Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
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Antipsychiatrie und die Schatten der Stadt

2016-03-26

In der Ausbildung in Prozessorientierter Psychologie beschäftigen wir uns gerade schwerpunktmäßig mit Veränderten Bewusstseinszuständen. In diesen Bereich fällt auch alles, womit sich die Psychiatrie so herumschlägt. Für das letzte Seminar hatte ich die Aufgabe übernommen, zum einen den prozessorientierten Ansatz in der Psychiatrie vorzustellen, als auch einen groben Überblick über die Antipsychiatrie zu geben.
Dazu habe ich mir zunächst das englische Original City Shadows von Arnold Mindell gekauft, weil die deutsche Ausgabe Die Schatten der Stadt derzeit nur für über 40 € zu haben ist (beide Bücher gibt es nur noch antiquarisch).

Dann musste ich feststellen, dass der Begriff "Antipsychiatrie" ein wahrlich weites und teilweise auch in sich zerstrittenes Feld umfasst. Und schon das Beispiel Anti-psychiatry zeigt, dass die englische Wikipedia gerade in diesem Bereich oft viel umfangreicher ist. Der deutsche Artikel zur Antipsychiatrie umfasst gedruckt gerade mal sechs Seiten, der englische dreißig!

Als einen der ersten Artikel las ich im Ärzteblatt „Antipsychiatrie“-Bewegung: Eine Institution steht am Pranger, als nächstes den umfangreichen Artikel von Peter Lehmann beim Antipsychiatrieverlag sowie den Antipsychiatrie-Artikel von Rudolf Sponsel. Damit hatte ich schon mal einen gewissen Überblick. Und gerade Person und Artikel des Peter Lehmann zeigen die Kontroversen innerhalb der psychiatriekritischen Bewegung, denn im Jahr 1990 trennten sich auf unschöne Art die Irren-Offensive und der Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.V., vergleiche die Darstellung der Irren-Offensive und die Darstellung von Peter Lehmann als Vertreter des Vereins zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt. Der letztere Verein hat dann im Jahr 1996 das heutige Weglaufhaus in Berlin gegründet.

Bei Peter Lehmann las ich auch das erste Mal davon, dass die Scientology-Kirche ebenfalls in der Psychiatriekritik mitmischt, weshalb sich viele antipsychiatrische Webseiten gleich zu Beginn von Scientology distanzieren, während es auf der anderen Seite auch diverse psychiatriekritische Webseiten gibt, die hinter den Kulissen mit Scientology zusammenhängen.

Wir haben es also mit einem ziemlichen Sumpf zu tun…

Peter Breggins Artikel Persönliche Beweggründe für antipsychiatrisches Handeln gab mir wiederum einen Einblick, was auch die Psychiatrie selbst für ein Sumpf ist und dass sie Anfang des 20. Jahrhunderts stark mit der Eugenik-Bewegung verquickt war. Breggin bezeichnet die Psychiatrie (nicht nur in Deutschland) als "Wegbereiter des Holocaust".

Damit berühren wir auch einen anderen Bereich, nämlich das Recht. Der hier schon öfters zitierte Bundesrichter Thomas Fischer hatte passend zu meiner Seminarvorbereitung eine Kolumne Das Böse und das Verrückte veröffentlicht (Teil 2 Was hat das Böse mit dem Strafrecht zu tun?), in der er auf diese Verquickung von Psychiatrie und Recht eingeht.
Vergleiche zu diesem Themenkomplex auch den Wikipedia-Artikel Maßregelvollzug, den Artikel zur Zwangsbehandlung im Online-Lexikon Betreuungsrecht, folgende Urteile des Bundesverfassungsgerichts: 2 BvR 882/09 vom 23. März 2011 und 2 BvR 228/12 vom 20. Februar 2013, den Bereich "Rechtliches" auf der Seite zwangspsychiatrie.de, die Seite Zwangsbehandlung verhindern, Rechtsanwalt Thomas Saschenbrecker, den Verein PSYCHEX in der Schweiz, das Rechtsauskunft Anwaltskollektiv ebenfalls in der Schweiz, die Seite forensik.de der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie und den Artikel Göttliche Heimsuchungen und animalische Triebe in der Legal Tribune Online.

Der Psychiatriekritiker Thomas Szasz (der übrigens nicht mit der Antipsychiatrie in Verbindung gebracht werden will) hat sich vor allem gegen dieses Eingreifen der Medizin ins Recht in Gestalt von Maßregelvollzug und verminderter Zurechnungsfähigkeit gewandt, siehe www.szasz-texte.de. Die Rezension seines Buches "Grausames Mitleid" zeigt allerdings auch seine radikale libertäre bzw. anarchokapitalistische Einstellung.

Praktische Hinweise, wie ihr euch vor psychiatrischer Willkür schützen könnt, liefern Peter Lehmanns Übersicht über Vorausverfügungen und das PatVerfü-Handbuch.

Mich interessierten dann vor allem praktische Versuche der Antipsychiatriebewegung, von denen es in der Geschichte einige gab. Eines der bekanntesten ist Kingsley Hall von Ronald D. Laing, auf den ich mich später für meinen Vortrag hauptsächlich konzentrierte. David Cooper, der den Begriff Antipsychiatrie prägte, hatte (ebenfalls in London) die Villa 21 gegründet.

In Deutschland wurde 1970 in Heidelberg das Sozialistische Patientenkollektiv gegründet, aus dem im Laufe der Jahre 10 Mitglieder zur RAF wechselten.

Hier noch unsortiert eine Reihe Links zur Antipsychiatrie:

Noch drei Themenblöcke, zuerst die Verbindungen von Psychiatrie und Geheimdiensten, auch im Bereich der Folter: Vanity Fair: The Psychologists Who Taught the C.I.A. How to Torture (and Charged $180 Million) und New York Times: American Psychological Association Bolstered C.I.A. Torture Program, Report Says. Jon Rappoport unkt sogar, dass die heutige Psychiatrie die Bewusstseinskontrollprogramme der CIA weiterführt: CIA mind-control program: did it really end? (vergleiche dazu auch Aldous Huxleys Roman Schöne neue Welt).

Der bekannte Film Einer flog über das Kuckucksnest zeigt drastisch die Anwendung von Elektroschocks in der Psychiatrie. Dazu schrieb Ernst Klee 1977 in der Zeit den Artikel ...wie ein Hammer auf den Kopf. Weiterhin entdeckte ich das Buch Medizinische Gewalt, das zeigt, "dass der elektrische Stuhl 1890 eine Folgeentwicklung aus der psychiatrischen Elektrotherapie war – und wiederum ab 1940 die Einführung der EST in den USA befördert hat". Das erste Kapitel daraus ist als Leseprobe verfügbar. Vergleiche dazu auch den Artikel Elektrifizierung des Strafvollzugs in der Legal Tribune Online.

Von der Psychiatrie- und Pharmageschichte lässt sich die Geschichte der psychedelischen Substanzen und ihrer Verfolgung nicht trennen. Samuel Widmer u.a. haben die Internationale Ärztegesellschaft für Alternative Psychiatrie und Echte Psychotherapie (Avanti) gegründet, die jährlich einen Kongress für Echte Psychotherapie, Psycholyse und Alternative Psychiatrie veranstaltet. Das englischsprachige Internet gibt mehr in dieser Hinsicht her, einen guten Einblick in den aktuellen Stand der Dinge gibt der Artikel The Trip Treatment im New Yorker. Der Independent-Artikel Dr Robin Carhart-Harris is the first scientist in over 40 years to test LSD on humans - and you're next stellt die erste Studie vor, die Menschen auf LSD mit bildgebenden Verfahren untersucht hat. Hier noch ein Vortrag von Katherine MacLean über ihre Studie mit Psilocybin (Single Dose of Hallucinogen May Create Lasting Personality Change).

Mit Ronald Laing beschäftigte ich mich dann intensiver und fand u.a. heraus, dass er in Kingsley Hall mit LSD gearbeitet hatte. Der Guardian-Artikel Kingsley Hall: RD Laing's experiment in anti-psychiatry handelt davon und von einem Buch, das mehrere Bewohner von Kingsley Hall nach Jahrzehnten aufspürt und porträtiert. Ein weiterer Guardian-Artikel My father, RD Laing: 'he solved other people's problems - but not his own' beschreibt, dass Laing seine sechs Söhne und vier Töchter (!) wohl recht stiefmütterlich (bzw. -väterlich) behandelt hat. In dem Dokumentarfilm über Kingsley Hall Asylum von Peter Robinson (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Horrorfilm aus dem gleichen Jahr) bekam ich einen guten Eindruck vom Leben in Kingsley Hall. Später entdeckte ich dann noch den Artikel Homage to R.D. Laing: a New Politics of Experience von Joe Goodbread, der darin eine Verbindung von Laing zu Mindell zieht. Zuletzt las ich noch diese Ausschnitte aus Laings berühmtem Buch "The Politics of Experience".

 
Laing betrachtet wie manche anderen PsychiatriekritikerInnen Schizophrenie als eine Strategie, mit der ebenfalls verrückten Gesellschaft umzugehen. Beim Lesen wurde mir an einer Stelle schlagartig klar, dass Laings Buch wie die gesamte Antipsychiatrie-Bewegung ja mitten im Kalten Krieg entstanden ist. In den 50er Jahren prägte John von Neumann den Begriff Mutual assured destruction (auf Deutsch Gleichgewicht des Schreckens), kurz MAD. Damit war meine Neugier geweckt, die sich über mehrere Tage hinweg zu einer Manie entwickeln sollte: Ich stellte eine Tabelle zusammen, die in der linken Spalte wichtige Ereignisse aus dem Bereich Psychiatrie, Antipsychiatrie und Psychologie dem jeweiligen Weltgeschehen in der rechten Spalte gegenüberstellt, das Ganze nach Jahren sortiert. Daraus sind bisher 19 Seiten geworden, die ich in drei Formaten zur Verfügung stelle:

Diese Dateien werde ich sicherlich noch oft ergänzen und hier entsprechend aktualisieren. Das vermerke ich dann jeweils unten in einem Update.

Der Titel von Mindells Buch enthält ein ganz wesentliches Element seiner Sichtweise: er betrachtet nämlich Patienten von psychiatrischen Kliniken u.a. Einrichtungen als die identifizierten Patienten der Stadt, oder eben als die Schatten der Stadt. Schizophrenie, Psychosen u.ä. "psychische Störungen" sind für ihn nicht nur individuelle Störungen, sondern Aufforderungen an das gesamte Feld, sich zu verändern.

Wenn alle Probleme innerlich gelöst werden könnten, gäbe es keinen Anlass für kollektive Veränderungen.

Deshalb trägt dieser Beitrag auch zu Recht das Tag Worldwork, und deshalb habe ich mich mit solchem Elan in die Erstellung der Zeitleiste gestürzt.

Mindell beschreibt in seinem Buch von 1988, dass sich die Psychiatrie seinerzeit in einer Krise befand. Das konnte ich zunächst nicht einfach überprüfen, dann lief mir aber das Buch Psychiater über Psychiatrie von 1982 (deutsch 1985) über den Weg, in dem 12 international bekannte Psychiater über den damaligen Stand der Psychiatrie schrieben und Mindells Diagnose bestätigten. Was sich in den vergangenen 30 Jahren in der Psychiatrie getan hat, kann ich bei meinem derzeitigen Kenntnisstand nicht überblicken. Der Einfluss der Pharmaindustrie scheint allerdings massiv zugenommen zu haben, denn laut der englischen Wikipedia sind in den USA inzwischen Antidepressiva und Tranquilizer die am häufigsten verkauften Medikamente, während die Psychiatrien und auch die psychiatrische Forschung in den 80er Jahren um knappe Gelder kämpfen mussten.

Nachtrag: Schon vor zwei Jahren hatte ich mit der Überschrift Wir sind alle ver-rückt auf Zusammenhänge zwischen "Verrücktsein" und dem Weltgeschehen hingewiesen.

Weiterer Nachtrag: Ich hatte vergessen, auf den Text Ein Rezept für Schizophrenie hinzuweisen.

Noch ein Nachtrag: Der YouTube-Kanal von Gedankenverbrecher84 bietet eine Fülle von Filmmaterial zum Thema. Besonders zu empfehlen: die BR-Dokumentation "Entmündigt und allein gelassen" über das Betreuungs(un-)recht sowie die Arte-Dokumentation "Alltag in der Psychiatrie". Letzteren Film gibt es auch in einem Stück auf Vimeo.
Nachtrag zum letzten Nachtrag: Beim Anschauen von "Alltag in der Psychiatrie" musste ich unweigerlich an die Geschichte von den drei Bären denken. Psychiatrie ist keine Freie Kooperation, sondern erzwungene Kooperation. Ganz genau die gleiche Scheiße wie Erziehung. "Wir tun das alles nur zu Ihrem Besten!" Deshalb stellen Eltern, oft auf Anraten der Lehrer, ihre Kinder ja auch reihenweise mit Ritalin ruhig (siehe wiederum dazu die Arte-Doku "Kinder unter Kontrolle"). Und es erinnert mich außerdem an folgenden Witz:

Auf einem Flur einer Psychiatrie begegnen sich ein Psychiater und ein Patient. Der Patient zieht an einer Schnur eine Zahnbürste hinter sich her.
Psychiater: „Oh, Sie führen ihren Hund spazieren, das ist aber nett!“
Patient: „Seien sie doch nicht albern, es sieht doch jeder sofort, dass das nur eine Zahnbürste ist!“
Als der Psychiater um die Ecke gegangen ist, beugt sich der Patient zur Zahnbürste herunter und flüstert: „Da haben wir den aber reingelegt, was Fiffi?“

Nachtrag vom 27.03.: Die Jugendlichen in dem Film Probleme mit dem Ich - Schicksale in der Jugendpsychiatrie, die sich ritzen, um sich für eine Schuld zu bestrafen, erinnern mich an die Flagellanten aus dem Mittelalter. Damals war das religiös legitimiert, heute gilt es als krankhaft.

Nachtrag vom 29.03.: Gerade bin ich über die Website des Kit Kat Club darauf gestoßen, dass in der ICD-10 immer noch BDSM-Praktiken als Krankheitsbilder drinstehen: reviseF65.

Nachtrag vom 09.04.: Im Blog von Hans Ulrich Gresch habe ich den Beitrag Kommodifizierung entdeckt, der den Zusammenhang von Psychiatrie und Kapitalismus folgendermaßen beleuchtet:

Diese „psychisch Kranken“ sind also in aller Regel keine Simulanten. Sie haben sich vielmehr, ohne zu begreifen, was sie tun, dazu verleiten lassen, eine Rolle zu spielen. Dieses Rollenspiel ist natürlich gesellschaftlich gewollt. Es vollzieht sich in einem kapitalistischen System. In einem solchen System wird alles zur Ware: Güter, Dienstleistungen, Ideen, die menschliche Arbeitskraft – ja, auch Menschen können in Rohstoffe zur Warenproduktion verwandelt werden. Dies nennt man Kommodifizierung. Der „psychisch Kranke“ ist ein solcher Rohstoff.

Wer „psychisch krank“ ist, dient anderen dazu, Einkommen zu generieren – durch Dienstleistungen (z. B. Psychotherapie) oder Güter (Medikamente). Das Verlockende daran: Die „psychisch Kranken“ sind nicht krank in einem objektivierbaren Sinne. Bisher konnten noch keine organischen Phänomene entdeckt werden, die das schlechte Benehmen ursächlich hervorrufen. Dementsprechend ist die Diagnostik „psychischer Krankheiten“ auch nicht valide. Sie beruht vielmehr auf den Mutmaßungen der Diagnostiker. Je mehr Menschen als „psychisch krank“ diagnostiziert werden, desto mehr Einkommen kann auch generiert werden. Das ist praktisch.

Manche Rohstoffe lassen sich leicht verarbeiten, andere sind widerspenstig. Dies gilt auch für „psychisch Kranke“. Die braven Patienten dürfen sich freiwillig behandeln lassen, die aufsässigen werden dazu gezwungen. Schlussendlich sind aber beide Formen der Produktion ein gutes Geschäft für Medizin und Pharmaindustrie.

Nachtrag vom 13.04.: Gerade schaue ich mir den Film Nicht alles schlucken an & bin aufs Neue erschüttert:

Trailer from credo:film on Vimeo.

Da erzählt ein Psychiater, dass er von einem Pfleger gelernt hat, seinen Patienten zuzuhören. Das sagt doch schon alles über den Zustand der Psychiatrie. Und das ist nur ein winziger Ausschnitt aus dem Film. Wirklich erschütternd. Den Film gibt es erstaunlicherweise beim Psychiatrieverlag & nicht beim Antipsychiatrieverlag.

Nachtrag vom 27.01.2017: In der dreiteiligen Dokumentation The Trap: What Happened to Our Dream of Freedom von Adam Curtis geht es u.a. auch um die Psychiatrisierung der Gesellschaft, außerdem wirft der Film ein zwiespältiges Licht auf Ronald D. Laing (dieser hat Methoden der Spieltheorie auf Familiensysteme angewendet, siehe auch "Das Netz" von Lutz Dammbeck):

Nachtrag vom 16.02.2017: Jon Ronson hat Strange answers to the psychopath test.

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