Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Effizienz und Redundanz besser ausbalancieren

2020-04-10

Die Corona-Krise führt uns gerade sehr deutlich vor Augen, dass wir als Menschheit uns viel zu stark in Richtung Effizienz orientiert haben. Dabei bleibt notwendigerweise die Redundanz auf der Strecke, denn das sind entgegengesetzte Pole auf einer Skala.

Diesen Beitrag schreibe ich mit meinem Hintergrund als Informatiker, deshalb nenne ich folgendes Beispiel um das zu erläutern:
Unsere Gemeinschaft hat zwei Internetanschlüsse bei zwei unterschiedlichen Anbietern. Effizienter und auch billiger wäre es, einen Anschluss mit der doppelten Bandbreite zu buchen. Dann wären wir aber, wenn dieser eine Anbieter ausfällt, komplett offline. Wir haben uns daher entschieden, lieber auf etwas Effizienz zu verzichten, um durch die redundanten Anschlüsse besser durch unsere Kunden erreichbar zu sein.
Dieses Beispiel hinkt etwas, weil natürlich trotzdem beide Anbieter den gleichen Kabelstrang nutzen; würde dieser von einem Bagger auf der Straße durchtrennt, dann wären wir trotz zweier Anbieter offline. Dennoch haben wir schon mehrfach erlebt, dass einer der beiden Anbieter zeitweise ausgefallen war und wir über den anderen weiterhin ins Internet und telefonieren konnten.

Was hat das jetzt mit Corona zu tun? Nun, wir sehen an allen Ecken & Enden, wo uns diese Krise gerade deshalb so schwer trifft, weil wir auf Redundanz zugunsten von Effizienz verzichtet haben.
Das offensichtlichste Beispiel ist das Gesundheitssystem. Wenn Krankenhäuser Profite erwirtschaften müssen, senken sie natürlich alle dafür nicht notwendigen Kosten wie z.B. "überschüssige" Intensivbetten. Diese Intensivbetten sind im Normalfall tatsächlich nicht belegt, bei einer Pandemie wie der jetzigen bräuchten wir sie aber dringend. Die Anstalt erläutert das am Beispiel Italien.

Ein weiteres Beispiel sind die teilweise unterbrochenen Lieferketten. Früher, in der "guten alten Zeit", haben Unternehmen benötigte Vorprodukte und Rohstoffe in eigenen Lagern gehalten. Dann kam die Idee der Just-in-time-Produktion auf, die den Leuten erzählte, dass das doch total ineffizient sei und wir auch mittels moderner Kommunikationsmittel immer nur das bestellen können, was gerade gebraucht wird. Dumm nur, wenn dann auch nur ein einzelnes Glied der Lieferkette ausfällt, weil z.B. in Wuhan Lockdown herrscht.

Und natürlich ist die industrielle Landwirtschaft mit ihren Monokulturen auch besonders anfällig, weil sie so auf Effizienz getrimmt ist. Ein quadratkilometergroßes Weizenfeld lässt sich sehr effizient bewirtschaften, indem man z.B. mit einer ganzen Flotte von Mähdreschern im Handumdrehen das ganze Feld aberntet. Trifft nun aber den Weizen eine Pandemie, dann ist eben auch gleich das komplette quadratkilometergroße Weizenfeld futsch.

Wir können in der Coronakrise auch das gegenteilige Phänomen beobachten, übertriebene Redundanz: Hamsterkäufe. Die sorgen dann aber wieder wegen der Just-in-time-Produktion für Engpässe.

Da sich Redundanz und Effizienz gegenseitig ausschließen, können wir grundsätzlich nie maximale Redundanz und maximale Effizienz haben. Wir müssen immer abwägen, was uns wie wichtig ist. Ein Blick in die Natur gibt dabei aber eine Orientierung, was am ehesten gesund für uns sein könnte: dort sehen wir nämlich durch die Bank, dass das Leben die Redundanz der Effizienz vorzieht. Allein dass ein Baum Jahr für Jahr abertausende von Samen produziert, von denen sich nur ein winziger Bruchteil später mal zu einem großen Baum auswächst, verdeutlicht das.

Mit unserem Effizienzwahn waren wir also die ganze Zeit ziemlich auf dem Holzweg. Ich nenne mal nur noch ein drastisches Beispiel aus dem Militär: im Jahr 2017 war kein einziges deutsches U-Boot fahrtüchtig – weil Ersatzteile fehlten. Ersatzteile sind ein typisches Beispiel von Redundanz. Man braucht sie erst mal nicht, so lange alles funktioniert, und könnte deshalb auf die Idee kommen, gar keine zu produzieren oder kaufen. Bis man sie dann eben doch braucht, um den Laden wieder ins Laufen zu bringen.
Für weitere Beispiele verweise ich auf das Stichwort "Privatisierung" in Fefes Blog. Privatisierungen werden ja immer damit begründet, dass profitorientierte Privatunternehmen effizienter seien als der Staat. Das ist wohl so; dafür sind sie deutlich weniger resilient, um mal noch ein ergänzendes Wort zu Redundanz einzuflechten. Wir sehen ja, dass die "effizientesten" Unternehmen auch die sind, die als erste vom Staat gerettet werden müssen…

Nachtrag vom 11.04.: Andreas Weber bringt die Vorliebe des Lebens für Redundanz gegenüber Effizienz in seinem Buch Biokapital noch mal deutlicher auf den Punkt:

Gerade für die Effizienz muss immer wieder die Natur als Beispiel herhalten. Aber in wie vielen Fällen spricht der wissenschaftliche Volksmund, der auch aus den meisten Lehrbüchern schallt, den Mythos schlicht nach, statt ihn selbst an der Wirklichkeit zu überprüfen? Die Photosynthese etwa, der Energiemotor an der Basis allen Lebens, ist äußerst ineffizient. Sie hat einen extrem schlechten Wirkungsgrad. Nur im Schnitt 3 bis 5 Prozent der eintreffenden Sonnenenergie wandelt die Pflanze in Biomasse um – der Rest verfliegt. Menschengemachte Photovoltaik, die Erzeugung von Strom aus Sonnenlicht, hat schon jetzt einen viel höheren Ausbeuteanteil.

Dafür wächst die Pflanze von allein, ohne jedes Zutun aus dem Staub des Bodens, überall, wo ein Same hinfällt. Sie ist nicht effizient, sondern redundant: Es gibt so viele Artgenossen, dass natürliche Zerstörung eines Ökosystems kaum je etwas ausmacht, und dass der Abfall, die Überreste, gleich wieder zu neuem Keimen Kraft verleihen. Die Pflanze ist nicht sparsam, sondern lebendig: Sie stellt sich niemals außerhalb des Kreises, in den die Energie der Sonne fließt.

Und weiter:

In Wahrheit ist die Natur über alle Maßen verschwenderisch. Sie wirft mit Tod und Leben um sich, als wäre es nichts, sie geizt niemals, weil alles zurückkehrt. Ein Kabeljauweibchen allein legt mehrere Millionen Eier in der Tiefe der See ab, von denen nur zwei zu geschlechtsreifen Fischen heranwachsen müssen, damit die Kette der Existenzen geschlossen bleibt. Ihre Fortsetzung wird nicht über engherziges Optimieren gewährt, sondern durch ein Ausschenken mit voller Hand.

Wolf Lotter hat ein ganzes Buch über Verschwendung geschrieben, das schon seit mehreren Jahren ungelesen in meinem Regal steht – auch das ist nicht effizient. ;-)

Nachtrag vom 18.04.: Marx21 schreibt im Artikel mit dem sprechenden Titel Corona Fried Chicken

Eine Folge dieser Vernichtung ist, dass die weltweite Geflügelproduktion durch Monokulturen gekennzeichnet ist. Hühner werden durch die Zucht an der Bildung von Resistenzen gegen neue Viren gehindert, weil ein begrenzter Pool von Genen die Vielfalt der Immunreaktionen auf Viren bei deren Mutation einschränkt. Die Folge ist die erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Übertragung zwischen Geflügel und Mensch.

Bruno Latour stellt die richtigen Fragen zur Bestandsaufnahme

2020-04-6

Der Soziologe Bruno Latour, auf den ich durch einen Artikel im Tagesspiegel aufmerksam wurde, hat auf seiner Website einen 4seitigen Text in verschiedenen Sprachen veröffentlicht, in dem er uns alle einlädt, das angehaltene Hamsterrad für eine Bestandsaufnahme zu nutzen.

Wenn alles angehalten wird, kann alles in Frage gestellt, umgesteuert, ausgewählt, sortiert, endgültig unterbrochen oder, im Gegenteil, beschleunigt werden. Jetzt ist es an der Zeit, die jährliche Bestandsaufnahme zu machen. Auf die Bitte um gesunden Menschenverstand – “Lasst uns die Produktion so schnell wie möglich wieder aufnehmen” – müssen wir mit einem Schrei antworten: “Sicher nicht!“. Das Letzte, was wir tun sollten, wäre, wieder alles genau so zu machen, was wir vorher gemacht haben.

Die Corona-Krise ist die Gelegenheit, der Sache mal so richtig auf den Grund zu gehen:

Es geht nicht mehr darum, ein Produktionssystem fortzuführen oder umzusteuern, sondern aus der Produktion als einziges Prinzip der Beziehung zur Welt auszusteigen. Es ist keine Frage der Revolution, sondern der Auflösung, Pixel für Pixel. Wie Pierre Charbonnier zeigt, ist es nach hundert Jahren Sozialismus, der sich auf die Umverteilung der Gewinne der Wirtschaft beschränkt, vielleicht an der Zeit, einen Sozialismus zu erfinden, der die Produktion selbst in Frage stellt.

Der Clou ist die letzte Seite, die sich an Dich persönlich richtet:

Da es immer gut ist, ein Argument mit praktischen Übungen zu verknüpfen, schlagen wir vor, dass die LeserInnen versuchen, diesen kurzen Selbstbeschreibungsfragebogen zu beantworten. Die Übung wird umso nützlicher sein, wenn sie auf einer direkten persönlichen Erfahrung beruht. Es geht nicht einfach darum, eine Meinung zu äußern, wie sie einem in den Sinn kommt, sondern um eine Beschreibung und, gegebenenfalls, eine Recherche. Erst später, wenn wir uns die Mittel angeeignet haben, die Antworten zusammenzutragen und die durch ihre Schnittpunkte entstandene Landschaft zu zusammenzusetzen (composer), können wir eine Form des politischen Ausdrucks finden – diesmal ist sie jedoch verkörpert und klar lokalisiert, so dass wir effektiv handeln können. Mit anderen Worten, lassen Sie uns die erzwungene Unterbrechung der meisten Aktivitäten nutzen, um eine Art Bestandsaufnahme zu machen.

Direkter Link zur deutschen Version: Welche Schutzmaßnahmen können wir uns vorstellen, damit wir nicht zum Produktionsmodell der Zeit vor der Krisezurückkehren?

Und denk daran, du musst nichts überstürzen, sondern kannst dich von der Muße küssen lassen.

Und passend zu den Fragen ist endlich die deutsche Übersetzung von Charles Eisensteins großartigem Essay erschienen: Die Krönung.

Vom Virus hypnotisiert

2020-04-5

Weil ich nicht schlafen konnte, habe ich mir eben Charles Eisensteins großartigen Essay The Coronation angehört, von ihm selber gelesen. Den hatte ich hier im Blog schon mal erwähnt, aber beim ersten Lesen noch gar nicht in seiner Fülle erfasst.

Nun beim Hören wurde mir bewusst, dass ich mich vom Virus, der Pandemie sowie auch der drastischen Reaktion darauf regelrecht habe hypnotisieren lassen. Wenige Tage nachdem wir unseren Laden vorerst dicht gemacht hatten, hatte ich schon mal die tiefere Dimension des Geschehens kurz gestriffen. Dann packte mich aber gleich wieder die Demokratie-Panik & ich war wieder mit meiner Aufmerksamkeit ganz an der Oberfläche des Themas.

Mein Verstehen-Wollen der Situation drückt auch die Grundhaltung aus, dass ich damit die Situation für mich wieder unter Kontrolle bringen will. Genau diesen Ansatz fahren auch die Regierungen in aller Welt, besonders deutlich ausgedrückt im Strategiepapier des Innenministeriums. Dessen Titel lautet "Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen" (Hervorhebung von mir).

Nochmal zurück zur Pandemie und der Reaktion darauf. Charles beobachtet sehr genau, dass unsere Wahrnehmung sowohl des Virus als auch der drastischen Maßnahmen der Staaten beide von Angst geprägt sind: Auf der einen Seite Angst vor den schlimmen Folgen der Pandemie, einem zusammenbrechenden Gesundheitssystem usw., auf der anderen Seite Angst vor einem neuen Faschismus durch Corona-Notverordnungen. Der zweiten Angst war ich zeitweilig sehr heftig auch verfallen.

Dabei ist Die schönere Welt, die unser Herz kennt, auf einmal greifbar nahe geworden, wo sie bis vor kurzem noch wie ein Wolkenkuckucksheim erschien.

Übrigens, während ich das hier schreibe, höre ich die Vertonung der Gensequenz von SARS-CoV-2 auf Soundcloud.

Auch Yuval Noah Harari, der ansonsten allerdings der alten Kriegsrhetorik verhaftet bleibt "wie wir gegen die akute Bedrohung kämpfen können", sieht die Chance für große Umwälzungen:

In normalen Zeiten lässt sich Vertrauen, das über Jahre untergraben worden ist, nicht über Nacht wieder aufbauen. Aber in einer Krise kann sich auch das Denken schnell ändern. Wir können uns mit unseren Geschwistern über Jahre bitter streiten, aber wenn es zu irgendeiner Notlage kommt, finden wir ein verstecktes Reservoir von Vertrauen und Zuneigung und eilen einander zu Hilfe. Wir müssen kein Überwachungsregime einführen, stattdessen können wir das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft, die Behörden und die Medien wieder aufbauen; dafür ist es nicht zu spät.

Damit dieses Vertrauen & diese Zuneigung kein Strohfeuer bleiben, gilt es, uns bewusst auf Kooperation und Mitgefühl auszurichten. Und es gilt, die Strukturen unserer Gesellschaft in diese Richtung umzugestalten, allen voran ein lebensförderndes Anreizsystem einzuführen und jetzt mit dem Aufbau einer regenerativen Kultur für alle zu beginnen. Das umfasst auch, unsere Böden und überhaupt unsere Ökosysteme zu regenerieren, wozu wir die Agrarwende brauchen. Nun ja, ich habe noch viele andere mögliche Bausteine hier im Blog skizziert.

Damit wir an dieser Wegscheide, an der wir kollektiv stehen, gute und schöne Entscheidungen treffen, kommt es darauf an, dass wir auf unser Herz hören. Deshalb zitiere ich noch mal den letzten Satz aus "Das Ende der Megamaschine", den ich im Beitrag Die Rekultivierung unseres Lebens schon mal zitiert hatte:

Die Qualität der anderen Welten, die wir vielleicht schaffen können, wird sich nicht nur daran zeigen, ob sie ökologisch nachhaltig und sozial gerecht sind, sondern auch daran, welche Feste wir feiern und welche Lieder wir singen.

Wie riecht die schönere Welt, die unser Herz kennt? Wie schmeckt sie? Wie fühlt sie sich an, wie klingt sie, wie sieht sie aus? So wie die Scherben singen oder vielleicht doch ganz anders?

Wenn wir einen Eindruck von ihr haben, dann können wir uns Schritt für Schritt dort hinbewegen, vom Misstrauen zur Verbundenheit. Auf diesem Weg erinnern wir uns an die neue und uralte Geschichte der Verbundenheit. Wie Charles so treffend in "The Coronation" schreibt: Leben ist Gemeinschaft.

Zum Schluss wiederhole ich noch mal mein Zitat von Rutger Bregman aus dem Beitrag Das Hamsterrad steht still:

Historiker haben vielfach gezeigt, dass Krisen auch gesellschaftliche Wende­punkte sein können. Oft sind das die Momente, in denen Wandel geschieht. Es ist, als befänden wir uns gegenwärtig in einem Historien­film; und es ist noch zu früh für eine Prognose, aber ich hoffe, dass dieser Moment ein Wende­punkt sein und das Ende dessen markieren wird, was man das neoliberale Zeitalter nennen könnte, in dem wir vor allem auf Wettbewerb und Individualismus gepolt sind. Vielleicht können wir in ein neues Zeitalter der Kooperation eintreten, auf der Grundlage eines positiveren Menschen­bildes. Wie ich in meinem Buch schreibe: Was Sie anderen Menschen unterstellen, ist oft auch das, was Sie von ihnen bekommen. Wenn man davon ausgeht, dass die meisten Leute nur an ihren Eigennutz denken, dann errichtet man auch die eigene Gesellschaft gemäss diesem Prinzip: alle Institutionen, Schulen, Arbeits­plätze, die Demokratie, was auch immer Sie wollen. Aber wenn wir umgekehrt Institutionen auf der Vorstellung aufbauen würden, dass Menschen zwar keine Engel, aber letztlich ziemlich anständig sind, dann bekämen wir eine ziemlich andere und wohl auch bessere Gesellschaft.

Nachtrag vom 08.04.: Nun ist endlich die deutsche Übersetzung von Charles Eisensteins großartigem Essay erschienen: Die Krönung. Und Bruno Latour stellt Fragen für eine umfassende Bestandsaufnahme, wie wir nach der Krise leben wollen.

Nachtrag vom 15.04.: Miki Kashtan hat eine Artikelreihe über die Coronakrise angefangen. Sie betont auch, dass der Ausnahmezustand große Chancen für grundlegende Veränderungen birgt:

during times of crisis, scripts don’t work and habits are challenged. At such times we are pushed to respond freshly in the moment, from deeper layers of ourselves than those conditioned by the social order. Jolted out of autopilot, the future becomes even less known. Suddenly, deeper patterns become visible, taboo topics open up, and actions that might have seemed impossible are now commonplace. There is a very real possibility that at least in some parts of the globe, the immediate response to the current conditions will reflect a move toward honoring life, interdependence, and needs, even as the risk of increased totalitarianism is present.

Sie findet wahrhaftig starke Worte:

Overall, I see this crisis as the first opportunity in at least centuries, if not millennia, to change course, precisely because the entire machinery that keeps it all going is ground to a halt, on a global scale. This pandemic is inviting us to abandon the disastrous path of scarcity, separation, and powerlessness focused on controlling life and death. We have an unprecedented opportunity to reconnect with life as we celebrate its messy preciousness and surrender in full to death as part of life. We can find, again, flow, togetherness, and choice as we accept our interconnectedness with each other and with all that lives. Just as the anonymous biblical author reminds us: We have been given the choice between life and death, and we can choose life.

Nachtrag vom 18.04.: Schon am 24. März hat jemand Ayahuasca zum Coronavirus befragt und faszinierende Antworten bekommen.

Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast

2020-03-29

Das ist mein bisheriges Fazit dieser "Pandemie", spätestens nach dem ich die Stellungnahme des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin unter der treffenden Überschrift COVID-19: Wo ist die Evidenz? gelesen habe. Das zu tun kann ich euch allen auch nur empfehlen.

Weiterhin gibt inzwischen das Robert Koch-Institut (RKI) selber zu, dass die angeblichen "Corona-Todesfälle" einfach alle Todesfälle sind, bei denen auch eine SARS-CoV-2-Infektion festgestellt wurde. Das heisst also mitnichten, dass die alle an COVID-19 gestorben sind. Das RKI wirft folglich Korrelation und Kausalität irreführenderweise in einen Topf.

Dazu habe ich mal ein Venn-Diagramm gebastelt, das die Verhältnisse skizziert; es ist wie gesagt eine Skizze und orientiert sich nicht an konkreten Zahlen, denn die sind im Moment ohnehin viel zu spekulativ (draufklicken um das skalierbare SVG-Bild zu bekommen):
Venn-Diagramm mit Gesamtbevölkerung, Infizierten, Positiv Getesteten, Gestorbenen, Als Corona-Tote Veröffentlichten und ursächlich an COVID-19 Gestorbenen

Falls sich jemand von euch berufen fühlt, dieses Diagramm in ein LaTeX-Dokument mit TikZ zu verwandeln, melde dich gerne bei mir. Ich hatte nicht den Nerv, mich darin von der Pike auf einzuarbeiten.

Noch mal zur Unterscheidung: Coronaviridae sind eine ganze Familie von Viren, von denen SARS-CoV-2 eine ganz bestimmte Art ist. Bei manchen (insgesamt eher wenigen) mit SARS-CoV-2 infizierten Menschen löst diese Infektion das Krankheitsbild COVID-19 aus. So weit zu den Begriffen.

Der Präsident des Weltärzteverbandes, Frank Montgomery, sagt im Interview:

Italien hat einen Lockdown verhängt und hat einen gegenteiligen Effekt erzielt. Die waren ganz schnell an ihren Kapazitätsgrenzen, haben aber die Virusausbreitung innerhalb des Lockdowns überhaupt nicht verlangsamt. Ein Lockdown ist eine politische Verzweiflungsmaßnahme, weil man mit Zwangsmaßnahmen meint, weiter zu kommen, als man mit der Erzeugung von Vernunft käme.

Zur Erzeugung von Vernunft hat Sascha Lobo den Artikel Wider die Vernunftpanik geschrieben. Das ist nämlich nicht so einfach wie man denken könnte:

Natürlich muss in derartigen Notsituationen auf Fachleute gehört werden - aber eben nicht allein auf medizinische. Sondern auch auf politische Profis mit sozialer Expertise (was übrigens führende Virologinnen ähnlich sehen). Nicht alles, was auf den ersten Blick wissenschaftlich sinnvoll ist, kann eins zu eins umgesetzt werden. Gesellschaften sind komplexe Haufen, in denen oft anders reagiert wird, als Laien glauben.

Kommen wir zurück zu den veröffentlichen Zahlen, aus denen auf etlichen Websites schön bunte "Corona-Dashboards" gebastelt werden, so z.B. bei der Johns Hopkins University. Da gibt es die "bestätigten Fälle", wobei mir schon mal unklar ist, meint das Infektionen oder Erkrankungen. Das wird dort nirgends erläutert. Für die Gesamtzahl an Todesfällen gilt das oben Gesagte: Handelt es sich um Gestorbene, die positiv auf das Virus getestet wurden, oder um ursächlich an COVID-19 Gestorbene, oder eine Mischung daraus? Auch hier – keinerlei Erläuterung der Zahlen. Die Zahlen der "Genesenen" sind ein völliger Witz, weil die nämlich überhaupt nicht systematisch erhoben werden.

Entsprechend regen sich massive Zweifel von vielen Seiten an diesen Zahlen. OffGuardian nennt 12 Experts Questioning the Coronavirus Panic. Und während ich schreibe, flattern mir 10 MORE Experts Criticising the Coronavirus Panic ins Haus.

Einen davon möchte ich besonders hervorheben, Sucharit Bhakdi. Bei dem haben nämlich sowohl mein dritter bester Freund als auch meine Schwester studiert, und beide halten große Stücke auf ihn. Bhakdi hat auf YouTube inzwischen vier kritische Beiträge veröffentlicht (darunter seinen offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel), die ich in eine Playliste gepackt habe:

Ein weiterer Kritiker der bisher ergriffenen drastischen Maßnahmen ist der Infektiologe Pietro Vernazza vom Kantonsspital St. Gallen, der sagt «Die Zahlen zu den jungen Coronavirus-Erkrankten sind irreführend»:

Das deckt sich auch mit den Zahlen des «Istituto Superiore di Sanità», Italiens oberstem Gesundheitsinstitut. Das durchschnittliche Alter der Verstorbenen liegt bei 79,5 Jahren. Die deutlich am stärksten betroffene Altersgruppe sind die 80- bis 89-Jährigen. Nur fünf Menschen waren unter 40 Jahre, alle waren krank, ehe sie sich mit dem Virus infizierten. Lediglich drei Menschen starben offenbar am Coronavirus alleine.

Vernazza fordert deshalb, alle teilweise überstürzt getroffenen Entscheidungen in den letzten Wochen nun zu reflektieren. Wenn fast 90 Prozent der Infektionen unbemerkt bleiben, mache es keinen Sinn alle Leute zu testen. Damit widerspricht er den Aussagen des Lausanner Epidemiologen Marcel Salathé. «Die Tests helfen uns im Spital, Patienten mit schweren Infektionen zu behandeln». Dort muss man wissen, wer angesteckt ist.

Aufgrund der neuen Erkenntnisse zeige sich, dass viele der Massnahmen vielleicht sogar kontraproduktiv seien. Vor allem die Schulen zu schliessen, hält er für falsch wie auch eine Ausgangssperre im epidemiologischen Sinn nicht das Richtige wäre. Seine Nachfrage beim BAG habe gezeigt, dass die Entscheidung der Schulschliessungen nicht auf wissenschaftlicher Basis erfolgt sei, sondern weil die anderen Länder diese auch durchgeführt haben.

Und der deutsche Virologe Hendrik Streeck hat im Kreis Heinsberg alle (bis zum 16.03., als das Interview mit ihm erschien) dort Infizierten befragt. Er sagt

Natürlich werden noch Menschen sterben, aber ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage: Es könnte durchaus sein, dass wir im Jahr 2020 zusammengerechnet nicht mehr Todesfälle haben werden als in jedem anderen Jahr.

Das Science Media Center Germany ist auch eine empfehlenswerte Quelle in dem Informations-Bombardement, in dem wir uns zur Zeit befinden. Die veröffentlichen dort nämlich Zahlen mit allen Wenns und Abers, die dazu gehören, so z.B. zur Frage Wie tödlich wird das Coronavirus?

Dort finden sich auch bemerkenswerte Aussagen über die Qualität der bisherigen Tests:

Man muss da drei Dinge unterscheiden: Infektöse Viren verursachen die Viruslast. Wenn infektiöses Virus vorhanden ist, kann eine Person eine andere anstecken. Allerdings muss die Viruslast dafür bei vielen Viren hoch sein. Was aber mit dem PCR-Test detektiert wird, ist nicht das Virus, sondern das Virusgenom. Und es kommt sehr wohl oft vor, dass noch Virusgenom vorhanden ist, aber kein infektiöses Virus mehr. Bei Masern ist das oft über Monate der Fall.

Und noch mal direkt die Frage, wie die Testgüte der PCR-Tests einzuschätzen ist:

Das kommt wirklich auf den Test selbst an, wo er durchgeführt wird und wer ihn durchführt. Es gibt einige Protokolle, manche sind besser als andere. Aber genaue Daten gibt es momentan nicht.

Eine andere Wissenschaftlerin sagt dazu:

Wir kennen solche Befunde auch von anderen, respiratorische Erkrankungen auslösenden Viren, wie beispielsweise bei Grippeviren. Dabei sind auch gegen Ende Erkrankung, wenn der Patient schon wieder gesund ist, noch Reste des Virus in den Atemwegen zu finden. Man muss daher sehr vorsichtig sein, solche positiven Tests bei genesenen Patienten als eine Reinfektion zu interpretieren. Außerdem sind die Tests, die wir verwenden, extrem sensitiv. Wir testen dabei auf vorhandenes Viruserbgut in den Proben. Solange also noch Reste des Virus vorhanden sind, bleibt der Test positiv, obwohl das Virus vielleicht schon nicht mehr infektiös ist. Zur Beurteilung des Testergebnis ist daher auch wichtig zu wissen, wie viel Erbgut des Virus noch vorhanden ist. […]

Das Testergebnis kann auch jedoch auch aufgrund äußerer Faktoren differieren, beispielsweise wie die Probe entnommen wurde. Ein guter nasopharyngealer Abstrich ist unangenehm für den Patienten. Sollte das zuständige Personal beispielsweise zu zaghaft vorgehen, kann eine Probe auch einmal negativ getestet werden. Wird der Abstrich wieder korrekt durchgeführt, weist er beim nächsten Mal wieder Virus nach.

Und es geht noch weiter:

Ein weiterer Faktor erneut auftretender Symptome nach negativen Tests, wie bei der japanischen Patienten geschehen, könnte auch das Auftreten von Ko-Infektionen sein. Auch dazu liegen mittlerweile Daten vor, dass COVID-19 auch mit anderen Virusinfektionen einhergehen kann und Patienten dann beispielsweise für zwei Viren positiv getestet werden. Der Test auf SARS-CoV-2 wäre aufgrund der restlichen Erbinformation weiterhin positiv, die Symptome stammen aber von einer neuen, anderen Erkrankung.

Ganz frisch flatterte mir nun der Beleg rein, dass das RKI auch irreführende Fallzahlen veröffentlicht:

Bislang vermieden es das Robert Koch-Institut und die Bundesregierung, die Anzahl der wöchentlich in Deutschland durchgeführten Corona-Tests zu erheben und zu veröffentlichen. Stattdessen wurden mit aus dem Zusammenhang gerissenen Fallzahlen Angst und Panik geschürt. Amtliche Daten belegen nun erstmals, dass die rasante Zunahme der Fallzahlen im Wesentlichen aus einer Zunahme der Anzahl der Tests resultiert.

In konkreten Zahlen:

Was man bislang nicht wusste: Die Anzahl der durchgeführten Tests in Deutschland betrug in KW 11 knapp 130.000, in KW 12 aber fast 350.000. Nicht nur die Zahl der positiv getesteten Fälle hat sich also ungefähr verdreifacht, sondern auch die Menge der Tests. Die tatsächliche Steigerung der Fälle, bezogen auf die Anzahl der Tests, beträgt lediglich einen (!) Prozentpunkt: In Kalenderwoche 11 wurden knapp 6 % der Untersuchten positiv getestet, in KW 12 hingegen 7 %.

Noch ein aufschlussreiches Detail zu Italien: Dort sind die Menschen in erheblichem Maße resistent gegen Antibiotika, was vermutlich mit dem hohen Antibiotikaanteil im Zuchtfleisch zusammenhängt:

Im Überwachungsatlas der Agentur (Surveillance Atlas of Infectious Diseases) findet sich unter anderem ein interessanter Aufschluss über die Antibiotika-Resistenzen der Bewohner einzelner EU-Länder (Antimicrobial Resistance). Der Vergleich Italien-Deutschland ist eklatant: Deutschland hat eine Kennziffer von 0,4, Italien dagegen bietet stolze 26,8. Das bedeutet im Klartext, dass die Antibiotika-Resistenz bei italienischen Patienten problematisch hoch ist, anders gesagt: Fast ein Drittel der Italiener spricht im Fall des Falles auf Antibiotika nicht an.

Kommen wir nun noch zu den negativen gesundheitlichen Auswirkungen von Quarantäne und Ausgangssperren. Das Ärzteblatt weist in einem Artikel auf Risiken und Wirkung von Kontaktbegrenzung und Ausgangssperre hin:

Welche sozialpsychischen Folgen eine komplette Ausgangssperre haben kann, habe sich etwa in China gezeigt, erklärt Buyx. Dort sei die Zahl der psychischen Erkrankungen angestiegen, außerdem habe die häusliche Gewalt vor allem gegen Frauen und Kinder massiv zugenommen. „Das sind schwere Kollateralfolgen und deswegen müssen wir diese Einschränkungen mit Augenmaß einsetzen. Wir müssen immer wieder fragen, welche Maßnahmen können wir wann und wie kontrolliert zurücknehmen.“

Die Republik zitiert eine Meta-Studie in The Lancet zu den psychologischen Wirkungen von Quarantäne:

Die grössten Gefahren bei Quarantäne sind Angst und Ärger – Rückzug und Gereiztheit.

Richtig heftig wird Quarantäne laut «Lancet» ab Tag 11 – also aufs Wochenende hin. Was ausgerechnet in den Tagen passieren wird, wenn die Statistiker den vollen Ansturm in den Spitälern erwarten.

Es läuft übrigens gerade eine Petition, die eine Baseline-Studie fordert, um die bisher fehlende Evidenz zu bekommen.

Bleibt mir am Ende nur noch der Hinweis, die veröffentlichten Daten auf EuroMOMO zu verfolgen. Da ist bisher von Pandemie nix zu sehen.

Nachtrag vom 30.03.: Nach einigen Kommentaren bei Facebook habe ich dort folgende Klarstellung geschrieben:

Meine Forderung ist in erster Linie mehr Transparenz, d.h. welche Aussagekraft haben welche veröffentlichten Zahlen und mit wie viel Unsicherheit sind sie jeweils belegt.
Der Beitrag soll gar nicht aussagen, dass die Maßnahmen alle falsch sind. Sondern nur dass die Grundlage, auf der sie beschlossen wurden, alles andere als felsenfest ist. Und dass, wie das Ärzteblatt schreibt, die Vorsichtsmaßnahmen auch Kollateralfolgen haben, weshalb das alles gut abgewogen sein will.

Weiterer Nachtrag vom 30.03.: Auch die Statistikerin Katharina Schüller hat eine Petition für systematisch repräsentative SARS-CoV-2-Tests gestartet. Auf diese wurde ich in einem Beitrag beim Deutschlandfunk aufmerksam.

Und es meldet sich der Statistiker Gerd Bosbach zu Wort in einem Interview bei den NachDenkSeiten:

Es ist inzwischen als Sachverhalt bekannt, dass wir die Gesamtzahl der Infizierten gar nicht kennen. Wer keine Symptome hat, wird nicht getestet, andere auch nur sehr eingeschränkt. Das wissen wir. Aber sobald wieder Zahlen genannt werden, tun wir wieder so, als würden wir diese genau kennen. Was wir kennen, ist die Zahl der positiv Getesteten. Die Zahl der Infizierten ist auf jeden Fall deutlich höher, aber niemand kann sagen, um welchen Faktor. Um dies zu beantworten, bräuchten wir eine repräsentative Stichprobe aus der Bevölkerung. Das ist zur Zeit mangels Testkapazitäten in Deutschland nicht machbar.

Er erhellt auch die Frage nach der Sterblichkeit:

Man kann Sterblichkeit unterschiedlich definieren. Eine übliche Definition ist Anzahl der Toten auf 100.000 Einwohner. Aber das ist in der jetzigen Diskussion nicht gemeint. Hier geht es um die Frage, wie viele der mit Corona erkrankten Menschen sterben. Nun wissen wir aber nicht, wie viele Menschen überhaupt krank sind. Daher gibt es in der Medizinstatistik die Größe der Letalität, die berücksichtigt, dass wir die Zahl der Infizierten aus der Zahl der bekannt infizierten schätzen müssen. Dadurch ist die Letalität eine von der eigenen Schätzung abhängige, ungenaue Größe. Genauer wird es rechnerisch, wenn man nur die bekannt positiv Infizierten berücksichtigt, meist als Mortalitätsrate bezeichnet. Damit wird die Sterblichkeit an der Krankheit aber deutlich überschätzt, um wie viel ist aber unbekannt. Wir haben also ein Begriffswirrwarr, das sich letztlich damit erklärt, dass wir immer wieder von Infizierten anstatt von positiv Getesteten reden. Im Gedächtnis bleiben davon die hohen Zahlen, etwa die von der WHO genannte Mortalitätsrate von 3,4%. Und das erzeugt Angst.

Und er weist darauf hin, dass wir im Moment schlicht viel zu wenig wissen:

Im Moment analysieren wir die Zahlen der Vergangenheit. Was die Zukunft betrifft – und das ist eine deutliche Warnung – haben wir einfach keine Zahlen. Wir können zwar die Zahlen und Entwicklungen der letzten Tage hochrechnen, wissen aber nicht, ob es auch so eintreten wird.

Seit Samstag sind die Wachstumsraten bei den positiv Getesteten zwar zurückgegangen, aber das kann sich noch in eine andere Richtung bewegen. Wir wissen es schlichtweg nicht. Da sollte der Statistiker schweigen, herkömmliche Wachstumsmodelle werden nicht passen und die Entwicklungen aus China sind nur sehr bedingt übertragbar.

Bosbach zieht in Bezug auf unser Gesundheitssystem die richtigen Schlüsse:

Unser Gesundheitssystem darf nicht völlig auf Profit ausgerichtet sein. Es muss genug Reserven geben, auch wenn es in normalen Zeiten unwirtschaftlich ist. Intensivstationen, die in normalen Zeiten schon zu 80% ausgelastet sind, reichen nicht aus. Auch wenn dies Geld kostet, hier muss dringend investiert werden. Und wenn das private Konzerne nicht können oder wollen, dann muss wieder verstaatlicht werden. Gesundheit ist eben keine Ware, wie attac schon vor langem feststellte.

Wie das konkret aussieht, beschreibt eine Berliner Krankenpflegerin im Tagesspiegel: „Euren Applaus könnt ihr euch sonstwohin stecken“.

Und ich erinnere noch mal an die tiefere Ursache nicht nur dieser Pandemie, unsere industrielle Landwirtschaft.

Im Zusammenhang mit diesem Beitrag habe ich neben dem altbekannten Wort Medienkompetenz ein neues Wort gelernt: Datenkompetenz. Davon braucht es wahrhaftig mehr!

Nachtrag vom 02.04.: Hendrik Streeck leitet die gerade begonnene repräsentative Studie im Kreis Heinsberg:

Nachtrag vom 03.04.: Oha, es gibt jetzt erste Anzeichen bei EuroMOMO.

Nachtrag vom 09.04.: Das ermutigende Zwischenergebnis der Heinsberg-Studie ist jetzt da. Dafür nehmen allerdings die Ausschläge bei EuroMOMO zu.

Nachtrag vom 13.04. Das dritte Corona-Papier der Leopoldina (auf dessen Grundlage die Bundesregierung mit den Ländern am Mittwoch beschließen wird, wie es weitergeht) betont, wie wichtig belastbare Daten für die nächste Zeit sind:

Wirksame Risikokommunikation muss zwei Aufgaben gleichzeitig erfüllen: Sie muss einerseits durch die realistische und pointierte Darstellung der Ansteckungsgefahren die Bereitschaft zur Kooperation der Bürger bei der Einhaltung notwendiger Maßnahmen fördern, und sie darf andererseits nicht zu ungerechtfertigten Ängsten führen. Die Erfüllung beider Ziele hängt entscheidend von der wissenschaftlich begründeten Wahl der verwendeten Risikostatistiken sowie von dem resultierenden Vertrauen in die kommunizierten Informationen ab. Dazu müssen unmissverständliche, kontextbezogene und die Aufklärung fördernde Informationen durch die zuständigen Stellen bereitgestellt werden.

Und weiter:

Die Menschheit beobachtet das erste Mal in ihrer Geschichte quasi in Echtzeit, wie sich eine Viruspandemie entwickelt. Graphiken zeigen täglich das rasante Wachstum der Infizierten und die kumulierte Anzahl der an COVID-19 Verstorbenen. Diese Informationsdichte und die selektive Präsentation ausgewählter absoluter Zahlen erhöhen die subjektiv erlebte Bedrohung und erschweren den Blick auf die tatsächlichen Risiken. Um das Ausmaß erlebter Bedrohung realistisch einzuschätzen, ist es wichtig, zwischen der Anzahl der leicht bis asymptomatisch Erkrankten, der schwerer Erkrankten mit stationärer Einweisung, der Anzahl der notwendigen Intensivbehandlungen und der Zahl der Verstorbenen zu unterscheiden.

Nachtrag vom 17.04.: Die Leopoldina ist allerdings der gleiche Verein, der 2016 noch "aus wirtschaftlichen Gründen" die Schließung von 1300 Kliniken empfahl.

Nachtrag vom 23.04.: Lesenswertes Interview mit Peter Pomerantsev:

Die Idee einer objektiv beschreibbaren Realität erweist sich auch bei Corona als Illusion, weil die Betrachtung dieses Virus in Millionen Geschichten und Vorurteile zerfällt. Was einen zu der Frage bringt, wo genau Realität eigentlich beginnt. Wenn wir uns selbst angesichts einer Pandemie nicht auf eine gemeinsame Faktenbasis einigen können, wann und wo dann?

Vergleiche dazu auch meinen Realitätstunnel-/Filterblasen-Beitrag.

Nachtrag vom 24.04.: Fefe zur immer noch unübersichtlichen Datenlage:

Lasst euch übrigens von den App-Diskussionen nicht von der eigentlichen Kernfrage ablenken, nämlich dass die Datenerhebung und -verwaltung der zuständigen Behörden im Moment absolut unzureichend ist. Pavel hatte da mal ein paar Kurven gemacht und festgestellt, dass die Daten weitgehend unbrauchbar sind. Er hat da eine künstliche Sinuswelle drübergelegt, um ein einigermaßen verwendbares Signal zu kriegen. Die Sinuswelle hat ausgeglichen, dass es in den Daten ein massives Hoch- und Runter im Wochentakt gibt. Da das Virus sich ja wahrscheinlich eher nicht an christliche Traditionen hält, wird das wohl ein Artefakt der Datenerhebung und -verarbeitung sein.

Es ist übrigens auch bezeichnend, dass Deutschland bei EuroMOMO bis auf Berlin & Hessen weiss ist – keine Daten verfügbar.

Nachtrag vom 26.04.: Zur globalen Einordnung der unübersichtlichen Lage empfehle ich Die Wahrheit und was wirklich passierte. Es ist kompliziert.

Weiterer Nachtrag vom 26.04.: Der Artikel Die Überschätzung des tatsächlichen Anstiegs der Coronavirus-Neuinfektionen setzt endlich mal die gemeldete Zahl der Neuinfektionen ins Verhältnis der gesamten Testzahlen. Damit bestätigt er anhand der offiziellen Zahlen, dass der von aller Welt gedisste Wolfgang Wodarg offenbar richtig lag mit seiner Einschätzung, dass der exponentielle Anstieg von Fällen am exponentiellen Anstieg der Tests lag.

Noch einer vom 26.04.: Ebenso in Telepolis versucht Lorenz Borsche, die Corona-Zahlen verständlich zu machen, mit der entgegengesetzten Stoßrichtung wie der vorherige Artikel. Dabei hat er sehr schwierige Voraussetzungen:

Wenn das Publikum bei Günther Jauchs Wer-wird-Millionär die Frage: Wieviel sind 20%, ein Viertel, ein Fünftel oder ein Zwanzigstel, mehrheitlich falsch beantwortet, muss niemand sich schämen zuzugeben, auch keine Ahnung zu haben. Auch wenn Prozentzahlen täglich in Zeitungen zitiert werden, sie werden selten verstanden.

Dazu kommt:

Statistik oder Hermeneutik: das eine ohne das andere muss schiefgehen, wenn wir es mit Menschen und Zahlen zu tun haben. Der Mensch als "Datenlieferant" für Statistik ist schon hochkomplex, weil so individuell und divers; wenn wiederum Menschen ohne entsprechende Ausbildung aber solche Daten interpretieren sollen, wird es doppelt schwierig, dazu bedarf es des Verstehens, wie die meisten Menschen Daten und Zahlen überhaupt wahrnehmen - nämlich sehr besonders. Das werden wir gleich ein ums andere mal sehen.

Dem Schlusssatz habe ich nichts hinzuzufügen:

Muss ich noch mehr sagen zum Problem: Statistik ist schwierig? ;-)

Einen hab ich noch am 26.04.: Der Kritik an der Heinsberg-Studie entnehme ich folgende nachahmenswerte Kriterien zur Präsentation von Studienergebnissen:

Jede Präsentation von Studienergebnissen sollte mindestens einen Satz der grundlegendenden Daten enthalten:

  1. Gesamtzahl der zu analysierenden Personen (Kohorte). Zum Beispiel 9 Millionen Österreicher, 12.569 Einwohner von Gangelt.
  2. Anzahl der Proben (tatsächliche Studienteilnehmer).
  3. Anzahl der zufällig ausgewählten Teilnehmer, Anzahl und Prozentsatz derjenigen, die sich geweigert haben, an der Studie teilzunehmen.
  4. Mögliche Gründe, warum ausgewählte Probanden die Teilnahme verweigerten.
  5. Wahrscheinlicher Prozentsatz infizierter Personen unter denjenigen, die sich weigerten, daran teilzunehmen (grobe Schätzung).
  6. Wurde den Teilnehmern ein Anreiz (z. B. Geld) angeboten?
  7. Wenn die Tests pro Haushalt durchgeführt wurden, wurden Personen desselben Haushalts anders gezählt als allein lebende Personen? Was war der Schlüssel (/ Prozent) für diese Berechnung?
  8. Anzahl und Prozentsatz der Intensivpfleger.
  9. Anzahl und Prozentsatz der Personen, die auf der Intensivstation gestorben sind.
  10. Schätzung der Anzahl der nicht gemeldeten Todesfälle während der Krankheit.
  11. Gab es eine zeitliche Begrenzung für die Zählung von SARS-Cov-19-infizierten Personen als Covid-19-Todesfälle (z. B. 14 Tage nach dem letzten Test)?
  12. In wie vielen Fällen wurde die Infektion erst post mortem festgestellt?
  13. Inwieweit unterscheiden sich die Zahlen (Prozentsätze) der randomisierten Studie von den zuvor angenommenen Werten?
  14. Wie verläßlich ist die Testmethode? Sind zum Beispiel Coranavirus-Antikörper spezifisch für SARS-Cov-2 oder könnten sie ein frühere Infektion mit einem anderen Coronavirus anzeigen?

Nachtrag vom 04.05.: Die Heinsberg-Studie ist jetzt veröffentlicht.

Nachtrag vom 07.05.: Die Republik hat einen guten Artikel über differenzierte Wissenschaftskritik, Was Wissen schafft.

Nachtrag vom 13.05.: Inzwischen kritisiert sogar schon das ZDF das Robert Koch-Institut. Und Prof. Bhakdi hat mit anderen die Initiative Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie e.V. gestartet.

Nachtrag vom 15.05.: Der Vorsitzende des Netzwerk für evidenzbasierte Medizin, Andreas Sönnichsen, hat ein langes Interview gegeben, aus dem ich hier keine einzelnen Abschnitte hervorheben will. Er spricht sich jedenfalls für einen freien kritischen Diskurs aus und dafür, alle Maßnahmen wie die gerade begonnene Lockerung mit repräsentativen Studien zu begleiten.

Nachtrag vom 11.06.: Statistik ist eigentlich recht einfach, sooo einfach dann aber auch wieder nicht, wie das folgende Video zeigt.

Direktes Nachfolgevideo, das die aktuellen Zahlen des RKI mit berücksichtigt:

Nachtrag vom 28.06.: Das Ärzteblatt bestätigt die hohe Falsch-Positiv-Rate bei niedriger Durchseuchung/Prävalenz. Am Beispiel von 3% Prävalenz:

Der positive Vorhersagewert errechnet sich als Quotient aus der Zahl der richtig positiv Getesteten (21) und der Summe aller Personen mit positivem Testergebnis (21 + 49 = 70). Er ist mit 0,30 erschreckend gering – 70 % der als positiv getesteten Personen sind gar nicht positiv, ihnen wird aber Quarantäne verordnet.

Weiterhin schreibt der Artikel

Bei Angaben zu Sensitivität und Spezifität der in Deutschland verwendeten PCR-Tests halten sich sowohl das Robert Koch-Institut als auch das nationale Konsiliarlabor am Institut für Virologie der Charité bedeckt. Die oft zitierte, nahezu 100-prozentige Sensitivität unter Laborbedingungen dürfte in der Praxis nie erreicht werden, schon weil beim Testen selbst erhebliche Unsicherheitsfaktoren hinzukommen. So weist beispielsweise jeder Test die Viren nur in einem bestimmten Zeitfenster nach.

Ein anderer Artikel über Antikörper-Tests ist noch vernichtender:

Die mittlerweile auf dem Markt verfügbaren Antikörpertests werben mit Sensitivitäten bis zu 100 % und Spezifitäten von bis zu 99,8 %. Dennoch entschied sich das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium Ende Mai in einem Verordnungsentwurf, keine Regelung für die Kostenerstattung von Testungen auf das Vorhandensein von Antikörpern durch die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung zu treffen, da „nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft noch ungeklärt ist, inwieweit ein Antikörpernachweis mit dem Vorliegen einer Immunität korreliert“.

Nachtrag vom 04.07.2020: Ich habe in einem Beitrag das für mich Wesentliche aus dem Buch "Corona Fehlalarm?" von Karin Reiss und Sucharit Bhakdi destilliert.

Corona: Die Einhegung der Allmende auf Steroiden

2020-03-28

In diesem Blog geht es seit langem immer wieder um das Gemeinschaffen, das Commoning. Nun haben die Commons bzw. auf deutsch Allmenden eine lange Geschichte der Einhegung hinter sich. Das fing mit den allerersten Staaten an, was sich bei James C. Scott nachlesen lässt, kam mit der Enclosure Movement in England zu einem ersten Höhepunkt und wurde in späteren Phasen in Karl Polanyis Werk The Great Transformation dokumentiert.

Einhegung heisst nichts anderes, als dass die ursprünglichen Beziehungen des Gemeinschaffens aufgebrochen und in eine abstrakte Marktbeziehung unter Aufsicht eines (ab der Industrialisierung bürgerlichen) Staates verwandelt wurden. Das ging einher mit immer stärkerer Individualisierung und Vereinzelung der Menschen und mit einem immer schärferen Konkurrenzkampf, bei dem die Solidarität der Menschen zusammen mit der Allmende immer weiter zurück gedrängt wurde.

Die Corona-Krise beschleunigt diesen Prozess gerade massiv durch das von allen Seiten propagierte Social Distancing. Alle hocken nur noch vereinzelt in ihren Privatwohnungen, der öffentliche Raum ist faktisch nicht mehr existent. Im Internet stecken ja auch alle nur noch in ihren persönlichen Filterblasen.

Das Lied "Every Home A Prison" von Coldcut und Jello Biafra ist jedenfalls gerade erschreckend aktuell.

Wie soll mensch da noch mit anderen zusammen Gemeinschaffen? Die Keimform-Leute basteln gerade an einer Software für ununterbrochenes Commoning. Bin gespannt was dabei herauskommt (mehr dazu auch beim Wandelbündnis).

Inspiriert zu diesem Blogbeitrag hat mich Charles Eisensteins Essay The Coronation. Er stellt darin die Frage

COVID-19 wird irgendwann abebben, aber die Bedrohung durch ansteckende Krankheiten wird bleiben. Unsere Antwort wird den Kurs für die Zukunft bestimmen. Das öffentliche Leben, das gemeinschaftliche Leben und das Leben gemeinsamer Körperlichkeit ist schon seit einigen Generationen im Schwinden begriffen. Statt in Geschäften einzukaufen, lassen wir uns Sachen nach Hause liefern. Statt Rudeln von Kindern, die draußen spielen, haben wir Play Dates und digitale Abenteuer. Statt des öffentlichen Platzes haben wir ein Online-Forum. Wollen wir fortfahren uns noch weiter voneinander und von der Welt zu isolieren?

Und weiter:

Wollen wir uns, um das Risiko einer weiteren Pandemie zu senken, dafür entscheiden, für immer in einer Gesellschaft ohne Umarmung und Händeschütteln zu leben? Wollen wir uns dafür entscheiden, in einer Gesellschaft zu leben, in der wir uns nicht mehr in größerer Zahl versammeln? Soll das Konzert, das Sportereignis und das Festival der Vergangenheit angehören? Sollen Kinder nicht mehr mit anderen Kindern spielen? Soll aller menschlicher Kontakt durch Computer und Gesichtsmasken vermittelt werden? Kein Tanzunterricht, kein Fußballtraining, keine Konferenzen und keine Kirchenbesuche mehr? Soll die Reduzierung der Todesfälle der Maßstab sein, an dem der Fortschritt gemessen wird? Heißt menschliche Fortentwicklung Getrenntheit? Ist das die Zukunft?

Zugleich bietet diese Krise eine noch nie da gewesene Chance:

Was kann uns als Einzelne und als Gesellschaft leiten, die wir durch diesen Garten sich verzweigender Wege gehen? An jeder Wegkreuzung können wir uns bewusst machen, wovon wir uns leiten lassen: Angst oder Liebe? Selbstschutz oder Großherzigkeit? Sollen wir in Angst leben und eine darauf basierende Gesellschaft errichten? Sollen wir leben, um unsere abgetrennten Egos zu wahren? Sollen wir die Krise als Waffe gegen unsere politischen Feinde nutzen? Dies sind keine alles-oder-nichts-Fragen, nur Angst oder nur Liebe. Sondern ein nächster Schritt in Richtung Liebe liegt vor uns. Er fühlt sich wagemutig an, aber nicht leichtsinnig. Er umspannt die Wertschätzung des Lebens und zugleich die Anerkennung des Todes. Er kommt aus dem Vertrauen darauf, dass mit jedem neuen Schritt der nächste sichtbar wird.

Nachtrag vom 08.04.: Nun ist endlich die deutsche Übersetzung von Charles Eisensteins großartigem Essay erschienen: Die Krönung. Deshalb ersetze ich die Zitate oben durch die deutsche Version.
Und Bruno Latour stellt Fragen für eine umfassende Bestandsaufnahme, wie wir nach der Krise leben wollen.

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