Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
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Wellness vs. Solidarität

2016-08-24

Eben habe ich die britische Feministin Laurie Penny entdeckt, über ihren sehr lesenswerten Artikel Die Wohlfühl-Lüge.

Die Wohlfühl-Ideologie ist ein Symptom einer breiteren politischen Krankheit. Die Bürden von Arbeit und Arbeitslosigkeit, die Kolonialisierung aller öffentlichen Flächen durch privates Geld, der prekäre Alltag und die wachsende Unmöglichkeit, sich in Gemeinschaften zu organisieren, führt dazu, dass jeder für sich versucht, zu überleben.
Wir sollen glauben, dass Arbeit allein unser Leben verbessern kann. Chris Maisano argumentiert, dass "individualistische und therapeutische Antworten auf die Probleme unserer Zeit nicht schwer zu begreifen sind. Aber nur wenn wir Gemeinschaften bilden, vertrauen wir wieder in unsere kollektiven Fähigkeiten, die Welt verändern zu können".
Die Wellness-Ideologie begegnet diesem sozialen Wandel in zwei wesentlichen Punkten. Erstens überzeugt sie uns davon, dass es kein wirtschaftliches Problem ist, wenn wir krank, traurig und erschöpft sind. Es gibt so gesehen keine strukturelle Ungleichheit. Individuen haben sich falsch angepasst, und das erfordert eine individuelle Antwort. Wenn du dich miserabel oder verärgert fühlst, weil dein Leben ein ständiger Kampf gegen Armut und Vorurteile ist, dann bist du das Problem. Die Gesellschaft ist nicht verrückt oder kaputt: Du bist es.

Und an späterer Stelle:

Das Problem mit der Selbstliebe, wie wir sie gerade verstehen, ist, dass wir Liebe an sich zu einfach definieren, mit Herzchen und Blumen, Fantasie und rituellem Konsum. Die Moderne macht uns zu betrübten, ein bisschen gruseligen Teenagern, die sich selbst sagen, wie besonders und perfekt sie sind. Das ist genauso wenig Selbstliebe wie die Liebe jener Typen, die auf der Straße lauthals Frauenhintern loben.
Die härtere, langweiligere Art der Selbstsorge besteht aus täglichen, unmöglichen Mühen, aufzustehen und durch das Leben zu kommen, in einer Welt, die dich lieber niedergebückt und angepasst sieht. Eine Welt, deren grausame Logik es will, dass du keine strukturellen Probleme siehst, sondern nur Probleme bei dir selbst, oder bei den viel marginalisierteren und verletzlicheren Leuten. Echte Liebe, die Art, die heilt und bleibt, ist kein Gefühl, sondern ein Verb, eine Handlung. Es geht darum, was du für andere tust – über Tage, Wochen und Jahre. Es ist die Art der Liebe, die wir uns am wenigsten zugestehen, gerade in der politischen Linken.

Dazu passt auch das Interview im Spiegel mit Holger Nachtwey über die Angst vor dem Abstieg im Kapitalismus, "Lauter kleine Narzissten, auf Wettbewerb getrimmt". Und McKinsey hat in einer Studie ermittelt, dass seit den letzten 10 Jahren immer mehr Menschen ärmer als ihre Eltern werden.

Der Trend geht also deutlich in Richtung noch krasserer Kampf jedeR gegen jedeN. Wellness bestärkt diesen Trend, Solidarität würde dagegen helfen.

Das beschäftigt mich, seit ich ins Diamond Lotus eingezogen bin, immer wieder. Denn ich will hier nicht die Megamaschine mit Wellness-Angeboten ölen, sondern auch im Tantra-Institut ihr Sand ins Getriebe streuen. Wie, das ist allerdings dabei die große & für mich bisher ungelöste Frage.
Ausformuliert lautet diese Frage Wie geht Tantra ohne Geld? oder mindestens wie geht Tantra solidarisch?

Tantra als Business widerspricht jedenfalls ganz klar der Grundidee, was wiederum nicht heisst, dass da kein Geld fliessen darf. Das ist schon OK & darf gerne dazu gehören, so wie alles dazu gehört. Wir leben global in einer Gesellschaft, die die Verfügungsgewalt über Vermögen krass ungleichmäßig verteilt und dabei sogar noch von unten nach oben umverteilt. Als Tantriker kann & will ich dabei nicht nur nicht mitmachen, sondern dem entgegenwirken. Denn wenn Tantra eines ist, dann ein Weg der Befreiung.

Ich beende diesen Beitrag deshalb mit der Atari Teenage Riot-Version von Kids Are United:

Und ein Klassiker von den Scherben hintendran:

Es muss hoffentlich hierzulande nicht erst so kommen wie in Griechenland, wo solidarische Kliniken und andere Einrichtungen aus der akuten Not entstanden sind.

Nachtrag vom 31.08.: Wellness kann den Bezug zum Boden, auf dem wir leben & der uns mit allem Lebensnotwendigen versorgt, nicht ersetzen.

Nachtrag vom 02.09.: Schon seit einer Weile sage ich immer ganz gerne

Wir sind nicht auf diesen Planeten gekommen, um es bequem zu haben.

Nachtrag vom 19.01.2017: Daniel Kulla schreibt in seiner Vorschau auf das Jahr 2017

Vor allem aber muß sich auf den möglichst breiten, möglichst egalitären Zusammenschluß besonnen werden, dem wir fast alle sozialen Errungenschaften verdanken und der bestes Gegenmittel gegen Reaktion und Ideologie wie auch einzig offenstehender Weg über die Welt der Herrschaft hinaus bleibt.

Und an anderer Stelle:

Eine Klasse, überall! Erinnern, selber machen! Nichts Besseres sein wollen – es besser machen!

Nachtrag vom 09.02.2017: ‚Links sein‘ ist mehr als eine Lifehack-Biokonsum-Mischung.

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