Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Essenzielle Absichten zur Gewaltfreiheit von Miki Kashtan

2020-08-19

Heute habe ich entdeckt, dass die deutsche Übersetzung der neuen Version der Core Nonviolence Commitments von Miki Kashtan veröffentlicht wurde. Das ist mir einen eigenen Blogbeitrag wert, denn diese Commitments beschreiben die Haltung, die eine neue, regenerative Kultur hervorbringt und trägt.

Das englische Original und weitere Übersetzungen findet ihr auf Mikis Seite The Fearless Heart.

Ich bin sehr dankbar, durch die Übersetzung noch mal neu an die Commitments erinnert worden zu sein. Sie haben ja schon vor 2 Jahren meine Zeremonie bei der Zeremonialwoche geprägt.

Jetzt passen sie perfekt, denn ich befasse mich gerade mit der Post-Kollaps-Gesellschaft. Die kann (mit einer Wahrscheinlichkeit von 1% oder auch nur 0,01%) von der Haltung dieser Commitments getragen und genährt werden.

Die Post-Kollaps-Gesellschaft

2020-08-16

In recht kurzer Zeit habe ich nun Johannes Heimraths Buch Die Post-Kollaps-Gesellschaft durchgelesen. Dabei wurde mir sehr deutlich, dass das Buch so etwas wie der rote Faden ist, an dem sich die Zeitschrift Oya entlang hangelt.

Und ich habe das erste Mal wirklich tief die Möglichkeit an mich herangelassen, dass unsere Zivilisation zusammenbrechen wird. Das bedeutet, dass danach wirklich alles anders sein wird als wir es kennen. Der Computer, an dem ich das hier schreibe, wird nicht mehr funktionieren, die Internetverbindung wird nicht mehr vorhanden sein, weil das ganze Internet nicht mehr da sein wird. Kein Stromnetz mehr, keine Tankstellen für unsere Autos und LKWs. Kein Dünger und keine Pestizide mehr für die Landwirtschaft, und natürlich auch kein Sprit mehr für Traktoren.

Auch wenn kein EMP von der Sonne kommt, werden die Satelliten nicht mehr funktionieren, damit z.B. auch kein GPS/Glonass/Galileo/Beidou mehr. Elon Musks Satelliten werden sich als rausgeschmissenes Geld erweisen und allesamt zu Weltraumschrott werden.

Und so weiter und so fort.

Ein Großteil all dessen beruht auf dem metallurgischen Komplex, von dem Fabian Scheidler in Das Ende der Megamaschine schreibt. Schon seit Jahrtausenden schicken Menschen andere Menschen in Minen, um Metalle (und seit dem 16. Jahrhundert auch Kohle) aus der Erde zu holen.Das waren in den ersten Jahrtausenden durch die Bank Sklaven, später dann Lohnsklaven. Wer tut sich das schon freiwillig an? Und über Jahrtausende wurde Holz, die letzten Jahrhunderte dann Kohle verfeuert, um Metalle zu schmelzen und zu verarbeiten. Der Wald ums Mittelmeer wurde bei weitem nicht nur abgeholzt, um Schiffe daraus zu bauen, sondern zu einem guten Teil für Holzkohle für die Metallverarbeitung.

Nebenbei bemerkt, eine aktuelle Nachricht besagt, dass das Grönland-Eis inzwischen unwiderruflich schmelzen wird, auch wenn wir ab sofort unseren Treibhausgas-Ausstoß auf Null reduzieren würden.

Nun ja, über die Blockadehaltung unseres Gehirns für schlechte Nachrichten hatte ich schon geschrieben.

Was nehme ich noch Wesentliches aus Johannes' Buch mit?
Zunächst mal, dass sein Szenario 3 einer Commonie mit einer Wahrscheinlichkeit von gerade mal 1% angesetzt wird, während er selber die Wahrscheinlichkeit dafür sogar nur mit 0,01% einschätzt. Das macht nicht gerade Hoffnung, und das soll es ja auch nicht, denn Hoffnung ist nur Opium fürs Gehirn. Es kommt darauf an, die Chancen realistisch einzuschätzen. In seinen eigenen Worten:

Eine Chance von 0,01 Prozent ist nicht gleich null. Sie existiert, und wenn wir keine Fehler machen, dann ist sie genauso gut wie eine von 10, 20 oder 30 Prozent. Um sie zu nutzen, müssen diejenigen, die von einer guten Welt nach dem Kollaps träumen,

  • für einen Moment aufhören, zu träumen und
  • die Welt nüchtern ansehen, so wie sie tatsächlich ist,
  • nüchtern abschätzen, wie viel Kraft sie besitzen und
  • wofür sie diese Kraft einsetzen wollen – um das Alte zu retten oder sich besser auf das Danach zu konzentrieren?
  • Und wenn Letzteres der Fall ist, müssen wir eine klare Wunschvorstellung davon entwickeln, wie das Leben danach aussehen soll,
  • was dafür nötig sein wird und
  • was wir schon heute dafür vorbereitend lernen und tun müssen.

Seine Vision einer Commonie skizziert er z.B. im Oya-Artikel Essenz der Demokratie: Die Commonie. Gedanken zu einer möglichen Form der Post-Kollaps-Gesellschaft. Ein Gefühl für die Commonie kannst du in Andreas Webers Buch Sein und Teilen bekommen (gerne auch von mir geschenkt).

Direkt im Anschluss werde ich nun Fabian Scheidlers Buch Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen von 2017 lesen. Schon die Einleitung zeigt, dass das Buch gerade in Corona-Zeiten äußerst relevant ist:

Im Nebel dieses Chaos zeichnen sich die Umrisse neuer autoritärer Ordnungsversuche ab. […]

In dem Maße, wie die Legitimität von Regierungen angesichts der zunehmenden Spaltung zwischen Arm und Reich bröckelt, werden äußere Feinde immer wichtiger, um Zusammenhalt herzustellen. Der permanente »Krieg gegen den Terror«, von dem heute im Grunde jeder weiß, dass er nicht weniger, sondern mehr Terroristen hervorbringt, dient in diesem Sinne als Versuch, die zerfallende politische Ordnung zu kitten und zugleich den Abbau von Bürgerrechten zu rechtfertigen.

Hier kann man statt "Krieg gegen den Terror" nun auch "Krieg gegen das Virus" einsetzen.

Fabian Scheidler weiter:

Die vor uns liegende Epoche, in der um diesen Wandel gekämpft wird, nenne ich das »neue Zeitalter der Revolutionen«. Weder Dauer, noch Verlauf und Ergebnis dieser Übergangsphase lassen sich voraussagen . Sicher ist nur eines: business as usual wird auf lange Sicht nicht mehr möglich sein.

In Deutschland haben wir offenbar besonders rosa eingefärbte Brillen:

Die verschlafenen Debatten im vergleichsweise satten Deutschland täuschen leicht darüber hinweg, dass wir es in vielen Teilen der Welt mit einem massiven Aufstand gegen die bestehenden Machtstrukturen zu tun haben. Massendemonstrationen sind in Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien, den USA, Mexiko, Brasilien, Indien und – in etwas anderen Formen – auch in China seit Jahren an der Tagesordnung. Die Rebellionen des Arabischen Frühlings scheinen vorerst erstickt, doch sind die sozialen und ökonomischen Ursachen, die 2011 zur Revolte führten, in Ländern wie Ägypten nach wie vor unverändert. Der französisch-libanesische Politologe Gilbert Achcar, einer der profundesten Kenner der arabischen Welt, betrachtet die Ereignisse von 2011 als Teil eines langfristigen, möglicherweise Jahrzehnte dauernden revolutionären Prozesses, der gerade erst begonnen hat.

Vergesst eure Komfortzonen, die lösen sich rapide in Wohlgefallen auf. Wir leben in turbulenten Zeiten.

Ich selber werde jedenfalls meine Energie nicht mehr dafür einsetzen, das (menschliche!) Alte, das Gewohnte und Bekannte zu retten. Für die mehr-als-menschliche Welt werde ich dafür um so konservativer. Und wie wir als Menschen zusammen leben werden, dafür begebe ich mich in die Haltung des Nichtwissens und gehe fragend voran.

Nachtrag: Mir ist eingefallen, dass ich so einen Moment 2017 schon mal hatte. Was sind wir doch vergesslich, wenn es um die Möglichkeit des Scheiterns geht… Die Schlusssätze von damals passen auch jetzt:

Angesichts dessen können wir doch nur mit jeder unserer Handlungen unser Bestes geben. Vergesst die Tausendjährigen Reiche. Akzeptiert, dass ihr wieder zu Sternenstaub zerfallt, der sich im Großen Ganzen weiterverteilt und immer wieder neue Lebensformen hervorbringt und auch diese wieder zerfallen lässt.

Nachtrag vom 21.08.: Klimaforscher: Zusammenbruch der Zivilisation ist der wahrscheinlichste Ausgang. Neun von 15 Kipppunkten im Klimasystem der Erde sind bereits erreicht.

Nachtrag vom 25.08.: Miki Kashtan schreibt in ihrem Artikel Apart and Together: Finding Systemic Solutions to Systemic Problems, warum sie gar nicht will, dass sich "die Wirtschaft wieder erholt":

To many individuals around the world, this pandemic has already been a disaster, and they hang their hope on a quick economic recovery. Before looking at possible alternatives, I want to spell out what that would mean. If there is going to be an economic recovery, it would require restarting the entire consumption machine after a period of dramatic reduction in consumption. Here’s what John Turner, an economics professor Queen’s University in Belfast says about it, in stark terms: “If people aren’t going to spend money, that is going to dampen the economy for a long, long time to come.” He is clearly concerned about that. And, it seems, much more so than about the cost. Because restarting consumption likely means intensifying already stretched supply chains that span the globe, and practices that are at cost to untold numbers of humans and to life beyond humans.

The overwhelming majority of us in the global north don’t grasp the intensity and vulnerability of the supply chains on which we depend even for our most basic staples, and only vaguely know of their existence at all. We are used to showing up at a supermarket trusting there will be food there, without awareness of where it comes from. Whole regions of the world have become beholden to our consumption, having lost their subsistence economy base. They have become dependent on many practices – from dangerous extractive activities to tourism – that are stripping ecosystems and impoverishing the many, keeping them trapped in cycles of growing poverty even as they valiantly aim to exit. And all this is done in such a way that most of us in the global north don’t know about it, unless we cultivate dogged determination to find out. […]

In the second piece in this series I spoke already of how capitalist market economies are unable to attend to needs. Here I am stressing that, in addition, they are actively undermining attending to needs for the many and for life as a whole. This is why I feel no attraction to thinking about how to bring about an economic recovery.

Nachtrag vom 21.10.: Selbst Heiner Flassbeck, der bisher nicht als Crash- oder Untergangsprophet aufgefallen ist, hält einen Zusammenbruch unserer Gesellschaftsordnung inzwischen für möglich.

Von der Distanz zur Verbundenheit

2020-08-9

Dieser Spruch auf einem Plakat hat mich besonders tief angerührt auf der Demo am 1. August.

Wir trainieren jetzt schon seit Monaten – und zwar global! – andere Menschen als potentiell gefährlich zu betrachten; und zwar insbesondere dann wenn sie uns nahe kommen. Dabei präsentiert sich der Staat als der große Beschützer mit Bußgeldern, Polizei und Ordnungsamt, mit Grenzkontrollen und Massenüberwachung.

Den Scherben war schon in den Siebzigern klar: Allein machen sie dich ein.

Social Distancing erscheint vor diesem Hintergrund als die neueste Form der uralten Teile und Herrsche-Strategie. Sich mit vielen anderen für eine gemeinsame Sache zusammenzutun gefährdet den Volkskörper und ist unter Strafandrohung zu unterlassen.

Die Klimastreiks von Fridays for Future sind durch den Lockdown monatelang erfolgreich verhindert worden. Auch Proteste gegen Pipelines wurden schlicht verboten und der Pipelinebau einfach durchgezogen. Diese Liste könnte ich noch lange weiterführen.

Die Nazis hatten das Buch von Johanna Haarer als Leitfaden, um schon Babys ihre angeborene Empathie auszutreiben. Heute haben wir "AHA – Abstand, Hygiene, Alltagsmaske".

Mir selber geht es jedenfalls so, dass ich mit Maske nicht mehr gewillt bin, Bettlerinnen in der Bahn Geld zu geben. Ich ignoriere sie aktiv. Ohne Maske mache ich das manchmal auch, bin aber viel offener um ihnen auch mal was zu geben. Die Maske fährt also meine Empathie runter.
Überhaupt werde ich sofort deutlich gedämpft, wenn ich so ein Ding aufhabe. Mein Körper stellt auf Überlebensmodus.

Rebellion ist so natürlich nicht möglich. Solidarität auch nicht.

Dabei werden diese Abstands- und Hygieneregeln auf verquere Art sogar noch als Solidarität hingestellt, denn: "du schützt damit nicht in erster Linie dich selbst, sondern die anderen – vor dir selbst!"
Das macht es besonders perfide. Wir trainieren seit Monaten eben auch, uns selbst als gefährlich für andere zu betrachten. Der Staat schützt uns somit auch vor uns selbst.

Aufschlussreich ist in dem Zusammenhang, in welcher Geistesthaltung die heute omnipräsente Infektiologie, Bakteriologie und Virologie überhaupt entstanden sind. Dazu empfehle ich das Interview mit Dr. Anne Katharina Zschocke in der aktuellen Oya:

Im 19. Jahrhundert erlebte die Bakteriologie einen Aufschwung durch verbesserte Techniken, um Mikroben sichtbar zu machen. Wenn ich nicht mit meinen eigenen Augen, sondern durch ein Mikroskop schaue, verändert sich das Objekt meiner Wahrnehmung. Mikroskopie bringt per se einen verengten Blick mit sich, weil ich Einzelnes vergrößere, den Bildausschnitt verkleinere, also nicht mehr im Überblick wahrnehme, sondern stark fokussiere auf einen verengten Blickwinkel, und Enge führt zu Angst. Das Mikroskopieren wurde damals als Betrachten mit dem »bewaffneten Auge« bezeichnet. Es herrschte ein Zeitgeist des Kämpfens, der sich auch im wissenschaftlichen Denken niederschlug: So lautet eine Kapitel-Überschrift Charles Darwins in deutscher Übersetzung »Kampf ums Dasein«. Die führenden Forscher waren an Militärkrankenhäusern tätig und meist zu Soldaten ausgebildet – sie waren überzeugt: Hier ist meine Nation, wir sind die Guten; dort ist die Grenze, dort drüben sind die Feinde. Dieser Zeitgeist übertrug sich auf die Bakteriologie.

Noch ein weiterer Aspekt, sich so auf die "bösen Viren" (und ihre Überträgerinnen) zu konzentrieren:

Jedes Leben ist aus einer Berührung, mit einer Begegnung und Partnerschaft entstanden und von Beginn an sind wir dabei in Kontakt mit den Mikroben. Wir dürfen die Fixierung auf einen Täter, der mich umbringen möchte, zugunsten einer Freude in Partnerschaft mit dem Lebendigen loslassen. Mit der Täterfixierung richtet man die Aufmerksamkeit ja auch wieder auf ein Tun statt auf ein Sein. Es ist wichtig zu erkennen, dass die Probleme, die wir uns geschaffen haben, aus Projektionen unserer eigenen Psyche heraus entstanden sind. Wie kommt es denn, dass wir einem Virus so bereitwillig die Täterrolle zuschreiben? Liegt es vielleicht daran, dass wir uns selbst in einer Opferrolle fühlen? Ein Opfer hat das Bedürfnis, gesehen zu werden und Heilung zu erfahren. Welcher Heilung bedürfen wir – individuell wie kollektiv –, um die Opfer-Täter-Spirale verlassen zu können und uns liebevoll als Schöpfer in einer Welt zu erkennen, die für alle lebenswert ist?

Und ich erinnere noch mal an das, was Charles Eisenstein in seinem Essay Die Krönung schreibt:

Bevor wir das Abstandhalten zu einer neuen Norm machen, nach der sich die Gesellschaft orientiert, lasst uns bedenken, was für eine Entscheidung wir hier treffen und warum. […]

COVID-19 wird irgendwann abebben, aber die Bedrohung durch ansteckende Krankheiten wird bleiben. Unsere Antwort wird den Kurs für die Zukunft bestimmen. Das öffentliche Leben, das gemeinschaftliche Leben und das Leben gemeinsamer Körperlichkeit ist schon seit einigen Generationen im Schwinden begriffen. Statt in Geschäften einzukaufen, lassen wir uns Sachen nach Hause liefern. Statt Rudeln von Kindern, die draußen spielen, haben wir Play Dates und digitale Abenteuer. Statt des öffentlichen Platzes haben wir ein Online-Forum. Wollen wir fortfahren uns noch weiter voneinander und von der Welt zu isolieren? […]

Wollen wir uns, um das Risiko einer weiteren Pandemie zu senken, dafür entscheiden, für immer in einer Gesellschaft ohne Umarmung und Händeschütteln zu leben? Wollen wir uns dafür entscheiden, in einer Gesellschaft zu leben, in der wir uns nicht mehr in größerer Zahl versammeln? Soll das Konzert, das Sportereignis und das Festival der Vergangenheit angehören? Sollen Kinder nicht mehr mit anderen Kindern spielen? Soll aller menschlicher Kontakt durch Computer und Gesichtsmasken vermittelt werden? Kein Tanzunterricht, kein Fußballtraining, keine Konferenzen und keine Kirchenbesuche mehr? Soll die Reduzierung der Todesfälle der Maßstab sein, an dem der Fortschritt gemessen wird? Heißt menschliche Fortentwicklung Getrenntheit? Ist das die Zukunft?

Wir haben die Wahl:

Es gibt eine Alternative zur perfekten Kontrolle, die unsere Zivilisation so lange angestrebt hat, und die sich mit jedem Fortschritt wieder ein Stück weit entzieht, wie eine Fata Morgana am Horizont. Ja, wir können den bisherigen Weg in Richtung zunehmender Vereinsamung, stärkerer Abschottung, mehr Herrschaft und größerer Getrenntheit fortsetzen. Wir können zulassen, dass mehr Getrenntheit und Kontrolle normal werden, im Glauben sie seien nötig um uns Sicherheit zu gewähren, und eine Welt akzeptieren, in der wir uns davor fürchten, einander nah zu kommen. Oder wir können diese Pause, diese Unterbrechung der Normalität zum Anlass nehmen, einen Weg in Richtung Wiedervereinigung, Ganzheitlichkeit, Wiederherstellung von verlorenen Beziehungen und Gemeinschaft und unserer Wiedereingliederung in das Netz des Lebens einzuschlagen.

Zum Schluss verlinke ich noch Saranams Blogbeitrag Eine berührbare Gesellschaft, denn uns als Tantrikerinnen liegt das natürlich ganz besonders am Herzen.

Es steht nichts Geringeres als unsere Menschlichkeit auf dem Spiel. Die Transhumanisten können es kaum erwarten, diese abzuschaffen. Machen wir ihnen das Spiel nicht zu leicht.

Nachtrag vom 01.09.: Wenn ich diesen Beitrag in Spektrum der Wissenschaft lese, gruselt es mich:

»Wir müssen unsere Kultur, wie wir mit anderen Menschen umgehen, ändern«

Tja, die Frage ist nur, ändern wir unsere Kultur in Richtung mehr Nähe oder in Richtung noch mehr Distanz?

Nachtrag vom 14.09.: Ich hatte ganz vergessen, meinen Beitrag Corona: Die Einhegung der Allmende auf Steroiden zu verlinken, wo ich schrieb

Die Corona-Krise beschleunigt diesen Prozess gerade massiv durch das von allen Seiten propagierte Social Distancing. Alle hocken nur noch vereinzelt in ihren Privatwohnungen, der öffentliche Raum ist faktisch nicht mehr existent. Im Internet stecken ja auch alle nur noch in ihren persönlichen Filterblasen.

Weiterer Nachtrag vom 14.09.: Die Corona-Proteste um die Commons-Perspektive ergänzen.

Worum geht es am "Tag der Freiheit"?

2020-07-31

Genau genommen sollte ich die Frage noch ergänzen, worum geht es wem am "Tag der Freiheit"? Die Motivationen sind sicherlich unterschiedlich.
Allerdings habe ich den Eindruck, dass da morgen im Wesentlichen zwei verfeindete Fraktionen des Weiter so wie bisher aufeinander prallen werden, die die Lage völlig unterschiedlich einschätzen.

Der Anlass für diesen Beitrag ist die morgen für 500.000 Teilnehmerinnen angemeldete Demonstration von Querdenken 711 unter dem Namen "Tag der Freiheit". Damit meinen die Organisatorinnen die Freiheit von allen Lockdown-Beschränkungen.
Diese Fraktion fordert das, wie ich vermute, in erster Linie damit es für sie und uns so weiter gehen kann wie bisher; also dass die Menschen wieder ohne Masken einkaufen können, ganz normal Sport machen, uneingeschränkt mit vielen Menschen gemeinsam feiern usw. usf.
Unser Tantra-Institut betrifft der Lockdown auch sehr stark, wir arbeiten bisher immer noch sehr auf Sparflamme. Workshops (die unsere Haupt-Einnahmequelle sind) können wir noch nicht wieder geben, jedenfalls nicht auf die intime Art und Weise, die unsere Workshops gerade ausmacht.

Diese Freiheit ist aber auch die Freiheit unseres kapitalistischen Ausbeutungssystems, fröhlich weiter Menschen und alle anderen Wesen auf der Erde sowie die Erde selber auszubeuten bis es kracht.

Es sind außerdem 8 Gegendemos angemeldet gegen die "Tag der Freiheit"-Demo. "Berlin gegen Nazis" schreibt dazu

Für alle Gegenprotestanmeldungen gilt: Teilnehmer_innen werden gebeten, sich an die Mindestabstände & die Maskenpflicht zu halten und Durchsagen zur Einhaltung der Hygienevorschriften durch die Versammlungsleitung zu beachten.

Diese Fraktion des "Weiter so wie bisher" schätzt offensichtlich die Lage anders ein; sie hält Sars-CoV-2 für ein gefährliches Virus und empfindet uns mitten in einer "Pandemie". An den Anführungszeichen wird schon deutlich, dass ich diese Einschätzung nicht teile. Dazu habe ich auch schon verschiedentlich gebloggt.
Jedenfalls sagt diese Fraktion "bloß nicht alle Einschränkungen aufheben, dann kommt eine noch viel gefährlichere zweite Welle, die die Gesundheitssysteme dann wirklich global überlasten und unser Gesellschaftssystem zusammenbrechen lassen wird". Diese Fraktion unterstützt also den Lockdown, damit es überhaupt so weitergehen kann wie bisher.

Offenbar tendieren politisch rechts eingestellte Menschen tendenziell eher zur ersten, politisch links eingestellte Menschen tendenziell eher zur zweiten Fraktion. Warum das so ist, erschliesst sich mir nicht. Darauf kommt es mir auch gar nicht an.

Die erste Fraktion hat ein paar Punkte, die ich mit ihnen teile. Ich sehe auch die Gefahr, dass sich die autoritären Maßnahmen verfestigen und wir uns in Richtung totalitärer Staaten bewegen.

Dabei gehöre ich aber zu der kleinen Minderheit, die z.B. Oya liest und aktuell gerade Die Post-Kollaps-Gesellschaft. Für mich ist klar, dass ich gar nicht weitermachen will wie bisher. Und davon abgesehen ist mir klar, dass es sicherlich nicht so weitergehen kann und wird wie bisher.
Entweder begreifen das in sehr kurzer Zeit genügend Menschen, damit wir noch gemeinsam eine radikale Wende einleiten können.
Oder, was ich für viel wahrscheinlicher halte, die Zivilisation kracht gegen die Wand. Diejenigen, die dann noch aus den Trümmern rauskriechen, werden keine andere Wahl haben als völlig neu anzufangen.

Was tue ich damit morgen? Was sage ich zu den Leuten, mit welcher Haltung gehe ich zu den Demos? Ein Impuls war, mich von der Liebe zu allem was lebt leiten zu lassen.

Doch welche Geschichte erzähle ich? Ein paar mögliche Geschichten eines guten Lebens für alle kenne ich, z.B. von Starhawk und natürlich von Charles Eisenstein. Doch das sind große und lange Erzählungen. Wie kann der Geist dieser Erzählungen in Gesprächen aufleuchten? Wie kann ich diese Geschichten leben?

Nachtrag vom 01.08.: Die Antifa weist darauf hin, dass "Tag der Freiheit" der Titel eines Leni Riefenstahl-Films über die Wehrmacht ist. Zu unterstellen, dass das eine absichtliche geheime Botschaft der Veranstalterinnen an rechte Insider sei, wäre allerdings schon wieder eine Verschwörungstheorie.

Weiterer Nachtrag vom 01.08.: Nun war ich bei der Demo, mehr als Beobachter denn als Teilnehmer, und ich bin völlig fassungslos über die sogenannten "Linken". Diese Flagge habe ich auf der falschen Seite der Demo gesehen, nämlich bei einer Gegendemo:
anarchosyndikalistische Flagge

Was denkt sich eine Anarchosyndikalistin, wenn sie diese Flagge auf einer Gegendemo gegen eine Demo schwenkt, die sich gegen autoritäre Maßnahmen einer CDU-/SPD-Regierung wendet? Übrigens die gleiche Große Koalition, gegen die sich in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine linke außerparlamentarische Opposition gebildet hatte.

Sind die Linken auf einen Schlag alle obrigkeitsgläubig und -hörig geworden? Und haben dabei auch noch ihr kritisches Wissenschaftsverständnis verloren?

Ich kann es echt nicht fassen. Charles Eisenstein teilt meine Verwunderung:

Die Bezeichnung “rechte Verschwörungstheoretiker“ ist sowieso ein wenig merkwürdig, denn traditionell warnt ja doch eher die Linke vor der Neigung der Mächtigen zum Machtmissbrauch. Traditionell ist es doch die Linke, die Konzerninteressen kritisch beäugt, die uns drängt, „die Autoritäten“ zu hinterfragen, und die faktisch auch am meisten unter der Unterwanderung und Überwachung durch die Regierungen gelitten hat.

Hier jedenfalls noch meine Eindrücke von der Demo: Ich stand lange an der Ecke Friedrichstraße/Mittelstraße, von wo aus ich beobachten konnte, wie die Demo von Unter den Linden in die Friedrichstraße einbog. Beziehungsweise erst mal eine ganze Weile nicht einbog, weil die Polizei wohl länger mit der Versammlungsleitung diskutierte wegen der Maskenpflicht.
Dabei ging mir auf, dass das ein klassischer Catch-22 ist: Mit Masken gegen die Maskenpflicht zu demonstrieren. Egal was frau da macht, es kann nur falsch sein.

Schließlich setzte sich der Zug dann durch die Friedrichstraße wieder in Bewegung, & ich habe die gesamte Demo an mir vorbeiziehen lassen, vom gelben bis zum grünen Fähnchen. Es waren seeehr viele Menschen, ich schätze bestimmt sechsstellig (ich bin allerdings echt schlecht im Schätzen von Menschenmengen). Und es waren durchaus nicht alles "Verschwörungsideologen und Nazis", sondern ein sehr bunt gemischter Haufen von Menschen, unter denen bekennende Linke allerdings durch völlige Abwesenheit glänzten. Die waren nur in den Gegendemos vertreten, siehe oben.

In dieser Mischung waren nun auch etliche Reichsbürger, was meine gemischten Gefühle bestätigte. Um so mehr wären linke Fahnen und Sprüche als Gegenpol angebracht gewesen. Dadurch, dass die Linken sich komplett von der Demo distanziert haben, konnte sie nur noch "rechtsoffen" werden, denn "linksoffen" zu sein ging ja nun nicht mehr.

Außerdem habe ich heute das erste Mal das Kürzel WWG1WGA gesehen (dafür allerdings gleich viele Male), das ein Kennzeichen von QAnon ist. Ja, es war schon ein sehr bunter Haufen. Fefe hat die Problematik m.E. gut erkannt:

Früher hat man ja die Emporkömmlinge zersetzt, indem man ihre Vorwürfe mit zunehmend absurderen Verschwörungstheorien mixt.

Wenn man da geschickt rangeht, dann unterstellt man die nicht der ganzen Gruppe sondern ein paar Wenigen aus der Gruppe. Das führt dann entweder zur Spaltung der Gruppe (Win!) oder dazu, dass der Rest der Gruppe die Angegriffenen zu verteidigen versucht, und sich damit dann Teile der dazugedichteten Verschwörungstheorien aneignet (auch Win!). Daher erhöht man die Absurdität am besten langsam und schrittweise.

Ich glaube ja, dass es diese Methode ist, die uns gerade so richtig in unseren Händen explodiert. […]

Gute Arbeit, CIA! Fast so gut wie eure Afghanistan-Strategie damals. Wer hätte gedacht, dass das nach hinten losgehen würde, wenn man die Islamisten bewaffnet?

Vergleiche auch, was Charles Eisenstein in seinem Essay Der Verschwörungs-Mythos (ich zitierte oben schon daraus) schreibt:

Heute liegt das breite Vertrauen in die Wissenschaft und den Journalismus im Argen. Ich kenne etliche hochgebildete Leute, die glauben, die Erde sei eine flache Scheibe. Wenn wir Flat-Earther und die zehntausenden Anhänger weniger extremer alternativer Narrative (seien sie historisch, medizinisch, politisch oder wissenschaftlich) als ignorant abtun, verwechseln wir Symptom und Ursache. Ihr Vertrauensverlust ist ein klares Symptom des Verlustes von Vertrauenswürdigkeit. Unsere Institutionen der Wissenserzeugung haben das öffentliche Vertrauen wiederholt hintergangen, genau wie unsere politischen Institutionen. Jetzt glauben ihnen viele Leute nicht mehr, und wenn sie auch die Wahrheit sprechen.

So sieht's aus. Und das lässt mich ratlos zurück.

Weiterer Nachtrag vom 01.08.: Peter Nowak schreibt in Telepolis:

Zudem wird in dem Aufruf auch keine Unterscheidung gemacht zwischen linken Kritikern des Corona-Notstands und seiner Folgen und den angeblichen Coronaleugnern.

Diese Trennung wäre aber unbedingt notwendig, damit deutlich wird, dass es wohl nötig und möglich ist, die Corona-Maßnahmen von links zu kritisieren. Gerade in einer Zeit, in der die zweite Corona-Welle von Medien und Staatsapparaten schon herbeigeredet wird, sollte daran erinnert werden, dass wir seit Mitte März die massivsten Eingriffe in Grundrechte seit dem 2. Weltkrieg in Deutschland hatten.

Es ist bedauerlich, dass sie in den antifaschistischen Aufrufen gegen die rechtsoffenen Veranstaltungen der kommenden Tage in Berlin völlig ausgeblendet werden. Es war doch viele Jahre eine gute Praxis einer unabhängigen Antifabewegung nicht nur diverse Rechte und Rassisten, sondern auch die Staatsapparate zu kritisieren.

In dieser Tradition könnte man die absolut notwendige Forderung nach Abstand gegen rechts verbinden mit einer Forderung nach Abstand von den Staatsapparaten, die mit einer Politik der Angst Grundrechte einschränken wollen.

Nachtrag vom 06.08.: Am heutigen 75. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima komme ich endlich dazu, mich noch den verschiedentlich gemeldeten Teilnehmerinnenzahlen der Demo zu widmen.
Die Polizei spricht von 20.000 Teilnehmerinnen, was seeehr niedrig gegriffen ist. Die Veranstalterinnen sprachen anfangs von 1,3 Millionen, was wiederum ziemlich hoch gegriffen ist. Aber wenden wir die übliche Formel an und bilden den Durchschnitt der beiden Angaben, dann kommen wir auf 660.000.
An anderer Stelle hörte ich was von einer Million, nach dem gleichen Rechenschema ergibt das immerhin 510.000.
Noch anderswo las ich 800.000, macht 410.000.

Ich stand ja ziemlich am Beginn der Demo, es können später also durchaus noch viele Menschen dazu gekommen sein. Die Schätzung eines Telepolis-Autoren ist von meiner nicht so weit weg:

nach einer "Zähl-Schätzung" von Telepolis-Autor Thomas Moser, der bis 13 Uhr 15 bei der "Demo Unter den Linden" vor Ort war, bestand der Demozug, der 70 Minuten lang vorbeizog, aus "50.000 - 60.000 Teilnehmern".

Bei der Kundgebung an der Straße des 17. Juni war ich später gar nicht mehr dabei, das kann ich persönlich also gar nicht einschätzen.

Die Zahlen werden heiss diskutiert, so auch bei Multipolar.

Nachtrag vom 07.08.: Gaby Weber hat etliche Demonstrantinnen interviewt:

Nachtrag vom 11.08.: Auch Daniel Kulla schreibt differenziert über die Demo:

1) Auf der Demo waren wohl mehr als die von der Polizei angegebenen 17000, wenn auch deutlich weniger als die aus der Demo verkündeten 1,3 Millionen.

2) Es nahmen vermutlich viele aus Berlin teil, aber auch aus praktisch allen anderen Teilen des Landes.

3) Es waren viele Nazis dabei, viele radikal-nationalistische Leute, aber auch ein großer Teil, der sich politisch nicht rechts verortet, ebenso Menschen, die sich als Linke verstehen. Hier wird es sich zur eigenen Entlastung und zur Rettung von Verbindungen vielfach zu leicht gemacht.

Nachtrag vom 29.08.: Ach nee – Polizei korrigiert Zahlen nach oben: Auf der ersten Corona-Demo in Berlin waren doch 30.000 Menschen. Wie es ihnen gerade passt:

Weil die Versammlungsbehörde nun doch von 30.000 Menschen ausgeht, werfen die Anwälte der Initiative „Querdenken 711“ der Polizei jetzt aber vor, die alte Demonstration gezielt größer zu rechnen, um das vorgesehene Gelände als zu eng für den Protest darzustellen. Der fehlende Platz auf dem Gelände war eines von vielen Argumenten, die zusammengenommen zum Verbotsbescheid geführt hatten.

Nachtrag vom 31.08.: Nun war ja am Samstag die nächste große Demo gegen die Corona-Maßnahmen. Meine nach wie vor gemischten Gefühle lassen sich wohl nicht besser verdeutlichen als durch die Zusammenschau der Interviews von Spiegel TV auf der einen Seite und von Russia Today auf der anderen.

Nachtrag vom 01.09.: Auch wenn der Aufhänger für Charles Eisensteins Text Extinction Rebellion ist, dieser Abschnitt passt auch zum Thema Corona:

Solche polarisierenden Schmähungen kommen von beiden Seiten und lassen vermuten, dass sie sich jeweils in hohem Grad mit ihrem eigenen Standpunkt identifizieren. Ich bezweifle, dass eine der beiden Seiten Beweise zuließe, die ihrer Sichtweise widersprechen. Die Debatte ist so zugespitzt, dass sie sich nicht einmal darauf einigen können, was als Tatsache gilt. Jede der Streitparteien, von den Untergangspropheten über die Alarmisten bis zu den Skeptikern, scheint in ihrer eigenen Realitätsblase gefangen zu sein. Während sie jede Information, die ihrer Sicht widerspricht, anfeinden und aufs Kritischste hinterfragen, akzeptieren sie mehr oder weniger ungeprüft alles, was ihre eigene Position stärkt. Daher ist es unwahrscheinlich, dass die Seite, die falsch liegt, das jemals herausfindet. Und das, liebe Leserin, lieber Leser, gilt auch für Deine Sicht der Dinge!

Angesichts der extremen Polarisierung in den westlichen Gesellschaften heute habe ich mir eine Faustformel zugelegt, die sowohl für streitende Ehepartner als auch in der Politik gilt. Die Krux ist außerhalb der konkreten Auseinandersetzung zu suchen: in von beiden Seiten unhinterfragten Grundannahmen oder in dem, was beide ausblenden. Ergreift man Partei, erkennt man die Bedingungen der Debatte an und trägt dazu bei, dass die versteckten zugrundeliegenden Probleme nicht ans Licht kommen. Worüber sind sich beide Seiten stillschweigend einig? Was gilt als selbstverständlich? Welche Fragen werden nicht gestellt? Könnte die Heftigkeit, mit der die Debatte geführt wird, ein viel wichtigeres Thema verschleiern, das eigentlich unsere Aufmerksamkeit braucht?

Nachtrag vom 02.09.: Puh, es sind doch nicht alle Linken staatstreu geworden.

Nachtrag vom 14.09.: Die Corona-Proteste um die Commons-Perspektive ergänzen.

Nachtrag vom 20.09.: Der Telepolis-Artikel Die Corona-Krise. Die Linke. Und die Sterblichkeit teilt meine Einschätzung, dass bei den Protesten und Gegenprotesten in erster Linie zwei verfeindete Fraktionen des kapitalistischen "Weiter so wie bisher" aufeinanderprallen:

Vielleicht kann man bei all den notwendigen bis schwer auszuhaltenden Unterschieden trotzdem einen großen gemeinsamen Kern ausmachen: Die Demonstranten gegen zahlreiche Corona-Maßnahmen wollen den Kapitalismus zurück, den sie vor dem Lock-down hatten, mit dem sie sich arrangiert haben. Ein Kapitalismus, der Freiheit denen gibt und gönnt, die sich das durch harte/viel Arbeit verdient haben. Möglicherweise drückt sich das in ganz vielen Slogans aus, die um das Wort "Freiheit" kreisen, die man zurückhaben möchte, die man mit den Corona-Maßnahmen verloren hat. […]

Wenn man also von dieser vorläufigen Hypothese ausgeht, dass viele nur eine Rückkehr zu einem Kapitalismus wollen, der denen Spaß verspricht, die es sich "verdient" haben, dann gibt es doch erst recht keinen Grund zur Überheblichkeit! Denn dann wäre doch die Frage an die Gegendemonstranten zu richten: Verharrt ihr nicht auch in einem Status Quo, der die Entscheidung der Großen Koalition gegen die "Querdenker" verteidigt?

Nachtrag vom 19.10.: Inzwischen fragt schon die Tagesschau Corona und die Kontrollfrage: Parlamentarische Demokratie in Gefahr?

Unsere eingebaute rosa Brille

2020-07-26

Empfohlener Soundtrack zu diesem Beitrag: 4Hero – Wishful Thinking ;-)

Vor kurzem habe ich endlich Die Post-Kollaps-Gesellschaft von Johannes Heimrath angefangen, um das ich mich schon seit Jahren gedrückt hatte. Bekannt ist es mir schon lange, weil es so was wie der rote Faden der Oya ist; einen Vorgeschmack gibt der Artikel in Oya Nr. 2 Auf in die Post-Kollaps-Gesellschaft.

Darin erwähnt Johannes die Studie How unrealistic optimism is maintained in the face of reality aus dem Jahr 2011, von der es in der gleichen Zeitschrift eine Zusammenfassung gibt, die zur Überschrift meines Beitrags passt: The brain's rose-colored glasses.

Johannes fasst das Ergebnis so zusammen:

Die Zeitschrift "Nature Neuroscience" des amerikanischen Kollegiums für medizinische Genetik veröffentlichte jüngst eine Studie, nach der bei 80 Prozent der Menschen die vorderen Stirnlappen im Neokortex, dem Teil des Gehirns, der unsere kognitiven Prozesse steuert, kurz: mit dem wir logisch denken und urteilen, ihre Arbeit einstellen, sobald sie problematische oder unangehme Eindrücke empfangen. Die schlechte Nachricht wird schlichtweg nicht verarbeitet. Die Fakten werden nicht so wahrgenommen, wie sie sind. Stattdessen erhält das Gehirn die Illusion einer warmen, wohligen, wattigen Welt aufrecht, in der am Ende alles gutgeht, das Unmögliche möglich wird und sich Probleme in Luft auflösen. Diese fatale Eigenschaft des dominanten Teils unserer Spezies wird "unrealistischer Optimismus" genannt. Er führt beispielsweise dazu, dass die meisten Befragten der Untersuchung es eher für möglich halten, den Jackpot im Lotto zu gewinnen, als an Krebs zu erkranken. Sowohl die Statistik wie der gesunde Verstand der restlichen 20 Prozent Nicht-Optimisten sprechen massiv dagegen.

Konkret wurden die Studienteilnehmerinnen gefragt, wie hoch sie das Risiko verschiedener negativer Ereignisse für sich selbst einschätzen. Anschließend wurde ihnen das durchschnittliche statistische Risiko mitgeteilt, woraufhin die besagten 80 Prozent zwar ihre Einschätzung angepasst haben, wenn sie vorher das Risiko überschätzt hatten, aber nicht, wenn sie das Risiko vorher unterschätzt hatten. Deshalb passt die rosa Brille als Metapher.
"Wir schaffen das"…

Johannes schreibt weiter

Nach alledem dürfte der "unrealistische Optimismus" die Ursache für das blinde Weiterwursteln der Menschheit im Allgemeinen und ihrer Entscheider im Besonderen sein. Vor allem der Stand der Berufspolitiker aller Schattierungen scheint in hervorragendem Maß von dieser Wahrnehmungsblockade betroffen zu sein. Wie sonst wäre zu erklären, dass wider alle wissenschaftliche Erkenntnis, nach der das Weiterwursteln die Grundlagen unseres Überlebens zerstört, mit roten Backen eifrig weitergewurstelt wird? Zu einem Innehalten scheinen eben 80 Prozent der Menschen nicht imstande zu sein, und womöglich sind gerade mit Entscheidungsmacht ausgestattete Berufe, wie Konzernführer und Bürokrat, Politiker, Investmentbanker und Despot, so attraktiv für "unrealistische Optimisten", dass sie die verfügbaren Plätze zu 100 Prozent einnehmen.

In diese Richtung spekuliert die Zusammenfassung in Nature Neuroscience auch:

it is also interesting to speculate that being optimistic might be correlated with social effects, such as leadership and social dominance, an effect perhaps at work in politics, as in religion. These two possible accounts may of course interact: ­people’s need for a rosier view of the future may be satisfied by subscribing to religious or political groups that provide reasons to believe in such a view.

In einer Folgestudie haben Tali Sharot et al. gezeigt, dass dieser unrealistische Optimismus von erhöhtem Dopamin-Ausstoß befeuert wird.

Die englische Wikipedia hat einen umfangreichen Artikel über den Optimism bias, auf Deutsch habe ich auf die Schnelle nur den Artikel über Optimismus im Online-Lexikon der Psychologie bei Spektrum der Wissenschaft gefunden. Der Artikel in der deutschen Wikipedia glänzt mal wieder durch Abwesenheit…

Tali Sharot hat 2014 ein ganzes Buch dazu geschrieben, Das optimistische Gehirn. Im Sinne der Selbsterkenntnis scheint mir das ein Must-Read zu sein.

Das wirft natürlich auch ein Licht auf die Strategie der Klimaschutzbewegung (vgl. Warum unser Gehirn darauf programmiert ist, die Klimakrise zu ignorieren): Bei der Rebellion Wave von Extinction Rebellion letzten Herbst habe ich intuitiv schon vermieden, die Sticker mit "Wir sind am Arsch!" zu verkleben, weil diese Botschaft eben bei 80% der Bevölkerung gar nicht ankommt. Und es verwundert also auch nicht, warum beinahe 50 Jahre nach der Veröffentlichung von Die Grenzen des Wachstums der Naturverbrauch immer noch weiter zunimmt.

Mich lässt dieses Phänomen erst mal ratlos zurück (zumal man den Effekt auch kaum wegkriegt). Ob wir als Menschheit die nächsten Jahrzehnte überleben, ist für mich sehr ungewiss.

Nachtrag: Scheisse, wenn ich so was sehe, muss ich weinen:

Nachtrag vom 27.07.: Heute habe ich mir die Kali-Figur an meinen Arbeitsplatz gestellt.
Kali-Figur
Die können wir gut gebrauchen, wie sie mit ihrer Sichel die Köpfe der Illusionen abschlägt.

Nachtrag vom 13.08.: Die eingebaute rosa Brille könnte durchaus der Grund sein, warum wir uns immer wieder zu viel vornehmen in dem Irrglauben, das schon irgendwie zu schaffen.

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