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Keine Patentrezepte mehr
Ich möchte an dieser Stelle mal deutlich kund tun, dass ich keinen Bock auf Patentrezepte habe. Damit meine ich Welterklärungsversuche nach dem Schema “Wir müssen nur [xyz], dann wird alles gut.” Von denen sind mir in meinem Leben schon genug begegnet:
- Wir müssen nur Gottes Gebote einhalten, dann wird alles gut (das war das erste solche Patentrezept in meinem Leben, an das ich mich erinnern kann)
- Wir müssen nur alle in Gemeinschaften leben, dann wird alles gut
- Wir müssen nur den Negativzins einführen, dann wird alles gut
- Wir müssen nur Vollgeld einführen, dann wird alles gut
- Wir müssen uns nur sexuell befreien, dann wird alles gut
- Wir müssen nur unsere Kinder frei aufwachsen lassen, dann wird alles gut
- Wir müssen uns nur konsequent biologisch & fair ernähren, dann wird alles gut
- Wir müssen nur ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen, dann wird alles gut
- Wir müssen nur unsere Produktion konsequent auf Cradle to Cradle umstellen, dann wird alles gut
- Wir müssen nur psychedelische Drogen legalisieren, dann wird alles gut
- Wir müssen uns nur die Produktionsmittel aneignen, dann wird alles gut
- die BüSo (siehe meine Reise ins Mysterium Geld) erdreistete sich sogar, mit dem Slogan Wir haben das Patentrezept! zur Wahl anzutreten
Damit meine ich jetzt nicht, dass das schlecht ist, was die jeweiligen Leute fordern. Mir geht es um diese Ausschließlichkeit. Ich finde es z.B. sehr sinnvoll, sich gemeinschaftlich die Produktionsmittel anzueignen. Nur ist dann eben noch lange nicht alles gut, allein schon, weil das Leben nicht nur aus Produzieren besteht, sondern auch aus Spielen, für Kinder, Alte, Kranke & füreinander sorgen, Singen, Schlafen, Träumen, ekstatischem Sex, Kuscheln, Baden im Sommer & Skifahren im Winter (das nur als kleine Auswahl).
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Wie geht abhängig sein ohne Zwang?
Die letzten Tage lag ich mal wieder krank im Bett, heute bin ich wieder so langsam auf den Beinen. Solche Krankheitszeiten bergen oft Inspirationen für mich, so auch dieses Mal. Mir scheint nämlich die Titelfrage sehr wesentlich, was ich bisher noch nicht so auf dem Schirm hatte. Mein Denken mäandrierte allerdings schon lange da drum herum, so z.B. im Beitrag Bedürfnisse/Bedürftigkeit, brauchen und frei sein.
Gehen wir mal davon aus, dass wir als Mitglieder dieser Welt der Erscheinungen nicht darum herumkommen, von anderen abhängig zu sein. (Ich sage manchmal nur halb scherzhaft, dass ich total sauerstoff-abhängig bin…)
Dann stellt sich natürlich die Frage, wo bleibt da noch die individuelle Freiheit? Im Nachdenken über Vipassana hatte ich diese schon mal als den Abstand zwischen Reiz und Reaktion definiert.
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Westliche Migranten
Seit kurzem lese ich The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order von Samuel Huntington, das wirklich eine Fülle von Hintergründen zur aktuellen Weltlage liefert. Vor allem sehr interessant, was er damals 1996 schon alles gesehen hat, was sich in der Zwischenzeit bewahrheitet hat (böse Zungen behaupten, das Buch sei eine Vorlage der US-amerikanischen Außenpolitik samt ihrer Geheimdienste, was allerdings nicht damit zusammenpasst, dass es einen gewissen Niedergang des Westens und der USA vorhersagt). Das Buch gibt es auch auf Deutsch unter dem Titel Kampf der Kulturen. Im achten Kapitel fiel mir gerade wie Schuppen von den Augen, dass die neuzeitliche Völkerwanderung im Grunde als das Zurückschwappen einer Welle von Menschen betrachtet werden kann, die über Jahrhunderte hinweg in die andere Richtung sich bewegt hatte. Huntington schreibt:
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Wetiko anpirschen
Vor kurzem habe ich ein neues Wort gelernt, aus der Sprache der Cree bzw. der Algonkin: Wetiko oder auch Wendigo. Es beschreibt das Wirken der Megamaschine als eine Art geistiges Virus, ein Mem. Und es ist ein anderer Name für die Gedankenform, die ich nach der Lektüre von Christoph Türcke als “Schuld” bezeichnet hatte. Im Kern von Wetiko steckt die Illusion des Getrenntseins, von der ich hier schon viel geschrieben habe.
Den ersten Kontakt mit diesem indianischen Konzept hatte ich durch den Artikel Seeing Wetiko: On Capitalism, Mind Viruses, and Antidotes for a World in Transition. Dieser wiederum bezieht sich auf ein Buch von Jack D. Forbes und Artikel sowie ein anderes Buch von Paul Levy. Die Autoren des Seeing Wetiko-Artikels betreiben auch eine gleichnamige Website.
Im Artikel schreiben sie, dass der Kern, sozusagen die DNA des Wetiko-Virus, im “globalen Betriebsssystem” der Megamaschine verankert ist. Dazu gehört natürlich das Konzept des homo oeconomicus in der Mainstream-Wirtschaftstheorie. Vergleiche auch die Filme von Lutz Dammbeck oder von Adam Curtis. Die Autoren des Wetiko-Artikel prägen dafür das treffende Wort verteilter Faschismus (distributed fascism).
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Heimat
Am Wochenende gehe ich zur Strategiewerkstatt der Bewegungsstiftung, & einem spontanen Impuls folgend habe ich deshalb eben das Buch Webs of Power von Starhawk noch mal in die Hand genommen, das seit Jahren zur Hälfte gelesen in meinem Regal steht. Darin hat mich das Kapitel Our Place in Nature kalt erwischt (zu deutsch “Unser Platz in der Natur”). Schlagartig kam das Gefühl wieder, das ich schon im Beitrag Wir ziehen uns buchstäblich selbst den Boden unter den Füßen weg beschrieben hatte. Und mir fiel auch gleich dazu ein, wie Fabian Scheidler im 4. Kapitel von Das Ende der Megamaschine die aus traumatischem Erleben entspringenden apokalyptischen Vorstellungen beschreibt:
Ist das Leben in einer intakten (nicht traumatisierten) Gemeinschaft bestimmt von wiederkehrenden Rhythmen und dem Wechsel der Generationen, in dem sich das Leben stets erneuert, so wird dieser Kreis durch traumatische Erfahrungen zerbrochen: Die Menschen sind nicht mehr in der Lage, sich als Teil eines sinnvollen und im Prinzip gutartigen überindividuellen Zusammenhangs zu sehen, sie sind dissoziiert, herausgerissen aus den Kreisläufen der Natur, der Gemeinschaft und des Kosmos. Alles, was ihnen bleibt, um der Verwüstung der Gegenwart etwas entgegenzusetzen, ist die Vision von einer Zukunft, in der alles anders wird, in der die gegenwärtige kaputte Welt durch eine ganz neue Welt ersetzt wird. Die Fixierung der westlichen Zivilisation auf die Zukunft, sei sie im Himmel oder auf Erden, hat ihren Ursprung in einer umfassenden kollektiven Traumatisierung, in der die Menschen aus allen Sinnzusammenhängen der Gegenwart herausgerissen wurden. […]
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Auskunft der WASt über meine beiden Großväter
Am 14. Februar habe ich die Auskunft der Deutschen Dienststelle (WASt) über meine beiden Großväter bekommen, fast zwei Jahre nachdem ich den Antrag gestellt hatte. Als ich den geöffneten Brief in der Hand hielt, kamen mir erst mal die Tränen. Das überraschte mich selber, weil er ja an sich erst mal nur trockene Daten enthält. Doch schnell wurde mir klar, dass damit dieser ominöse 2. Weltkrieg endgültig zu einem Teil meiner Familiengeschichte geworden ist. Meine Großväter haben mittendrin aktiv als Soldaten der Wehrmacht gekämpft. Den anderen, passiven Teil, dass meine gesamte Familie aus Ostpreußen vertrieben wurde, kannte ich schon sehr gut. Dieser aktive Teil ist jetzt greifbarer geworden.
Die ersten drei Seiten des Schreibens habe ich mit geschwärzten Namen als WASt-Auskunft.pdf hochgeladen, damit ihr euch einen Eindruck machen könnt, wie so etwas aussehen kann. Als Nicht-Wehrmacht-Experten sagt einem das erst mal relativ wenig, bis auf vielleicht die Ortsnamen. In Białystok war ich z.B. kurz schon mal im Sommer 2014, als ich die Geburtsorte meiner Eltern das erste Mal besuchte.
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Durch eine Massage ans Wesentliche erinnert
Bei uns im Diamond Lotus läuft ja gerade der Kurs Tantramassage Level 1. Dafür wurden heute zusätzliche Männer für die Lingammassage gesucht, einer von diesen war ich.
Dann begab es sich auch noch, dass ich von Gabriele massiert wurde, die nämlich den Kurs gerade mitmacht. Ich habe es sehr genossen & mich ganz in die Liebe begeben. Die Massage hat mich dann auch wieder daran erinnert, dass wir ja hier alle miteinander ein Spiel spielen. Wir spielen Missverständnisse. Wir spielen Beziehung, spielen Ich, Du & Wir. Wir spielen, dass wir unterschiedlichen Klassen angehören, & manchmal dann auch Klassenkampf. Wir spielen, dass wir einen Planeten zugrunde richten. Wir spielen links gegen rechts, Teufel gegen Gott, Islam gegen Christentum und Atheismus gegen beide. Wir spielen mit den bürgerlichen Kategorien “meins, deins”. Wir spielen mit Wahrheit, Lüge und Konstruktion. Wir spielen “Wolln wir Freunde sein?” Wir spielen miteinander Verstecken und Uns-Wiederfinden.
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Die Rekultivierung unseres Lebens
Den letzten Absatz aus Das Ende der Megamaschine kann ich erst jetzt so richtig würdigen. Er handelt von der Rekultivierung unseres Lebens:
Die Frage nach der Technik führt in dieser Perspektive weit über technische Fragen hinaus. Es geht darum, unsere ökonomischen Praktiken und unsere sozialen Institutionen, die in den letzten Jahrhunderten aus ihren kulturellen Zusammenhängen herausgelöst wurden, zu rekultivieren. Das gesamte gesellschaftliche Leben als Kultur zu begreifen (und nicht nur den kleinen Bereich abendlicher Konzert- oder Theaterbesuche) bedeutet, Arbeit als eine kulturelle Handlung wiederzuentdecken, die nicht nur Dinge herstellt, sondern auch Beziehungen und Sinn stiftet; das heißt auch, Bildung als etwas zu begreifen, das die Entfaltung der ganzen Persönlichkeit zum Inhalt hat – und nicht die Reduktion des Menschen auf einen möglichst reibungslos funktionierenden Teil im Wirtschaftsgetriebe. Es gibt eigentlich keinen Bereich unseres Lebens, der eine Rekultivierung nicht bitter nötig hätte. Die Qualität der anderen Welten, die wir vielleicht schaffen können, wird sich nicht nur daran zeigen, ob sie ökologisch nachhaltig und sozial gerecht sind, sondern auch daran, welche Feste wir feiern und welche Lieder wir singen.
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Wieder bei Facebook - für das Hautgeflüster-Crowdfunding
Wer hätte das gedacht? Seit heute bin ich wieder bei Facebook & habe nicht mal ein schlechtes Gewissen. ;-) Im September 2015 hatte ich mich dort verabschiedet; nun starte ich mit Saranam zusammen das Crowdfunding für sein Hautgeflüster-Buch, & um das besser unterstützen zu können, habe ich mich nun temporär bei Facebook angemeldet. Es gibt seit heute auch eine Facebook-Seite für Hautgeflüster.
Am Samstag war ich übrigens bei der wunderschönen Midissage der Ausstellung von Saranam & Suriya, was mich noch mal mehr davon überzeugt hat, dass es sich lohnt, dieses Projekt zu unterstützen.
Nachtrag vom 22.02.: Die sind wohl bei Facebook immer noch sauer, dass ich sie seinerzeit so radikal mit Ansage verlassen habe. Jedenfalls bin ich kurze Zeit nachdem ich mich angemeldet hatte jetzt erst mal gesperrt & musste einen Scan meines Ausweises hochladen. Mal sehen wie das weitergeht.
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Mein erster Workshop im Diamond Lotus
Diesen Sommer gibt es eine Premiere: Ich werde mit Saranam das erste Mal einen Workshop hier im Diamond Lotus anbieten. Wir veranstalten vom 5. bis zum 9. Juli zusammen den Männerworkshop Shivas Tanz, was insofern einen Kreis schließt, als ich selbst vor ungefähr sieben Jahren ebenfalls in einem Männerworkshop das erste Mal überhaupt im Diamond Lotus war. Seitdem hat kein reines Männer-Seminar mehr hier stattgefunden.
Wenn Du mich also mal ganz anders als sonst erleben willst, ist das DIE Chance! Ich bin natürlich selber schon ganz dolle gespannt wie das wohl wird. Es werden auf jeden Fall meine prozessorientierten Fähigkeiten gründlich auf die Probe gestellt. Und ich werde sicherlich als makelloser Krieger gefordert sein. Dazu gehört auch, dass ich gerade in der Runde der Männer weich und berührbar bleiben will.
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