Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Segel setzen für tiefe Demokratie

2019-03-5

Der sehr tiefsinnige Dialog von François Michael Wiesmann und Dieter Halbach in der Oya zum Thema Gemeinschaft und Hierarchie inspiriert mich dazu, ein paar Stellen aus Arnold Mindells Büchern über tiefe Demokratie zusammenzustellen. Diese hatte ich hier im Blog schon einige Male erwähnt, so z.B. bei Alles gehört dazu und natürlich beim Worldwork in Warschau-Beitrag.

Tiefe Demokratie ist eine Haltung, die wahrhaftig endlich einen eigenen Beitrag verdient. Einige Ausschnitte aus Arnies Buch Der Weg durch den Sturm, das es beim Verlag für ganze 4,- € zu kaufen gibt:

Ebenso können die Werkzeuge der Weltarbeit nur erfolgreich eingesetzt werden, wenn gewisse persönliche Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehört nach meiner Erfahrung vor allem eine bestimmte Einstellung, die Haltung der tiefen Demokratie, welche unerschütterlich an die Wichtigkeit aller Teile eines Ganzen glaubt, an die Bedeutung aller unserer Persönlichkeitsteile und aller verschiedenen Sichtweisen in der Welt um uns herum. Weltarbeit braucht einerseits bestimmte Werkzeuge, welche ständig angepasst werden müssen, je mehr wir über unseren Planeten lernen, andererseits beruht sie auf der tiefen Demokratie als einer zeitlosen Gefühlseinstellung.

Die Haltung der tiefen Demokratie findet sich in allen bewährten spirituellen Traditionen, besonders im Taoismus, im Zen-Buddhismus und in den östlichen Kampfsportarten. Durch sie bekommen wir ein Gefühl für unsere Verantwortung, dem Fluss der Natur, dem Schicksal, der Lebensenergie, dem Tao oder dem Ki mit Respekt zu folgen, und ein Wissen um unsere Rolle als Mitgestalter der Weltgeschichte. Tiefe Demokratie ist die Grundlage der Einsicht, dass die Welt da ist, um uns zu helfen, unser ganzes Selbst zu werden, und dass wir da sind, um der Welt zu helfen, ganz zu werden.

Das klingt vielleicht erst mal ganz schön und entspannt, ist aber beileibe nicht immer bequem:

Selbstbalance wird weise, wenn alle Teile ermuntert werden, sich selbst voll auszudrücken. Nur wenn sowohl Explositivät als auch Sensibilität, die führende Seite genauso wie die störende, voll ausgedrückt und unterstützt werden, wird ein System seine eigenen Probleme sinvoll lösen können. […]

Alle Teile in einem Feld, sogar diejenigen, die uns nicht passen oder von denen wir meinen, sie hätten keinen Sinn, müssen repräsentiert und unterstützt werden. Anführerinnen und Störer, Insider und Outsider, Macho-Benehmen und Sensibilität, Macht und Angst, Kritik und Unterstützung müssen in einem gegebenen System alle identifiziert und repräsentiert werden. […]

Ein System, das seinen Geistern keine Zeit und keinen Raum gibt, wird schliesslich von diesen gestört oder vernichtet werden.

Unter der Überschrift Harmonie ist nicht immer das Beste schreibt er später über Gruppenprozesse:

Harmonie ist ein herrlicher Zustand, aber er ist nicht annähernd so mächtig wie Bewusstheit. Gewisse Prozesse lassen sich nicht vollumfänglich entfalten, entweder weil sie mehr Zeit brauchen, oder weil sie für die Gruppe einfach unlösbar sind; Lösungen gibt es dann nur auf der individuellen Ebene. Eine vollständige Lösung könnte auch dazu führen, dass jemand in der Dissidentenrolle zurückbleibt und verletzt wird. Die Dissidenten repräsentieren die zukünftige Entwicklung der Gruppe, sie zeigen den nächsten Schritt auf, die Wachstumsgrenze der Gruppe.

Das klingt jetzt wieder ganz schön anstrengend, jedoch:

Es gibt im Zusammenhang mit tiefer Demokratie kein Gelingen oder Scheitern. Tiefe Demokratie kennt weder Gewinnen noch Verlieren, weder innen noch aussen, weder Yin noch Yang, sondern sie ist tiefer und grundlegender. Sie ist auf das Wirbeln und Kreisen der Kräfte ausgerichtet, welche das Ganze erschaffen, das wir die Welt nennen.

Was hat es nun mit dem Segeln aus der Überschrift auf sich? Das erklärt Arnie in seinem Buch Mitten im Feuer, das es auf Deutsch nur noch antiquarisch gibt:

Demokratie ist tatsächlich eine sehr grundlegende, doch unentwickelte Form der Weltarbeit. Demokratie verhält sich zu Weltarbeit wie ein Ruderboot zu einem Segelboot. Das Ruderboot beansprucht menschliche Kraft; das Segelboot bewegt sich mit dem Wind.

Deshalb sage ich: Leinen los und Segel setzen für die tiefe Demokratie!

Nachtrag: Eine absolut lesenswerte Ergänzung zum Dialog über Gemeinschaft und Hierarchie ist François' langer Artikel Die Konsensfalle (Achtung, reiner Download-Link, öffnet sich nicht im Browser). more

Kalter Krieg 2.0 – The Return of the Fulda Gap

2019-02-22

Mir war schon recht bald klar, dass der Zusammenbruch des Ostblocks nicht automatisch das Ende des Kalten Krieges bedeutete. Die ganzen Atomwaffen waren ja schliesslich noch da, und immerhin die Abrüstungsverträge weiterhin in Kraft. Das ändert sich jedoch gerade. Eine wesentliche Rolle spielt dabei John Bolton, seines Zeichens Mitglied des Project for the New American Century und des Center for a New American Security Gründer der Foundation for American Security and Freedom. Der ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass die USA den INF-Vertrag über die Stationierung nuklearer Mittelstreckenraketen gekündigt haben. Auch die Verlängerung des New START-Vertrages über atomare Langstreckenwaffen steht auf der Kippe.

Dieser Bericht von Monitor fasst die Lage zusammen: Hochrüsten um jeden Preis: Die neuen nuklearen Pläne der USA. Es droht die Stationierung vieler neuer Atomwaffen in Europa. Deshalb "The Return of the Fulda Gap". Das weckt bei mir ganz persönliche unangenehme Erinnerungen, denn bekanntlich waren in meinem Heimatdorf Atomwaffen stationiert.
Wahrscheinlich wird allerdings die Suwalki-Lücke der neue Fulda Gap.

Deshalb: Büchel atomwaffenfrei!

Stopp Air Base Ramstein! (Ramstein ist nicht nur der zentrale Knotenpunkt des US-Drohnenkriegs, dort befindet sich auch die Einsatzzentrale des Raketenabwehrsystems der NATO, außerdem das Allied Air Command der NATO)

IPPNW – Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.

Deutsche Sektion der International Lawyers Against Nuclear Arms

ICAN Deutschland

Mayors for Peace

Global Zero

Nachtrag: Einige der mit Sicherheit ersten Ziele russischer Atomraketen: Stuttgart mit USEUCOM und AFRICOM, natürlich Büchel selbst, Ramstein und Kaiserslautern, das Miesau Army Depot der NATO, das NATO Airborne Early Warning & Control Force Command in Geilenkirchen, das Combined Air Operations Centre 2 in Uedem, in Belgien das Supreme Headquarters Allied Powers Europe und natürlich das NATO-Hauptquartier in Brüssel, in den Niederlanden das Allied Joint Force Command Brunssum, in Frankreich (allerdings ganz nah an der Grenze zu Deutschland) das Eurokorps in Straßburg.

Uff. Mir wurde erst im Rahmen der Recherchen für diesen Artikel klar, wie viele zentrale Kommandostrukturen sowohl der NATO als auch der US-Streitkräfte sich auf deutschem Boden befinden.

Nachtrag vom 23.02.: Mit dem Center for a New American Security hatte ich etwas durcheinander geworfen, Bolton hat damit nichts zu tun, die nukleare Aufrüstung allerdings sehr wohl, denn Elbridge Colby hat die aktuelle Nuklearstrategie der USA formuliert. Ein Artikel von ihm in Foreign Affairs: If You Want Peace, Prepare for Nuclear War. Schon 2016 schrieb er in Foreign Policy: Nuclear Weapons Aren’t Just For the Worst Case Scenario.
Ich versuche immer noch herauszufinden, ob und wie er mit William Colby verwandt ist, dem CIA-Direktor unter Nixon, der die Stay behind-Netzwerke der NATO aufgebaut hat. Dessen Vater hiess jedenfalls genau wie er Elbridge Colby. Leider finde ich im Netz nur den (manchmal gekürzten) Lebenslauf vom US-Verteidigungsministerium, der sich über seine Herkunftsfamilie ausschweigt.

Weiterer Nachtrag vom 23.02.: Siehe auch meine Zeitleiste (Anti-) Psychiatrie, Psychologie und Weltgeschehen, die ich bei der Gelegenheit mal um das aktuelle Weltgeschehen ergänzt habe.

Solidarität mit Rojava

2019-02-22

Mit Erstaunen habe ich gerade festgestellt, dass ich hier im Blog noch gar nicht meine Solidarität mit der Demokratischen Föderation Nordsyrien Rojava erklärt habe. Das hole ich hiermit nach.
Anlass ist die Arte-Dokumentation Syrien: Rojava stellt Frauen gleich, die ich euch unbedingt ans Herz lege.

Wer tiefer einsteigen will, kann das mit dem Comic Kobane Calling tun.

Und lest euch auch mal den Gesellschaftsvertrag von Rojava durch.

More Love

2019-02-20

Seit kurzem bin ich wieder voll auf East Coast Hip Hop & hab bei Bandcamp voll bei KRS-One zugeschlagen. Dieser Titel hier läuft echt jenseits aller Kategorien:

Gibt's auch bei Soundcloud.

Nachtrag: KRS-One hatte ich schon mal hier im Blog – Hip Hop ist Worldwork.
Und wenn du dieses Lied auch so liebst, dann give some love $ to the Teacha!

Es gibt keinen Naturzustand

2019-02-20

Dieser Andreas Weber schreibt echt immer genialere Sachen. In der aktuellen Oya führt er unter der Überschrift Essbar sein aus, warum der Glaube an ein "Paradies", an einen "unberührten Naturzustand" der frühen Menschheit, eine Illusion ist. Damit nähert er sich sehr Ken Wilber in dessen Buch Halbzeit der Evolution an, das hier ja schon mehrfach Thema war.

Ein paar Ausschnitte:

Wo der Mensch auftauchte, veränderte er die Natur radikal. Vieles spricht dafür, dass die ersten Bewohnerinnen und Bewohner Nordamerikas die ursprüngliche Megafauna, elefantenähnliche Mastodonten und gewaltige Faultiere, haben verschwinden lassen. Damit wären auch sie, die oft als Beispiele für die Möglichkeit perfekter Harmonie mit der Natur herhalten müssen, Nachfahren eines ersten Akts ökologischer Dominanz.
Die ökologisch folgenreichste Technik, die oft nicht in ­Betracht gezogen wird, war das Feuer. Schon der Homo erectus kochte vor sechshunderttausend Jahren seine Nahrung. Vor allem aber legte er Ökosysteme in Asche. Er brannte Wälder ab, um auf der offenen Steppe besser jagen zu können – und vielleicht auch, um auf den nährstoffreichen Holzkohleresten erste Gärten zu kultivieren. Der Mensch der Vorzeit schuf somit bereits »neu­artige Ökosysteme«, wie Forscher heute unerhörte Artmischungen wie den Berliner Schanzenwald nennen. […]
Unberührte Natur – das ist ein Mythos, der nie gestimmt hat, so ­wenig wie der vom Paradies. Die Erde zu verändern, meint [Geograf Erle] Ellis, sei nichts Neues, sondern arttypisch: Homo sapiens ist jene Spezies, die den Planeten umbaut. Er ist ein Ökosystem-Ingenieur, ähnlich wie der Biber, auf dessen Konto ganze Feuchtgebiete ­gehen können, mit der entsprechenden Artenvielfalt. »Diese Welt ist nicht perfekt«, meint Ellis, »Aussterben gehört dazu«. Seit es den Menschen gebe, provoziere er ökologische Revolutionen.

Weiter:

Das heißt dann auch: Es gibt keinen Naturzustand. Nicht einmal in der Natur gibt es einen Naturzustand. Es gibt nur ein dynamisches Regime von Änderungen aufgrund der Interessen der Einzelnen, fruchtbar zu werden, aufgrund des intrinsischen Inter­esses von allem, in Kontakt zu treten und darin lebensstiftende Verbindungen zu erfahren. In letzter Konsequenz ist die ökologische Stabilität – das Nahrungsnetz – ein physisch niedergelegter Pakt zur Machtbegrenzung und zur gegenseitigen Zähmung.

Diese Stelle lässt mich besonders an Wilber denken:

Immer wieder wird gesagt: Der Mensch ist das Tier, das weiß, dass es sterben wird. Vermutlich wissen das alle anderen Wesen in verschiedenem Maß auch (alle versuchen ihren Tod zu vermeiden), schicken sich aber in diese Erkenntnis und akzeptieren, dass es den Tod gibt. Das macht ihre Größe aus und ihre Friedlichkeit, selbst wenn sie riesige Zähne haben. Der Mensch aber ist das Tier, das einen Ausweg dafür sucht, dass es sterblich ist. Es will der Gegenseitigkeit, deren tiefste Ausprägung die Komplemen­tarität von Geburt und Sterben ist, entgehen, indem es seine Umwelt so stark wie möglich kontrolliert. Das – so scheinen es die neuesten anthropologischen und archäologischen Befunde darzulegen – ist nicht eine Folge von bestimmten kulturellen Setzungen, sondern liegt im Kern unseres Wesens. Der Mensch weigert sich zu sterben. Genauer: Er weigert sich, essbar zu sein. Das ist seine ökologische Besonderheit – und das ist seine ökologische Bestialität.

Anders ausgedrückt: Der Mensch ist das Tier, das immer wieder neue Atman-Projekte startet.

Und bekanntlich ist es das Ego, das die Atman-Projekte startet, wie es archaischen Gesellschaften wohl bewusst war und ist:

Schauen wir auf ­archaische Gesellschaften, so finden wir etwas, das dem romantischen Blick – der Idee von Freiheit aus sich selbst heraus und ohne Verletzung – widerstrebt. In diesen Gesellschaften sind die Rechte des Egos extrem reguliert. Die sozialen Regeln – wen man heiraten darf, mit wem man die Jagdbeute teilt, was man von seinem Besitz hergeben muss, wie gering individueller Führungsanspruch geachtet wird – sind alle darauf ausgerichtet, das Ego zu brechen. Kein Stolz – das ist die Konsequenz der strengen Prinzipien der ersten Völker.

Selbstwichtigkeit verlieren sage ich gern dazu.

Weber baut seinen Artikel auf einem Essay von David Graeber und David Wengrow auf, allerdings geht nicht ganz klar daraus hervor, auf welchem eigentlich. Die beiden arbeiten nämlich schon länger zusammen. Sie haben 2015 im Journal of the Royal Anthropological Institute den Artikel Farewell to the ‘childhood of man’: ritual, seasonality, and the origins of inequality veröffentlicht. Im März 2018 machte dann ihr Artikel How to change the course of human history im Eurozine die Runde, und ganz frisch haben sie im New Humanist den Artikel Are we city dwellers or hunter-gatherers? veröffentlicht.
Aus dem Jahr 2015 gibt es auch ein Video der beiden, Palaeolithic Politics and Why It Still Matters.
Zum Eurozine-Artikel hat Camilla Power eine lange Erwiderung aus feministischer Perspektive verfasst: Gender egalitarianism made us human: A response to David Graeber & David Wengrow's 'How to change the course of human history', den New Humanist-Artikel nimmt Peter Turchin kritisch auseinander: An Anarchist View of Human Social Evolution.

Diese ganze Debatte inklusive der Original-Artikel habe ich mir noch nicht einverleibt, die Links poste ich daher auch für mich selbst hier hin. Was Andreas Weber daraus macht, ergibt für mich jedenfalls mächtig viel Sinn. Und aus feministischer Sicht ist eins hoffentlich klar: Die Große Göttin kann auch zornig und unerbittlich sein, sie gibt Leben und sie nimmt Leben. Jay Kali Maa!

Von Andreas Weber verschenke ich übrigens seit kurzem das Buch "Sein und Teilen".

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