Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Ausstellung "Hautgeflüster" von Saranam & Suriya

2017-01-17

Am kommenden Samstag, dem 21. Januar, eröffnen Saranam und Suriya ihre gemeinsame Ausstellung "Hautgeflüster" in der Villa Kult in Berlin-Lichterfelde.

Aus der offiziellen Einladung der Villa Kult:

Angelehnt an René Descartes‘ „Ich denke, also bin ich“, ist das Motto der Ausstellung „Hautgeflüster“, «Ich fühle, also bin ich». Die ausgestellten Werke reflektieren die Freude an Verbindung und Zärtlichkeit zwischen den Menschen und vermitteln uns die Botschaft in unserer modernen Gesellschaft mehr Feingefühl und sexuelle Freiheit zu wagen. Saranam’s Personen und Lichtstimmungen verführen durch ihre natürliche Sinnlichkeit. Suriya’s Werke erinnern den Betrachter daran, unserem Menschsein durch Einfachheit wieder frisch und würdevoll zu begegnen.

Die „Entstehungsgeschichte“ der gemeinsamen Ausstellung „Hautgeflüster“ basiert auf dem gleichnamigen Buchprojekt von Saranam Ludvik Mann, das seine Fotos mit essayistischen Texten und an die Form der japanischen Haiku-Gedichte angelehnten Poesien, verbindet.

Wir freuen uns Sie am 21. Januar zahlreich begrüßen zu dürfen.

Suriya & Saranam & Renate

PS: Die Ausstellung kann bis zum 4. März auf Anfrage (Tel. 01778726593) besichtigt werden.

Hier noch die Facebook-Veranstaltung zur Vernissage.

Rainer Wendt hat Polizei

2017-01-16

Rainer Wendt hat ein Buch geschrieben, das Bundesrichter Thomas Fischer süffisant verreisst: Polizist am Abgrund. Mir fällt dazu nur Jan Böhmermann ein:

Identity as a Service (IDaaS)

2017-01-13

Im Stiegler Legal Podcast zum Thema Blockchain, den ich im Beitrag zum selbigen Thema verlinkt hatte, erwähnt André Kudra einen Artikel in der iX 06/2016, die ich mir prompt besorgt habe. Erst in diesem Artikel ist mir die Absurdität von Identity as a Service (IDaaS) so richtig aufgegangen. Machen die sich eigentlich klar, was für Begriffe sie da benutzen? Jedenfalls geht es bei IDaaS ja darum, seine (digitale) Identität in die Cloud zu verlegen. Die wird dabei naturgemäß etwas nebulös, so ist das nun mal in den Wolken:
Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

Und natürlich darf an dieser Stelle Käptn Peng nicht fehlen:

Auch über den Begriff Identitätsdiebstahl lohnt es sich mal tiefer nachzudenken… more

Schuld und Geld als magische Gedankenformen

2017-01-8

Die tiefste Reise ins Mysterium Geld, die mir bisher begegnet ist, kommt von Christoph Türcke, dessen Buch Mehr! Philosophie des Geldes ich vor einigen Wochen durchgelesen habe. Es musste erst eine Weile sacken, bis ich für diesen Beitrag bereit war.

Inspiriert durch die monetäre Magie habe ich es dann noch ein zweites Mal aus dieser Perspektive durchgearbeitet. Das Ergebnis präsentiere ich hier.

Türckes Ausgangspunkt findet sich in der Einleitung auf Seite 19:

«Schulden. Die ersten 5000 Jahre» ist ein genialer Buchtitel. Doch der Autor verhandelt die letzten fünftausend Jahre Schulden, nicht die ersten. Graeber gehört zu dem wachsenden Kreis derer, die sich um das Geld vor der Münze kümmern. Aber sie hören nicht auf, von der Münze aus zu denken. Alles, was ihr als Zahlungsmittel vorausging, Vieh, Leder, Muscheln, ungeprägtes Metall etc., nehmen sie lediglich als ihren Vorhof wahr, und der erscheint ihnen schon riesengroß, wenn er auf zwei bis drei Jahrtausende veranschlagt wird. Doch was, mit Verlaub, sind drei Jahrtausende gemessen an jenen hundertfünfzig bis zweihundert, die der Homo sapiens auf dem Buckel haben dürfte? Peanuts. Die letzten fünftausend Jahre gehören zur Spätzeit der Menschheitsgeschichte. Erst in dieser Spätzeit aber soll das Geld aufgekommen sein? Erst im Vorfeld der mesopotamischen Hochkultur soll eine pfiffige Priester- und Händlerclique die Schuld erfunden haben, während sich die Menschheit all die Jahrtausende zuvor schuld- und schuldenfrei bewegte, ohne irgend Anlässe und Praktiken der Schuldbegleichung, also der Bezahlung zu kennen? Sehr unwahrscheinlich.

In dem hier vorgelegten Buch wird die Geldzeitrechnung der Peanuts verlassen. Damit ändert sich freilich die Gesamtsicht – wie für jemanden, der bemerkt, dass er das Trinkgeld mit der Rechnung verwechselt hat oder die letzte Viertelstunde mit dem ganzen Tag. Geld stellt sich neu dar, wenn man ein Gespür für seine historischen Proportionen bekommt, wenn man zu ahnen beginnt, wie tief es in der Menschheit sitzt, wie sehr schon die Entstehung von Wünschen und Denken mit Bezahlen verbunden war, aber auch wie unterschiedlich die Zahluntsmittel und -formen sind, die sich seit der Menschwerdung entwickelt haben. Der neuzeitliche Geldumlauf ist nur ein winziger Abschnitt einer langen Geschichte. Den meisten Ökonomen erscheint er freilich, als sei er der einzige oder gar der einzig mögliche.

Den allerersten Ursprung des Geldes führt Türcke auf den traumatischen Wiederholungszwang zurück, ein Konzept aus Sigmund Freuds Psychoanalyse (auf Freud bezieht er sich sehr stark). Türcke äußert sich dazu ausführlicher in einem SWR-Interview:

Rituale, Sitten, Grammatiken, Gesetze, Institutionen sind Niederschläge des traumatischen Wiederholungszwangs. Und zwar ebenso Niederschläge seines Wirkens wie seines tendenziellen Aufhörens. Er ist in ihnen verebbt; er hat sich darin beruhigt. Er ist buchstäblich in der Kultur untergegangen. Er lebt darin fort als ein unberuhigter Rest, als ein sporadischer Störenfried, ein pathologisches Überbleibsel der Vorzeit – in einer Umgebung, die aus seinen Niederschlägen besteht. Er selbst ist furchtbar, seine Niederschläge sind kostbar. Jede Kultur braucht erhebende Rituale, vertraute Gewohnheiten, routinemäßige Abläufe. Sie sind die Basis jeder freien individuellen Entfaltung.

Welche Art von Wiederholungszwang soll nun laut Türcke die Wurzel des Geldes sein? Es handelt sich um den Naturschrecken, der über die frühen Hominiden kommt, sei es in Gestalt von Säbelzahntigern, Unwettern, Vulkanausbrüchen; was auch immer. Entscheidend daran ist für Türcke, dass den Menschen Schreckliches widerfährt ohne Grund. Dazu schreibt er:

Zunächst einmal hatte die werdende Menschheit eine lange Zeit, womöglich einige zehntausend Jahre, schuldlos verlebt. Aber nicht quallos. Und schuldlose Qual, das heisst Qual, die zu nichts gut ist – die eben hielt sie nicht aus.

Vor allem diesen letzten Satz müssen wir glauben, sonst fällt Türckes Gedankengebäude in sich zusammen. Und da habe ich so meine Zweifel, vor allem seit ich mich ausgiebiger mit dem Thema Trauma auseinandergesetzt habe.

Ich glaube sehr wohl, dass Menschen es aushalten können, dass ihnen schuldlose Qual widerfährt. Shit happens.

Ich selbst praktiziere das jedenfalls. Somit kann ich Türckes Analyse nicht als eine zwingende Entwicklung ansehen. Dass es historisch allerdings so gelaufen ist, halte ich für durchaus plausibel. Denn ebenfalls durch meine Beschäftigung mit Trauma weiss ich, dass es Menschen manchmal tatsächlich nicht auszuhalten glauben. Türckes Geschichte beginnt an einem solchen Punkt.
Und damit kommen wir zur Überschrift: Schuld und Geld als magische Gedankenformen. Denn wie Türcke ja sagt, war die Schuld nicht schon immer gegeben einfach da, sondern sie ist als eine Gedankenform der frühen Menschen erst entstanden. Diese Gedankenform wurde nun so mächtig, dass sie bis heute die menschlichen Gesellschaften zutiefst durchdringt.

Der Wiederholungszwang bestand laut Türcke darin, dass die altsteinzeitlichen Menschenhorden irgendwann damit anfingen, den einzelnen von ihnen widerfahrenen Schrecken ihrerseits an einem ihrer Mitglieder zu wiederholen. Sie fielen über ein ausgewähltes Mitglied ihrer Horde her, zu folgendem Zweck:

Der durch Wiederholung vergegenwärtigte Schrecken sollte dem ursprünglichen auch in dem Sinne gleich sein, dass er ihn beglich – ihn aus der Welt schaffte.

Und nun wird es richtig spannend:

Die sich ritualisierende Wiederholung des Schreckens war zwar eine Linderungsmaßnahme, aber sie war selbst schrecklich und verlangte nach Linderung. Und so ruhten die von ihr Betroffenen nicht, bis sie einen weiteren Linderungsweg fanden. Genaugenommen «fanden» sie diesen Weg nicht; sie erfanden ihn. Es gab ihn nicht, bevor sie ihn sich bahnten. Man könnte ihn den Seitenweg der Opferritualbildung nennen. Während sich mit der Einübung des traumatischen Wiederholungszwangs die Triebrichtung umgekehrt hatte – hin zum Schrecklichen statt von ihm weg –, begann sich von dieser Flucht nach vorn nun eine Flucht nach innen abzuzweigen: in einen Raum, der eigentlich ein Unding ist, nämlich ohne jede messbare physische Ausdehnung, und gleichwohl einer, der sich bergend wie eine Zufluchtsstätte auftat: ein imaginärer Raum, der Raum des Imaginären – der Imagination. Später heisst er der mentale Raum.

Das ist der erstaunlichste Raum, den sich je eine Tierart eröffnet hat. Man darf diese Eröffnung getrost die Menschwerdung im engeren Sinne nennen.

Und – es eröffnete sich damit den Menschen auch die Magie:

Nur zweierlei darf als sicher gelten. Zum einen sind innere Bilder gewiss nicht mit einem Schlag dagewesen. Sie haben von äußeren Wahrnehmungsbildern mühsam abgelöst werden müssen und können für eine jahrtausendelange Anfangszeit schwerlich etwas anderes gewesen sein als schattenhafte unselbständige mentale Wurmfortsätze der Sinneswahrnehmung und von dieser noch gar nicht klar unterschieden – also Halluzinationen. Zum anderen sind diese ersten Halluzinationen strikt ritualgebunden gewesen – nichts als Ausflüchte und Verflüchtigungen des traumatischen Wiederholungszwanges.

Dieses Vorgehen gewährt "Linderung durch Halluzination".

Dabei finde ich, dass Türcke den Begriff "Halluzination" sehr abwertend benutzt; es handelt sich immerhin um sehr wirksame Magie. Und er ignoriert damit, dass wir uns hier ja in einer sehr seltsamen Welt der Erscheinungen bewegen.

Zurück zum Buch. Im nächsten Schritt geschah laut Türcke nun Folgendes: die Altsteinzeitmenschen halluzinierten

einen Schemen, der sich über dem sich feierlich versammelnden Kollektiv wie eine Wolke zusammenzog und ihm mit dem Nachdruck eines kategorischen Imperativs suggerierte: «Schlachtet! Ich verlange es.»

[…] Erst durch ihn, die Halluzination einer höheren Macht, wird die Schlachtung zum Opfer. Vorher war sie bloss zwanghafte Wiederholung. Nun bekommt sie einen Adressaten. Die Schlachtung wird zur Darbietung an ihn. Sie bekommt ein Wozu, einen Sinn. Sie muss sein, weil eine höhere Macht. Damit ist sie gerechtfertigt – leichter auszuhalten.

Halten wir an dieser Stelle mal inne, atmen tief durch und machen uns klar, was hier geschieht. Es handelt sich um die vermutlich allererste Invokation. Frage: Wurde die allererste Gottform dadurch von den Menschen erst erschaffen, oder war das vielmehr der erste Kontakt von Göttern und Menschen? (Mehr über Gottformen könnt ihr in dem chaosmagischen Artikel Sigils, Servitors, and Godforms lesen; auch den Scheibenwelt-Roman Einfach göttlich kann ich wärmstens empfehlen)

In jedem Fall war an dieser Stelle die Gedankenform der Schuld in der Welt, und hat sie seither nicht wieder verlassen:

Mit der Eröffnung des mentalen Raums eröffnete sich nun eine neue Daseinsperspektive: die Begleichung von Schrecken als Begleichung von Schuld. Diese Schuld war zunächst genauso imaginär wie die höhere Macht, die sie reklamierte. Schuld und höhere Macht sind anfangs ungeschieden, ja die höhere Macht ist geradezu dadurch definiert, bestimmte Lebewesen zu ihren Schuldnern zu machen.

Man könnte die Schuld also auch als das erste Mem der Menschheitsgeschichte bezeichnen. Nicht ohne Grund gehört zur biblischen Schöpfungsgeschichte die Vertreibung aus dem Paradies. Und, das ist ja gerade Türckes Punkt, schon hier war auch das Geld in der Welt:

Schuld begleicht sich einfacher als Schrecken. Die Begleichung von Schuld aber heisst Zahlung. Und die Schuld mochte zunächst noch so imaginär sein; die Zahlung war von Anfang an real.

Paul C. Martin (PCM) hatte ich diesbezüglich in meinem Graeber-Beitrag zitiert, der war da schon verdammt nah dran:

"Geld" ist sehr wahrscheinlich vor allem aus Schuldbeziehungen heraus entstanden, die sich zwischen den Menschen und den von ihnen verehrten Gottheiten ergeben haben. Die Gottheit wird nicht nur "verehrt", sondern man ist ihr etwas "schuldig", das Opfer.

Nun kommen wir an den Grund, weshalb Türcke seinem Buch den Titel Mehr! gegeben hat:

«Schuld» ist im Laufe der Menschheitsgeschichte mehr und mehr zu einem Moralbegriff geworden. Doch Moral hat als Zahlungsmoral begonnen, Schuld als Opferschuld. Schuldgefühl oder, wie man später sagt, schlechtes Gewissen ist das Gefühl, im Zahlungsverzug zu sein. Und opfernde Kollektive fühlen sich eigentlich immer im Verzug. Sie glauben Schuld abzuzahlen, wenn sie opfern. Und wenn das Opfer ihre Situation nicht spürbar verbessert, müssen sie glauben, dass ihre Zahlung ungenügend war. Sie fühlen sich zur Nachzahlung genötigt. Dabei ist ihre Zahlung eher eine Art Vorschuss, also in wörtlichem Sinne Kredit. SIe begleichen nämlich eine gefühlte Zahlung in dem Glauben, dass ihre Zahlung angenommen wird. Als Schuldner sind sie zugleich Gläubiger. Und der Glaube von Gläubigern ist nie mehr als eine Hoffnung, auch wenn oft eine gut begründete. Sie hoffen, das Gegebene zurückzubekommen. Meistens erhoffen sie noch mehr: mehr zurückzubekommen, als sie geben. Auch das trifft auf das opfernde Kollektiv zu. Es gibt nur einen Teil von sich, will dafür aber nicht nur teilweise verschont werden, sondern ganz.

Es ist also nie genug. Die Schuld kann nie ganz getilgt werden. Auf diese Art hat sich die Gedankenform Schuld (und damit auch die Gedankenform Geld) fest ins menschliche Bewusstsein eingegraben. Die Götter waren sozusagen die ersten Kapitalisten.

Vergleiche übrigens auch, was Fabian Scheidler in Das Ende der Megamaschine über die apokalyptischen Vorstellungen in der Antike schreibt:

Für den Apokalyptiker ist die Gegenwart unerträglich und unrettbar. Den Zumutungen der Macht kann er hier und jetzt nichts entgegensetzen. Anstelle der Erfahrung von Selbstwirksamkeit tritt der Glaube an eine höhere Macht, die in der Zukunft stellvertretend für die Ohnmächtigen handeln wird. Daraus ergibt sich eine vollkommen neue Vorstellung von der Zeit. Ist das Leben in einer intakten (nicht traumatisierten) Gemeinschaft bestimmt von wiederkehrenden Rhythmen und dem Wechsel der Generationen, in dem sich das Leben stets erneuert, so wird dieser Kreis durch traumatische Erfahrungen zerbrochen: Die Menschen sind nicht mehr in der Lage, sich als Teil eines sinnvollen und im Prinzip gutartigen überindividuellen Zusammenhangs zu sehen, sie sind dissoziiert, herausgerissen aus den Kreisläufen der Natur, der Gemeinschaft und des Kosmos. Alles, was ihnen bleibt, um der Verwüstung der Gegenwart etwas entgegenzusetzen, ist die Vision von einer Zukunft, in der alles anders wird, in der die gegenwärtige kaputte Welt durch eine ganz neue Welt ersetzt wird.

Die Apokalyptiker haben somit den Glauben daran verloren, mit Opfern noch irgendetwas erreichen zu können. Ihnen bleibt nur die reine Hoffnung.
Die neue, lineare Zeitvorstellung übrigens kann aber auch schon aus dem Komplex Schuld-höhere Macht-Opfer erwachsen sein, denn das Opfer soll ja gerade in Zukunft vor den Naturschrecken schützen. Und auch dieser Komplex rührt aus einer traumatischen Erfahrung.

Im Interview in brand eins sagt Türcke:

Die Entstehung von Schuld war auch die Entstehung von Sinn. Mit der Zahlung kam Sinn in die Welt, so unsinnig die ersten Zahlungen auch waren.

An dieser Stelle begreife ich noch mal besser, warum ich so auf den Un-Sinn des kosmischen Witzes abfahre. ;-)

Damit sind wir erst auf Seite 36 des 467 Seiten starken Buches (+ Literatur- und Stichwortverzeichnis). Ich werde allerdings nicht in dieser Dichte weitermachen, denn die Anfänge des Geldes stechen naturgemäß in Türckes Buch besonders hervor. Er dekliniert die Entwicklung von Schuld, Geld und Zahlung ausführlich durch, wobei sich diese vor allem als "eine Geschichte von Derivaten" darstellt (S. 360):

Denn was ist eigentlich Papiergeld? Ein Derivat von Münzen. Und Münzen sind profane Derivate von sakralen Metallopfern, wie Metallopfer wiederum Derivate von lebendigen Opfergaben. Und selbst die Tiere, die die Menschheit seit dem Neolithikum zu opfern gelernt hat, sind noch Derivate; sie lösten die rituelle Schlachtung von eigenen Stammesgenossen ab. Nur das Urgeld, das Menschenopfer, war kein Derivat. Aber weil seine Zahlung nicht auszuhalten war, drängte die werdende Menschheit zu andern Geld- und Zahlungsformen.

Weil das Geld aus der Sphäre des Göttlichen stammt, zieht sich auch die Verwaltung des Geldes durch eine Priesterschaft durch die gesamte Geschichte. Im Spiegel-Interview sagt Türcke dazu:

Jedes Geld verlangt kollektiven Glauben an seine Kaufkraft. Deswegen braucht jede Geldwirtschaft Geldpriester.

Und weiter:

Die moderne Geldschöpfung der Zentralbanken ist ähnlich mysteriös wie die Erschaffung des Urgeldes. Die Menschen, die als Opfer ausgewählt und zugerichtet wurden, hatten ja nicht von Natur aus Sühnequalität oder, modern gesagt, Kaufkraft. Sie bekamen sie durch einen Ritus angezaubert. Das Anzaubern, überhaupt das Herbeizaubern von Kaufkraft, die vorher nirgends war, ist älteste Priestertätigkeit und aktuellste Geldpolitik zugleich. Insofern sind Mario Draghi und seine Kollegen nicht nur in metaphorischem Sinn Priester. Und nicht von ungefähr mutet die über eine Milliarde teure neue Residenz der EZB wie ein riesiger Tempel an.

Was sich durch die Geschichte der Derivate ebenfalls durchzieht, ist eine immer weitere Profanierung:

Profanierung heisst wörtlich Entweihung. Man profaniert einen heiligen Ort, indem man sich unwürdig an ihm verhält, oder ein Ritual, indem man es nicht ordnungsgemäß vollzieht. Profanierung ist jedoch nicht von außen wie ein Sturm über die sakrale Sphäre gekommen und hat sie weggefegt. Sie begann vielmehr innerhalb dieser Sphäre, in kleinen, zaghaften Schritten, mit Um-, Seiten- und Rückwegen, die sich schwerlich noch vollständig rekonstruieren lassen. Dennoch ist ein Grundmuster erkennbar, das sich viele Male wiederholt und variiert hat: Die Profanierung beginnt als Sakrileg und etabliert sich schliesslich als kollektiv anerkannte Sitte. Das Tieropfer profaniert das Menschenopfer. Es speist die Götter mit Attrappen ab. […] Entsprechend profaniert die Opferung kleinerer Tiere die von Großvieh. An die Stelle eines Rindes oder Pferdes x Schafe, y Ziegen, z Gänse treten zu lassen ist jedesmal eine Zurücksetzung göttlicher Ansprüche. SIe hinterlässt Schuldgefühl, und dagegen helfen – Berechnungen. Sich und den Göttern weismachen, dass eine bestimmte Anzahl tadelloser Tiere des kleineren Formats tatsächlich das größere wert sei, ist eine durchaus heuchlerische Form der Wertschätzung des größeren Tiers. Man schätzt es durch Gleichsetzung mit x, y oder z geringeren und entschuldet sich zugleich dafür, dass man es durch geringere ersetzt. Die Wertschätzung ist hier vor allem Abschätzung, Taxierung. Rechnung ist bloß Taxierung in mathematischer Form, fassbar gemacht in Zahlen.

Das erste Geld außerhalb der priesterlichen Sphäre stammt von den antiken Königen:

Sein Grundmodell ist der Königshof: die erste profane Kopie des Tempels, eine Folge des Auseinandertretens von Machthaber- und Priesterfunktion. Um sich nicht damit begnügen zu müssen, ein Aggregat aus Stämmen und Clans zum Kriegszug zu nötigen und im Krieg zu befehligen, den Löwenanteil der Beute zu nehmen und gegen Neider zu verteidigen, grenzen die Könige ein bestimmtes Areal mit Palast, Werkstätten, Ländereien samt aller darin Tätigen exklusiv für sich ab, als etwas, was ihnen allein so gehört wie das Tempelgut der Gottheit: als Eigentum. Dies Eigentum ist das erste, das einen real existierenden irdischen Eigentümer hat, nicht nur im Namen eines fiktiven göttlichen verwaltet wird.

Warum nun ausgerechnet das antike Griechenland einen starken Schub der Geldwirtschaft erfährt, erläutert Türcke so:

Was die Polis nun wesentlich davon unterschied und allen andern Gemeinwesen eine Zeitlang überlegen machte, war ein wahrhaft politischer Kunstgriff von Heerführern, die beim Feldzug gegen Despoten ihrer Gefolgschaft nicht nur Beute und Vorteile versprachen, sondern eine qualitativ neue Lebensweise, nämlich eine Miniatur des königlichen «Hauses». Theseus muss solch ein Führer gewesen sein. […]
Aber die materielle Basis der Polis ist das «Haus» (oikos). Es bedarf einer besonderen Art der Verwaltung. Das griechische Wort dafür ist oikonomia. Und wenn Aristoteles die Hausverwaltung «als eine Art häusliches Königtum» bezeichnet, trifft er den entscheidenden Punkt. Der Hausherr ist ein kleiner König. Sein Haus ist sein Eigentum. Er bestimmt darüber ohne jede Rücksicht auf herkömmliche Stammesloyalitäten. Aber er hat, wenn er selbst in Not ist, auch keinen Anspruch mehr auf solche Loyalitäten. Er muss selbst dafür sorgen, dass sein Haus floriert und genügend Überschüsse für Notzeiten produziert. Dieser Zwang zur oikonomia ist es, der die Polis in ihrer Frühzeit zu einem Ort reichhaltiger Überschüsse machte – zu einem florierenden Wirtschaftsraum

Unser heutiges Schuldrecht geht im Wesentlichen auf das römische Recht zurück, & darüber schreibt Wikipedia:

Die frühen Rechtsgeschäfte entsprangen wohl dem sakralrechtlichen Bereich und lehnten sich stark an die religiöse Praxis der Auguren, Priestern der altrömischen Religion, die die Götterzeichen einholten, an. Sie trugen daher kultische Züge, waren ritualisiert und basierten auf Spruchformeln.

Ein Zeitsprung – Türcke macht die Wollmanufaktur im Florenz des 13. Jahrhunderts als den eigentlichen Beginn des Kapitalismus aus:

Die Handwerksmeister waren Kontrolleure ganzer Manufakturbetriebe, die Mehrzahl der darin Beschäftigten jene Art mittelloser Lohnarbeiter, die später Proletarier heißen sollten. Die Handwerksmeister mussten erst einmal Geld ausgeben für englische Wolle, das sie gar nicht oder nur teilweise hatten und sie zu Anleihen bei den zahlreichen örtlichen Bankiers nötigte. Um so erpichter waren sie darauf, die Löhne ihrer Arbeiter so gering, deren Arbeit so effizient und die Preise der fertigen Tücher so hoch zu halten wie möglich. Sie waren versessen darauf, Plus zu machen; zunächst allerdings gezwungenermaßen, denn sie begannen verschuldet.

In der florentiner Wollmanufaktur hat die Plusmacherei erstmals die Gestalt einer eigenen Produktionsweise angenommen.

Er gibt folgende knappe Definition von Kapitalismus:

Er ist der Versuch, eine monetäre Anfangsschuld durch Ausnutzung von Arbeitskräften aus der Welt zu schaffen.

Damit unterscheidet sich diese Definition vom Debitismus, denn in diesem ist es gerade egal, auf welche Weise man seine monetäre Anfangsschuld aus der Welt schafft. Es kommt darin nur darauf an, einen Nachschuldner zu finden. Arbeitskräfte werden im Debitismus im Prinzip zum Wirtschaften nicht benötigt.
Türcke ist damit näher bei Marx als bei PCM.

Kehren wir noch mal zu Grundsätzlichem zurück (Seite 210):

Spezifisch Mensch ist der Homo sapiens nämlich erst durch das Bedürfnis geworden, sich von Schuld loszukaufen. Das griechische Wort für Loskauf ist apolythrosis. Man kann es auch mit «Erlösung» übersetzen. Das Loskaufbedürfnis ist eine treibende Kraft menschlicher Geschichte.

Daraus erklärt sich auch der durchschlagende Erfolg des Christentums, einer Religion, die auf Vergebung und Erlösung basiert.

Springen wir zu Seite 324 in die heutige Zeit:

Das Geldsystem nötigt jeden, der in es verwickelt ist, Geld anzunehmen, und macht ihn damit schuldig. Man hat keine Alternative und hat doch Schuld, ganz wie in der christlichen Erbsündenlehre. Nur ist, anders als dort, hier die Schuld keineswegs das größte Übel; schlimmer ist, keine Schuld zu haben, was im Geldsystem so viel heisst, wie nicht dazuzugehören. Die Schuldigen hingegen sind recht und schlecht integriert, je nach dem Quantum ihrer Schuld. Die Bestintegrierten sind die Reichsten. Sie hören allerdings nicht auf, Schuldner zu sein; immer wieder müssen auch sie irgendwelche Rechnungen begleichen. Das Höchste, was das System in Aussicht stellt, ist, so komfortabel wie möglich schuldig zu sein, sich durch den Erwerb von immer mehr Geld und Eigentum – durch Plusmacherei, wie Marx gesagt hätte – das Gefühl zu verschaffen, als wäre man über das Schuldnerdasein eigentlich schon hinaus und schleppte nur noch die letzten Schlacken davon mit sich herum.

Und nun kommt's:

Echte Schuldlosigkeit hingegen kann das System nicht ertragen.

Lassen wir uns deshalb noch mal genüsslich die Durchsage der Einsatzleitung zum Karmagesetz auf der Zunge zergehen:

Das Karmagesetz wurde aufgehoben; um Ihnen bei Ihrer Manifestation der Göttlichkeit zu helfen, wurde statt dessen das Gesetz der Gnade erlassen. Alle Schulden sind getilgt und alle Gerichtstermine gestrichen. Sie sind frei, außerhalb der karmischen Gesetzeshoheit und im Zustand der Gnade voranzuschreiten. Der Segen aller Räte ist mit Ihnen.

Mit diesem Segen gilt es nun, den Zustand zu ändern, den Türcke auf Seite 398 beschreibt:

Modernen Menschen erscheint der Markt wie eine Naturgegebenheit. Alles, was sie weder besitzen noch selbst herstellen können, aber brauchen oder wünschen, müssen sie sich dort beschaffen. Nicht alles, was sie wünschen, ist auf dem Markt zu haben, und nicht alles, was er bereithält, bietet er ihnen zu annehmbaren Konditionen. Jeder muss seine Besitz- und Konsumwünsche mit der Realität des Marktes abgleichen, wie alle andern auch, die dort feilbieten, was sie haben, und suchen, was ihnen fehlt. […]
Nach wie vor muss die große Mehrzahl der Bevölkerung ihre Arbeitskraft verkaufen – zu Zwecken und Konditionen, die ihre Käufer vorgeben, und zwar unter allgemeinen Konkurrenzbedingungen.

Das habe ich seinerzeit in einen 3-Punkte-Plan zusammengefasst: Erst die Konkurrenz abschaffen, dann das Gegenleistungsprinzip und am Ende das Geld.

Und es lässt mich an Robert Anton Wilson denken, der in "Der neue Prometheus" Geld als "Bio-Überlebens-Tickets" bezeichnet:

In der traditionellen Gesellschaft bedeutete die Zugehörigkeit zum Stamm das Optimum an Bio-Sicherheit; Exil wurde mit Terror gleichgesetzt und konnte den Tod bedeuten. In der modernen Gesellschaft wird Bio-Sicherheit mit Geld erkauft und ihr Ausbleiben oder auch das Wegnehmen von Geld ist eine der grössten Bedrohungen unserer Gesellschaftssysteme.

An einer Stelle regte sich bei mir spontan Widerstand beim Lesen, und zwar wo es um den Zusammenhang von Dank und Schuld geht. Türcke schreibt auf Seite 127:

Dank fühlen kann nur, wer auch Schuld fühlt.

Da dachte ich spontan, Moment mal, ich kann auch einfach so dankbar sein. Inzwischen wurde mir klar, dass das gleiche Wort Dank zwei verschiedene Bedeutungen haben kann, einmal Dank aus Schuld heraus und einmal Dank als freier Akt mit einem Gefühl reiner Freude. Mein Danke-Beitrag damals geschah nicht aus irgendeinem Verpflichtungsgefühl heraus. Ich habe damit alles angenommen, was bisher in mein Leben gekommen ist.
Charles Eisenstein würde Türckes Satz wohl voll unterschreiben, denn in Kapitel 18 von Ökonomie der Verbundenheit äußert er sich so:

Weil es Dankbarkeit oder eine Verpflichtung erzeugt, ist das bereitwillige Annehmen eines Geschenks an sich schon eine Form von Großzügigkeit. Man sagt damit: “Ich bin bereit, dir etwas zu schulden.” Oder in einer etwas fortgeschritteneren Kultur des Schenkens drückt man damit aus: “Ich bin bereit, mich damit gegenüber der Gemeinschaft zu verpflichten.” Dehnt man das Prinzip noch weiter aus, dann sagt man, wenn man ein Geschenk voll und ganz annimmt, das einem gewährt wurde: “Ich bin bereit, Gott und dem Universum gegenüber in einer Schuld zu stehen.”

Auch David Graeber betont immer wieder, dass reine Tausch-Transaktionen keine Grundlage einer Gesellschaft sein können, denn danach sind die Beteiligten quitt und haben nichts weiter miteinander zu tun. Schon vor über 10 Jahren habe ich in einem Beitrag Verbindlichkeit als den Klebstoff von Gemeinschaften bezeichnet.

Als Mitglied einer Gesellschaft oder Gemeinschaft muss ich meine Freiheit immer einschränken. Am nächsten komme ich ihr wohl, indem ich "in der Welt, aber nicht von der Welt" bin, wie Jesus es ausdrückte.

Zurück zu Türcke. Ausgehend von seinem Satz über Dank und Schuld begründet er die Entstehung des Ich-Bewusstseins aus einem empfundenen Mangel heraus:

Das lernt ein Säugling erst im Zuge der Entwöhnung von der Mutterbrust. Die Mutter versagt sich ihm und lässt ihn verspüren, dass er nicht sie ist – von ihr verneint, nichtig. Erst wenn er diese Versagung als sein Versagen zu fühlen beginnt – als etwas, was ihm recht geschieht –, dann kann er damit zurechtkommen. Wenn die Versagung seine Schuld ist, bekommt sie Sinn. Sie lässt sich annehmen. Am aufkeimenden Schuldgefühl ist etwas, was gegen die Nichtigkeitserfahrung hilft. Erst den sich entziehenden Säugeorganismus lernt das Kind als Person wahrzunehmen, und erst die Zuwendungen, die es von der Person empfängt, kann es als Geschenk empfinden, für das es eine Gegengabe schuldet – nicht aber schon jede angenehme Schleimhautreizung.

Er sagt hier nichts weniger als dass neben den Göttern auch das Ego aus einer imaginären Schuld heraus entsteht (die eine sinnlose Qual erträglich machen soll), dass also in der individuellen Entwicklung eines Menschen sich stets wiederholt, was in der Altsteinzeit kollektiv erlebt wurde. 2013 hatte ich diesen Zusammenhang schon erahnt.
Da stellt sich mir allerdings die Frage, warum das Ego nicht schon viel früher, auf jeden Fall vor dem Opferkult aufgekommen ist, denn diese Erfahrung machen Säuglinge ja seit es Säugetiere gibt. Da müssen wohl auch noch andere Faktoren beteiligt sein. (Evolutions-) Biologen würden zuerst die Gehirnentwicklung nennen und darauf hinweisen, dass das Gehirn ja so etwas wie eine Sinn-erzeugende Maschine ist. Vergleiche dazu auch den spannenden Vortrag Machine dreams auf dem 33C3. Don Juan Matus wiederum würde darauf hinweisen, dass das Erzeugen von Sinn die Aufgabe des Tonal ist und dieses dazu neigt, vom Wächter zum Wärter zu werden. An dieser Stelle argumentiert Türcke mir etwas zu freudianisch.

Zum Abschluss ein Fazit meiner Türcke-Lektüre: Seine freudianische Vorgehensweise verleiht den Gedankenformen Schuld und Geld ein ontologisches Gewicht, das ich ihnen lieber nicht zugestehen will. Deshalb bevorzuge ich den Ansatz, sie eben als magische Gedankenformen zu betrachten. Damit komme ich in die Nähe von Karl-Heinz Brodbeck. Der scheint mir allerdings die (selbstverstärkende) Dynamik dieser Gedankenformen zu unterschätzen.
Ich fand es sehr erhellend, dass Schuld und Geld offenbar von Erlebnissen herrühren, die mit starken Gefühlen behaftet sind. Schuld und Geld gehören somit zum emotionalen Mittelalter, in dem die Menschheit immer noch steckt. Dazu passt die freudianische Argumentation wiederum.

Karl Marx benutzt im "Kapital" übrigens auch den Begriff Gedankenformen, er spricht sogar von "objektiven Gedankenformen":

Derartige Formen bilden eben die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie. Es sind gesellschaftlich gültige, also objektive Gedankenformen für die Produktionsverhältnisse dieser historisch bestimmten gesellschaftlichen Produktionsweise, der Warenproduktion.

Wie kommen wir nun aus dem Hamsterrad dieser Gedankenformen heraus? Ich hatte ja schon die Megamaschine als Traumatisierer ausgemacht. Um die Schuld zu knacken, gilt es also zunächst das Trauma zu knacken. Wenn es uns gelingt, jenseits von Gut und Böse zu leben und die Spannungen dabei auszuhalten, kann uns ja nicht mehr wirklich etwas passieren. "Leere kann Leere nicht verletzen." Der kosmische Witz hilft dabei ungemein. Dann lässt es sich sogar aushalten, dass Schuld und Geld auch dazu gehören.

Hier könnt ihr Christoph Türcke beim taz-Interview auf der Leipziger Buchmesse 2015 sehen:

Und bei meinen Recherchen habe ich eine 26seitige Zusammenfassung des Buches von Gaby Belz unter der Fragestellung "Wie kommt es dass die globale und allumfassende Institution des Geldes eine dermassen starke Sogwirkung und Widerstandskraft ausübt?" gefunden. Weiterhin findet ihr auch eine Rezension beim Freitag.

Ja, und es ist klar, was jetzt noch kommt, nicht wahr? "Schulden sind ein bisschen wie Gott: Wenn man nicht an sie glaubt, muss man sie nicht fürchten." ;-)

Wie das Känguru richtig bemerkt, funktioniert es nur, wenn sich die Schuldner zusammentun. Allein machen sie dich ein. Mitten im Islamischen Staat nützt es mir wenig, wenn ich selber Gott nicht fürchte, weil ich nicht an ihn glaube.
Auch zur schwindenden Solidarität äußert sich Türcke im Kapitel über die mikroelektronische Revolution:

Das Münzwesen, so zeigt sich nun im Rückblick, war selbst schon eine Art Mikrotechnologie. Es machte die Münzempfänger zu Mikrosouveränen, die im Kleinen eine Verfügungsmacht über Dinge ausübten wie im Großen die «Hausherren» über ihr «Haus» (oikos). Die Münzausgabe verwandelte einen Kriegshaufen in eine Vielzahl distinkter Personen. Jeder von ihnen wurde ein Verfügungspotential in die Hand gedrückt. Die kleinen glänzenden Scheibchen werteten ihre Empfänger auf, trennten sie aber auch voneinander. Sie zogen eine scharfe Linie zwischen Mein und Dein und ließen die Gemeinsamkeit des Haufens nur noch so weit reichen, wie die neu errungene Souveränität es zuließ.

Eigentum als Instrument von "Teile und herrsche" eben.
Nun zur eigentlichen Mikroelektronik:

Seit der Erfindung der Münze ist nicht wieder eine solche durchdringende Mikrotechnologie in Gang gesetzt worden wie die der mikroelektronischen Revolution. Nicht, dass der PC nun die neue Münze wäre. Er ist überhaupt kein Geld. Man bekommt die Welt durch ihn geliefert, ohne dass man ihn dafür veräußern muss. Allerdings bekommt man sie nur virtuell geliefert: als Datenmasse, von der niemand satt wird. Gar nicht virtuell hingegen ist die Trennungs- und Vereinzelungswirkung der neuen Geräte. Ihre Nutzer arbeiten tatsächlich als Masseneremiten, man darf sogar sagen, als Globaleremiten – ein jeder an seinem Gerät. Noch im gleichen Büro schicken sie sich E-Mails, die um die halbe Welt flitzen, um auf dem benachbarten Bildschirm zu erscheinen. Teamkonferenzen? Nur für Fragen, die sich per E-Mail nicht klären lassen. «Gemeinsam sind wir stark»: diese alte politische Parole gilt nur noch zu den Konditionen der neuen Eremitensouveränität. Und wer will sich diese Souveränität, wenn er sie einmal erlangt hat, wieder nehmen lassen? In wenigen Jahren ist sie zu einem Notanker geworden. Wer sie aufgibt, verliert den entscheidenden Zugang zu den sozialen und wirtschaftlichen Verteilungsmechanismen. Er wird abgehängt.

Und das gilt für alle, die im System drinhängen, für die Reichsten mindestens genau so stark wie für die Ärmsten. Es führt also in die Irre, "die Elite" als Feindbild verantwortlich zu machen. Wie schrieb ich doch weiter oben? Die Götter waren die ersten Kapitalisten. Die Gedankenform der Schuld macht uns zu Schuldnern. Sie treibt das "Teile und herrsche"-Prinzip immer weiter. Um die jeweils eigene Schuld loszuwerden oder auch nur zu reduzieren, wenden wir das Sankt-Florians-Prinzip an, statt uns wieder zusammenzutun. Und sie führt dazu, dass Menschen im Brustton der Überzeugung den Satz aussprechen, der David Graeber zum Schreiben seines Buches gebracht hat: "Schulden muss man doch zurückzahlen!"

Ich kann nur ahnen, wie grundlegend anders eine schuldlose Welt wäre als die Welt, in der ich aufgewachsen bin und bis heute lebe. The return to innocence.

Türcke räumt nebenbei noch mit der Vorstellung vom Internet als globalem Gehirn auf (siehe dazu auch mein vom Film "Das Netz" inspirierter Beitrag):

Dabei wird keineswegs «das Zentralnervensystem zu einem weltumspannenden Netz ausgeweitet». Es werden lediglich Nervenleistungen gefiltert – durch Leitungen gezwängt. Die Nähe, die so entsteht, besteht lediglich in Überbrückung raumzeitlicher Ferne, in Abkürzung und Beschleunigung von isolierten Kommunikationsprozessen – und ist nicht zu verwechseln mit umfassender «menschlicher Nähe» samt all der wechselseitigen Teilnahme und Einfühlung, die sich nur allmählich in längerem Zusammenleben und -erleben bilden kann. Dazu bedarf es nämlich am dringendsten, was die neue Technologie am meisten einsparen will: Zeit.

Und ich sitze hier stundenlang alleine am Rechner und schreibe…

Ganz zum Schluss wiederhole ich noch mal die Durchsage der Einsatzleitung:

Das Karmagesetz wurde aufgehoben; um Ihnen bei Ihrer Manifestation der Göttlichkeit zu helfen, wurde statt dessen das Gesetz der Gnade erlassen. Alle Schulden sind getilgt und alle Gerichtstermine gestrichen. Sie sind frei, außerhalb der karmischen Gesetzeshoheit und im Zustand der Gnade voranzuschreiten. Der Segen aller Räte ist mit Ihnen.

Nachtrag vom 13.01.: Angeregt durch The KLF lese ich nun endlich die Illuminatus!-Trilogie und habe darin eine erhellende Stelle zum Thema gefunden:

"The porpoises do not fear death, they do not avoid suffering, they are not assailed by conflicts between intellect and feeling and they are not worried about being ignorant of things. In other words, they have not decided that they know the difference between good and evil, and in consequence they do not consider themselves sinners. Understand?"
"Very few humans consider themselves sinners nowadays," said George. "But everyone is afraid of death."
"All human beings consider themselves sinners. It's just about the deepest, oldest, and most universal human hangup there is. In fact, it's almost impossible to speak of it in terms that don't confirm it. To say that human beings have a universal hangup, as I just did, is to restate the belief that all men are sinners in different languages. In that sense, the Book of Genesis—which was written by early Semitic opponents of the Illuminati—is quite right. To arrive at a cultural turning point where you decide that all human conduct can be classified in one of two categories, good and evil, is what creates all sin—plus anxiety, hatred, guilt, depression, all the peculiarly human emotions. And, of course, such a classification is the very antithesis of creativity. To the creative mind there is no right or wrong. Every action is an experiment, and every experiment yields its fruit in knowledge. To the moralist, every action can be judged as right or wrong—and, mind you, in advance—without knowing what its consequences are going to be—depending upon the mental disposition of the actor.

Jenseits von Gut und Böse kommt man weiter.
Übrigens ist mir die Idee, dass die "Erkenntnis von Gut und Böse" ein Fehler (und kein Fortschritt) war, durch den wir Menschen uns selbst massiv einschränken, indem wir alles bewerten und beurteilen, schon in dem Roman Die Hütte begegnet. Den habe ich derzeit verliehen, weshalb ich die Stelle gerade nicht raussuchen kann.

Die Blockchain als anerisische Illusion

2017-01-4

Wieder mal habe ich den Jahreswechsel woanders verbracht als auf dem Chaos Communication Congress. Das macht aber fast nichts, denn die Vorträge kann man ja alle nachgucken.
Dabei habe ich dieses Mal durch Vimjas Einführung zu Blockchains ganz locker verstanden, was es mit Bitcoin & anderen Kryptowährungen auf der Basis einer Blockchain auf sich hat. Er erklärt das echt gut – auf Schweizerisch ;-).

Dann habe ich soeben noch den Stiegler Legal Podcast zu Blockchains und Smart Contracts gehört; weniger technisch, mit mehr Marketing-Buzzwords. Der Stiegler ist in der Demoszene aktiv (siehe Chiptunes 4eva!!!), was ihn mir trotz Bullshit-Bingo sehr sympathisch macht.

Worauf es mir in diesem Zusammenhang vor allem ankommt: Eine Blockchain enthält alle Transaktionen aller am System Beteiligten, & zwar für alle öffentlich nachvollziehbar. Die Bitcoin-Blockchain ist z.B. aktuell an die 100 GB groß. Auf Blockchain.info könnt ihr die Blockchain in Aktion beobachten mit allerlei interessanten Statistiken.
Man kann also (in der Theorie) lückenlos nachvollziehen, wer wem wann welches Eigentum übertragen hat. Logisch, dass die Voluntaristen da voll drauf abfahren.

Wenn ich mir das so angucke, erscheint mir der Glaube an die Blockchain als die ultimative anerisische Illusion. Was ist das? Schauen wir ins Heilige Buch:

Das anerisische Prinzip ist das der OFFENSICHTLICHEN ORDNUNG, das erisische Prinzip das der OFFENSICHTLICHEN UNORDNUNG. Beides, Ordnung und Unordnung, sind menschgemachte Konzepte und künstliche Unterteilungen des REINEN CHAOS, welches eine tiefere Ebene darstellt als die des Entscheidungen-Treffens.
Mit unserem Konzepterzeuger, dem "Geist", betrachten wir Realität durch unsere "Ideen von Realität", die uns unsere Kultur, in der wir leben, gegeben hat. Diese Ideen von Realität werden mißverständlicher weise als "Realität" bezeichnet, und unerleuchtete Wesen sind immer wieder verblüfft, daß andere Wesen, im besonderen andere Kulturen, "Realität" völlig anders betrachten. Es sind nur die Ideen von Realität, die sich unterscheiden. Wirkliche (wahre) Realität ist eine Ebene tiefer als die des Begriffskonzepts-Erzeugens.
Wir betrachten die Welt durch Fenster, denen wir verschiedene Filter zugeordnet haben (Konzepte). Verschiedene Philosophien benutzen verschiedene Filter. Eine Kultur ist eine Gruppe von Leuten, die ähnliche Filtermuster besitzen. Durch unser Fenster erblicken wir Chaos ordnen ihm verschiedene Fixpunkte unserer Filter zu und verstehen es dadurch. Die ORDNUNG ist im FILTER. Dies ist das anerisische Prinzip.
Westliche Philosophie ist meist leidenschaftlich damit beschäftigt, einen Filter mit dem anderen zu vergleichen und Filter auszubessern, in der Hoffnung, einen zu finden, der für die gesamte Realität wahr ist (behaupten die unerleuchteten Westler). Dies ist eine Illusion. Es ist das, was wir Erisier die ANERISISCHE ILLUSION nennen. Einige Filter sind brauchbarer, andere angenehmer, wieder andere schöner, usw., aber keiner ist wahrer als ein anderer.
UNORDNUNG ist einfach unzusammenhängende Information, welche durch ein bestimmtes Filter erscheint. So wie Zusammenhang ist aber auch NichtZusammenhang ein Konzept. Männlichkeit ist so wie Weiblichkeit eine Idee von Geschlecht. Zu behaupten, daß Männlichkeit die Abwesenheit von Weiblichkeit, oder umgekehrt ist, ist nur eine Frage der Definition und metaphysisch unwichtig. Das künstliche Konzept des NichtZusammenhangs ist das ERISISCHE PRINZIP.
Der Glaube, daß "Ordnung wahr" und Unordnung unwahr, oder irgendwie falsch sei, ist die anerisische Illusion.
Dasselbe, nur mit Unordnung anstelle von Ordnung, ist die ERISISCHE ILLUSION.
Um es auf den Punkt zu bringen - Wahrheit (gewöhnliche) ist eine Frage der Definition, bezogen auf den Filter, den wir gerade verwenden, und daß Wahrheit (große) metaphysische Realität ist, für die Filter vollkommen unwichtig sind. Nimm einen Filter, und durch ihn wird mancher Teil des Chaos geordnet und mancher Teil als ungeordnet erscheinen. Nimm einen anderen Filter, und dasselbe Chaos wird unterschiedlich geordnet/ungeordnet erscheinen.

Realität ist der wahre Rorschach-Test.

Nun versuchen Blockchain und Smart Contracts gar nicht, "einen Filter zu finden, der für die gesamte Realität wahr ist", sondern sie wollen unsere menschliche Realität so gestalten, dass sie ganz innerhalb dieses Filters, d.h. innerhalb der anerisischen Illusion, bleibt (siehe den letzten Beitrag sowie viele andere hier im Blog). Auch das ist natürlich eine Illusion; das Heilige Chao hält sich nicht an die Blockchain. Sie haben die Rechnung ohne die Bugs gemacht (Fehler in der Matrix). Welch ein Glück!

Zum Abschluss rufe ich in Erinnerung, was David Graeber beobachtet hat. In den Worten von Frank Schirrmacher:

Praktisch alle Aufstände, Umstürze und sozialen Revolutionen der europäischen Geschichte, schreibt Graeber, entstanden aus einer Situation der Überschuldung. Die scheint eine der größten Kräfte in der Entfesselung von Unruhe und Revolte zu sein und eine der über Generationen zyklisch wiederkehrenden Lebensbedrohungen - sowohl für den Einzelnen wie für die etablierte Macht.
„Löscht alle Schulden, und verteilt das Land neu!“ - das, so hat der große Althistoriker Moses Finley geschrieben, sei über Jahrhunderte das einzige und immer wiederkehrende revolutionäre Programm der Antike gewesen.

In Fight Club sprengt Tyler die Kreditkartenfirmen und das zentrale Schuldenregister in die Luft, sinnigerweise unter dem Decknamen Projekt Chaos. Nicht ganz so wirkungsvoll, dennoch sehr disruptiv, haben The KLF bekanntlich 1994 eine Million Pfund verbrannt.
Projekt Chaos 2.0 wird ein Hackerangriff auf die Blockchains dieser Welt sein. Wenn uns nicht vorher das nächste Carrington-Event erwischt. Deshalb jetzt alle mitsingen:

Hail Snake Plissken!

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