Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Man kann nicht nicht mitmachen

2017-06-1

Vorletztes Wochenende war ich mal wieder im ZEGG, beim Geld-Workshop für Männer bei Robert Heeß. Dabei ging es vor allem um das persönliche, emotionale Verhältnis zu Geld und auch um die persönliche Geld-Geschichte. Das Seminar bildet einen wichtigen Bestandteil meiner Reise ins Mysterium Geld.

In der Anfangsrunde, wo jeder sagen sollte, was sein persönliches Anliegen im Seminar ist, betonte ich, wie wichtig die kollektive und systemische Dimension des Themas Geld ist. Ganz im Sinne von Charles Eisenstein sagte ich, wenn es hier nur um individuelles Reichtumsbewusstsein gehen soll, bin ich im falschen Seminar. Nach einigem Hin und Her konnte ich klarstellen, dass ich damit nicht meine, wir müssten nun über konkrete Änderungsvorschläge wie bedingungsloses Grundeinkommen oder Freigeld diskutieren, sondern die kollektive Dimension jeweils im Hinterkopf behalten. Mit dem Zitat von Volker Pispers "Im Kapitalismus kann jeder reich werden, aber eben nicht alle" bekräftigte ich, dass es gut und richtig ist, individuelle Glaubenssätze aufzudecken und zu transformieren. Damit sind wir aber nicht am Ende, sondern es geht danach und auch schon parallel dazu ebenfalls um Veränderungen im Geld- und Wirtschaftssystem.

Nachdem das für mich geklärt war, konnte ich voll auf der persönlichen Ebene einsteigen. Schon in der Eingangsrunde gab Robert mir eine Frage mit, über der ich bis zum Ende des Workshops brüten sollte:

"Kann es sein, dass du Angst vor Geld hast?"

Ziemlich schnell war mir klar, dass das nicht ganz den Punkt trifft, vielmehr entdeckte ich, dass ich Angst vor Macht habe. Diese Erkenntnis bewegte ich in den nächsten Tagen weiter in mir.

Am Samstag war dann mal wieder Tanzabend, der für mich ebenfalls sehr erkenntnisreich wurde: Als ich mich wie so oft in die elektronischer werdende Musik fallen ließ, bemerkte ich auf einmal, dass ich regelrecht so etwas wie einen Schalter installiert habe, der umschaltet zwischen Kontakt mit der Musik und Kontakt mit anderen Menschen. Vor allem bei elektronischer Musik halte ich mein Herz und mein Sonnengeflecht verschlossen. Das traf mich ziemlich hart & ich hatte ganz schön daran zu knabbern. Es erwuchs daraus u.a. der Entschluss, in der nächsten Zeit bewusst Musik mit anderen Menschen zusammen zu genießen und mit diesen dabei in Herzenskontakt zu sein.
Schließlich kam die Krönung des Abends und auch des gesamten Seminars, ich entdeckte meinen höchstwahrscheinlich allerersten Glaubenssatz:

Ich will nicht dazugehören.

Auch das erschütterte mich wieder ordentlich. Wie habe ich mich schon damit herumgequält, dass ich mich nicht dazugehörig fühle. Und nun stellt sich raus, dass das meine ureigene Entscheidung war.

Am nächsten Morgen wurde mir dann noch klar, dass da gleich zu Beginn meines Lebens der kosmische Witz voll zugeschlagen hatte – das Universum versteht bekanntlich kein "nicht". Es hört also "Ich will dazugehören", was natürlich ein einziges Kuddelmuddel ergibt. Und es passt voll zu meiner Angst vor Macht. Ich wollte nicht mitmachen oder anders ausgedrückt keine Macht ausüben. Dabei gilt, frei nach Paul Watzlawick:

Man kann nicht nicht mitmachen.

Diese Erkenntnis sickert gerade nach & nach in mich ein. So eine 180°-Wende braucht ihre Zeit, bis sie vollzogen ist. Meine Entscheidung, ein makelloser Krieger zu sein, hat auch schon gut den Boden dafür bereitet. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Es kommt mal wieder darauf an, wie ich die Dinge einordne. Statt "nicht dazugehören" bzw. "nicht mitmachen/aussteigen" sehe ich nun, dass ich sehr wohl dazugehöre & einfach ein anderes Spiel spielen will. Damit bin ich auch bei weitem nicht alleine auf diesem Planeten. Im Kleinen liegt es an mir, welche Mitspieler ich mir aussuche, damit wir auch im Großen zeigen können, dass viele andere Spiele möglich sind.

Makellose Menschheit

2017-05-10

Vor knapp drei Jahren habe ich mich entschieden, den Weg der Makellosigkeit zu gehen. Der zentrale Aspekt dabei ist, um die eigene Sterblichkeit zu wissen. "Lass jede deiner Handlungen deine letzte Schlacht auf Erden sein", rät Don Juan Castaneda. Und er sagt

»Ich kenne weder Zweifel noch Reue. Alles, was ich tu, ist meine Entscheidung und meine Verantwortung. Die einfachste Sache, die ich tu, zum Beispiel dich in die Wüste mitnehmen, könnte sehr wohl meinen Tod bedeuten. Der Tod wartet auf mich. Darum habe ich keinen Platz für Zweifel oder Reue. Wenn ich als Folge dessen, daß ich dich mitnehme, sterben muß, dann muß ich eben sterben.
Du hingegen glaubst, daß du unsterblich bist, und die Entscheidung eines Unsterblichen können bereut oder bezweifelt oder rückgängig gemacht werden. In einer Welt, wo der Tod der Jäger ist, mein Freund, da ist keine Zeit für Reue oder Zweifel. Da ist nur Zeit für Entscheidungen.«

Die Szene mit der chemischen Verbrennung bei Fight Club ist mir sehr eindrücklich in Erinnerung geblieben:

Am Montag wurde mir klar, dass das nicht nur für jeden einzelnen Menschen gilt, sondern auch für die Menschheit als Ganzes. Die Spezies homo sapiens ist ebenfalls sterblich, sie wird eines Tages untergehen. Zur Zeit ist sie auf dem besten Wege dort hin.
Davon habe ich mich das erste Mal wirklich emotional berühren lassen. Es kann sein, dass ich zu Lebzeiten Zeuge werde, wie die Menschheit untergeht.

Wir kennen die Fakten, doch die wenigsten lassen sich in ihrem Herzen davon berühren. Täten sie es, dann könnten sie nicht so weitermachen wie bisher. Ein paar Absätze aus dem 10. Kapitel von Das Ende der Megamaschine reichen:

Die Maschinerie der endlosen Geldvermehrung braucht, um zu funktionieren, einen permanent steigenden Input an Energie und Rohstoffen, der auf der anderen Seite in einen ebenso rasant wachsenden Output von Müll und Treibhausgasen verwandelt wird. Der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und planetarer Zerstörung ist so offensichtlich, dass man nur seine fünf Sinne benutzen muss, um ihn zu begreifen. Wer die verwüsteten Wälder Borneos oder des Amazonas bereist, die ölverseuchten Regionen Nigerias und des Golfs von Mexiko, die verstrahlten Regionen um Fukushima und Tschernobyl, die gigantischen Müllströme im Pazifischen Ozean, die vom Fracking vergifteten Landstriche in den USA, die vom Kupfer-, Gold-, Bauxit- und Uranbergbau verheerten Landschaften in Papua-Neuguinea, Indien, Ghana oder Chile und die bereits jetzt von Jahrtausendüberschwemmungen zerstörten Bergtäler Pakistans oder Nepals – um nur eine kleine und willkürliche Auswahl der planetaren Verwüstung zu geben –, braucht eigentlich kaum noch die Bibliotheken füllenden wissenschaftlichen Studien über den Ruin der Biosphäre zu lesen, um zu erkennen, dass ein System, das seine eigenen Existenzgrundlagen in derart rapidem Tempo zerstört, keine Zukunft hat. Das Ende billigen Öls ("Peak Oil") und die absehbare Verknappung strategischer Rohstoffe wie Kupfer und Uran setzen der fortgesetzten Expansion darüber hinaus energetische und stoffliche Grenzen.

Also, ganz offensichtlich kann unsere Spezies aussterben, so wie schon unzählige andere Arten im Verlauf der Geschichte unserer Erde.

Wenn wir als Menschheit in diesem Bewusstsein handeln, können wir bewusst mit unserem kollektiven Tod ringen und uns entscheiden, aus jedem Moment unserer Existenz ein Kunstwerk zu machen. Ja, die Menschheit wird eines Tages sterben. Wollen wir ernsthaft als Krebsgeschwür der Erde sterben, dessen sie sich in einer großen Katastrophe entledigt? Wollen wir uns wirklich kollektiv selbst töten? Wir sind wie gesagt gerade mitten dabei.

Darüber habe ich am Montag besonders geweint: was könnte aus dieser Menschheit noch Schönes und Außergewöhnliches werden. Es hat etwas von einem 18jährigen, der gerade frisch seinen Führerschein hat & mit Karacho mit seinem Auto aus der Kurve fliegt & gegen einen Baum rast.

Das können wir doch besser!!! Und ich nehme mich da keineswegs aus, ich mache bisher auch noch mit in der Megamaschine. Doch es fällt mir zunehmend schwerer, die Spannungen auszuhalten, die sich daraus ergeben.

Noch mal Don Juan:

»Unser Tod wartet, und gerade die Handlung, die wir jetzt tun, mag unsere letzte Schlacht auf Erden sein«, antwortete er feierlich.
»Ich nenne es eine Schlacht, weil es ein Kampf ist. Die meisten Menschen schreiten ohne inneren Kampf und ohne Nachdenken von Handlung zu Handlung. Ein Jäger dagegen beurteilt jede seiner Handlungen; und da er seinen Tod genau kennt, handelt er wohlüberlegt, als wäre jede Handlung seine letzte Schlacht. Nur ein Narr würde nicht erkennen, welchen Vorteil ein Jäger gegenüber seinen Mitmenschen hat. Ein Jäger zollt seiner letzten Schlacht die Achtung, die er ihr schuldet. Es ist nur natürlich, daß er mit seiner letzten Handlung auf Erden sein Bestes geben will. Auf diese Weise ist sie vergnüglich. Sie nimmt seiner Angst die Schärfe.«

Im Bewusstsein des sicher bevorstehenden Todes gibt es auch keine Kompromisse mehr. Und global gesehen haben wir nur noch die Wahl zwischen weitermachen wie bisher & dadurch untergehen, oder unseren Lebensstil radikal verändern & dadurch vielleicht noch mindestens einige Generationen weiterleben. Ein Kompromiss à la "hier und dort ein bisschen was verändern" läuft auf langsames Siechtum hinaus.
Bezogen auf das, was ich über Patentrezepte schrieb, heisst das: Alle diese einzelnen Dinge mit voller Kraft tun und so gut wie möglich synergisch miteinander verknüpfen. Und keine Sekunde länger damit warten.

Ach ja, was zur Makellosigkeit auch gehört: die eigene Selbstwichtigkeit verlieren. Damit stehen wir uns massiv selbst im Weg.

Würden wir einsehen, dass wir nichts Besonderes sind, sondern ganz banal Lebewesen wie alle anderen Tiere und Pflanzen auch, dann wäre uns schon viel geholfen. Wir werden geboren, und irgendwann verkrümeln wir uns wieder. Buchstäblich. Das ist auch schon alles. Und in der Zwischenzeit bilden wir uns ein, wichtig zu sein. Die meisten Probleme auf diesem Planeten entstehen schlicht deshalb, weil sich die Leute überschätzen.

Angesichts dessen können wir doch nur mit jeder unserer Handlungen unser Bestes geben. Vergesst die Tausendjährigen Reiche. Akzeptiert, dass ihr wieder zu Sternenstaub zerfallt, der sich im Großen Ganzen weiterverteilt und immer wieder neue Lebensformen hervorbringt und auch diese wieder zerfallen lässt.

Keine Patentrezepte mehr

2017-04-25

Ich möchte an dieser Stelle mal deutlich kund tun, dass ich keinen Bock auf Patentrezepte habe. Damit meine ich Welterklärungsversuche nach dem Schema "Wir müssen nur [xyz], dann wird alles gut." Von denen sind mir in meinem Leben schon genug begegnet:

Damit meine ich jetzt nicht, dass das schlecht ist, was die jeweiligen Leute fordern. Mir geht es um diese Ausschließlichkeit. Ich finde es z.B. sehr sinnvoll, sich gemeinschaftlich die Produktionsmittel anzueignen. Nur ist dann eben noch lange nicht alles gut, allein schon, weil das Leben nicht nur aus Produzieren besteht, sondern auch aus Spielen, für Kinder, Alte, Kranke & füreinander sorgen, Singen, Schlafen, Träumen, ekstatischem Sex, Kuscheln, Baden im Sommer & Skifahren im Winter (das nur als kleine Auswahl).

Deshalb lasst uns doch all diese wichtigen & wertvollen Aufgaben als Mosaiksteine des Guten Lebens betrachten, die alle dafür gebraucht werden, & keiner ist wichtiger als die anderen.

Nur auf diese Weise können wir Allianzen zwischen all diesen Ansätzen bilden. Allzu oft zerfleischen sich Gruppierungen, die jede für sich genommen gute Sachen machen, im Streit, wessen Anliegen nun das Wichtigere und/oder Dringendere sei. Dabei sind die wie gesagt alle wichtig, & ich finde es toll, was die Leute alles so auf die Beine stellen. Nur, weil ich meine begrenzte Lebenszeit nur begrenzt wenigen Anliegen widmen kann, liegen die anderen mit ihren Anliegen doch nicht automatisch falsch.

Fabian Scheidler bringt das im letzten Kapitel von Das Ende der Megamaschine unter der Überschrift "Revolution ohne Masterplan" gut auf den Punkt:

Der Ausstieg aus der Großen Maschine bedeutet eben auch einen Abschied vom universalistischen Denken, das – von der christlichen Mission bis hin zum Projekt des Weltkommunismus – den Anspruch auf die eine Wahrheit und die eine Vernunft erhoben hat (vgl. Kapitel 5). Das Fehlen eines Masterplans nach diesem Muster ist kein Manko, sondern ein Lernfortschritt aus den Desastern der vergangenen Jahrhunderte.

Da möchte ich noch ergänzen: Auch die Vorstellung, dass irgendwann alles gut wird, gehört zu diesem universalistischen Denken. Das Leben ist ein Fluss, das weiss auch Thomas D:

Nachtrag vom 12.05.: Vor ein paar Tagen habe ich das Buch How Soon Is Now? von Daniel Pinchbeck angefangen, & das hat mich nun doch davon überzeugt, dass Veränderungen im Geldsystem Vorrang vor allen anderen Maßnahmen haben sollten. Er schreibt darin nämlich folgendes:

Das Interessante am Sozialverhalten ist, dass es extrem ansteckend ist. Die Menschen neigen dazu, das zu tun, was ihre Mitmenschen tun – und sie können ihren Glauben und ihre Gewohnheiten schnell ändern. Sie können das sogar sofort, wenn sich die Belohnungsstruktur um sie herum ändern.

Und die zentrale Belohnungsstruktur in unserer Gesellschaft ist nun mal das Geldsystem.

Nachtrag vom 17.05.: Achim Ecker haut in die gleiche Kerbe mit seinem Artikel Wir haben keine Lösung.

Wie geht abhängig sein ohne Zwang?

2017-04-21

Die letzten Tage lag ich mal wieder krank im Bett, heute bin ich wieder so langsam auf den Beinen. Solche Krankheitszeiten bergen oft Inspirationen für mich, so auch dieses Mal.
Mir scheint nämlich die Titelfrage sehr wesentlich, was ich bisher noch nicht so auf dem Schirm hatte. Mein Denken mäandrierte allerdings schon lange da drum herum, so z.B. im Beitrag Bedürfnisse/Bedürftigkeit, brauchen und frei sein.

Gehen wir mal davon aus, dass wir als Mitglieder dieser Welt der Erscheinungen nicht darum herumkommen, von anderen abhängig zu sein.
(Ich sage manchmal nur halb scherzhaft, dass ich total sauerstoff-abhängig bin…)

Dann stellt sich natürlich die Frage, wo bleibt da noch die individuelle Freiheit? Im Nachdenken über Vipassana hatte ich diese schon mal als den Abstand zwischen Reiz und Reaktion definiert.

Unsere heutige Fragestellung führt mich zu der Antwort: meine Freiheit besteht darin, dass ich (in Grenzen) wählen kann, von wem oder was ich mich abhängig mache, und dass ich diese Wahl im Laufe meines Lebens ändern und mich von alten Abhängigkeiten lösen kann, um mich wieder von anderen abhängig zu machen.
Letzteres ist ja das herausragende Merkmal der Freien Kooperation – die Freiheit, aus der Kooperation wieder aussteigen und eine andere wählen zu können.

Im Beitrag über Bedürfnisse/Bedürftigkeit, brauchen und frei sein schrieb ich:

Vielleicht habe ich in meinem Artikel Eine neue Kultur schon die Antwort gegeben, die in der Freiwilligkeit liegt. Denn auch wenn Bedürfnisse eine Grundlage der Gewaltfreien Kommunikation sind, ist Freiwilligkeit eben die zweite Grundlage. Ein Bedürfnis ist kein Grund, sich selbst oder jemand anderen zu etwas zu zwingen. Ich kann nur bitten, und mein Gegenüber (oder auch ich selbst) kann mit Ja oder Nein antworten & beides ist in Ordnung.

In einer Kultur, die auf Bedürfnissen und Freiwilligkeit beruht, wäre die Frage zu aller Zufriedenheit beantwortet. Doch wie kommen wir dort hin? Und wie erhalten wir diese Kultur, denn es besteht immer das Risiko, dass sich Herrschaft wieder einschleicht?

Jede Abhängigkeit macht mich erpressbar (vgl. auch meine Theorie der strukturellen Weltverschwörung). Doch zum Erpressen gehören immer zwei: Eine, die erpresst, und einer, der sich erpressen lässt. Über letztere Rolle habe ich ausführlich im Beitrag über das Gehorchen geschrieben.
Abhängigkeiten lassen sich in der Sprache der Prozessarbeit auch als Rang-Gefälle beschreiben. Wenn A von B abhängig ist, hat B in dieser Beziehung einen höheren Rang als A. Nun zeigt die Erfahrung, dass B sich dessen in der Regel nicht oder kaum bewusst ist, und da liegt ein Hauptgrund für unseren menschlichen Schlamassel.

Das beste Beispiel dafür sind wohl Eltern und generell Erwachsene, die sich ihres in vielerlei Hinsicht wahnsinnig hohen Rangs gegenüber einem Baby oder Kleinkind wahrscheinlich nur in Ansätzen überhaupt bewusst werden können. Jeder Mensch wird in eine Welt hineingeboren, die von den bereits Lebenden und deren Vorfahren längst fertig so eingerichtet wurde (siehe die Geschichte von den drei Bären).

Es liegt also an uns allen, immer wieder unsere Privilegien zu checken, damit wir diese nicht gegen andere Wesen ausnutzen, die von uns abhängig sind (schon mal nachgeschaut, wie viele Sklaven für dich arbeiten?). Und auf der anderen Seite gilt es, immer wieder zu überprüfen, ob meine eigenen Abhängigkeiten es wert sind, mich zu irgendetwas zwingen zu lassen.
Bei beidem hilft es, die eigene Selbstwichtigkeit zu verlieren. more

Westliche Migranten

2017-04-10

Seit kurzem lese ich The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order von Samuel Huntington, das wirklich eine Fülle von Hintergründen zur aktuellen Weltlage liefert. Vor allem sehr interessant, was er damals 1996 schon alles gesehen hat, was sich in der Zwischenzeit bewahrheitet hat (böse Zungen behaupten, das Buch sei eine Vorlage der US-amerikanischen Außenpolitik samt ihrer Geheimdienste, was allerdings nicht damit zusammenpasst, dass es einen gewissen Niedergang des Westens und der USA vorhersagt). Das Buch gibt es auch auf Deutsch unter dem Titel Kampf der Kulturen.
Im achten Kapitel fiel mir gerade wie Schuppen von den Augen, dass die neuzeitliche Völkerwanderung im Grunde als das Zurückschwappen einer Welle von Menschen betrachtet werden kann, die über Jahrhunderte hinweg in die andere Richtung sich bewegt hatte. Huntington schreibt:

Between 1821 and 1924, approximately 55 million Europeans migrated overseas, 34 million of them to the United States. Westerners conquered and at times obliterated other peoples, explored and settled less densely populated lands. The export of people was perhaps the single most important dimension of the rise of the West between the sixteenth and twentieth centuries.

Ich übersetze mal: "Zwischen 1821 und 1924 sind ungefähr 55 Millionen Europäer nach Übersee ausgewandert, davon 34 Millionen in die Vereinigten Staaten. Westler eroberten andere Völker und rotteten diese manchmal aus, sie erkundeten und besiedelten weniger dicht bevölkterte Länder. Der Export von Menschen war vielleicht die wichtigste einzelne Dimension des Aufstiegs des Westens zwischen dem sechzehnten und dem zwanzigsten Jahrhundert."

Klar, Kolonialismus funktionierte nicht so, dass da ein paar versprengte Europäer nach Amerika, Afrika und Asien gefahren sind und dort andere Völker unterjocht haben. Millionen von Europäern sind dorthin ausgewandert, haben sich niedergelassen und ganz selbstverständlich an ihrer Kultur festgehalten, die sie für weit überlegen hielten.

Und wir regen uns jetzt über muslimische Einwanderer auf, die das Gleiche tun? Hmm…

Was die USA angeht, da war doch was. Und nicht zu vergessen der Sklavenhandel, vgl. The Trans-Atlantic Slave Trade Database.

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