Wehret den Anfängen II

Schon vor einiger Zeit hatte ich mein Entsetzen darüber geäußert, dass die Linken seit Beginn der “Pandemie” fast geschlossen auf Regierungslinie sind.

Ungefähr genau so fassungslos bin ich, dass das bei den Nerds von Chaos Computer Club, Piraten, Digitalcourage, Netzpolitik.org & Co. ganz ähnlich aussieht. Dabei wird doch gerade im Eiltempo und global ein Überwachungs-Regime hochgezogen, dass George Orwell in seinem Grab rotiert. Vergleiche dazu z.B. die Website Wie soll es weitergehen?

Schon in meinem allerersten Corona-Beitrag hatte ich in einem Nachtrag Noah Yuval Harari in der NZZ zitiert. Der ist zwar total dem megatechnischen Pharo verfallen, warnte aber völlig zu Recht schon am 23.03.2020:

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu ermächtigte den Geheimdienst, Überwachungsinstrumente, die er gewöhnlich für den Kampf gegen Terroristen braucht, zum Tracken von Viruskranken zu verwenden. Als sich die zuständige Parlamentskommission weigerte, diese Massnahme zu bewilligen, rammte Netanyahu sie mit einem «Notstandserlass» durch. […]

Dagegen lässt sich einwenden, das sei alles nichts Neues. In den letzten Jahren setzten sowohl Regierungen als auch Konzerne immer ausgeklügeltere Technik zum Monitoring und zur Manipulation der Menschen ein. Wenn wir aber nicht aufpassen, könnte sich diese Epidemie als wichtige Wasserscheide in der Geschichte der Überwachung erweisen. Nicht nur, weil sie den Einsatz von Massenüberwachung auch in Ländern durchsetzen könnte, die sie bisher ablehnten. Sondern vor allem, weil sie eine dramatische Transition von der Überwachung «über der Haut» zu jener «unter der Haut» bedeuten würde.

Wenn mein Finger bisher den Bildschirm meines Smartphones berührte und einen Link anklickte, wollte die Regierung einfach wissen, was genau ich da suchte. Aber wegen des Coronavirus nimmt sie etwas anderes in den Fokus: Was die Regierung jetzt kennen will, ist die Temperatur meines Fingers und der Blutdruck unter seiner Haut.

Und weiter:

Stellen wir uns Nordkorea im Jahr 2030 vor, wenn jeder Bürger rund um die Uhr ein Armband tragen muss. Wer eine Rede des Grossen Führers anhören muss und per Armband seinen Ärger verrät, der ist erledigt.

Wenn wir da jetzt nicht entschieden gegensteuern, kommt das.

Zurück zu den Nerds: Die hatten bis Corona immer lautstark & mit allen Mitteln vor einer solchen Entwicklung gewarnt und bekämpt. Jetzt machen sie mit. Was ist da los?

Fefe hat am 21.03.2020 die Gefahr noch benannt:

Ich kriege gerade auffallend wenige Zuschriften von Leuten, die sich wegen der Notstandsgesetze Sorgen machen. Ich mache mir jedenfalls Sorgen. Da wird gerade fast nebenbei das Demonstrationsrecht außer Kraft gesetzt. Eine Ausgangssperre ist Freiheitsberaubung. Die Weitergabe von Telefondaten hat da noch am meisten Resonanz erzeugt bei euch. […]

Aber wir sollten uns alle bewusst sein, was hier gerade mal eben “temporär” abgeschafft wird. Und wir sollten uns danach nicht mit “wieso, ging doch die letzten Monate prima” abspeisen lassen. Die traditionelle Methode, mit der Regierungen ihre Notstandsbefugnisse illegitim behalten, ist das Deklarierern endloser weiterer Notstände.

Seid wachsam.

Unmittelbar nach dieser Warnung ist Fefe umgekippt und hat nur noch die Linie dessen verfolgt, was ich in obigem Zitat ausgeklammert hatte:

Ich sehe inhaltlich gerade keine Chance für Widerstand, denn in Notfällen wie einer Pandemie ist das ja wichtig und rettet Menschenleben, wenn man die Leute isoliert.

Anfangs hatte ich mir noch gedacht, hmm, vielleicht fühlen sich die Nerds in ihrem Lebensstil bestätigt, der jetzt auf einmal Mainstream wird (soziale Kontakte nur noch virtuell). Aber das kann ich nicht wirklich glauben, das reicht mir nicht als Erklärung. Schon eher befriedigt mich da die integrale Erklärung, dass die meisten Nerds ihren Schwerpunkt im rationalen Bewusstsein haben (siehe z.B. Meme Wars am Beispiel Fefe vs. Feminismus), wo die Angst vor dem Tod den Höhepunkt in der Ich-Entwicklung erreicht. Vergleiche dazu meinen Beitrag Sterben in Corona-Zeiten. Wenn du dich als ein rein materielles Wesen begreifst, das durch rein materielle Prozesse die Simulation eines individuellen Bewusstseins entwickelt hat, dann bedeutet für dich dein Tod natürlich das absolute Ende.

Dennoch kann ich nicht fassen, dass Szenarien wie das in Tübingen durchexerzierte die Nerds so völlig kalt lassen. Das waren wie gesagt bis vor Corona ihre schlimmsten Albträume.

Das bisherige Verfahren in Tübingen sieht so aus: man muss sich eine Art Passierschein besorgen, in dem bescheinigt wird, dass man aktuell negativ getestet ist. Das nennt sich „Tübinger Tagesticket“.

Die Weiterentwicklung besteht in einem elektronischen Armband. Man muss dazu sich an einer der neun Teststationen in der Stadt testen lassen, der negative Test wird dann auf diesem Armband bescheinigt mittels eines QR-Codes, und dieser wird am Eingang von Geschäften, Veranstaltungslokalen etc. ausgelesen, wenn man rein will. Ohne das kommt man nirgendwo rein.

Das Faschistische daran: der Bürger ist ohne behördliche Genehmigung ein rechtloses Nichts. Er kann nicht einmal mehr einkaufen wie bisher immerhin noch in den Supermärkten, wenn auch mit Maske; er kann Veranstaltungs- oder sonstige Gebäude nicht betreten, ohne sich vorher einer Prozedur unterzogen zu haben, die ihn einer willkürlichen Selektion ausliefert.

Zum Schluss erinnere ich noch mal an das, was Harari über die Hartnäckigkeit “vorübergehender” Notstandsregelungen am Beispiel Israels schreibt:

Mein Heimatland Israel rief den Notstand während seines Unabhängigkeitskriegs von 1948 aus. Er rechtfertigte eine ganze Reihe von temporären Massnahmen, von der Pressezensur und der Landkonfiskation bis hin zu speziellen Prozeduren beim Puddingmachen (kein Witz). Der Unabhängigkeitskrieg ist schon lange gewonnen, der Notstand aber nie aufgehoben worden. Und Israel hat viele der «temporären» Massnahmen von 1948 nicht zurückgenommen.

Also liebe Nerds, falls das jemand von euch liest, schreib gerne nen Kommentar dazu.

Nachtrag: Bevor da jetzt berechtigte Beschwerden kommen – mit “soziale Kontakte nur noch virtuell” als Nerd-Lebensstil habe ich diesen verkürzt in ein schlechtes Licht gestellt. Als ich mich noch intensiver in Nerd-Kreisen bewegte, hingen wir gerne zusammen auf Sofas im Hackerspace ab, wenn auch mit dem jeweiligen Notebook auf dem Schoß. Und als ich Informatik studiert habe, waren Notebooks für arme Studis noch unerschwinglich, da hingen wir einfach so auf den Sofas in der Fachschaft ab. Zugleich begeisterten wir uns damals über die Möglichkeit, jeder an einem anderen Rechner zu sitzen & über ytalk miteinander zu chatten. Das meine ich mit Nerd-Lebensstil.

Nachtrag vom 03.04.: Fefe hat jetzt ein Statement veröffentlicht, warum er keine Grundrechte in Gefahr sieht. Da fällt mir nichts mehr zu ein:

Ich werde ja gelegentlich gefragt, zu den Covid-Geschichten, wieso ich da nicht mehr opponiere. Immerhin werden da Rechte beschnitten.

Nun, äh, nein. Nicht meine Rechte. Da draußen ist eine Pandemie. Mir Rausgehen ohne Abstand und Maske zu verbieten ist wie mir das Abspringen ohne Fallschirm aus einem fliegenden Flugzeug zu verbieten. Wollte ich eh nicht machen.

Keine weiteren Fragen, Euer Ehren. Sehen das alle anderen Nerds auch so?