Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
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Effizienz und Redundanz besser ausbalancieren

2020-04-10

Die Corona-Krise führt uns gerade sehr deutlich vor Augen, dass wir als Menschheit uns viel zu stark in Richtung Effizienz orientiert haben. Dabei bleibt notwendigerweise die Redundanz auf der Strecke, denn das sind entgegengesetzte Pole auf einer Skala.

Diesen Beitrag schreibe ich mit meinem Hintergrund als Informatiker, deshalb nenne ich folgendes Beispiel um das zu erläutern:
Unsere Gemeinschaft hat zwei Internetanschlüsse bei zwei unterschiedlichen Anbietern. Effizienter und auch billiger wäre es, einen Anschluss mit der doppelten Bandbreite zu buchen. Dann wären wir aber, wenn dieser eine Anbieter ausfällt, komplett offline. Wir haben uns daher entschieden, lieber auf etwas Effizienz zu verzichten, um durch die redundanten Anschlüsse besser durch unsere Kunden erreichbar zu sein.
Dieses Beispiel hinkt etwas, weil natürlich trotzdem beide Anbieter den gleichen Kabelstrang nutzen; würde dieser von einem Bagger auf der Straße durchtrennt, dann wären wir trotz zweier Anbieter offline. Dennoch haben wir schon mehrfach erlebt, dass einer der beiden Anbieter zeitweise ausgefallen war und wir über den anderen weiterhin ins Internet und telefonieren konnten.

Was hat das jetzt mit Corona zu tun? Nun, wir sehen an allen Ecken & Enden, wo uns diese Krise gerade deshalb so schwer trifft, weil wir auf Redundanz zugunsten von Effizienz verzichtet haben.
Das offensichtlichste Beispiel ist das Gesundheitssystem. Wenn Krankenhäuser Profite erwirtschaften müssen, senken sie natürlich alle dafür nicht notwendigen Kosten wie z.B. "überschüssige" Intensivbetten. Diese Intensivbetten sind im Normalfall tatsächlich nicht belegt, bei einer Pandemie wie der jetzigen bräuchten wir sie aber dringend. Die Anstalt erläutert das am Beispiel Italien.

Ein weiteres Beispiel sind die teilweise unterbrochenen Lieferketten. Früher, in der "guten alten Zeit", haben Unternehmen benötigte Vorprodukte und Rohstoffe in eigenen Lagern gehalten. Dann kam die Idee der Just-in-time-Produktion auf, die den Leuten erzählte, dass das doch total ineffizient sei und wir auch mittels moderner Kommunikationsmittel immer nur das bestellen können, was gerade gebraucht wird. Dumm nur, wenn dann auch nur ein einzelnes Glied der Lieferkette ausfällt, weil z.B. in Wuhan Lockdown herrscht.

Und natürlich ist die industrielle Landwirtschaft mit ihren Monokulturen auch besonders anfällig, weil sie so auf Effizienz getrimmt ist. Ein quadratkilometergroßes Weizenfeld lässt sich sehr effizient bewirtschaften, indem man z.B. mit einer ganzen Flotte von Mähdreschern im Handumdrehen das ganze Feld aberntet. Trifft nun aber den Weizen eine Pandemie, dann ist eben auch gleich das komplette quadratkilometergroße Weizenfeld futsch.

Wir können in der Coronakrise auch das gegenteilige Phänomen beobachten, übertriebene Redundanz: Hamsterkäufe. Die sorgen dann aber wieder wegen der Just-in-time-Produktion für Engpässe.

Da sich Redundanz und Effizienz gegenseitig ausschließen, können wir grundsätzlich nie maximale Redundanz und maximale Effizienz haben. Wir müssen immer abwägen, was uns wie wichtig ist. Ein Blick in die Natur gibt dabei aber eine Orientierung, was am ehesten gesund für uns sein könnte: dort sehen wir nämlich durch die Bank, dass das Leben die Redundanz der Effizienz vorzieht. Allein dass ein Baum Jahr für Jahr abertausende von Samen produziert, von denen sich nur ein winziger Bruchteil später mal zu einem großen Baum auswächst, verdeutlicht das.

Mit unserem Effizienzwahn waren wir also die ganze Zeit ziemlich auf dem Holzweg. Ich nenne mal nur noch ein drastisches Beispiel aus dem Militär: im Jahr 2017 war kein einziges deutsches U-Boot fahrtüchtig – weil Ersatzteile fehlten. Ersatzteile sind ein typisches Beispiel von Redundanz. Man braucht sie erst mal nicht, so lange alles funktioniert, und könnte deshalb auf die Idee kommen, gar keine zu produzieren oder kaufen. Bis man sie dann eben doch braucht, um den Laden wieder ins Laufen zu bringen.
Für weitere Beispiele verweise ich auf das Stichwort "Privatisierung" in Fefes Blog. Privatisierungen werden ja immer damit begründet, dass profitorientierte Privatunternehmen effizienter seien als der Staat. Das ist wohl so; dafür sind sie deutlich weniger resilient, um mal noch ein ergänzendes Wort zu Redundanz einzuflechten. Wir sehen ja, dass die "effizientesten" Unternehmen auch die sind, die als erste vom Staat gerettet werden müssen…

Nachtrag vom 11.04.: Andreas Weber bringt die Vorliebe des Lebens für Redundanz gegenüber Effizienz in seinem Buch Biokapital noch mal deutlicher auf den Punkt:

Gerade für die Effizienz muss immer wieder die Natur als Beispiel herhalten. Aber in wie vielen Fällen spricht der wissenschaftliche Volksmund, der auch aus den meisten Lehrbüchern schallt, den Mythos schlicht nach, statt ihn selbst an der Wirklichkeit zu überprüfen? Die Photosynthese etwa, der Energiemotor an der Basis allen Lebens, ist äußerst ineffizient. Sie hat einen extrem schlechten Wirkungsgrad. Nur im Schnitt 3 bis 5 Prozent der eintreffenden Sonnenenergie wandelt die Pflanze in Biomasse um – der Rest verfliegt. Menschengemachte Photovoltaik, die Erzeugung von Strom aus Sonnenlicht, hat schon jetzt einen viel höheren Ausbeuteanteil.

Dafür wächst die Pflanze von allein, ohne jedes Zutun aus dem Staub des Bodens, überall, wo ein Same hinfällt. Sie ist nicht effizient, sondern redundant: Es gibt so viele Artgenossen, dass natürliche Zerstörung eines Ökosystems kaum je etwas ausmacht, und dass der Abfall, die Überreste, gleich wieder zu neuem Keimen Kraft verleihen. Die Pflanze ist nicht sparsam, sondern lebendig: Sie stellt sich niemals außerhalb des Kreises, in den die Energie der Sonne fließt.

Und weiter:

In Wahrheit ist die Natur über alle Maßen verschwenderisch. Sie wirft mit Tod und Leben um sich, als wäre es nichts, sie geizt niemals, weil alles zurückkehrt. Ein Kabeljauweibchen allein legt mehrere Millionen Eier in der Tiefe der See ab, von denen nur zwei zu geschlechtsreifen Fischen heranwachsen müssen, damit die Kette der Existenzen geschlossen bleibt. Ihre Fortsetzung wird nicht über engherziges Optimieren gewährt, sondern durch ein Ausschenken mit voller Hand.

Wolf Lotter hat ein ganzes Buch über Verschwendung geschrieben, das schon seit mehreren Jahren ungelesen in meinem Regal steht – auch das ist nicht effizient. ;-)

Nachtrag vom 18.04.: Marx21 schreibt im Artikel mit dem sprechenden Titel Corona Fried Chicken

Eine Folge dieser Vernichtung ist, dass die weltweite Geflügelproduktion durch Monokulturen gekennzeichnet ist. Hühner werden durch die Zucht an der Bildung von Resistenzen gegen neue Viren gehindert, weil ein begrenzter Pool von Genen die Vielfalt der Immunreaktionen auf Viren bei deren Mutation einschränkt. Die Folge ist die erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Übertragung zwischen Geflügel und Mensch.

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