Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Die Wirklichkeit ist Allmende

2021-02-15

Dieser Andreas Weber schreibt so schöne Sachen, dass es mir jedes Mal aufs Neue das Herz erwärmt. Heute bin ich von Miki Kashtan kommend wieder bei ihm gelandet. Miki beschreibt in ihrem Text das Fließen des Lebens, und Andreas Weber tut das noch viel ausführlicher & poetischer. In seinem Buch Sein und Teilen lautet eine der Zwischenüberschriften des ersten Kapitels Die Wirklichkeit ist Allmende.
Er schreibt dazu

Der Begriff, der diese Perspektive beschreibt, ist die Allmende oder, im heute populären englischen Plural, die Commons. Allmende ist ein Geflecht von Beziehungen, durch die sich Lebendigkeit entfaltet. Allmenden kennzeichnen alle Bereiche des Lebendigen. Ökosysteme sind Allmenden – aber auch ein Großteil der Regeln, denen menschliche Gesellschaften folgen, indem sie allen nützen und alle sie erhalten. Materie und Sinn sind in der Allmende nicht getrennt. Lebendige Teilnehmer bringen einander durch Beziehungen hervor und produzieren damit ihre Identität.

Das liebe ich an ihm, dass er die Allmende, das Gemeinschaffen nicht auf eine bestimmte soziale Organisationsform der Menschen reduziert, sondern sie im großen Geflecht des Lebens erkennt.

In der Allmende ist ein Einzelner so mit dem Ganzen verbunden, dass er sich als dessen Steigerung erfährt. Anders als unser gängiges Weltbild, in dem der einzelne der Welt getrennt gegenübersteht (oder sich die Welt gänzlich einbildet), lässt die Lebensanschauung der Allmende das Äußere (Beziehungen, Materie) und das Innerliche (Empfindungen, Sinn) in einen Tanz treten. Als Allmende zu existieren öffnet den Raum, in dem Qualitäten willkommen sind, die aus uns selbst kommen: Betroffenheit, Bedeutung, Lust, Gefühl.

Diese Philosophie klingt so gänzlich anders als die eines René Descartes mit seinem "cogito ergo sum" ("ich denke, also bin ich"). Weber schreibt weiter:

Die Wirklichkeit ist ein Stoffwechsel von Beziehungen in Gegenseitigkeit. An ihnen nehme ich nicht nur teil, sondern sie machen mich aus. Das gilt für den Körper, aber auch für Gefühle. Diese Gegenseitigkeit erst führt zur Erfahrung von Sinn. Ich habe nicht an Stoffkreisläufen teil, ich bin Stoff dieser Welt. Ich verbinde mich nicht mit anderen, sondern entstehe als Verbindung.

Bei der Vipassana-Meditation habe ich das ganz tief erlebt, dieses Erleben hält auch noch an. Deshalb denke und fühle ich bei dem, was Andreas Weber schreibt, immer wieder laut und deutlich "Ja! Genau!". <3

Unter der Überschrift Leben als Welt stiften schreibt Weber am Ende des ersten Kapitels:

Was wir sind, entsteht durch das, was wir nicht sind: durch Eindrücke und Berührung, durch einen Austausch mit dem, was Stein ist und Wasser, was Molekül ist und Lichtquant, all dem, was sich in die Energie des Körpers verwandelt. Wir sind Mitglieder einer Allmende der Wahrnehmung, aus der unsere Erfahrung, die eigene Identität und die der Welt erst hervorgehen. Unsere Existenz in einer von Leben erfüllten Ökosphäre ist immer schon Gemeingut, bevor sie Individualität wird. Jedes Individuum ist der Welt zu eigen und zugleich ihr Besitzer, verschwistert mit dem rauen Stein, gefleckt von den Wellen, vom Wind zerzaust, vom Strahlen geschmeichelt.

Wir sind Figuren in einem Ballett aus gegenseitiger Abhängigkeit und gemeinsamer Kreativität. Die Welt gehört uns und zugleich sind wir ihr anheimgegeben. Erst durch diese Gegenseitigkeit ist Erfahrung möglich. Sie stellt die Voraussetzung für die Existenz als lebendes Wesen in einem verflochtenen Ganzen dar. Sich zum Teil dieser Wirklichkeit zu machen, heißt Allmende zu fördern, produktiv an ihr mitzuarbeiten, so zu handeln, dass Lebendigkeit steigt. Wirklich werden heißt, Allmende zu werden. Auf diese Weise können wir uns selbst als Welt betätigen. Sich selbst als Welt zu erleben ist der Kern unserer Erfahrung von Glück. Diese Erfahrung zeigt schließlich ein Letztes: Nämlich dass diese Welt, die wir ja selbst sind, immer auch Innerstes ist, nämlich Unseres, von einer Haut umschlossen, die berührt wird, empfindsamer Eindruck einer anderen, die berührt.

Weil ich so nachhaltig begeistert von diesem Buch bin, verschenke ich es auch.

Bitte fallt nicht auf Blockchain und Kryptowährungs-Quatsch hinein

2021-02-9

Hmpf. Da hatte ich gedacht, das Thema hier im Blog abgeschlossen zu haben, aber leider erweisen sich immer mehr Leute, die davon abgesehen eigentlich gute Ideen haben & gute Initiativen vorantreiben, in diesem Zuge auch als Blockchain- und Kryptowährungs-Fans.
Deshalb versammele ich an dieser Stelle, warum ich das für eine ausgesprochen schlechte Idee halte.

Aufschlussreich ist zu Beginn wahrscheinlich, dass die Idee von Kryptowährungen auf Basis einer Blockchain aus der anarchokapitalistischen bzw. libertären Szene kommt. Diese Leute habe ich aus gutem Grund schon vor Jahren hier im Blog als die Verblendetsten von allen bezeichnet – und das, wo ich mich selbst ja als (inneren) Anarchisten verstehe. Der Teufel steckt mal wieder im Detail.
Bei Norbert Häring erfährst du Hintergründe zum libertären Traum vom Kryptogeld, auch Michael Seemann schreibt darüber in Blockchain für Dummies.

Vertrauen vs. Blockchain

Mein zentrales Argument gegen Blockchain-basierte Kryptowährungen (es mag durchaus vereinzelt sinnvolle Anwendungen für Blockchains geben, allerdings nicht in diesem gehypten Ausmaß) ist nach wie vor, was ich am 25.09.2018 darüber schrieb:

Die Blockchain-Technologie wurde entwickelt, um Vertrauen zwischen Menschen überflüssig zu machen.

Konkret soll die Blockchain Banken u.ä. Finanzinstitutionen ersetzen, die Geldtransaktionen zwischen Menschen vermitteln. Nur tun diese das eben, indem sie Beziehungen zu Kreditnehmern und -gebern aufbauen. Und im Zuge dessen entsteht Vertrauen, das ja nebenbei das Grundthema dieses Blogs & meines Lebens ist.

Die Illusion technischer Kontrolle

Genau das soll in den feuchten Träumen der Anarchokapitalistinnen mit Hilfe der Blockchain rein technisch, ohne jegliches Vertrauen der Menschen ineinander, funktionieren. Und damit kommen wir zu meiner Charakterisierung der Blockchain als anerisischer Illusion. Oder um es in nicht-diskordischen Begriffen auszudrücken, der Blockchain als der Illusion totaler technischer Kontrolle. Warum ich das aus Erfahrung für eine Illusion halte, erklärt z.B. der Beitrag Global Clusterfuck.

Die Blockchain halte ich deshalb wie viele andere Technologien für Teil des Versuchs, uns Menschen immer mehr zu (berechenbaren!) Maschinen zu machen. Siehe dazu u.a. auch meinen Beitrag zur Aufmerksamkeitsökonomie.

Wollen wir uns auf Zahlen reduzieren lassen?

Kürzlich habe ich ein richtig tolles Gespräch zwischen Richard David Precht und Harald Lesch über das Thema Herrschaft der Zahlen – Ist alles vermessbar? entdeckt, das noch bis Anfang Dezember in der Mediathek verfügbar ist. Das bringt gut mein Unbehagen über den Wahn, alles mess- und berechenbar machen zu wollen, auf den Punkt. Und die Blockchain treibt genau diese Agenda massiv voran. Sie fügt sich damit nahtlos ins Programm des Great Reset des Weltwirtschaftsforums. Ergänzend empfehle ich dazu das 3. Kapitel von Charles Eisensteins Buch "Ökonomie der Verbundenheit", Geld und Geist.

Obwohl Libra nicht auf einer Blockchain basiert, gilt diese Kritik auch gerade dort.

Blockchains als mögliches Überwachungsinstrument

Im Zusammenhang mit dem Social Credit System in China ist mir klar geworden, dass Blockchains – entgegen der ursprünglichen libertären Absicht – sich insbesondere hervorragend als Infrastruktur zur totalen und totalitären Überwachung der Bevölkerung eignen. Deshalb habe ich in einem Beitrag die Blockchain als verteilten Big Brother bezeichnet.

Dazu gehört auch, dass die Blockchain de facto ihr Versprechen von Anonymität nicht halten kann, sondern eher noch ein Alptraum an Überwachbarkeit ist, denn es werden ja alle Transaktionen von allen für immer in der Blockchain gespeichert.

Wenn die Blockchain nichts taugt, was dann?

Nun habe ich hoffentlich genug deine Begeisterung für Blockchain- und Kryptowährungs-Technologien zerstört. Was empfehle ich stattdessen? Es gibt ja das ursprüngliche Versprechen, uns aus den Klauen von Banken und Finanzsystem zu befreien, ein Ziel, das mir durchaus sympathisch ist. Da ich nun aber den Standpunkt vertrete, dass sich soziale Probleme nicht durch Technik lösen lassen, fällt die Blockchain als Lösung dafür aus.

Die Mühen der Ebene: Gemeinschaffen

Übrig bleibt, uns als Menschen auf eine andere Art als im Kapitalismus sozial zu organisieren. Und da dürfte aufmerksamen Leserinnen meines Blogs nicht entgangen sein, dass Gemeinschaffen bzw. Commoning meine bevorzugte Lösung ist. Ja, das ist mühsam und lässt sich nicht so einfach auf 8 Milliarden Menschen skalieren. Doch wir sind als Menschen einfach viel reichhaltigere Wesen als das, was Informatikerinnen mit ihrer notwendigerweise beschränkten Denkweise erfassen können. Und das heisst auch, es bleibt spannend und herausfordernd.

Packen wir es an! Von Mensch zu Mensch, ganz ohne Blockchain.

Nachtrag vom 11.02.: Ein Argument von David Graeber hatte ich noch ganz vergessen. Der zeigt in seinem Buch Schulden. Die ersten 5000 Jahre, dass das Vorherrschen von Münzgeld gegenüber einer Kreditwirtschaft ein Anzeichen dafür war, dass Krieg herrschte. Denn Münzen lassen sich im Zweifelsfall auf ihren Metallgehalt prüfen und bilden dadurch einen Wertmaßstab, der unabhängig vom Vertrauen der Menschen untereinander gilt. Kryptowährungen funktionieren genauso.
Graeber schreibt:

In der Geschichte Eurasiens können wir in den vergangenen 5000 Jahren beobachten, dass Phasen, die vom Kreditgeld beherrscht wurden, sich mit solchen abwechselten, in denen Gold und Silber dominierten – dann wieder wurde ein Großteil der wirtschaftlichen Transaktionen mithilfe von Edelmetallstücken abgewickelt, die von Hand zu Hand wanderten.

Was war die Ursache? Der bedeutendste Faktor war allem Anschein nach der Krieg. Edelmetallmünzen sind vorherrschend in Phasen, die von verbreiteter Gewalt geprägt sind. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Gold- und Silbermünzen unterscheiden sich durch ein herausragendes Merkmal von Kreditvereinbarungen: Sie können geraubt werden.

Das können Krypto-Guthaben auch, wie diverse Hacks von Kryptobörsen zur Genüge gezeigt haben. Graeber weiter:

Eine Schuld ist definitionsgemäß eine schriftliche Aufzeichnung wie auch eine Vertrauensbeziehung. Wer dagegen Gold und Silber im Austausch für ein Handelsgut akzeptiert, vertraut allein auf die Genauigkeit der Waage und die Qualität des Metalls. Er setzt auf die Wahrscheinlichkeit, ein anderer werde ebenfalls bereit sein, diese Metalle zu akzeptieren. In einer Welt, die von Krieg und der Bedrohung durch Gewalt beherrscht wird – und dies galt aller Voraussicht nach gleichermaßen für China zur Zeit der Streitenden Reiche, für Griechenland in der Eisenzeit und für Indien vor dem Maurya-Reich –, ist es offenkundig von Vorteil, wenn man Geschäfte möglichst einfach gestaltet. Dies war besonders wichtig, wenn man es mit Soldaten zu tun hatte. Denn Soldaten haben häufig Zugriff auf Beutegut, das zum großen Teil aus Gold und Silber besteht, und sie werden stets nach Mitteln und Wegen suchen, andere Dinge dafür einzutauschen, die das Leben angenehmer machen. Ein schwerbewaffneter umherziehender Soldat verkörpert aber geradezu ein unwägbares Kreditrisiko. Das Tauschmodell der Ökonomen mag absurd erscheinen, bezieht man es auf Transaktionen zwischen Nachbarn in einer kleinen agrarischen Gemeinschaft, wird aber plötzlich höchst sinnvoll bei Geschäften zwischen dem Bewohner einer solchen Gemeinschaft und einem vorüberziehenden Söldner.

Für lange Zeit in der Geschichte der Menschheit erfüllte ein Gold- oder Silberbarren, der mit einem Prägestempel versehen war oder auch nicht, dieselbe Rolle wie der mit unregistrierten Geldscheinen gefüllte Koffer eines modernen Drogenhändlers: ein Objekt ohne Vorleben und wertvoll, weil man wusste, es würde auch an anderen Orten im Tausch für andere Güter akzeptiert und niemand würde Fragen stellen.

Das gilt fast genauso für eine Krypto-Wallet – mit dem Unterschied, dass diese sehr wohl ein Vorleben hat. Graeber abschließend:

Während Kreditsysteme in Zeiten relativen sozialen Friedens vorherrschend sind oder auch in sozialen Netzen, die aus Vertrauensbeziehungen bestehen (unabhängig davon, ob diese vom Staat geschaffen wurden, oder, wie meist, durch internationale Einrichtungen wie Kaufmannsgilden oder Glaubensgemeinschaften), werden sie in Phasen, die durch langwierige kriegerische Auseinandersetzungen und Plünderungen gekennzeichnet sind, durch Edelmetalle abgelöst.

Zynikerinnen könnten zwar sagen, damit sind Kryptowährungen doch ideal für diese Zeit der failed States und des auseinanderbrechenden Imperiums. Ich setze lieber darauf, das Vertrauen in den kleineren & größeren menschlichen Gemeinschaften zu stärken, als mich aus Misstrauen gegen zusammenbrechende soziale Strukturen abzusichern, indem ich Kryptowährungen kaufe – und damit das Misstrauen noch verschärfe.

Nachtrag vom 13.02.: Da Renée Menéndez heute einen ausführlichen Kommentar geschrieben hat, verlinke ich im Gegenzug noch seinen Artikel über Bitcoin, in dem er darlegt, dass Bitcoin eben gerade keine Währung, sondern allerhöchstens eine digitale Sache ist. Wobei er unten in seinem Kommentar betont, dass ihm noch niemand zufriedenstellend erklären konnte, was ein Bitcoin denn nun tatsächlich ist.

Nachtrag vom 15.02.: Ich sollte wohl noch mal auf die grundlegende Tatsache hinweisen, dass einer Software zu vertrauen letztlich immer bedeutet, bestimmten Menschen zu vertrauen.

Nachtrag vom 16.02.: Folge 2 des Podcasts machtmenschmaschine geht zwar erst ab 52:18 (von insgesamt 59:45) überhaupt konkret auf Blockchain-Technologie ein. Die ganze Sendung ist aber philosophisch sehr hörenswert. Und der Podcast-Gast Prof. Dr. Andreas Kaminski kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass die Blockchain das Versprechen, Vertrauen zwischen Menschen überflüssig zu machen, nicht halten kann.

Im übrigen wird es dringend Zeit, dass ich mir endlich mal das Standardwerk von Niklas Luhmann über Vertrauen zu Gemüte führe.

Weiterer Nachtrag vom 16.02.: Das Weltwirtschaftsforum fährt voll auf Kryptowährungen ab – dann kann es ja nur gut sein!!1!

Nachtrag vom 20.02.: Lars Jaeger erläutert in seinem Blog, warum Bitcoin de facto gar keines seiner Versprechen einhalten kann – High-Tech-Spekulation auf Kosten von Umwelt und Rechtsstaatlichkeit – Die schmutzige Gier nach Bitcoins.

Nachtrag vom 14.03.: Fefe hat mal wieder einen epischen Blockchain-Rant. Kostprobe:

Was man bei diesen ganzen Versionswechseln bei Cryptocurrencies im Auge behalten darf: Die haben euch die ganze Zeit ins Gesicht gelogen, dass ihre Infrastruktur sicher sei, dass ihre Kryptografie so sicher ist, dass es keine Fehler und Angriffe mehr gibt und man das jetzt für ewig fortschreiben kann. Deshalb ist es so sicher, dass ihr da bedenkenlos euer Geld reinpumpen könnt.

Aber gleichzeitig haben sie ihre Lügen selbst so wenig geglaubt, dass sie bei Ethereum Landminen eingebaut haben in den Algorithmus, der nach einer Weile einfach komplett zum Stillstand kommt. Die haben also von vorneherein das Gegenteil gemacht als sie euch ins Gesicht gelogen haben. Nix ist da stabil. Das war nicht mal als stabil geplant!

Nachtrag vom 05.04.: Fefe zerstört in seinem neuesten Blockchain-Rant auch noch das Konzept von "Proof of Stake". Damit bestätigt er meine Einschätzung davon:

Was heißt das konkret? Das ist eine Oligarchie. Und zwar eine selbstverstärkende Oligarchie, denn du kannst ja Gebühren pro Transaktionen kassieren, wenn du den Block auswählst, was dein Guthaben erhöht und damit deine Wahrscheinlichkeit beim nächsten Mal.

Oh und wer hat das meiste Guthaben? Na die, die von Anfang an dabei waren!

Kommt euch das bekannt vor? Von "Strukturvertrieben" und Schneeballsystemen zum Beispiel? Ja, das ist auch meine erste Reaktion, wenn ich das sehe. Das sieht aus wie ein riesiges Ponzi Scheme.

Nachtrag vom 15.04.: Da bleiben für mich keine Fragen mehr offen – Ehemaliger CIA-Vize: Bitcoin ist ein "Segen für die Überwachung".

Nachtrag vom 11.05.: Jetzt fabulieren sie schon vom "Internet Computer" auf Blockchain-Basis… Na ja, wer's braucht. ;-)

Wikipedia ist keine seriöse Quelle mehr

2021-02-4

Zu diesem Schluss kam die Viadrina schon am 14. Januar. Weshalb ich das jetzt hier im Blog ausbreite, liegt am Interview mit dem Biologen Clemens G. Arvay in den NachDenkSeiten.

Er beschreibt darin, wie vor allem die so genannte "Skeptiker-Szene" in der Wikipedia ihm seinen Biologen-Status versucht abzuerkennen, seit er sich kritisch über die Corona-Impfungen äußert. Unter anderem spielt der Physiker Holm Hümmler eine Rolle dabei, der am 15. September 2020 einen sehr tendenziösen Artikel über Arvay in seinem Blog veröffentlicht hat.

Nachdem ich das NachDenkSeiten-Interview gelesen und noch ein weiteres zum gleichen Thema bei der Deutschen Welle gefunden hatte, habe ich um 21:31 einen Abschnitt "Kritik" in den Wikipedia-Artikel über Holm Hümmler eingefügt.

Dieser hat sich nicht lange gehalten: Bereits um 21:53 hat die Benutzerin Siesta meine Änderung rückgängig gemacht mit dem Kommentar "von „angestoßen“ steht nichts in der Quelle, die Formulierungen entsprechen auch nicht dem NPOV, daher zurück gesetzt."
Der Gag ist, jetzt um 22:15 steht auf der Benutzerseite Siesta folgendes:

Diese Benutzerin ist auf eigenen Wunsch hin nicht mehr in der Wikipedia tätig.

Hmm, um 21:53 war sie das noch…

Die von Arvay als besonders umtriebig hervorgehobene Fiona B. hängt offenbar mit Siesta zusammen, wie aus deren Diskussionsseite hervorgeht.

So was ist kein ernst zu nehmendes Lexikon, sondern ein Propaganda-Organ. Die große Frage, wessen Propaganda-Organ, bleibt wegen der anonymen Natur von Wikipedia allerdings offen. Immerhin hat letztes Jahr das OLG Hamburg dieser Anonymität Grenzen gesetzt. Und ein besonders umtriebiger Wikipedia-Troll namens "Feliks" ist vor ebendiesem Gericht mit einer Klage gegen ein kritisches YouTube-Video über ihn komplett gescheitert. Der gleiche Feliks wurde im Januar vom Landgericht Koblenz zur Zahlung von 8.000 € Schmerzensgeld wegen Wikipedia-Rufmords verurteilt.

Zurück zu meiner versuchten Kritik im Wikipedia-Artikel über Holm Hümmler. Die Begründung, meine Ergänzung entspreche nicht dem NPOV (Neutralen Standpunkt), ist angesichts der diffamierenden Abschnitte über Clemens Arvay ein Hohn.

Clemens Arvay lässt sich jedenfalls nicht kleinkriegen:

Nachtrag:
1655: L’état c’est moi
2021: NPOV, that's me!

Weiterer Nachtrag: Da wollen jetzt Leute Wikipedia im Regenbogen duschen, also queerfeministisch aufmischen. Da wünsche ich viel Spaß beim Zähne ausbeißen!

Nachtrag vom 24.02.: Bisher dachte ich, das sei bei der deutschsprachigen Wikipedia viel ausgeprägter als bei der englischsprachigen, dieser zweiteilige Artikel von Richard Gale und Gary Null hat mir gezeigt, dass es dort genauso schlimm ist:

  1. Wikipedia: Our New Technological McCarthyism, Part 1
  2. Wikipedia: Our New Technological McCarthyism, Part Two

Darin werden folgende neutralere Wikipedia-Alternativen genannt:

Die gibt es alle nur auf Englisch. Kennt jemand etwas Vergleichbares auf Deutsch?

Shadowrun 2021: Die System Identification Number ist beschlossen

2021-01-29

Schon vor 6 Jahren habe ich hier über Shadowrun als Masterplan für das 21. Jahrhundert geschrieben. Heute hat der Bundestag ein weiteres Puzzleteil dieses Masterplans beschlossen: Die System Identification Number (SIN).

Dass die Steuer-ID sich in diese Richtung entwickeln würde, habe ich schon 2008 prophezeit.

Nachtrag vom 03.02.: Netzpolitik hat ausführliche Hintergründe zu diesem "Registermodernisierungsgesetz". Die argumentieren doch tatsächlich mit Datenschutz, warum das eine gute Sache sei:

Daneben werden noch weitere vorgeblich datenschützerische Argumente ins Feld geführt. Die „redundante Datenhaltung“ – die Bundesregierung geht von insgesamt bis zu 220 zentralen und dezentralen Datenregistern in der Bundesrepublik aus – führe neben Fehlern in der Datenhaltung auch dazu, dass Daten neu erhoben werden müssten, die bereits bei anderen Behörden vorhanden seien. Dies widerspreche dem Gebot der Datenminimierung.

Orwell rotiert in seinem Grab.

Nachtrag vom 08.02.: Es geht weiter mit der Shadowrun-Timeline. Nevada will lokale Regierungsmacht an Tech-Firmen abtreten – samt Gericht.

Nachtrag vom 05.03.: Jetzt kann nur noch der Bundespräsident die SIN stoppen.

Nachtrag vom 06.03.: Ich sollte doch die Big Brother Awards besser verfolgen – letztes Jahr hat die Innenministerkonferenz der Bundesrepublik Deutschland den Award genau für dieses Registermodernisierungsgesetz bekommen. padeluuns Laudatio hat es in sich.

Nachtrag vom 08.04.: Gesetz verkündet: Bürgeridentifikationsnummer kommt. Dann kann Digitalcourage ja jetzt die Verfassungsbeschwerde starten.

Besorgter Bürger 2021

2021-01-25

Durch dieses sehenswerte Interview mit Noam Chomsky wurde ich auf eine Studie der RAND Corporation aufmerksam, die belegt, dass zwischen 1975 und 2018 in den USA nahezu 50 Billionen Dollar (!!) von den unteren 90% Einkommen zu den obersten 1% Einkommen umverteilt wurden.

Corona hat diesen Trend noch verstärkt, wie ein aktueller Bericht von Oxfam belegt. Die Tagesschau fasst zusammen:

Erstmals seit über einem Jahrhundert droht die Kluft zwischen Arm und Reich in fast allen Ländern der Welt gleichzeitig anzusteigen und das ist eine Folge der Corona-Pandemie.

Zur Situation in Deutschland gibt der Sprecher von Oxfam Deutschland folgendes Beispiel:

Für das Jahresgehalt eines DAX-Vorstandes - das sind durchschnittlich etwa 5,6 Millionen - müsste eine Pflegekraft in Deutschland über 156 Jahre arbeiten.

Und das sind nur die Einkommen. Bekanntlich sagt die Vermögensungleichheit wesentlich mehr über die Kluft zwischen Arm & Reich aus als die Einkommen, denn wer von Vermögenserträgen leben kann, befindet sich in einer völlig anderen Situation und Klasse als jemand mit einem noch so hohen Arbeitseinkommen ohne entsprechendes Vermögen.

Oxfam zeigt das auch im aktuellen Bericht:

Während alle über Krise reden, haben die Milliardäre dieser Welt wirtschaftliche Verluste bereits wieder wettgemacht. Die 10 reichsten von ihnen haben sogar trotz der Krise profitiert und satte Gewinne eingestrichen: Insgesamt sagenhafte 1,12 Billionen US-Dollar beträgt ihr Vermögen jetzt. Ein Anstieg um fast eine halbe Billion seit 2019.

Anstatt jetzt noch bergeweise Quellen zur aktuellen Situation zusammenzutragen, versammle ich statt dessen alle bisherigen "Besorgter Bürger"-Beiträge der letzten Jahre für einen Rückblick:

  1. Besorgte Bürger (2015)
  2. Im Jahr 2017 bin ich erst recht besorgter Bürger
  3. Besorgter Bürger die Dritte
  4. Besorgter Bürger 2019
  5. Besorgter Bürger 2020
  6. Besorgter Bürger 2021

Doch noch ein Nachtrag: Die RAND-Studie unterscheidet die Einkommensentwicklung zwischen den Jahren 1947-1974 und seit 1975 (Zitat aus dem TIME-Artikel):

As Price and Edwards explain, from 1947 through 1974, real incomes grew close to the rate of per capita economic growth across all income levels. That means that for three decades, those at the bottom and middle of the distribution saw their incomes grow at about the same rate as those at the top. This was the era in which America built the world’s largest and most prosperous middle class, an era in which inequality between income groups steadily shrank (even as shocking inequalities between the sexes and races largely remained). But around 1975, this extraordinary era of broadly shared prosperity came to an end. Since then, the wealthiest Americans, particularly those in the top 1 percent and 0.1 percent, have managed to capture an ever-larger share of our nation’s economic growth—in fact, almost all of it—their real incomes skyrocketing as the vast majority of Americans saw little if any gains.

Dafür gibt es mindestens zwei unterschiedliche Erklärungsansätze. Der eine ist (wirtschafts-) politischer Natur und verweist auf den Neoliberalismus, der von Präsident Reagan forciert wurde. Das konnte dieser allerdings erst seit Beginn seiner Amtszeit 1981 tun, es bleibt also eine Erklärungslücke von 6 Jahren. Reagans Vorgänger Jimmy Carter betrieb keine neoliberale Politik. Allerdings hat vermutlich die Ölkrise 1973 die Ärmeren stärker getroffen als die Reichen.

Eine alternative Erklärung ist schlichte Mathematik: Arbeitseinkommen wachsen mit der Realwirtschaft lediglich linear, während Vermögen (und Schulden) durch den Zinseszinseffekt exponentiell zunehmen. Nun zeichnet sich exponentielles Wachstum (die grüne Kurve unten) dadurch aus, dass es in der Anfangsphase langsamer als lineares Wachstum (die rote Kurve unten) verläuft. Erst an einem bestimmten Punkt beginnt das exponentielle Wachstum stärker zu wachsen als lineares Wachstum, und von da an geht's dann ab gen Himmel.
Kurven mit exponentiellem, linearem und kubischem Wachstum
(Quelle: Wikipedia)

Was den Zinseszins angeht, verweise ich noch mal auf meinen Beitrag Der Zins ist nicht das Problem, sondern seine Garantie.

Uff, und diesen Abschnitt aus dem TIME-Artikel zitiere ich auch noch:

This is the America that stumbled into the COVID-19 pandemic and the economic catastrophe it unleashed: An America with an economy $2 trillion smaller and a workforce $2.5 trillion a year poorer than they otherwise would be had inequality held constant since 1975. This is an America in which 47 percent of renters are cost burdened, in which 40 percent of households can’t cover a $400 emergency expense, in which half of Americans over age 55 have no retirement savings at all. This is an America in which 28 million have no health insurance, and in which 44 million underinsured Americans can’t afford the deductibles or copays to use the insurance they have.

Nachtrag vom 03.02.: DIW-Studie: Erbschaftswelle verschärft Ungleichheit

Vor allem Vermögende erhalten nicht nur am häufigsten Erbschaften und größere Schenkungen, sondern erben auch absolut betrachtet das meiste Geld. Fast die Hälfte geht an die obersten zehn Prozent der Begünstigten, wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ergeben hat.

Die anderen 90 Prozent teilen sich demnach die verbleibende Hälfte.

Was bei der Tagesschau fehlt, ist der Link zur Studie selbst.

Und noch ein weiterer Nachtrag vom 03.02. ist das Interview mit Chuck Collins, der im Alter von 26 Jahren sein Erbe in Höhe einer halben Million Dollar gespendet hat. Inzwischen leitet er das Inequality-Programm am Institute for Policy Studies in Washington, DC. Dieses betreibt auch die Website Inequality.org.

Nachtrag vom 17.02.: Oxfam-Bericht: Auch in Deutschland profitieren die Reichsten von der Pandemie.

Auch hier hat sich die Zahl der Milliardäre trotz Corona-Pandemie erhöht – von 114 im Februar 2019 auf 116 Ende 2020. Sie verfügen zusammen über ein Vermögen von fast 607 Milliarden Dollar. Die zehn reichsten Deutschen konnten ihr Vermögen im Verlauf der Pandemie um rund 35 Prozent steigern. Ihr Gesamtvermögen beläuft sich auf 242 Milliarden US-Dollar, 62,7 Milliarden mehr als im Februar 2019.

Und auf den unteren Stufen der Vermögens- und Einkommensleiter:

In Bezug auf Deutschland verweist Oxfam auf den WSI-Verteilungsbericht, laut dem 40 Prozent der Beschäftigten Einkommensverluste hinnehmen mussten. Menschen mit vorher schon niedrigen Einkommen und unsicheren Arbeitsplätzen waren und sind besonders stark betroffen.

Nachtrag vom 22.04.: Auch Mein Grundeinkommen nimmt sich des Themas an – Das gespaltene Land. Kostprobe:

Und die 45 reichsten Familien besitzen so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung.

Darauf bezieht sich auch Christoph Butterwegge im Interview der Bewegungsstiftung, der einen treffenden Vergleich zieht:

Die reichsten 45 Familien in Deutschland besitzen mehr als die ärmere Hälfte der Bevölkerung. Großunternehmer, die man in Russland als Oligarchen bezeichnen würde, nehmen natürlich auch bei uns politisch Einfluss, nur dass dies gern geleugnet wird. So hat die Stiftung Familienunternehmen etwa massiv auf die letzte Reform der Erbschaftsteuer eingewirkt, die nötig war, weil das Bundesverfassungsgericht eine "Überprivilegierung" der Firmenerben gerügt hatte. Die neue Regelung ist noch großzügiger als die alte.

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