Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Von heute an benutze ich die weibliche Form

2020-06-13

Dieser Artikel in der Republik über gendergerechte Sprache hat mich dazu inspiriert, fortan hier im Blog & anderswo die weibliche Form zu benutzen, das generische Femininum.

Der Grund, warum ich nicht die politisch noch korrektere Form à la "Agent:innen" benutze, ist, dass ich das vor allem als bewusstseinserweiternde Übung für mich selbst mache. Und wenn ich mich als "Agentin Timo" bezeichne, hat das eine stärkere Wirkung auf mich. "Agent:innen" sind in meiner Vorstellung eher geschlechtslos als dass sie unterschiedliche Geschlechter haben.

Ihr seid damit automatisch & zwangsläufig auch Versuchskaninchen…

Umfangreiches Forschungs­material für mehrere Sprachen – auch für das Deutsche – und mit verschiedenen Methoden zeigt aber konsistent: Wir Menschen denken seltener an Frauen, wenn wir generisch maskuline Formen hören. Bei Lesern, Patienten, Wissenschaftlern denken wir zunächst an Männer.

Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Deshalb:

Nennt die Sprache Frauen mit, nehmen wir sie mental mit wahr. Auch der Bund hält in einem Leitfaden zum Sprachgebrauch fest: «Mit geschlechter­gerechten Formulierungen werden Frauen […] sprachlich sichtbar, sie treten in Erscheinung und rücken ins Bewusstsein. […] Denn Sprache und gesellschaftliche Wirklich­keit sind nicht voneinander zu trennen.»

Wenn ich fortan z.B. von Marktteilnehmerinnen schreibe, sind Männer natürlich mit gemeint. ;-)

Und ich werde statt "man" nun auch konsequent "frau" schreiben, auch wenn das manchen albern erscheinen mag. Lest den Republik-Artikel & ggf. auch die darin verlinkten Studien; danach sprechen wir uns wieder.

Nachtrag vom 11.07.: Ich betone noch mal ausdrücklich, dass ich mich hier nicht als "Sprachpolizei" betätige und das von allen anderen Menschen auch so verlangen würde. Ebenso werde ich niemand zensieren, die in Kommentaren die generisch männliche Form benutzt. Es geht mir darum, in erster Linie für mich selbst und in zweiter Linie für euch Leserinnen das Bewusstsein zu schärfen.

Und das finde ich ebenso wichtig, wie praktisch die gesellschaftlichen Umstände so zu gestalten, dass alle Geschlechter sich im Sinne von Art. 1 und 2 GG frei entfalten können.

Sein und Bewusstsein greifen nämlich ineinander, was sich sehr deutlich in Personalabteilungen zeigt: Etliche Studien haben nachgewiesen, dass Personalerinnen, selbst wenn Diversität offizielle Firmenpolitik ist und die Leute diese Werte bewusst auch teilen, oft unbewusst sich dann doch für die Bewerberinnen mit deutsch (oder englisch oder wo die Studie halt durchgeführt wurde) klingendem Namen entscheiden. Und so hat dann das (Un-) Bewusstsein von Menschen ganz handfeste Folgen für andere Menschen.

Meine Gemeinschaft wechselt von WhatsApp zu Signal

2020-06-7

Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Meine Gemeinschaft ist jetzt tatsächlich mit der internen Kommunikation von WhatsApp zu Signal gewechselt!

Signal-Logo

Mein erster Versuch mit Wire war ja kläglich gescheitert, dann war WhatsApp der Anlass, mir ein Smartphone schenken zu lassen ;-).

Dann hatte ich einen erneuten Versuch mit Nextcloud Talk gestartet, der allerdings auch im Sande verlief, vor allem weil Nextcloud Talk bei All-Inkl wohl eher suboptimal ist.

Den Ausschlag für den Wechsel haben übrigens die externen Masseur:innen gegeben, mit denen unser Massageteam eine Signal-Gruppe eingerichtet hat.

Mit dem Wechsel zu Signal ist nun mein persönlicher Messenger-Salat ein kleines aber wesentliches Stück ausgedünnt. Tschakka!

Vorher habe ich natürlich noch meinen WhatsApp-Chatverlauf gesichert, denn was man hat, das hat man.
Stellt sich raus, was man hat, das hat man noch lange nicht – es gibt nämlich seitens Facebook/WhatsApp keine Möglichkeit, den gesamten Chatverlauf in einem für Menschen lesbaren Format herunterzuladen. Die Account-Info habe ich auch angefordert, aber:

Bitte beachte, dass der Bericht keine deiner Nachrichten enthält.

Das bringt mich in dieser Hinsicht also nicht weiter. Nach einer längeren Odyssee über den WhatsApp Viewer und den dort verlinkten Forenthread sowie den wiederum darin verlinkten Forenthread zum Extrahieren des WhatsApp-Backups aus dem Google Drive bin ich nun endlich beim WhatsApp Parser Toolset gelandet, mit dem mir zumindest der Download des Backups aus dem Google Drive gelungen ist.

Damit habe ich zwar schon mal alle Mediendateien versammelt, der eigentliche Chatverlauf ist allerdings verschlüsselt und nützt mir so noch nichts. Deshalb bin ich im Zuge dessen so tief wie noch nie in mein Android-Smartphone eingetaucht – per USB Debug Mode. Das nötige Tool findet sich im oben verlinkten ersten Forenthread nebst Anleitung es zu benutzen.

Leider tut das in meinem Fall nicht so wie es soll, weil ich WhatsApp Business statt des normalen WhatsApp benutze.

Unfassbar, wie schwer dieser Scheissverein von Facebook es einem macht, die eigenen Daten aus WhatsApp rauszukriegen. Die meisten Leute hätten schon nach der Account-Info aufgegeben.

Übrigens, diese "Account-Info" ist ein Witz, das sind mit Sicherheit nicht alle personenbezogenen Daten, die die von mir gespeichert haben. Mal sehen, vielleicht wende ich in diesem Fall das erste Mal den freundlichen Folterfragebogen der c't an. Stellt sich nur die Frage, wo schicke ich ihn hin? Laut Impressum ist die WhatsApp Ireland Limited in Dublin zuständig. Der Mutterkonzern Facebook sitzt in Europa ebenfalls in Dublin. Nun, schaun mer mal.

Hier hat jemand seine diversen Selbstauskunft-Versuche bei verschiedenen Unternehmen und Institutionen dokumentiert; für mich besonders interessant ist natürlich sein Tagebuch der WhatsApp-Selbstauskunft. Es ist ein harter Kampf…

Nachtrag: WhatsApp ist damit ein Beispiel dafür, dass man Kryptographie auch dafür missbrauchen kann, Nutzern ihre eigenen Daten vorzuenthalten. Signal geht den entgegengesetzten Weg.

Nachtrag vom 13.07.2020: Anlässlich der Entscheidung von Signal, Kontaktdaten nun doch auf ihren Servern zu speichern, geht eine große Erschütterung durch die Security-Community. Was genau dahinter steckt, erläutert Matthew Green in seinem Beitrag A few thoughts about Signal’s Secure Value Recovery.
Das hat mich jetzt dazu gebracht, einen eigenen Beitrag über Signal, die PIN und die Cloud zu verfassen.

Es gibt kein bedingungsloses Grundeinkommen

2020-05-18

Beim Foucault-Lesen (siehe auch Gouvernementalität in der Corona-Pandemie) wurde mir klar, dass ich hier im Blog, was das "Bedingungslose Grundeinkommen" angeht, echt lange um den heißen Brei herum geschrieben habe.

Foucault bringt das Dilemma des Liberalismus so auf den Punkt:

Die neue Regierungskunst stellt sich also als Manager der Freiheit dar, und zwar nicht im Sinne des Imperativs: "Sei frei", was den unmittelbaren Widerspruch zur Folge hätte, die dieser Imperativ in sich trägt. Es ist nicht das "Sei frei", was der Liberalismus formuliert, sondern einfach Folgendes: "Ich werde dir die Möglichkeit zur Freiheit bereitstellen. Ich werde es so einrichten, dass du frei bist, frei zu sein." Wenn dieser Liberalismus nicht sosehr der Imperativ der Freiheit, sondern die Einrichtung und Organisation der Bedingungen ist, unter denen man frei sein kann, dann wird im selben Zug im Zentrum dieser liberalen Praxis ein problematisches, ständig wechselndes Verhältnis zwischen der Produktion der Freiheit und dem hergestellt, was, indem es sie herstellt, sie auch zu begrenzen und zu zerstören droht. […] Mit einer Hand muss die Freiheit hergestellt werden, aber dieselbe Handlung impliziert, dass man mit der anderen Einschränkungen, Zwänge, auf Drohungen gestützte Verpflichtungen usw. einführt.

Das ist genau das Dilemma, welches auch das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) mit sich bringt. Das Netzwerk Grundeinkommen definiert ein BGE so:

  • Existenz sichernd und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichend,
  • auf das ein individueller Rechtsanspruch besteht,
  • ohne Bedürftigkeitsprüfung
  • ohne Zwang zu Arbeit oder anderen Gegenleistungen

Wir "zivilisierten" Menschen wachsen so selbstverständlich in Staaten auf, dass wir die Existenz eines solchen Staates kaum wahrnehmen, so wie ein Fisch im Meer das Meer kaum wahrnimmt und daher einfach als gegeben voraussetzt. Dadurch übersehen wir in dieser Definition leicht den Knackpunkt ein individueller Rechtsanspruch. Denn wer kann diesen Rechtsanspruch garantieren? Natürlich nur der Staat (oder eine äquivalente gesellschaftliche Einrichtung). Das ist also in jedem Fall eine Bedingung, damit das Ganze funktionieren kann, und – schwups – ist es eben nicht mehr bedingungslos.

Kommen wir da vielleicht durch das in meinem Blog schon mehrfach erwähnte Freiwillige Bedingungslose Grundeinkommen (FBGE) raus? Nein, denn auch dabei ist das Wort "bedingungslos" fehl am Platz.
Wie funktioniert so ein FBGE? Eine Gruppe von Menschen tut sich zusammen und schmeisst freiwillig Geld in einen gemeinsamen Topf, aus dem dann das FBGE ausgezahlt wird. Die Bedingung dafür ist natürlich, dass alle Beteiligten auch genügend Geld haben (und weiterhin bereit sind!), um den Topf damit immer wieder zu füllen.

Halten wir also fest:
Es gibt kein bedingungsloses Grundeinkommen. Grundeinkommen ist möglich, aber immer unter irgendwelchen Bedingungen.

Jetzt ist es raus. Übrigens ist auch das von mir immer wieder als Alternative gepriesene Gemeinschaffen eine Sache von Bedingungen, denn dabei geht es ja darum, dass eine Gruppe von Menschen sich zusammentut, um einen Ort oder irgendwelche Sachen zu pflegnutzen, und diese Gruppe von Menschen vereinbart dafür Regeln untereinander, an die sich dann alle halten sollen. Auch da haben wir also immer irgendwelche Bedingungen.

Ich schließe mit dem hier im Blog schon mal zitierten Zen-Spruch

Alles hängt von Bedingungen ab,
und keine Selbstheit wohnt den Dingen inne.

So ist das nun mal in dieser Welt der Erscheinungen. Ohne Bedingungen ginge hier schliesslich alles drunter & drüber. ;-)

Gouvernementalität in Zeiten der Corona-Pandemie

2020-05-13

Ich bin seit einigen Wochen dabei, die Vorlesungen zur Geschichte der Gouvernementalität von Michel Foucault zu verschlingen. Den ersten Band habe ich durch, den 2. gerade angefangen. Dieser handelt vor allem vom Liberalismus und seinen modernen Varianten.

Das Bundesinnenministerium ist momentan ein sehr dankbarer Untersuchungsgegenstand in Sachen Gouvernementalität, wie ich ja schon im Beitrag Dem Staat vertrauen? erwähnte.

Da haben wir auf der einen Seite das interne Strategiepapier des Innenministerium ganz auf der Linie der Staatsräson und das von einem einzelnen Mitarbeiter an die Presse getragene Papier auf der anderen Seite als liberales Gegenbeispiel.

In der einleitenden Vorlesung sagt Foucault

Das ganze Problem der kritischen gouvernementalen Vernunft wird sich um die Frage drehen, wie man es anstellt, nicht zu viel zu regieren.

Der einzelne Mitarbeiter ist offensichtlich der Ansicht, dass unsere Regierung in der Coronakrise zu viel regiert. Der offizielle Standpunkt des Innenministeriums geht nach dem internen Papier von "einem Worst-Case-Szenario von über einer Million Toten im Jahre 2020 – für Deutschland allein" aus, weshalb das Innenministerium findet, man kann gar nicht genug regieren in dieser Krise.

Dabei stützen sich beide Seiten auf (medizinische und andere) Experten – ein wesentliches Kennzeichen der kritischen gouvernementalen Vernunft nach Foucault:

Was in Frage steht und was alles dies erklärt, ist die Tatsache, dass die Regierung in dem Augenblick, in dem sie diese Naturgesetze verletzt, sie ganz einfach missachtet. Sie missachtet sie, weil sie von ihrer Existenz nicht weiss, ihre Mechanismen und Wirkungen nicht kennt. Mit anderen Worten, die Regierungen können sich täuschen. Und das größte Übel einer Regierung, das, was sie zu einer schlechten macht, besteht nicht darin, dass der Fürst schlecht ist, sondern dass er unwissend ist.

In einen Satz zusammengefasst:

Eine Regierung weiss nie genug, so dass sie Gefahr läuft, stets zuviel zu regieren, oder auch: Eine Regierung weiss nie gut genug, wie man gerade ausreichend regieren soll.

Nachtrag vom 20.05.: Die Vorlesung vom 24. Januar 1979 liefert weitere Hinweise zur aktuellen Situation:

Man kann sagen, dass die Devise des Liberalismus ist, "gefährlich zu leben". "Gefährlich zu leben", das bedeutet, dass die Individuen fortwährend in eine Gefahrensituation gebracht werden oder dass sie vielmehr darauf konditioniert werden, ihre Situation, ihr Leben, ihre Gegenwart, ihre Zukunft usw. als Träger von Gefahren zu erleben. […] Überall sieht man diese Aufstachelung der Angst vor der Gefahr, die gewissermaßen die Bedingung, das psychologische und innere kulturelle Korrelat des Liberalismus ist. Es gibt keinen Liberalismus ohne die Kultur der Gefahr.
Die zweite Konsequenz dieses Liberalismus und dieser liberalen Regierungskunst ist natürlich die gewaltige Ausweitung von Verfahren der Kontrolle, der Beschränkung, des Zwangs, die das Gegenstück und Gegengewicht der Freiheiten bilden.

Der Markt kann die Coronakrise nicht bewältigen

2020-05-8

Das sieht man an allen Ecken und Enden ganz deutlich. Die aktuelle Anstalt zeigt es im Bereich des Gesundheitssystems.

Zu diesem Beitrag hat mich Miki Kashtan inspiriert, die im 2. Beitrag ihrer "Apart and together"-Reihe genau darüber schreibt: Addressing Needs beyond Market Economies.

One of the things that the coronavirus appearance, and the ensuing pandemic it caused, opened up is the possibility of exposing this incapacity of the market to attend to need. If the market were able to attend to needs, there wouldn’t have to be any governmental mobilization anywhere, because it would happen by itself through the mechanism of the “invisible hand.” And yet in country after country, governments are initiating actions that would be unheard of before, including re-nationalizing services, mobilizing war-like production, and considering cash payments to those in need or to everyone. That it’s happening is showing us in stark terms that, left to its own devices, the market cannot attend to needs. This is not an accident or an aberration; it’s exactly the inherent logic of how markets operate to make it impossible to move resources to where needs are, except through mechanisms, such as state intervention or individual and community gifting, that operate outside the market logic.

Das habe ich gleich zu Beginn meines Wirtschaftsstudiums gelernt: Der Markt nimmt Bedürfnisse als solche gar nicht wahr, sondern nur, wenn sie mit Kaufkraft gekoppelt als Nachfrage auftreten.

Miki Kashtan begründet in ihrem Artikel, warum ein Markt grundsätzlich gar nicht in der Lage ist, echte Bedürfnisse zu befriedigen:

There is no flow of care. The needs, by themselves, don’t create any movement. If anyone has a need and doesn’t already have resources they can exchange for the specific resources they need, their need will simply go unattended, while those with massive amounts of resources continue to accumulate.

Sie geht auf die Einhegung der Allmende ein, die regelrecht zwischen Markt & Staat eingequetscht wurde in den letzten Jahrhunderten. Damit sind echte Alternativen zu Markt & Staat weitgehend undenkbar geworden:

I want to bring awareness to a far-reaching consequence of both the issue itself and the obscuring of it that current economic theory does: the possibility of alternatives that are neither market-based nor centrally planned. This disappearance is one of the less understood ways in which the current social order perpetuates and reproduces itself. Instead of seeing the entire spectrum of fully deregulated markets to fully planned economies as different mixes of the same fundamental logic, we are trained to see them as opposing logics in battle with each other; a battle we all must be part of and out of which there is no exit.

Dass Markt & Staat untrennbar zusammen gehören, habe ich zuerst bei Paul C. Martin gelernt. Die Voluntaristen sind da zwar anderer Meinung, die ist m.E. aber nicht haltbar.

Zurück zu Miki, die darauf hinweist, wie in der Erzählung des Kapitalismus der Staat im Markt unsichtbar wird:

One reason is that the image of “the invisible hand” makes it appear as if everything is flowing freely, with little to no control. The relationship between the market and the state, and specifically the utter dependence of the market on the existence of a solid state, is made invisible.

Allerdings gibt es da diese eine Stelle bei David Graeber, die sich mir ins Gedächtnis eingebrannt hat, über die islamischen Händler in Malakka im Mittelalter:

Legendär ist das Vertrauen, das sich unter den Händlern im großen malaiischen Umschlaghafen Malakka, dem Tor zu den indonesischen Gewürzinseln herausbildete. In der Stadt gab es ein arabisches, ein ägyptisches, ein äthiopisches, ein armenisches Viertel, außerdem Zonen für die Angehörigen des Swahili-Sprachraums und für Händler aus verschiedenen Regionen Indiens, Chinas und Südostasiens. Diese Händler lehnten, soweit wir wissen, einklagbare Verträge ab und besiegelten ihre geschäftlichen Vereinbarungen lieber mit "einem Handschlag und einem Blick hinauf zum Himmel".

Miki Kashtan nennt in ihrem Text zwei echte Alternativen zum kapitalistischen Markt-Staat, nämlich die Schenkwirtschaft und das Gemeinschaffen:

Beyond any comparison of the extreme ends of an uneasy alliance between markets and states, or even assessments of what may be optimal points within the existing logic, I want to come back to the basic reality that alternatives do exist. Two basic forms that such alternatives take are gifting and what David Bollier calls “commoning,” namely the activity of being part of a commons. Gifting is the flowing of resources towards needs through direct action. Commoning is the sharing of resources that happens when a community engages with resources together, collaboratively, through ongoing agreements.

Sie hält entsprechend nichts von zwangsweise umverteilen.

Was haben Schenken und Gemeinschaffen gemeinsam? Sie bewegen sich jenseits der Tauschlogik:

Although gifting and commoning are very different practices, they both exit – in full – the logic of exchange and accumulation that’s foundational to the market. Gifting is a unilateral movement of resources from where they exist to where they are needed, resulting in unconditional giving on one end being uncoupled from unconditional receiving on the other end. Commoning is a set of agreements between people in relation to resources they hold in common about how they will access and distribute those resources to attend to their needs without depleting the common resources.

In dem Zusammenhang erinnere ich an Christian Siefkes:

Eine postkapitalistische Gesellschaft muss sich um andere Ziele drehen – solange der Profit noch das allgemeine Ziel ist, kann man sich sicher sein, noch im Kapitalismus zu leben. Wenn sich die Bedürfnisse der Menschen in Zukunft allerdings einem ganz anderen, aber ebenso willkürlichen Ziel unterordnen müssten, wäre wenig gewonnen. Ein echter Bruch, eine allgemein lebenswerte Gesellschaft, setzt vielmehr voraus, dass das Überleben, die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen – und zwar aller Menschen! – selbst zum allgemeinen Zweck der gesellschaftlichen Organisation werden, statt nur Mittel für einen anderen Zweck zu sein.

Miki bezieht sich übrigens viel auf Genevieve Vaughan, deren Buch For-Giving schon seit Monaten angefangen bei mir rumliegt, weil ich die Sprache einfach unheimlich sperrig finde.

Im Zusammenhang mit der regenerativen Kultur hatte ich Wirtschaften als das Füreinander-sorgen definiert; da kann Miki Kashtan auf jeden Fall mitgehen.
Sie geht beim Thema Commoning natürlich auf Elinor Ostrom ein, die herausgearbeitet hat, dass Gemeinschaffen in erster Linie durch Beziehungen geprägt ist:

Her works established that commons are relationships, not resources: People engage with the resources of what they hold in common as a community, in relationship with the resource. The community cares for the resource as part of caring for themselves and each other: they all know that the long term wellbeing of all depends on this fuller, deeper caring.

Wie kommen wir also von Markt & Staat weg?

if we want to exit the market, exchange-based, extractive economy, we must rebuild relationships and return to a focus on attending to needs, including the most elemental and physical.

Sie geht dann noch auf das vermeintliche Bedingungslose Grundeinkommen in Spanien ein, das aber im Endeffekt gar keins ist. Allerdings hat die erneute Petition von Susanne Wiest an den Bundestag über 170.000 Stimmen bekommen, und die Petition für ein Notfall-Grundeinkommen für die EU läuft noch (bei ebenfalls schon über 170.000 Stimmen). Das Thema bleibt also spannend.

Nachtrag vom 20.05.: Inmitten der Coronakrise hat sich das Netzwerk Oekonomischer Wandel (NOW) gegründet:

Anders Wirtschaften jetzt!

Corona- und Klimakrise machen die Absurdität des jetzigen Systems für viele offensichtlich.
Diese Situation ist eine historische Chance
für eine grundlegende Neuausrichtung von Wirtschaft und Gesellschaft.
Sie ermöglicht neu zu fragen, wie wir leben wollen.
Gute Antworten sind da.

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