprich "mehr Wetiko, weniger Menschlichkeit" deutet. Die Geschichte der menschlichen Bewusstseinsentwicklung, die ich im Beitrag Don Juan Matus, Martin Buber, Spiral Dynamics und die Megamaschine wiedergebe, lässt sich auch als stetige Ausbreitung des Wetiko-Virus beschreiben.

Statt durch ein geistiges Virus lässt sich die Ausbreitung der Megamaschine auch durch massenhafte Traumatisierung erklären. So geht z.B. Christoph Türcke vor. In eine ähnliche Richtung gehen Arno Gruen und Olaf Jacobsen (letzterer im Buch Die Kriegs-Trance), wobei diese beiden ohne die Annahme einer Gedankenform auskommen. Der Buddhismus wiederum spricht von drei Geistesgiften oder Kleshas (Verlangen, Abneigung und Unwissenheit). Wikipedia definiert diese folgendermaßen:

Kleshas sind bestimmte Strukturen, Muster und Kräfte im menschlichen Geist, die die Wahrnehmung und die Handlungsweise des Menschen steuern und ihn immer wieder in Situationen bringen, die leidvoll erfahren werden.

Ob es sich bei den Kleshas um Gedankenformen handelt oder nicht, bin ich gerade überfragt. Kann von euch jemand weiterhelfen?

Auch an Robert Anton Wilsons Aussage aus "Der neue Prometheus", "dass es rivalisierende Programmierer-Banden mit radikal unterschiedlichen Zielen für die Entwicklung der Menschheit gibt", musste ich denken.

Die Ausbreitung der Wetiko-Logik ließ mich wiederum an die Luhmannsche Systemtheorie denken: ein System ist zuallererst darauf aus, sich selbst zu erhalten.

Letztlich kann ich Wetiko also als eine neue, zusätzliche Beschreibung von Phänomenen nehmen, mit denen ich mich schon lange beschäftige. Diese Beschreibung fügt eine weitere Perspektive hinzu, nicht mehr, nicht weniger.

Heimat

2017-03-9

Am Wochenende gehe ich zur Strategiewerkstatt der Bewegungsstiftung, & einem spontanen Impuls folgend habe ich deshalb eben das Buch Webs of Power von Starhawk noch mal in die Hand genommen, das seit Jahren zur Hälfte gelesen in meinem Regal steht.
Darin hat mich das Kapitel Our Place in Nature kalt erwischt (zu deutsch "Unser Platz in der Natur"). Schlagartig kam das Gefühl wieder, das ich schon im Beitrag Wir ziehen uns buchstäblich selbst den Boden unter den Füßen weg beschrieben hatte. Und mir fiel auch gleich dazu ein, wie Fabian Scheidler im 4. Kapitel von Das Ende der Megamaschine die aus traumatischem Erleben entspringenden apokalyptischen Vorstellungen beschreibt:

Ist das Leben in einer intakten (nicht traumatisierten) Gemeinschaft bestimmt von wiederkehrenden Rhythmen und dem Wechsel der Generationen, in dem sich das Leben stets erneuert, so wird dieser Kreis durch traumatische Erfahrungen zerbrochen: Die Menschen sind nicht mehr in der Lage, sich als Teil eines sinnvollen und im Prinzip gutartigen überindividuellen Zusammenhangs zu sehen, sie sind dissoziiert, herausgerissen aus den Kreisläufen der Natur, der Gemeinschaft und des Kosmos. Alles, was ihnen bleibt, um der Verwüstung der Gegenwart etwas entgegenzusetzen, ist die Vision von einer Zukunft, in der alles anders wird, in der die gegenwärtige kaputte Welt durch eine ganz neue Welt ersetzt wird. Die Fixierung der westlichen Zivilisation auf die Zukunft, sei sie im Himmel oder auf Erden, hat ihren Ursprung in einer umfassenden kollektiven Traumatisierung, in der die Menschen aus allen Sinnzusammenhängen der Gegenwart herausgerissen wurden. […]

Der moderne Fortschrittskult ist eine Variante der daraus folgenden apokalyptischen Grundverfassung. Wem ständig der Boden unter den Füßen weggezogen wird, der kann nur rennen, um neuen festen Grund zu erreichen.

Die folgenden Sätze von Starhawk haben mich so angerührt, dass ich nun diesen Beitrag schreibe:

If we are going to create a new political/economic/social system, one that truly cares for the environment and for human beings, we may need to become indigenous again, to find at least one spot on the earth we can know intimately.

Ich übersetze mal: "Wenn wir ein neues politisches/wirtschaftliches/soziales System schaffen wollen, eines, das wahrhaftig für die Umwelt und für menschliche Wesen sorgt, braucht es dafür vielleicht, dass wir wieder eingeboren werden, dass wir mindestens einen Flecken auf der Erde finden, den wir intim kennen".

Aus diesem Grund habe ich das deutsche Wort Heimat als Überschrift gewählt, denn für mich verkörpert es genau das.

Jetzt habe ich gerade wieder die Musik aus dem Beitrag Meine Wurzeln im Osten angemacht.

Starhawk schreibt, dass die Wilderness Awareness School empfiehlt, sich einen Platz in der Natur zu suchen, den man jeden Tag für eine Weile aufsucht.

When we begin this practice, we can begin to understand something of what it means to be bonded to a place. The dominant culture has no word for true understanding of this bond. It stresses attachment to people, to family, lovers, and mates as well as attachment to things, to property and commodities and the money that allows us to buy them. Connection to place is seen as unimportant, a sort of aesthetic thing, but really, one place is as good as another.

"Wenn wir mit dieser Praxis anfangen, können wir beginnen etwas davon zu verstehen, was es heißt, an einen Platz gebunden zu sein. Die vorherrschende Kultur hat kein Wort für ein wirkliches Verständnis dieser Anbindung. Sie betont die Bindung an Menschen, an die Familie, Geliebte und Partner sowie das Anhaften an Dinge, an Eigentum und Waren und an das Geld, das uns erlebt, diese zu kaufen. Verbindung zu einem Ort wird als unwichtig angesehen, eine Art ästhetisches Ding, aber in Wirklichkeit ist ein Ort so gut wie jeder andere."

Nebenbei wird mir jetzt erst klar, wie hohl Nationalismus und Patriotismus sind. Sie haben nichts mit tatsächlichen Flecken Erde zu tun, sind rein gedankliche Konstruktionen. Hier geht es um das ganze Gegenteil von "völkischem" Gedankengut; genau genommen gar nicht um Gedankengut.

Starhawk zitiert eine Frau der Okanagan:

We also refer to the land and our bodies with the same root syllable. This means that the flesh wich is our body is pieces of the land come to us through the things which the land is … We are our land/place. Not to know and to celebrate this is to be without language and without land. It is to be dis-placed.

"Wir bezeichnen das Land und unseren Körper mit der gleichen Wurzelsilbe. Das bedeutet, dass das Fleisch, das unser Körper ist, Teile des Landes ist, die zu uns gekommen sind durch die Dinge, die das Land ist … Wir sind unser Land/Ort. Das nicht zu wissen und zu feiern bedeutet, ohne Sprache und ohne Land zu sein. Es bedeutet, entwurzelt [wörtlich ent-ortet] zu sein."

Und auf dem ersten Weltsozialforum in Porto Alegre erklärte ein Eingeborener, was es bedeutet, eingeboren (indigenous) zu sein:

It's not the color of your skin. It's not even about being raised in a traditional way. It's about being a guardian of the common treasure of the land.

"Es geht nicht um deine Hautfarbe. Es geht noch nicht mal darum, auf eine traditionelle Art aufgewachsen zu sein. Es geht darum, ein Hüter des gemeinsamen Schatzes des Landes zu sein."

In meiner Familie ist das durch die Flucht bzw. Vertreibung aus Ostpreußen noch greifbar. Wer mitten in einer Stadt geboren und aufgewachsen ist, hat gar nicht erst solche Wurzeln, hat nie eine solche Bindung an das Land empfinden können.

Starhawk betont auch, dass die (typisch europäische) Idealvorstellung von der "unberührten Natur" uns genauso von der Natur abtrennt: Sie bedeutet nämlich im Umkehrschluss, dass wir Menschen die Natur verderben, sobald wir sie berühren. Dabei sind wir doch ein Teil davon, untrennbar mit ihr verbunden. An dieser Stelle fiel mir auch Andreas Weber wieder ein, der in seinem Essay Wild und gefährlich? schreibt:

Sich auf die Wildnis einzulassen bedeutet, unsere Rolle im Ganzen der Dinge zu akzeptieren. Unsere Zivilisation folgt dem Gegenteil: Der Mensch ist die Art, die sich nicht an die Regeln der Biosphäre – eines Kosmos, der Leben hervorbringt – zu halten braucht.

Als Kind habe ich mal einen Film gesehen, wo es um einen Trapper ging, der durch eine winterliche Landschaft in Nordamerika zog. Da kam auch ein Indianer vor, über den an einer Stelle jemand sagte "Er spricht mit dem Land". Das hat mich so tief beeindruckt, dass ich es bis heute präsent habe.

Eine solche Verbindung reicht weit über die menschliche Welt hinaus. In diesem Sinne brauchen wir nicht nur eine Rekultivierung unseres Lebens, sondern auch eine Renaturierung unseres Lebens.

Zum Schluss noch mal Starhawk:

The whole system we call "globalization" is predicated on the destruction of this bond. The global corporate economic system has displaced millions of people. A capitalist economic system needs a workforce of mobile and expendable people, who can be brought to work when the need for production is high, laid off or transferred when it is low. […] Corporations and enterprises are displaced as well – they are no longer tied or responsible to any local community.

"Das ganze System, das wir Globalisierung nennen, basiert auf der Zerstörung dieser Anbindung. Das globale Konzern-wirtschaftliche System hat Millionen Menschen entwurzelt. Ein kapitalistisches Wirtschaftssystem braucht ein Arbeitskräftepotential von mobilen und entbehrlichen Menschen, die in Arbeit gebracht werden können, wenn der Bedarf der Produktion hoch ist, und entlassen oder versetzt werden können, wenn er niedrig ist. […] Konzerne und Unternehmen sind auch entwurzelt – sie sind nicht länger an irgendeine örtliche Gemeinschaft gebunden oder verantwortlich."

Nachtrag vom 13.03.: Meine Großeltern haben in ihren Dörfern in Ostpreußen noch ihr Land gehütet. Auch als sie dann in Ostwestfalen angekommen waren, haben sie das mit ihren großen Gärten gemacht, Hühner haben sie beide gehalten, der Opi außerdem Bienen und der Opa Hasen. Dazu vieles verschiedenes Gemüse angebaut & Obst von Sträuchern & Bäumen.
Auch meine Eltern haben noch einen großen Garten bewirtschaftet, wie ich schon in "Wir ziehen uns selbst den Boden unter den Füßen weg" geschrieben hatte. Meine Schwester hat zwar noch einen Garten, der ist aber bis auf ein paar Beerensträucher ein reiner Ziergarten. Und ich sitze hier mitten in der Großstadt.

Nachtrag vom 10.04.: In seinem Blogartikel Das Verschwinden der ANDEREN spricht mir der "Materiemönch" Marian E. Finger aus der Seele und erweitert damit meinen Begriff von Heimat noch:

Ich sehe, wie auf der Welt nach und nach alles verschwindet, was nicht menschlich ist. Es gibt keine Gebiete mehr, die unerschlossen sind und sich dem Menschen und seinem unersättlichen Besitz- und Erkenntnisdrang entziehen. Es gibt keine „dunklen Flecke“ mehr, wo geheimnisvolle Dinge stattfinden, von denen wir Menschen nichts wissen. Es gibt nichts Unbekanntes und damit kein Geheimnis mehr. Wir wissen alles, sogar, dass im Regenwald auf Sumatra noch 14.000 Orang-Utans leben.

Ich merke zunehmend, dass mir etwas fehlt, wenn wir Menschen alles wissen. Sogar etwas Wichtiges. Ich frage mich, ob ich tatsächlich alles über die Welt wissen will. Müssen wir den Wissenschaftlern und Forschern wirklich dankbar sein, wenn sie der Natur jedes Geheimnis entreißen? […]

In einer Welt, in der nach und nach alles verschwindet, was nicht-menschlich ist, verschwindet nicht nur das Fremde und Geheimnisvolle, das unserem Leben Würze und Spannung gibt. Es geht ein Gegenpart, ein Sparringpartner, ein Widerstand verloren, der unser Menschsein begrenzt und ihm dadurch Form und Kontur verleiht. Wir brauchen das ANDERE und die ANDEREN, um zu erfahren, wer wir als Menschen sind. Definitionen geschehen in Abgrenzung zueinander. Wir erfahren nicht mehr, wer wir Menschen sind, wenn wir uns nur noch mit Menschen und Menschlichem umgeben. Aber das scheint unser Weg zu sein.

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