Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Wetiko anpirschen

2017-03-20

Vor kurzem habe ich ein neues Wort gelernt, aus der Sprache der Cree bzw. der Algonkin: Wetiko oder auch Wendigo. Es beschreibt das Wirken der Megamaschine als eine Art geistiges Virus, ein Mem. Und es ist ein anderer Name für die Gedankenform, die ich nach der Lektüre von Christoph Türcke als "Schuld" bezeichnet hatte. Im Kern von Wetiko steckt die Illusion des Getrenntseins, von der ich hier schon viel geschrieben habe.

Den ersten Kontakt mit diesem indianischen Konzept hatte ich durch den Artikel Seeing Wetiko: On Capitalism, Mind Viruses, and Antidotes for a World in Transition. Dieser wiederum bezieht sich auf ein Buch von Jack D. Forbes und Artikel sowie ein anderes Buch von Paul Levy. Die Autoren des Seeing Wetiko-Artikels betreiben auch eine gleichnamige Website.

Im Artikel schreiben sie, dass der Kern, sozusagen die DNA des Wetiko-Virus, im "globalen Betriebsssystem" der Megamaschine verankert ist. Dazu gehört natürlich das Konzept des homo oeconomicus in der Mainstream-Wirtschaftstheorie. Vergleiche auch die Filme von Lutz Dammbeck oder von Adam Curtis. Die Autoren des Wetiko-Artikel prägen dafür das treffende Wort verteilter Faschismus (distributed fascism).

Das Wirken der Megamaschine als eine geistige Infektionskrankheit zu betrachten, hat einen großen Vorteil: Niemand wird als "böse" deklariert. Die Menschen, die den Kapitalismus propagieren und vorantreiben, sind krank und bedürfen der Heilung, sie sind keine bösen Menschen. Und: es gibt auch fast keine "Guten" in diesem Sinne, denn wir alle, die wir Teil der Wetiko-Kultur sind, sind ebenfalls infiziert, wenn sich die Krankheit bei manchen vielleicht auch schwächer ausprägt. "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein". Schon Jack D. Forbes schrieb, dass sich Wetiko z.T. auch von dem Widerstand gegen es ernährt. Dagegen auf herkömmliche Weise ankämpfen, indem man z.B. die Eliten köpft wie in der Französischen Revolution, funktioniert also nicht nur nicht, sondern bewirkt das Gegenteil. Das ist auch logisch, denn gegen etwas kämpfen folgt der Logik der Trennung, die es ja gerade zu überwinden gilt, um Wetiko zu schwächen. Alles gehört dazu.
Sie empfehlen übrigens das Schenken als eine Maßnahme, um Wetiko zu überwinden. Das wirkt auf jeden Fall, denn Wetiko will, dass wir immer auf unseren unmittelbaren Vorteil bzw. Nutzen achten.

Später las ich dann noch einen ins Deutsche übersetzten Artikel von Paul Levy, "Wetiko": Die größte Epidemie, die der Menschheit bekannt ist, der meine ursprüngliche Begeisterung wieder dämpfte. Es lässt sich mit dem Konzept von Wetiko, wie mit jedem Konzept, auch Schindluder treiben, bzw. es lässt sich über-treiben. Das tut m.E. Paul Levy, allein schon dadurch, dass er mit dem Wort "Wetiko" auch Menschen bezeichnet, die damit infiziert sind. Auf diese Art dämonifiziert er solche Menschen und führt durch die Hintertür doch wieder das Böse ein, das es auszurotten gilt. Im Endeffekt fällt er selber auf das Teile-und-Herrsche-Prinzip von Wetiko hinein.
Dennoch finde ich seinen Hinweis auf den Räuber bzw. Flieger, von dem Don Juan Matus berichtet, und auf die Archonten aus der Gnostik bedenkenswert. Bei Castaneda bin ich noch gar nicht so weit, gerade erst bei "Die Kunst des Träumens", & entsprechend gespannt.

In der Folge wurde mein Denken über Wetiko assoziativer, & die erste Assoziation war das Monster aus der chinesischen Sage, das ich bei Charles Eisenstein entdeckt hatte. Interessant auch die Verbindung zum Komplex aus der Jungschen Psychologie. Dabei handelt es sich um "eine assoziative und psychoenergetische Einheit von Bildern und Vorstellungen, Gefühlen und Gedanken". Das moderne Konzept des Mems könnte man als eine Art Update oder zumindest Neuauflage, vielleicht auch Verwässerung davon betrachten.

Sätze wie dieser haben dazu beigetragen, dass ich den Text doch bis zum Ende durchlas:

Unsere wahre Macht kommt dann, wenn wir unsere Schuld und Mittäterschaft an diesem Prozess erkennen und unsere Verantwortung annehmen, wodurch wir unsere Fähigkeit aktivieren, darauf zu reagieren - was uns die Kraft verleiht, uns anders zu entscheiden und die Dinge zu verändern.

Was gegen diese geistige Infektionskrankheit hilft, ist Bewusstsein darüber. In den Worten Don Juans: Wetiko anpirschen. In diesem Punkt sind sich Paul Levy und die Autoren von Seeing Wetiko einig. Makelloses Handeln mag Wetiko überhaupt nicht.
Ein Aspekt von Wetiko ist die Selbstwichtigkeit, die mich nun schon lange beschäftigt.

Weitere Assoziationen zu den Texten:

Die Rekultivierung unseres Lebens trägt auch dazu bei, Wetiko zu schwächen, wohingegen die Blockchain auf "mehr desselben", sprich "mehr Wetiko, weniger Menschlichkeit" deutet. Die Geschichte der menschlichen Bewusstseinsentwicklung, die ich im Beitrag Don Juan Matus, Martin Buber, Spiral Dynamics und die Megamaschine wiedergebe, lässt sich auch als stetige Ausbreitung des Wetiko-Virus beschreiben.

Statt durch ein geistiges Virus lässt sich die Ausbreitung der Megamaschine auch durch massenhafte Traumatisierung erklären. So geht z.B. Christoph Türcke vor. In eine ähnliche Richtung gehen Arno Gruen und Olaf Jacobsen (letzterer im Buch Die Kriegs-Trance), wobei diese beiden ohne die Annahme einer Gedankenform auskommen. Der Buddhismus wiederum spricht von drei Geistesgiften oder Kleshas (Verlangen, Abneigung und Unwissenheit). Wikipedia definiert diese folgendermaßen:

Kleshas sind bestimmte Strukturen, Muster und Kräfte im menschlichen Geist, die die Wahrnehmung und die Handlungsweise des Menschen steuern und ihn immer wieder in Situationen bringen, die leidvoll erfahren werden.

Ob es sich bei den Kleshas um Gedankenformen handelt oder nicht, bin ich gerade überfragt. Kann von euch jemand weiterhelfen?

Auch an Robert Anton Wilsons Aussage aus "Der neue Prometheus", "dass es rivalisierende Programmierer-Banden mit radikal unterschiedlichen Zielen für die Entwicklung der Menschheit gibt", musste ich denken.

Die Ausbreitung der Wetiko-Logik ließ mich wiederum an die Luhmannsche Systemtheorie denken: ein System ist zuallererst darauf aus, sich selbst zu erhalten.

Letztlich kann ich Wetiko also als eine neue, zusätzliche Beschreibung von Phänomenen nehmen, mit denen ich mich schon lange beschäftige. Diese Beschreibung fügt eine weitere Perspektive hinzu, nicht mehr, nicht weniger.

Heimat

2017-03-9

Am Wochenende gehe ich zur Strategiewerkstatt der Bewegungsstiftung, & einem spontanen Impuls folgend habe ich deshalb eben das Buch Webs of Power von Starhawk noch mal in die Hand genommen, das seit Jahren zur Hälfte gelesen in meinem Regal steht.
Darin hat mich das Kapitel Our Place in Nature kalt erwischt (zu deutsch "Unser Platz in der Natur"). Schlagartig kam das Gefühl wieder, das ich schon im Beitrag Wir ziehen uns buchstäblich selbst den Boden unter den Füßen weg beschrieben hatte. Und mir fiel auch gleich dazu ein, wie Fabian Scheidler im 4. Kapitel von Das Ende der Megamaschine die aus traumatischem Erleben entspringenden apokalyptischen Vorstellungen beschreibt:

Ist das Leben in einer intakten (nicht traumatisierten) Gemeinschaft bestimmt von wiederkehrenden Rhythmen und dem Wechsel der Generationen, in dem sich das Leben stets erneuert, so wird dieser Kreis durch traumatische Erfahrungen zerbrochen: Die Menschen sind nicht mehr in der Lage, sich als Teil eines sinnvollen und im Prinzip gutartigen überindividuellen Zusammenhangs zu sehen, sie sind dissoziiert, herausgerissen aus den Kreisläufen der Natur, der Gemeinschaft und des Kosmos. Alles, was ihnen bleibt, um der Verwüstung der Gegenwart etwas entgegenzusetzen, ist die Vision von einer Zukunft, in der alles anders wird, in der die gegenwärtige kaputte Welt durch eine ganz neue Welt ersetzt wird. Die Fixierung der westlichen Zivilisation auf die Zukunft, sei sie im Himmel oder auf Erden, hat ihren Ursprung in einer umfassenden kollektiven Traumatisierung, in der die Menschen aus allen Sinnzusammenhängen der Gegenwart herausgerissen wurden. […]
Der moderne Fortschrittskult ist eine Variante der daraus folgenden apokalyptischen Grundverfassung. Wem ständig der Boden unter den Füßen weggezogen wird, der kann nur rennen, um neuen festen Grund zu erreichen.

Die folgenden Sätze von Starhawk haben mich so angerührt, dass ich nun diesen Beitrag schreibe:

If we are going to create a new political/economic/social system, one that truly cares for the environment and for human beings, we may need to become indigenous again, to find at least one spot on the earth we can know intimately.

Ich übersetze mal: "Wenn wir ein neues politisches/wirtschaftliches/soziales System schaffen wollen, eines, das wahrhaftig für die Umwelt und für menschliche Wesen sorgt, braucht es dafür vielleicht, dass wir wieder eingeboren werden, dass wir mindestens einen Flecken auf der Erde finden, den wir intim kennen".

Aus diesem Grund habe ich das deutsche Wort Heimat als Überschrift gewählt, denn für mich verkörpert es genau das.

Jetzt habe ich gerade wieder die Musik aus dem Beitrag Meine Wurzeln im Osten angemacht.

Starhawk schreibt, dass die Wilderness Awareness School empfiehlt, sich einen Platz in der Natur zu suchen, den man jeden Tag für eine Weile aufsucht.

When we begin this practice, we can begin to understand something of what it means to be bonded to a place. The dominant culture has no word for true understanding of this bond. It stresses attachment to people, to family, lovers, and mates as well as attachment to things, to property and commodities and the money that allows us to buy them. Connection to place is seen as unimportant, a sort of aesthetic thing, but really, one place is as good as another.

"Wenn wir mit dieser Praxis anfangen, können wir beginnen etwas davon zu verstehen, was es heißt, an einen Platz gebunden zu sein. Die vorherrschende Kultur hat kein Wort für ein wirkliches Verständnis dieser Anbindung. Sie betont die Bindung an Menschen, an die Familie, Geliebte und Partner sowie das Anhaften an Dinge, an Eigentum und Waren und an das Geld, das uns erlebt, diese zu kaufen. Verbindung zu einem Ort wird als unwichtig angesehen, eine Art ästhetisches Ding, aber in Wirklichkeit ist ein Ort so gut wie jeder andere."

Nebenbei wird mir jetzt erst klar, wie hohl Nationalismus und Patriotismus sind. Sie haben nichts mit tatsächlichen Flecken Erde zu tun, sind rein gedankliche Konstruktionen. Hier geht es um das ganze Gegenteil von "völkischem" Gedankengut; genau genommen gar nicht um Gedankengut.

Starhawk zitiert eine Frau der Okanagan:

We also refer to the land and our bodies with the same root syllable. This means that the flesh wich is our body is pieces of the land come to us through the things which the land is … We are our land/place. Not to know and to celebrate this is to be without language and without land. It is to be dis-placed.

"Wir bezeichnen das Land und unseren Körper mit der gleichen Wurzelsilbe. Das bedeutet, dass das Fleisch, das unser Körper ist, Teile des Landes ist, die zu uns gekommen sind durch die Dinge, die das Land ist … Wir sind unser Land/Ort. Das nicht zu wissen und zu feiern bedeutet, ohne Sprache und ohne Land zu sein. Es bedeutet, entwurzelt [wörtlich ent-ortet] zu sein."

Und auf dem ersten Weltsozialforum in Porto Alegre erklärte ein Eingeborener, was es bedeutet, eingeboren (indigenous) zu sein:

It's not the color of your skin. It's not even about being raised in a traditional way. It's about being a guardian of the common treasure of the land.

"Es geht nicht um deine Hautfarbe. Es geht noch nicht mal darum, auf eine traditionelle Art aufgewachsen zu sein. Es geht darum, ein Hüter des gemeinsamen Schatzes des Landes zu sein."

In meiner Familie ist das durch die Flucht bzw. Vertreibung aus Ostpreußen noch greifbar. Wer mitten in einer Stadt geboren und aufgewachsen ist, hat gar nicht erst solche Wurzeln, hat nie eine solche Bindung an das Land empfinden können.

Starhawk betont auch, dass die (typisch europäische) Idealvorstellung von der "unberührten Natur" uns genauso von der Natur abtrennt: Sie bedeutet nämlich im Umkehrschluss, dass wir Menschen die Natur verderben, sobald wir sie berühren. Dabei sind wir doch ein Teil davon, untrennbar mit ihr verbunden. An dieser Stelle fiel mir auch Andreas Weber wieder ein, der in seinem Essay Wild und gefährlich? schreibt:

Sich auf die Wildnis einzulassen bedeutet, unsere Rolle im Ganzen der Dinge zu akzeptieren. Unsere Zivilisation folgt dem Gegenteil: Der Mensch ist die Art, die sich nicht an die Regeln der Biosphäre – eines Kosmos, der Leben hervorbringt – zu halten braucht.

Als Kind habe ich mal einen Film gesehen, wo es um einen Trapper ging, der durch eine winterliche Landschaft in Nordamerika zog. Da kam auch ein Indianer vor, über den an einer Stelle jemand sagte "Er spricht mit dem Land". Das hat mich so tief beeindruckt, dass ich es bis heute präsent habe.

Eine solche Verbindung reicht weit über die menschliche Welt hinaus. In diesem Sinne brauchen wir nicht nur eine Rekultivierung unseres Lebens, sondern auch eine Renaturierung unseres Lebens.

Zum Schluss noch mal Starhawk:

The whole system we call "globalization" is predicated on the destruction of this bond. The global corporate economic system has displaced millions of people. A capitalist economic system needs a workforce of mobile and expendable people, who can be brought to work when the need for production is high, laid off or transferred when it is low. […] Corporations and enterprises are displaced as well – they are no longer tied or responsible to any local community.

"Das ganze System, das wir Globalisierung nennen, basiert auf der Zerstörung dieser Anbindung. Das globale Konzern-wirtschaftliche System hat Millionen Menschen entwurzelt. Ein kapitalistisches Wirtschaftssystem braucht ein Arbeitskräftepotential von mobilen und entbehrlichen Menschen, die in Arbeit gebracht werden können, wenn der Bedarf der Produktion hoch ist, und entlassen oder versetzt werden können, wenn er niedrig ist. […] Konzerne und Unternehmen sind auch entwurzelt – sie sind nicht länger an irgendeine örtliche Gemeinschaft gebunden oder verantwortlich."

Nachtrag vom 13.03.: Meine Großeltern haben in ihren Dörfern in Ostpreußen noch ihr Land gehütet. Auch als sie dann in Ostwestfalen angekommen waren, haben sie das mit ihren großen Gärten gemacht, Hühner haben sie beide gehalten, der Opi außerdem Bienen und der Opa Hasen. Dazu vieles verschiedenes Gemüse angebaut & Obst von Sträuchern & Bäumen.
Auch meine Eltern haben noch einen großen Garten bewirtschaftet, wie ich schon in "Wir ziehen uns selbst den Boden unter den Füßen weg" geschrieben hatte. Meine Schwester hat zwar noch einen Garten, der ist aber bis auf ein paar Beerensträucher ein reiner Ziergarten. Und ich sitze hier mitten in der Großstadt.

Auskunft der WASt über meine beiden Großväter

2017-03-8

Am 14. Februar habe ich die Auskunft der Deutschen Dienststelle (WASt) über meine beiden Großväter bekommen, fast zwei Jahre nachdem ich den Antrag gestellt hatte. Als ich den geöffneten Brief in der Hand hielt, kamen mir erst mal die Tränen.
Das überraschte mich selber, weil er ja an sich erst mal nur trockene Daten enthält. Doch schnell wurde mir klar, dass damit dieser ominöse 2. Weltkrieg endgültig zu einem Teil meiner Familiengeschichte geworden ist. Meine Großväter haben mittendrin aktiv als Soldaten der Wehrmacht gekämpft.
Den anderen, passiven Teil, dass meine gesamte Familie aus Ostpreußen vertrieben wurde, kannte ich schon sehr gut. Dieser aktive Teil ist jetzt greifbarer geworden.

Die ersten drei Seiten des Schreibens habe ich mit geschwärzten Namen als WASt-Auskunft.pdf hochgeladen, damit ihr euch einen Eindruck machen könnt, wie so etwas aussehen kann. Als Nicht-Wehrmacht-Experten sagt einem das erst mal relativ wenig, bis auf vielleicht die Ortsnamen. In Białystok war ich z.B. kurz schon mal im Sommer 2014, als ich die Geburtsorte meiner Eltern das erste Mal besuchte.

Um die Bezeichnungen im folgenden kurz halten zu können: Den Vater meiner Mutter nannte ich immer Opi, während ich den Vater meines Vaters Opa nannte.

Die WASt hat mir neben diesen drei Seiten noch die Kopie von Opis Antrag auf Kriegsgefangenenentschädigung kopiert. Durch diesen konnte ich zum einen seine englische Kriegsgefangenschaft lückenlos rekonstruieren. Außerdem gab er darin an, dass er seine Feldpostnummer nicht mehr angeben konnte, "da uns bei Gefangennahme Soldbuch und sämtliche Notizen abgenommen wurden".

Ich habe dann nacheinander einfach die Bezeichnungen der verschiedenen Einheiten in Suchmaschinen eingegeben (ja, in mehrere, denn in diesem Fall hat manchmal DuckDuckGo bessere Ergebnisse geliefert als Startpage und Ixquick). Das war nach je Einheit sehr unterschiedlich ergiebig.

Im nächsten Schritt habe ich mich im Forum der Wehrmacht angemeldet und dort nach den Einheiten gefragt, über die ich noch nichts gefunden hatte. So viel konkretes kam darüber bisher noch nicht, dafür habe ich mir einen Überblick über die Truppenstärken der Einheiten und Untereinheiten der Wehrmacht verschaffen können. Diese wie auch die meisten anderen Infos kommen aus dem Lexikon der Wehrmacht, das von den gleichen Leuten wie dem gleichnamigen Forum betrieben wird.

Den aktuellen Stand meiner Recherchen liste ich nun auf, angefangen mit Opi, über den ich deutlich mehr herausfinden konnte:
Seine erste Einheit war das Bau-Bataillon 322, das nur wenige Monate Bestand hatte.
Erst am 6.4.1943 hat die WASt die nächste Information über ihn, da kam er in das Infanterie-Ersatz-Bataillon 151, das zu dieser Zeit wohl schon "Grenadier-Ersatz-Bataillon 151" geheißen haben muss. Dieses Bataillon war zu dieser Zeit in Białystok stationiert, wo ich wie gesagt schon mal kurz gewesen bin.
Schon 9 Tage später kam er in eine andere Einheit in Suwałki, das zu jener Zeit Sudauen hieß. Dort wechselte er dann in den Ausbildungsstab seiner Einheit für etwa 2 Monate.
Am 25.06.1943 kam er in die 6. Kompanie Festungsstamm-Regiment 89 nach Belgien, die laut WASt-Auskunft dem LXXXIX. Armeekorps unterstellt war. In dieser Einheit blieb er wohl bis zu seiner Gefangennahme.

Die WASt nennt den 12.09.1944 als Tag seiner Gefangennahme in Westende. In seinem Antrag auf Kriegsgefangenenentschädigung nennt er das gleiche Datum, aber Nieuwpoort als Ort. Das liegt allerdings auch direkt nebeneinander.
Als vorletzte Einheit vor Gefangennahme gibt er im Antrag an "Festungsstamm Stützpunkt Wenduine bei Ostende", als letzte Einheit "Schleusenkommando Nieuwpoort". Zu diesem Zeitpunkt war er Obersoldat.

Im Antrag gibt er weiterhin an, am 3.10.1944 von Dieppe in Frankreich in ein erstes Lager in Devizes in Südengland gebracht worden zu sein.

Über die Kriegsgefangenenlager gibt es haufenweise Informationen im Netz, so z.B. eine Liste mit Prisoner of war camps als Google Fusion Table (im Guardian-Artikel falsch verlinkt), hier noch eine andere Fusion Table. Bei Historic England gibt es ein PDF mit prisoner of war camps. Deutschsprachig findet ihr eine Liste mit Kriegsgefangenenlagern in Großbritannien bei GenWiki. In der englischen Wikipedia gibt es einen Artikel über German prisoners of war in the United Kingdom.

Nun aber zu den einzelnen Lagern: Auch über die beiden mit "oder" angegebenen möglichen Lager Camp 23 Shrewsbury, Shropshire und Sudbury, Derbyshire gibt es Infos (wo er laut seinem Entschädigungsantrag aber gar nicht war).
Opi war als erstes im Lager Le Marchant Barracks in Devizes, bis kurz nach Kriegsende.
Laut seinem Entschädigungsantrag kam er dann für knapp drei Wochen nach Berechurch Hall in Colchester. Beim Recherchieren nach diesem Lager stolperte ich über den Namen Klaus Kinski. Der war nämlich auch dort interniert. In Berechurch Hall befindet sich übrigens bis heute ein Military Corrective Training Centre.

Die meiste Zeit seiner Kriegsgefangenschaft in England verbrachte Opi im Somerhill House in Tonbridge. Es gibt ins Englische übersetzte Ausschnitte aus dem Tagebuch eines deutschen Kriegsgefangenen dort. Darin schreibt er immer wieder von der Ungewissheit, wie es seiner Familie zuhause ergangen ist. Das hat Opi bestimmt auch lange Zeit nicht gewusst. Wann er das erste Mal wieder von seiner Familie erfahren hat, weiss ich gar nicht. Die Beschreibung von Weihnachten 1945 aus dem Tagebuch geht mir sehr nahe.

Von Opi habe ich ein Foto von 1945 aus einem Album:
Opi 1945
Da war er ungefähr ein Jahr älter als ich jetzt.

Die WASt schreibt schließlich, dass er am 10.09.1947 "im Discharge Centre Nr. 1 aus der Kriegsgefangenenschaft entlassen" wurde. Erst biss ich mir eine ganze Weile die Zähne daran aus, dieses ominöse "Discharge Centre Nr. 1" im Netz zu identifizieren, bis ich auf die glorreiche Idee kam, doch auch dazu mal in seinen Entschädigungsantrag zu schauen. Voilà: dort schreibt er, dass er in Munsterlager bei Hannover, allerdings erst am 13.09.1947, entlassen wurde.

Aus allen diesen Puzzleteilen habe ich mal eine Karte bei Google Maps gebastelt:

Über Opa hat die WASt nur sehr spärliche Auskünfte:

Bei Kriegsbeginn kam er ins Infanterie-Regiment 346, welches der 217. Infanterie-Division unterstellt war. Hier konnte ich sogar die Namen der Kommandeure erfahren. Denen bin ich bisher noch nicht nachgegangen. Die Division ist jedenfalls offenbar ziemlich weit rumgekommen im Kriegsverlauf. Das Ende der Division schildert Wikipedia so:

Bei Korosten wurde die Division vernichtet. Die offizielle Auflösung erfolgte am 2. November 1943, die Überlebenden wurden auf die Korps-Abteilung C aufgeteilt.

Über diese Korps-Abteilung schreibt wiederum das Lexikon der Wehrmacht:

Die Korps-Abteilung sollte im Juli 1944 zu einer neuen 183. Infanterie-Division umgewandelt worden, wurde aber vorher vernichtet.

Er muss also wirklich Übles miterlebt haben. Ob er bei dieser Korps-Abteilung C noch dabei war, ist nicht sicher, denn die letzte Meldung, die der WASt vorliegt, ist vom 22.02.1942.

Kurios finde ich wiederum seinen einzigen berichteten Lazarettaufenthalt wegen "Verdacht auf Scharlach".

Bei der Jahrestagung des Kriegsenkel e.V. gab uns u.a. jemand von der WASt Auskunft über die Arbeit dieser Behörde. Das war ein spannender Blick hinter die Kulissen und hat auch verdeutlicht, welcher Aufwand hinter diesen drei Seiten Brief steckt. Die Informationen sind dort im Archiv über viele verschiedene Stellen verteilt, auch für die Leute dort ist es immer wieder ein Puzzlespiel.

Besonders berührt hat mich in seinem Vortrag, als er die Erkennungsmarken der Soldaten erklärte. Die sind nämlich so gemacht, dass man sie in der Mitte durchbrechen kann, damit die eine Hälfte mit dem toten Soldaten begraben werden kann und die andere ins jeweils zuständige Archiv kommt.
Die Soldaten tragen also das Bewusstsein ihres Todes ständig um den Hals. Die Todgeweihten.

Eine Galerie mit Bildern von Erkennungsmarken der Wehrmacht gibt es auf www.emarken.de.

Durch eine Massage ans Wesentliche erinnert

2017-03-6

Bei uns im Diamond Lotus läuft ja gerade der Kurs Tantramassage Level 1. Dafür wurden heute zusätzliche Männer für die Lingammassage gesucht, einer von diesen war ich.

Dann begab es sich auch noch, dass ich von Gabriele massiert wurde, die nämlich den Kurs gerade mitmacht.
Ich habe es sehr genossen & mich ganz in die Liebe begeben. Die Massage hat mich dann auch wieder daran erinnert, dass wir ja hier alle miteinander ein Spiel spielen.
Wir spielen Missverständnisse.
Wir spielen Beziehung, spielen Ich, Du & Wir.
Wir spielen, dass wir unterschiedlichen Klassen angehören, & manchmal dann auch Klassenkampf.
Wir spielen, dass wir einen Planeten zugrunde richten.
Wir spielen links gegen rechts, Teufel gegen Gott, Islam gegen Christentum und Atheismus gegen beide.
Wir spielen mit den bürgerlichen Kategorien "meins, deins".
Wir spielen mit Wahrheit, Lüge und Konstruktion.
Wir spielen "Wolln wir Freunde sein?"
Wir spielen miteinander Verstecken und Uns-Wiederfinden.

Dabei können wir jederzeit mit unserem Geist in den Wonnen des Fleisches ruhen, wie auch in den Schmerzen des Fleisches.

Hinter dem Trubel dieser Welt der Erscheinungen schimmert grenzenlose Freiheit durch. An ruhigen Tagen kann ich sie atmen hören. Zunehmend auch mitten im Trubel.

Die Rekultivierung unseres Lebens

2017-03-4

Den letzten Absatz aus Das Ende der Megamaschine kann ich erst jetzt so richtig würdigen. Er handelt von der Rekultivierung unseres Lebens:

Die Frage nach der Technik führt in dieser Perspektive weit über technische Fragen hinaus. Es geht darum, unsere ökonomischen Praktiken und unsere sozialen Institutionen, die in den letzten Jahrhunderten aus ihren kulturellen Zusammenhängen herausgelöst wurden, zu rekultivieren. Das gesamte gesellschaftliche Leben als Kultur zu begreifen (und nicht nur den kleinen Bereich abendlicher Konzert- oder Theaterbesuche) bedeutet, Arbeit als eine kulturelle Handlung wiederzuentdecken, die nicht nur Dinge herstellt, sondern auch Beziehungen und Sinn stiftet; das heißt auch, Bildung als etwas zu begreifen, das die Entfaltung der ganzen Persönlichkeit zum Inhalt hat – und nicht die Reduktion des Menschen auf einen möglichst reibungslos funktionierenden Teil im Wirtschaftsgetriebe. Es gibt eigentlich keinen Bereich unseres Lebens, der eine Rekultivierung nicht bitter nötig hätte. Die Qualität der anderen Welten, die wir vielleicht schaffen können, wird sich nicht nur daran zeigen, ob sie ökologisch nachhaltig und sozial gerecht sind, sondern auch daran, welche Feste wir feiern und welche Lieder wir singen.

Spontan denke ich dabei an die altägyptische Kultur, wie sie John Anthony West darstellt:

Die altägyptische Kultur muß in ihrer Gesamtheit als eine einzige, viertausend Jahre währende rituelle Handlung betrachtet werden, als ein Akt der Ehrerbietung gegenüber dem göttlichen Mysterium der Schöpfung. Einheit, die sich ihrer selbst bewußt wird, entfaltet sich zur Vielfalt und zum Universum.

Unsere kapitalistisch-eindimensionale Konsumkultur ("Nutzen" über alles) erscheint als völliges Kontrastprogramm dazu.

Charles Eisenstein ist auch schon länger dabei, eine neue Geschichte von der schöneren Welt, die unser Herz kennt zu erzählen. Und ganz frisch ist bei mir das neue Buch How Soon Is Now? von Daniel Pichbeck (von dem ich das Buch "Den Kopf aufbrechen" verschenke) angekommen. Im Interview mit der Zeitschrift "Sein" sagt Pinchbeck:

Die ganze Zivilisation ist sehr schnell entstanden und wir haben keinen Abstand mehr zu ihr, wir behandeln unsere Errungenschaften als wären sie etwas beinahe Natürliches, Gegebenes. Wir müssen erkennen oder uns erinnern, dass alle Systeme, die unser Interaktionsfeld prägen, menschliche Konstrukte sind, und dass wir sie ändern können, wenn wir das wollen. Es braucht eine Menge Deprogrammierung, um zu begreifen, dass so etwas wie unser Geldsystem nur eine Verabredung ist, die wir getroffen haben, dass Eigentum nur ein Konzept ist und ein Staat nur eine Idee. Die Menschen glauben heute, dass das alles ‚eben so ist‘. Aber das sind nur Ideen und Konstrukte, wir können das alles jederzeit ändern. Wir brauchen eine massive Deprogrammierung und das ist der Grund, warum ich mich so für psychedelische Drogen einsetze, weil sie ein extrem nützliches Werkzeug dazu sind, diese ganze soziale Konstruktion zu durchschauen. Wir brauchen eine massive Dekonditionierung, um die Hypnose dieser Ideen zu brechen.

Mit anderen Worten: Wir brauchen eine Rekultivierung aller Lebensbereiche. Noch anders ausgedrückt geht es darum, den bisherigen Trend der menschlichen Bewusstseinsentwicklung, uns selbst immer mehr zu Maschinen(teilen) zu machen, umzudrehen, ganz im Sinne von The Police: Rehumanize yourself.

Auf jeden Fall aufhören mit dem Höher, schneller und weiter; uns wieder mehr auf innere Werte besinnen.

Den Glauben, dass alles ‚eben so ist‘, hat Christoph Spehr in seiner Abhandlung Gleicher als andere mit dem Film Matrix verglichen:

Wir sind Opfer der »Matrix«, der Welt, die uns über die Augen gezogen wird: der Selbstinszenierung einer demokratischen Gesellschaft, die von sich behauptet, dass sie gegen die klassischen Urbilder kämpft und dass sie selbst nicht herrschaftsförmig ist. Dieses virtuelle Welt macht uns blind gegenüber der Realität: dass wir Sklaven sind. Verfügbar. Regeln und Kontrollen unterworfen, denen wir uns nicht entziehen und über die wir nicht bestimmen können. Den ganzen Tag, mit all unseren Empfindungen und Fähigkeiten; bis ans Ende unserer Tage und bis in die siebte Generation. Sehen können wir das, wenn wir die oben genannte Definition von Herrschaft anwenden. Fast alles ist erzwungene Kooperation. Auf die Frage »Was ist die Matrix?« lautet die Antwort: Die Matrix ist die Inszenierung des Sozialen, aus der die Idee der freien Kooperation vollständig ausgetrieben ist. Dadurch bewirkt sie, dass wir die Stäbe unseres Gefängnisses weder riechen, noch schmecken, noch berühren können. Wir nehmen unser Gefängnis überall hin mit, wohin wir auch gehen, in jedes konkrete Verhältnis. Und das Ausmaß, in dem wir in Wirklichkeit versklavt sind, ist weit totaler als das jeder antiken oder bürgerlichen Sklavenhaltergesellschaft vor uns.

Auf Pinchbecks Buch wurde ich übrigens aufmerksam, weil Wolf Schneider es ins Deutsche übersetzt hat. Mit ihm gibt es ein Interview bei Hinter den Schlagzeilen und noch eins bei Mystica.tv.

Weil es so ein großes und tiefes Thema ist, bitte ich Dich nun, nach oben zu scrollen und den Absatz von Fabian Scheidler noch mal zu lesen und einsinken zu lassen.

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