Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
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Besorgte Bürger

2015-09-2

Liebe Bürger dieses Landes, ich bin auch besorgt. Es gibt gute Gründe, besorgt zu sein, es läuft einiges schief in diesem Land. Ja, und ich habe auch Angst, wie das so weitergehen soll.
In Deutschland sind die Vermögen besonders ungleich verteilt. Die reichsten 10 Prozent der Deutschen besitzen laut einer Studie der OECD fast 60 Prozent des gesamten Nettohaushaltsvermögens, die ärmsten 60 Prozent hingegen nur 6 Prozent.
Ihr sorgt euch zu Recht um eure Zukunft, um euer wirtschaftliches Auskommen. Es sind nicht die Flüchtlinge, die dieses bedrohen. Es ist unser Geld- und Wirtschaftssystem, das automatisch wenige Superreiche und eine große Masse von Menschen produziert, die gerade so über die Runden kommen. "Wohlstand für alle" ist in diesem Wirtschaftssystem eine infame Lüge. Die breite Masse verliert immer. Auch der Satz "Schulden muss man doch zurückzahlen" gehört dabei zur Propaganda des kapitalistischen Wirtschaftssystems.
Das muss nicht so bleiben, Alternativen gibt es genug. Wenn wir uns mit unseren Sorgen an diejenigen richten, die ohne eigene Leistung von ihrem Geldvermögen leben können, bewegen wir mehr, als wenn wir auf den Schwächsten rumhacken. Dadurch ändert sich nämlich nichts, die Ausbeutung geht ungehindert weiter.
Bernt Engelmann hat schon 1972 in seinem Buch Das Reich zerfiel, die Reichen blieben. Deutschlands Geld- und Machtelite gezeigt, dass die Vermögen der Reichsten auch Weltkriege unbeschadet überstehen. Und, wie aus dem Wikipedia-Artikel hervorgeht: "Das reichste Prozent erwirbt sein Vermögen zu etwa 80 % aus Erbschaften". Mit einer Leistungsgesellschaft hat das nichts zu tun.

Nun will ich nicht den Superreichen einfach alles wegnehmen, das würde viel zu kurz greifen. Denn sie sind ja deshalb so reich geworden, weil unser Geldsystem ihnen das ermöglicht hat. Umverteilung als einmalige Maßnahme würde nur dazu führen, dass mit der Zeit andere Menschen die neuen Superreichen werden. So lange wir das Geldsystem nicht grundlegend ändern, wird auch diese ungleiche Verteilung der Vermögen (mit gelegentlichen Schwankungen) bestehen bleiben. Denn unser heutiges Geldsystem hat eine Umverteilung von unten nach oben fest eingebaut.

Und die Flüchtlinge kommen sowieso, ob wir das nun wollen oder nicht. Und sie kommen vor allem, weil das Geldsystem nicht nur innerhalb eines Landes, sondern auch global dafür sorgt, dass die große Masse der Bevölkerung eine kleine privilegierte Gruppe durchfüttert. Die Vermögen sind eben auch international sehr ungleichmäßig verteilt.

Wenn man sich akut bedroht fühlt, fällt es besonders schwer, die Ungerechtigkeit in einem System wahrzunehmen. Nicht einzelne Menschen sind "schuld" daran, dass viele von Armut bedroht sind oder bereits in armen Verhältnissen leben, auch wenn einzelne Menschen von diesen Zuständen profitieren. Deshalb bringt Rache und Vergeltung langfristig nichts, es gilt, das System dauerhaft zu ändern. Nur dann können sich auch die Verhältnisse der großen Mehrheit dauerhaft verbessern. Ideen dazu findet man gebündelt bei Charles Eisenstein.

Und dann sind auch ein paar Hunderttausend Flüchtlinge kein Problem mehr.

Nachtrag vom 03.09.: Was mir ebenfalls große Sorgen bereitet, ist die Parallelwelt extremer Gewalt, die sich vermutlich hinter den Kulissen großbürgerlicher Moral und den Mauern der Reichen-Ghettos verbirgt. Der Fall Dutroux zeigt, was passiert, wenn jemand in dieses Wespennest sticht: es sind insgesamt 27 Zeugen im Verlauf des Prozesses ums Leben gekommen.

weiterer Nachtrag vom 03.09.: "Eine neue Untersuchung zeigt: Allein das reichste Prozent besitzt ein Drittel des gesamten Privatvermögens." Das geht aus einem aktuellen Spiegel-Artikel hervor, der sich auf eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung beruft.

Nachtrag vom 20.09.: Der FAZ-Artikel Die Koalition der Angst benennt zwei Gruppen der deutschen Bevölkerung, die sich besonders um ihre Zukunft sorgen:

Das sind zuerst Angehörige eines Dienstleistungsproletariats, das in den letzten zwei Jahrzehnten in Deutschland entstanden ist. Das sind die Leute, die einem die Pakete ins Haus bringen, die die Gebäude reinigen, die im ICE mit dem blauen Plastiksack unterwegs sind, die bei den Discountern diesen Moment an der Kasse sitzen, im nächsten die Regale auffüllen und zum Schluss den Laden schließen, und nicht zuletzt diejenigen, die die Pflege der hochbetagten Familienangehörigen übernehmen.

Das ist keine kleine Randgruppe:

Man nennt, was sie tun, „einfache Dienstleistung“. Das macht einen Anteil von 12 bis 15 Prozent der Beschäftigten in der deutschen Volkswirtschaft aus.

Die andere Gruppe stellt wahrscheinlich mehr Leser meines Blogs als die erste:

Ein anderer, für die Stimmung im Lande vielleicht noch entscheidenderer Brennpunkt der sozialen Kohäsion liegt in der Mitte unserer Gesellschaft. Hier geht es um eine Gruppe von Personen, die hoch gebildet sind, relativ gute Berufspositionen bekleiden und mittlere Einkommen beziehen, aber von dem Gefühl beherrscht sind, dass sie durch Umstände, die sie nicht beeinflussen konnten, unter ihren Möglichkeiten geblieben sind.

Der aus meiner Sicht entscheidende Satz, in dem ich mich voll wiederfinde:

Wir haben es mit einer Gruppe zu tun, die es erlebt hat, wie man trotz guter Bildungsvoraussetzungen und hoher Leistungsbereitschaft die Position vergleichbarer anderer nicht erreicht.

Und das liegt vor allem an unserem Geldsystem, das es zwar prinzipiell für jedeN ermöglicht, bis ganz nach oben zu kommen, aber eben nicht für alle.

Das römische Reich ist übrigens an solchen rapide zunehmenden Vermögensunterschieden zerbrochen.

Nachtrag vom 16.11.: Christoph Butterwegge ist auch besorgt.

Nachtrag vom 28.11.: Bitterböse Satire von extra3: Spiel des Lebens.

Nachtrag vom 08.03.2016: Sehr tiefgehender Vortrag von Hans-Joachim Maaz: Die Gefahr der Spaltung des Landes - Psychodynamik von Protest und Gegenprotest.

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