Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Ein Jahr Corona. Was hat es uns gebracht?

2021-03-14

Im Grunde reicht es, wenn du dir zur Beantwortung der Frage nur dieses kurze Video von Michael Hatzius anschaust:

Die Zecken gehen darin auf den inzwischen zur Legende gewordenen "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!"-Tweet des Bundesgesundheitsministeriums ein. Mein Beitrag erscheint genau am ersten Jahrestag dieses Tweets.

Also, was hat es uns gebracht?

Bereits einen Tag vor besagtem Tweet habe ich hier im Blog die Frage gestellt, ob Corona der neue 11. September ist. Damals schrieb ich, um diese Frage zu konkretisieren

den 11. September 2001 haben bekanntlich Staatsapparate in aller Welt zum Anlass genommen, elementare Bürgerrechte massiv und dauerhaft einzuschränken. Droht uns nun ähnliches durch die Corona-Pandemie?

Die Frage ist rückblickend eindeutig mit Ja zu beantworten. Und es gibt sogar Kontinuitäten von damals, denn Otto Schily hat damals nach dem 11. September 2001 ein Paket von "Sicherheitsgesetzen" geschnürt, die nach zwei Verlängerungen bis Dezember 2020 befristet waren. Dann, mitten im zweiten Lockdown, hat der Bundestag ebenjene Gesetze entfristet.
Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.

Was genau ist überhaupt "es"?
"Es" ist eine Krankheit mit einer Infektionssterblichkeit von 0,27%, wie der Stanford-Professor für Epidemiologie und Bevölkerungsgesundheit John P. A. Ioannidis in einer bei der Weltgesundheitsorganisation veröffentlichten Metastudie feststellt. Derselbe Ioannidis kommt in einer anderen Studie zu dem Schluss, dass die weltweiten Lockdowns keinen epidemiologischen Nutzen, dafür vielfältige andere Schäden bringen.

Einer dieser Schäden ist die bevorstehende Insolvenzwelle. Diese wird in Deutschland nur dadurch aufgehalten, dass die Insolvenzantragspflicht schon wieder ausgesetzt ist, vorläufig bis Ende April, vermutlich verlängern sie das aber bis zur Bundestagswahl.

Noch im März letzten Jahres schrieb ich auch, dass Corona (bzw. die Lockdowns als autoritäre Reaktion der Staaten darauf) die Einhegung der Allmende auf Steroiden bedeuten:

Die Corona-Krise beschleunigt diesen Prozess gerade massiv durch das von allen Seiten propagierte Social Distancing. Alle hocken nur noch vereinzelt in ihren Privatwohnungen, der öffentliche Raum ist faktisch nicht mehr existent. Im Internet stecken ja auch alle nur noch in ihren persönlichen Filterblasen.

Das Lied "Every Home A Prison" von Coldcut und Jello Biafra ist jedenfalls gerade erschreckend aktuell.

"Die Wissenschaft" wird immer mehr vor den Karren ebenjener autoritären Politik gespannt, was mit dem eigentlichen Anliegen von Wissenschaft nichts mehr zu tun hat. Ein ehemals renommierter Wissenschaftler wie Prof. Dr. med Sucharit Bhakdi wird als "Verschwörungstheoretiker" diskreditiert.

Was mir von allem am meisten Sorgen bereitet & mich auch traurig stimmt, ist die extrem krasse Spaltung der Gesellschaft durch Corona. Es gibt z.B. kaum noch ernsthafte Linke. Für mich stellt sich die Corona-Krise inzwischen als eine Vertrauenskrise dar.

Aus prozessorientierter Sicht macht es auf mich den Eindruck, dass die Konsensrealität gerade dabei ist, auseinander zu brechen, so massiv nehme ich die gesellschaftlichen Gräben wahr. Wie ich im verlinkten Beitrag schrieb:

Diese Gräben verlaufen zwischen Gruppen von Menschen, die die Welt unterschiedlich wahrnehmen.

Ob wir da wohl einigermaßen heil wieder rauskommen?

Ach ja, die Bundesregierung hat ausgerechnet IBM beauftragt, einen digitalen Impfpass für Deutschland zu entwickeln (für den es in Deutschland gar keine gesetzliche Grundlage gibt). In diesem Punkt ist uns Österreich schon voraus.

Nachtrag: Da verlinke ich doch tatsächlich mal gerne Wikipedia – Liste der infolge der COVID-19-Pandemie erlassenen deutschen Gesetze und Verordnungen. Der Artikel ist laaang.

Wenn Diskursgrenzen Herrschaftsverhältnisse unsichtbar machen und warum Diversität trotzdem wichtig ist

2021-03-7

Diversität als Thema bei der Bewegungsstiftung

Dieses Wochenende war ich bei der Online-Strategiewerkstatt der Bewegungsstifung, die das Schwerpunktthema Diversität hatte. Das Thema liegt mir bekanntlich sehr am Herzen; ich verweise als zentrale Anlaufstelle hier im Blog auf den Beitrag Rang und Privilegien in einer Nussschale. Vor ein paar Monaten habe ich endlich den lange geplanten Rang- & Priviliegientag hier in der Gemeinschaft veranstaltet, um auch hier das Bewusstsein für die Thematik zu verstärken.

Dass das Thema erst jetzt (nach beinahe 20 Jahren Bestehen der Stiftung) so ins Zentrum gerückt ist, kann auf der einen Seite verwundern, denn wie ich in meinem finanziellen Coming out geschrieben hatte, warum mich die Bewegungsstiftung besonders angezogen hat:

Dort entscheiden nämlich nicht allein die StifterInnen, wer zu welchem Zweck wie viel Geld bekommen soll, sondern die AktivistInnen der geförderten Projekte entscheiden über die Geldvergabe der Stiftung mit (mehr darüber in der Broschüre Den Wandel gestalten). Damit betreibt die Bewegungsstiftung keine undursichtige Wohltätigkeit wie die meisten anderen Stiftungen. Exemplarisch ist dabei in Deutschland die Bertelsmann-Stiftung zu nennen. Auch Warren Buffets Sohn Peter haut in die gleiche Kerbe, wenn er vom Charitable-Industrial Complex spricht. Aus dem Umfeld der Bewegungsstiftung ist u.a. die Initiative Vermögender für eine Vermögensabgabe entstanden, für die ich hier im Blog Gerhard Schröder werben lasse.
Bei der Bewegungsstiftung gibst du als StifterIn also tatsächlich ein gutes Stück aus der Hand, was mit deinem Geld geschieht.

Das ist also an sich eine bessere Grundlage für Diversität als in den meisten anderen Stiftungen. Andererseits wies jemand richtigerweise darauf hin, dass das auch die Gefahr birgt, sich auf dem Erreichten auszuruhen.

Bei meiner Beschäftigung mit meinem Rang & meinen Privilegien konnte ich feststellen, dass da immer noch viel zu entdecken und sich bewusst zu machen ist. Einer von vielen Augenöffnern war dabei das Buch Der unsichtbare Tropenhelm. Wie koloniales Denken noch immer unsere Köpfe beherrscht von Friederike Habermann (Rezension in der Oya).

Wenn wir ein gutes Leben für alle wollen, müssen wir uns mit unseren (meist nicht bewussten) Privilegien auseinandersetzen. Check your privilege!

Die Stiftung versteht sich zwar (bisher?) nicht als ein Commons, dennoch musste ich dabei auch an die Muster des Commoning denken. Zum Thema hier passt wohl am besten Augenhöhe in & durch Organisationsstrukturen ermöglichen:

Menschen haben völlig verschiedene Voraussetzungen Commons aktiv mitzuorganisieren. Benachteiligungen sind sichtbar oder bleiben verborgen. Augenhöhe ist somit nicht nur eine Frage des achtsamen Umgangs. Wer sich dessen gewahr wird, gestaltet Strukturen und Abläufe hierarchiearm sowie diskriminierungssensibel. Zudem werden Räume geöffnet, die gute Artikulationsmöglichkeiten für Benachteiligte bieten.

Zugleich nehme ich in diesem ganzen Zusammenhang um die Diversität auch ungute Tendenzen wahr, um die es im nächsten Abschnitt geht.

Wolfgang Thierse und die Diskursgrenzen

Vorneweg: Als Anarchist habe ich innerhalb der Linken historisch schon immer eine Minderheitenposition inne; als innerer Anarchist erst recht.

Und es geht mir hier hier vor allem um eine linke Kritik des Ansatzes von Identitätspolitik. Die Strategiewerkstatt habe ich zum Anlass genommen, das Buch Trigger-Warnung. Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen anzufangen, das ich schon über ein Jahr im Regal rumstehen hatte. Aus dem Klappentext:

Der Sammelband „Trigger Warnung“ (Verbrecher Verlag 2019) beschäftigt sich mit den Fallstricken der Identitätspolitik und sucht nach Allianzen jenseits von Schuldzuweisungen und Opferkonkurrenz. Die Beiträge erteilen schlichten Beiß- und Abwehrreflexen eine Absage und richten den Blick dorthin, wo es zwickt und weh tut: wo Identitätspolitik sich in Symbolpolitik erschöpft. Wo die Betonung der Differenz vergessen lässt, dass man nicht mit allem identisch sein muss, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Bisher habe ich nur den einleitenden Aufsatz der Herausgeber:innen gelesen. Der liefert aber schon genügend Ansatzpunkte, z.B. diesen hier:

Wie aus manchen Schüler*innen von Karl Marx "Vulgärmarxist*innen" wurden, so erleben wir momentan die Verbreitung einer vulgären Identitätspolitik mit fundamentalistischen Zügen. Der Ruf nach Trigger-Warnungen und Safe Spaces bringt dabei eine Tendenz linker Identitätspolitik auf den Begriff, die wir für problematisch, mehr noch: für grundfalsch halten. Die Verallgemeinerung der medizinischen und klinischen Beschäftigung des Triggers aus der Traumaforschung in politisierter Absicht wird zunehmend – mal intendiert, mal zufällig – zum Mittel, um Gegenredner*innen oder unbequeme Positionen aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Hinzu kommt eine vereinfachte, manichäische Spaltung der Welt in Gut und Böse, in "globaler Süden" und "der Westen". Eine oberflächliche Lektüre etwa von Michel Foucault führt in diesem vulgären Poststrukturalismus zur Gleichsetzung von Macht und Bosheit. Folglich reicht allein die Schwäche der Gruppe, dass man ihr ultimatives Recht zusprechen muss.

Diese Problematik hatte ich vor gut 5 Jahren schon mal im Beitrag Mikroaggressionen und Rang untersucht, wo ich das ganze u.a. durch die integrale Brille betrachte. Mit dem Thema Trauma habe ich mich verschiedentlich, auch aus eigener Betroffenheit, befasst.

Außerdem sind wir damit jetzt auch bei Wolfgang Thierse, der mit seinem FAZ-Artikel "Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft?" kürzlich echt was losgetreten hat. Der Artikel befindet sich hinter einer Bezahlschranke, ich habe eine meiner Quellen angezapft, um ihn mir zukommen zu lassen. Er schreibt darin zu der Opferhaltung:

Die eigene Betroffenheit, das subjektive Erleben sollen und dürfen nicht das begründende Argument ersetzen. Biographische Prägungen, und seien sie noch so bitter, dürfen nicht als Vorwand dafür dienen, unsympathische, gegenteilige Ansichten zu diskreditieren und aus dem Diskurs auszuschließen. Opfer sind unbedingt zu hören, aber sie haben nicht per se recht und sollten auch nicht selbst Recht sprechen und den Diskurs entscheiden.

Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel schreiben weiter:

Was kann die Identitätspolitik der Mehrheit der Gesellschaft [oder, in der Sprache der Weltarbeit, dem Mainstream] anbieten? Was bleibt den "alten weißen heterosexuellen Männern" und anderen Mitgliedern "privilegierter Gruppen", als die eigene "privilegierte Position" zu bedauern und sich dafür schuldig zu fühlen? Dann befinden wir uns schon sehr nah an der alten christlichen Moral, indem das Handeln durch Schuldgefühle über eine Ursünde bestimmt werden soll.

Es ist daher kein Zufall, dass der Diskurs einen fast schon religiösen Charakter bekommen hat: Dissens wird auf moralische Kategorien von Gut und Böse verengt, was wiederum eine Dynamik entfaltet, die Kommunikation versperrt.

Meine Kritik an linker Identitätspolitik geht nun noch weiter. Ich halte diese sogar für reaktionär, weil sie von Eigentumsverhältnissen (die immer auch Herrschaftsverhältnisse sind) so sehr ablenkt, dass sie diese unsichtbar macht.

Die Herausgeber:innen von "Trigger Warnung" schreiben in ihrem Aufsatz

Nach den langen, mühsamen Kämpfen für die Integration der Perspektiven von Minderheiten in linke Theorie und politische Praxis erleben wir derzeit eine Art Backlash des marxistischen Hauptwiderspruchs.

Was ist der marxistische Hauptwiderspruch? Der zwischen Arbeiter- und Kapitalistenklasse. Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

Selbst wenn er nicht der Hauptwiderspruch ist, so ist er doch zumindest ein sehr wichtiger. Und genau das wird durch vulgäre Identitätspolitik verdeckt. Die CIA hat aus gutem Grund die Entwicklung der französischen Neuen Linken mit Foucault & Co. wohlwollend begleitet. Ich zitiere, was ich im verlinkten Artikel schrieb:

Kurz zusammengefasst: diese "linken" Strömungen verlassen mehr und mehr das eigentliche linke Projekt des Klassenkampfes für eine klassenlose Gesellschaft. Und das kann dem US-Imperium nur recht sein.

Wolfgang Thierse kritisiert das auch:

Themen kultureller Zugehörigkeit scheinen jedenfalls unsere westlichen Gesellschaften mittlerweile mehr zu erregen und zu spalten als verteilungspolitische Gerechtigkeitsthemen.

“You will own nothing, and you will be happy” – alles Verschwörung oder was?

Vor diesem Grundrauschen kann das Weltwirtschaftsforum daher weitgehend unwidersprochen verkünden, im Jahr 2030 würden wir Normalmenschen kein Eigentum mehr besitzen und glücklich dabei sein. Was sie nicht dazu sagen, aber meinen: uns Superreichen gehört dann alles. Ich schreibe hier ja schon seit Jahren regelmäßig über Eigentumsverhältnisse und Verteilungsgerechtigkeit.

Und mit dem Weltwirtschaftsforum (WEF) kommen wir zu weiteren Mitteln, Diskurse zu begrenzen, die älter sind als die heutige linke wie rechte Identitätspolitik. Denn wer das WEF kritisiert, wird heutzutage sehr schnell als "Verschwörungstheoretikerin" etikettiert. Dabei lässt sich kaum bestreiten, dass dort jedes Jahr viele ausgesprochen mächtige Menschen zusammen kommen, um neben dem offiziellen Programm in den Pausen alles mögliche off the record zu besprechen. Die Doku The Forum bietet interessante Einblicke; allerdings natürlich nicht in die vertraulichen Hinterzimmergespräche.

Geheimdienste sind ja schon per Definition Verschwörungen.

Dabei gilt es zu unterscheiden, ob eine "Verschwörungstheorie" von einer begrenzten, konkreten Verschwörung handelt, oder ob sie sich zur Vorstellung einer allumfassenden Weltverschwörung ausweitet. Letzteres bringt die bekannten Probleme mit sich, dass eine solche Vorstellung nicht mit Argumenten und Beobachtungen zu widerlegen ist.

Charles Eisenstein bringt diese wichtige Unterscheidung gut auf den Punkt:

Aber was ist denn überhaupt eine Verschwörungstheorie? Manchmal wird der Begriff gegen alle verwendet, die Autoritäten infrage stellen, die von der gängigen Lehrmeinung abweichen oder denken, dass unsere führenden Institutionen von versteckten Interessen beeinflusst werden. Dann wirkt diese Zuschreibung als Instrument, das abweichende Meinungen unterdrückt und jene schikaniert, die versuchen, gegen Machtmissbrauch aufzustehen. Man muss nicht das kritische Denken ausschalten, um zu glauben, dass mächtige Institutionen manchmal konspirieren, sich verschwören, vertuschen und korrupt sind. Wenn das mit dem Wort Verschwörungstheorie gemeint ist, sind manche dieser Theorien offensichtlich wahr. Erinnert sich irgendjemand noch an Enron? Iran-Contra? COINTELPRO? Vioxx? Irakische Massenvernichtungswaffen?

In Zeiten von COVID-19 haben Verschwörungstheorien eine neue Tragweite erlangt. Sie gehen weit über einzelne Geschichten von Konspiration und Korruption hinaus und beschreiben das Funktionieren der Welt prinzipiell als eine große Verschwörung. Befeuert durch die autoritären Reaktionen auf die Pandemie (seien diese Maßnahmen gerechtfertigt oder nicht, Lockdown, Quarantäne, Überwachung und Tracking, Zensur von Fehlinformation, Einschränkungen der Versammlungsfreiheit und anderer Bürgerrechte usw. sind in der Tat autoritär), behauptet diese Ur-Verschwörungstheorie, dass eine böse, machthungrige Elite absichtlich eine Pandemie provoziert habe, oder diese zumindest rücksichtslos ausnutze, um die Öffentlichkeit in Angst und Schrecken zu versetzen und sie schließlich dazu zu bringen, eine totalitäre Weltregierung unter einem dauerhaften medizinischen Kriegsrecht, eine Neue Weltordnung (NWO), zu akzeptierten. Außerdem ziehe diese böse Gruppe, ziehen diese Illuminaten, die Fäden bei allen größeren Regierungen, den Großkonzernen, den Vereinten Nationen, der Weltgesundheitsorganisation, der US Gesundheitsbehörde, den Medien, den Geheimdiensten, Banken und NGOs. Sprich, alles was man uns erzählt, sei eine Lüge und die Welt sei in der Hand des Bösen schlechthin.

Das genau zu unterscheiden, ist sehr wichtig. Denn wenn beide Arten von "Verschwörungstheoretikerinnen" in einen Topf geworfen werden, wie das die meisten Medien tun, diskreditiert das auch diejenigen, die konkreten Machtmissbrauch untersuchen und kritisieren. Und real existierende Verschwörungen, von denen Charles Eisenstein ein paar Beispiele auflistet (mehr davon findet ihr in Alternativlos Folge 23), können ungestört weiterarbeiten.

Genau das meine ich mit der Überschrift Wenn Diskursgrenzen Herrschaftsverhältnisse unsichtbar machen.

Nun geht diese Überschrift aber weiter, weshalb ich abschließend noch mal auf einen Aspekt eingehe, der mir besonders am Herzen liegt.

Privilegien aufdecken als Arbeit mit sich selbst

"Arbeit mit sich selbst" ist eine Disziplin der Prozessarbeit. Die spielt sich sonst im Wesentlichen zwischen Menschen ab. Die Arbeit mit sich selbst ist dafür jedoch auch sehr wichtig, denn sie fördert ganz besonders die Selbst-Bewusstheit. Und genau darum sollte es m.E. schwerpunktmäßig in der Bewegungsstiftung (wie auch in der umgebenden Gesellschaft) erst mal gehen. Diese Einladung geht somit auch an Herrn Thierse. Er schreibt

Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten, ist der programmatische Titel eines Buches von Alice Hasters. Ja, wir Weiße haben zuzuhören, haben Diskriminierungen wahrzunehmen. Aber die Kritik an der Ideologie der weißen Überlegenheit darf nicht zum Mythos der Erbschuld des weißen Mannes werden. Die Rede vom strukturellen, ubiquitären Rassismus in unserer Gesellschaft verleiht diesem etwas Unentrinnbares, nach dem Motto: Wer weiß ist, ist schon schuldig. Und deshalb sei Blackfacing, sei kulturelle Aneignung über Hautfarben und Ethniengrenzen hinweg nicht erlaubt. Verbote und Gebote von sprachlichen Bezeichnungen folgen. Das erzeugt falsche kulturelle Frontbildungen, Unsicherheiten und Abwehr. Eine Abwehr, die offensichtlich nicht nur zum rechten Rand, sondern bis weit in die Mitte der Gesellschaft reicht. Umso mehr bestätigt diese dann wieder den Rassismusvorwurf, ein Circulus vitiosus.

Zwar gehen Rassismusvorwürfe, wenn sie zu dem beschriebenen "Wer weiß ist, ist schon schuldig" führen, zu weit und führen auch nicht zum gewünschten Ziel, wie Thierse schreibt. Dennoch will ich den Aspekt

Ja, wir Weiße haben zuzuhören, haben Diskriminierungen wahrzunehmen.

noch mal betonen – und ergänzen um "wir Männer", "wir Vermögende" usw. usf. Da verweise ich noch mal auf Rang und Privilegien in einer Nussschale.

Von der Strategiewerkstatt habe ich eine sehr eindrückliche Metapher mitgenommen, die das Problem verdeutlicht: Stellen wir uns politische Themen wie Radiosender vor. (Anti-) Rassismus ist einer dieser Sender. Privilegierte Weiße wie ich und Wolfgang Thierse haben die Möglichkeit, mal in diesen, mal in andere Sender reinzuhören. People of Color, die in Deutschland leben, müssen den Radiosender (Anti-) Rassismus ständig hören, sie können nicht umschalten.

Lass das mal wirken.

In dem Zusammenhang hat mich ein Artikel von Miki Kashtans Facing Privilege-Seite ganz besonders bewegt, nämlich was sie über Absicht und Auswirkung von Handlungen schreibt. Fast alle ihrer Texte gibt es nur auf Englisch, deshalb versuche ich das hier mal kurz & knapp zusammenzufassen:

Ihr Ausgangspunkt ist, dass eine häufige Reaktion auf unbeabsichtigte Verletzungen ist, zu sagen "Ich wollte dich nicht verletzen". Das mag wohl sein, dennoch ist es passiert. Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht. Und sich als privilegierte Person darauf einzulassen, sich damit zu konfrontieren, kann uns einander näher bringen.
Die Reaktion "Ich wollte dich nicht verletzen" bewirkt zwei Dinge: einerseits lenkt es die Aufmerksamkeit von dem, was tatsächlich geschehen ist, auf die dahinter liegende Absicht. Und es lenkt die Aufmerksamkeit von der Person, die verletzt wurde, auf diejenige, die (unabsichtlich) verletzt hat.

Wenn ich beim Gemüse schnippeln aus Versehen jemand anderem in die Hand schneide, sage ich ja auch nicht "oh, tut mir leid, ich hab's nicht böse gemeint", sondern ich hole schnell ein Pflaster.

Privilegien und hoher Rang bringen auch die Verantwortung mit sich, mit Menschen niedrigeren Rangs achtsam zu sein und deren Bedürfnisse zu achten. Dazu müssen wir manchmal erst lernen, was deren Bedürfnisse sind.

Der Text über Rang und Privilegien bringt es gut auf den Punkt:

Eines der größten Privilegien ist es, nicht an einem Problem leiden zu müssen. Sich nicht damit befassen und jeden Tag darüber nachdenken zu müssen. Natürlich wissen die mit dem Privileg das nicht!

Darum geht's. Wenn ich ein Problem nicht habe, heisst das noch lange nicht, dass dieses Problem gar nicht existiert. Es existiert sehr wohl, und das kann ich lernen von Menschen, die sich mit diesem Problem tagtäglich herumschlagen müssen.

In diesem Sinne: Check your privilege and then use it to the benefit of all!

Nachtrag vom 08.03.: Apropos Weltwirtschaftsforum – Micah White hat ja letztes Jahr den Spagat ausprobiert, als Aktivist nach Davos zu gehen. Seither habe ich nichts mehr von ihm mitbekommen. Ist er in den Untergrund gegangen? Ist sein Schweigen erkauft worden? Ist er zum Feind übergelaufen und arbeitet jetzt als CSR-Berater für Großkonzerne? Ich weiss es nicht. Jedenfalls habe ich gerade noch einen sehr kritischen Artikel über ihn bei Jacobin gefunden.

Weiterer Nachtrag vom 08.03.: Just flatterte mir der Artikel What if liberal anti-racists aren’t advancing the cause of equality? von Jacobin-Gründer Bhaskar Sunkara im Guardian rein.

Much of today’s advocacy around racial justice places the onus on individual actors and the private sector. We need collective action instead.

Das ist ja schon lange mein Reden, siehe z.B. Wellness vs. Solidarität. Allerdings warne ich davor, individuelle Bewusstseinsbildung und kollektives Handeln gegeneinander auszuspielen. Es braucht beides, und das kann sich sogar gegenseitig unterstützen.

Und noch ein Nachtrag vom 08.03.: Zu dem Thema stöbere ich doch auch mal in der Republik, habe ich mir gedacht, und bin mehrfach fündig geworden. Fangen wir an mit dem Artikel Wer hat Angst vorm Zuhören?

Zur Moderne gehören von Anfang an und bis heute auch Exklusion und Missachtung, Unfreiheit und Ausbeutung, Abhängigkeit und Entmenschlichung. Diese betreffen ganze Gruppen von Menschen, denen man eben genau mit Verweis auf ihre Zuordnung zu bestimmten Gruppen – als Frauen, Versklavte, «Wilde», «Barbaren», Juden, «Behinderte», «Homosexuelle» – die angeblich universalen Rechte verweigert hat.

Zum Kern des Artikels:

Entscheidend aber ist: Wenn jemand darauf besteht, als ein «Wer» zu sprechen und gehört zu werden, anerkannt zu werden als ein Mensch, der durch die Gruppen­zuordnung bestimmte (Diskriminierungs- oder sonstige) Erfahrungen gemacht hat, sollten wir aufhören, darauf mit pauschaler Abwehr zu reagieren. […]

Aber für wen ist es eigentlich kaum auszuhalten, dass marginalisierte Personen und Gruppen sich auch einmal in «geschützten» Räumen austauschen wollen? Vielleicht merken wir ja bloss nicht, dass auch wir uns die meiste Zeit schon in solchen Schutz­zonen bewegen? Wenn wir zum Beispiel von der eigenen Hautfarbe absehen können, weil wir weiss sind; wenn wir hetero sind und deshalb keine Sorge vor Gewalt und Beleidigung beim Händchen­halten in der Öffentlichkeit haben müssen?

Wer hat Grund, sich von der Forderung angegriffen zu fühlen, über die eigene soziale Position samt deren Deutungs- und Handlungs­mächtigkeit nachzudenken? Für wen ist das zu viel, und wer darf das entscheiden?

Und weiter:

Die historische Lehre aber ist klar: Universalismus kann man nicht einfach deklarieren, ohne sich mit der Frage zu befassen, wer davon ein- und wer ausgeschlossen ist. Solange Menschen rassistisch diskriminiert werden, weil sie schwarz sind, muss die sozial zugewiesene Bedeutung von Hautfarbe ein Thema sein. Wenn sich jemand dagegen­wendet mit dem Argument, er sei bereits «colour-blind», mag das aufklärerisch gemeint sein. Aber es ist eben doch eine privilegierte Position, die sich (ungewollt) zur Komplizin von Rassismus macht: Worüber wir nicht sprechen, das gibt es nicht.

Siehe oben.

Deshalb lohnt sich das Zuhören. Hinter so manchen Anekdoten von «übertriebenen» Formen der Identitäts­politik stecken genuin moderne, zur Demokratie gehörende Kämpfe um Partizipation, um die Teilnahme am politischen, kulturellen, ökonomischen Leben. Es sind Kämpfe darum, ebenfalls zu denjenigen zu gehören, die an Universalismus, Menschen­rechten, Demokratie, Gerechtigkeit und Solidarität teilhaben. Statt sich mit den eigenen Befindlichkeiten zu befassen und mit pauschaler Kritik den Kräften zuzuarbeiten, die Emanzipations- und Gleichheits­forderungen bekämpfen, sollten alle, die guten Willens sind, daran arbeiten, wie wir gemeinsam diese Ziele erreichen können.

Auf dem Weg dahin muss die Spannung zwischen dem Projekt des Universalen und einer Praxis des Partikularen ausgehalten werden. Daraus folgen paradoxe Emanzipations­formen, nämlich solche, die zunächst Differenz betonen müssen, um sie langfristig zu relativieren. Daraus folgt aber auch eine (selbst-)kritische Befragung der Gruppen­logik insgesamt, auch in ihren emanzipatorischen Absichten.

Nächster lesenswerter Republik-Artikel: Welches Links?.

Ja, angesichts eklatanter sozialer Ungleichheit und nach Jahrzehnten neoliberaler Verheerung braucht es dringend ein politisches Gegen­programm. Aber Politik, die ausschliesslich Klassen­kampf spielen will, ist ein Auslaufmodell.

Linke Politik wird heute daran gemessen, wie sie die drei grossen Fragen der Gegenwart zusammendenkt: die soziale Frage, die Klimakrise und die vielfältigen Gerechtigkeits­fragen unter dem aufgeladenen Label «Identitäts­politik». […]

Natürlich soll und muss gestritten werden um die Frage, was linke Politik heute bedeutet. Aber anstatt ständig im Modus «Entweder – oder» zu debattieren, könnte man sich einmal wieder mehr auf das schöne Wörtchen «und» besinnen.

Keine Aufregerdebatte der letzten Zeit war davon weiter entfernt, keine ist mit so viel Eifer geführt worden wie der zum Entscheidungs­duell hochstilisierte Streit namens «Soziale Frage oder linke Identitäts­politik?». Als müsse man notwendig, um das eine zu tun, das andere lassen. Und als wären die ökonomische Ungleichheit und die vielfältigen Formen von Diskriminierung nicht beides komplexe Heraus­forderungen, die klügerer Antworten bedürfen, als das eine gegen das andere auszuspielen.

Der Autor Daniel Graf spricht übrigens von "dem ausgesprochen empfehlens­werten Sammelband «Trigger Warnung»". :-) Da werde ich also bald drin weiterlesen.
Explizit erwähne ich nun das Dossier "Identitätspolitik" der Republik zum Weiterlesen. Das habe ich selber bisher nur überflogen.

MixesDB – die Datenbank für DJ-Mixe

2021-03-1

Geht es dir auch manchmal so, dass du wissen willst, welcher Track an einer bestimmten Stelle eines Mixes läuft? Ich frage mich das häufig & bin deshalb total glücklich, dass ich heute die Seite www.mixesdb.com gefunden habe. Damit hatte ich eine ausgesprochen lange Leitung, denn die gibt es schon seit 2006.
Ganz bestimmt werde ich da Stammgast.

Nachtrag: Meine Frage nach einem Track im DJ-Set von Sysyphe auf dem Hadra-Festival 2017 wird dort leider nicht beantwortet. Sysyphe ist überhaupt nicht vertreten bei MixesDB. Da ist also noch Luft nach oben.

Der Mythos der Macht

2021-02-22

Gestern Abend habe ich mir eine sage & schreibe 3 1/2stündige Doku über die Machtkämpfe hinter den Kulissen des Geldsystems angeschaut. Dabei hatte ich erst fleißig mitgeschrieben & Links gesammelt, um daraus einen Blogbeitrag zu basteln.

Über Nacht hat sich ein ganz anderer Impuls in den Vordergrund geschoben: Die Frage, was es denn eigentlich bewirken soll, sich mit solchen Themen zu beschäftigen. Stärke ich nicht gerade solche Machtstrukturen, indem ich sie "aufdecke"? Fördere ich nicht regelrecht die strukturelle Weltverschwörung, indem ich immer mehr Belege für sie und andere Dunkelmächte sammle?

Dieser Gedanke hat mich dann heute Nachmittag bei herrlichstem Wetter in den Park geführt, wo ich eine Baumzeremonie zum Thema gemacht habe. Da steckt jetzt etwas Insiderwissen drin, dem ihr vielleicht nicht in allen Punkten folgen könnt. ich habe mit dem Star Maiden Circle am Baum gesessen, weil es mir vor allem um meine persönliche Beziehung zur Macht ging.

Dabei begleitete mich schon seit der Nacht dieses Zitat von Arnold Mindell über Weltarbeit:

We don’t need you as a leader for world change. Change is inherent in people and nature. You need awareness, not only power, to notice and follow the changes.

Außerdem verstehe ich mich ja schon länger als inneren Anarchisten, wodurch ich um das Thema Macht nie herumkomme.

Die eindrücklichste Botschaft bei der Baumzeremonie habe ich gleich im Süden (Mythologie & Unterhaltung) bekommen:

Der Mythos der Macht blendet alle, die Mächtigen wie die Ohnmächtigen.

Im Südwesten (Symbole der Lebenserfahrung) wurde mir klar, dass vor allem die Prozess- und Weltarbeit für mich Macht als Symbol geöffnet haben. Deshalb an dieser Stelle ein großes Dankeschön an Julie Diamond, Arnold Mindell und die ganze Worldwork-Community für das Konzept von Rang.

Im Westen (Tagtraum; was will geschehen?) kam mir der Spruch von Barack Obama "change we can believe in", den ich seit langem nur sarkastisch benutze, weil Obama nur wenige seiner Versprechen tatsächlich umgesetzt hat. Dort im Westen, mitten im frühlingshaften Wetter und mir all der sprießenden Knospen bewusst, kam folgende Botschaft: lauschen auf die vielen kleinen Boten des Wandels.

Im Nordwesten (Regeln & Gesetze) fühlte ich mich ganz geborgen in den heiligen Regeln & Gesetzen; eine Zuversicht in das ganz große Gefüge der Welt. Konkret kam auch noch fühlen, was richtig ist. (und nicht nur denken)

Im Norden (Philosophien & Glaubenssysteme): bei allen Philosophien & Glaubenssystemen Großmutter Erde, ihre Kinder & Enkel berücksichtigen. Anders ausgedrückt, die Philosophien & Glaubenssysteme erden. Außerdem Macht weise einsetzen.

Im Nordosten (Design & Choreographie der Energiebewegung), meinem Sitz im Star Maiden, kam der Satz meine Macht auch tatsächlich einsetzen – ich spiele eine Rolle im kosmischen Tanz.

Um die Botschaft aus dem Osten (Phantasie & Illusion) überhaupt notieren zu können, habe ich mehrere Anläufe gebraucht. Zuerst versuchte ich es irgendwie zu zeichnen, schliesslich kam dieser Satz heraus: Die Kraftrichtung der Phantasie geht durch mich hindurch in die Welt und nährt mich dabei, die Kraftrichtung der Illusion saugt Kraft aus mir in die Welt ab.

Zum Schluss im Südosten (Konzepte des Selbst): Ich empfinde eine starke Verpflichtung in meiner Machtposition als Geschäftsführer. Dann kam noch Macht dienend einsetzen. Und schliesslich wurde mir bewusst, dass ich Schönheit statt Moral als Maßstab nehme, wie ich meine Macht einsetze.

Eben fiel mir nun wieder meine Meditation über die unfassbar großen Ströme ein, die wunderbar dazu passt.

Nachtrag vom 24.02.: Gerade flatterte mir passend zum Thema der Artikel „Die Macht ist verflucht“: Überlegungen zum 150. Jubiläum der Pariser Kommune von Antje Schrupp rein. Besonders gefällt mir, dass sie Macht nicht völlig verdammt:

Aber die Frauenbewegung ist nicht bei einer einfachen Ablehnung der Macht stehengeblieben. Sondern sie hat versucht, ein dialektisch-pragmatisches Verhältnis dazu zu finden. Eine revolutionäre Politik, so ließe sich das vielleicht zusammenfassen, besteht nicht nur darin, sich auf Macht nicht zu verlassen, sondern auch darin, sie nicht zu verleugnen, wenn man sie hat (oder mit ihr konfrontiert ist). Die Philosophinnengemeinschaft Diotima hat das in ihrem Buch „Macht und Politik sind nicht dasselbe“ umfassend analysiert beschrieben: Es ist nicht so, dass die Macht hier wäre und die Politik dort, sondern beides findet auf demselben Spielfeld statt. Wir spielen „Dame“, also das Spiel der wirklichen Politik, die aus Debatten, Konflikten, Diskussionen und dem ehrlichen gemeinsamen Bemühen für die Gestaltung einer besseren Welt, an denselben Orten, an denen auch „Schach“ gespielt wird, also das Streben nach Positionen, Vorteilen, Unterwerfung der Feinde und so fort.

Das darin genannte Buch “Macht und Politik sind nicht dasselbe” werde ich mir wohl auch mal zu Gemüte führen.

Nachtrag vom 01.03.: Ein Freund hat mir vor ein paar Wochen das Buch Die Kunst der List. Strategeme durchschauen und anwenden geschenkt, das ich heute angefangen habe zu lesen. Es führt wunderbar den hier begonnenen Faden fort, und liefert eine angenehm nüchterne Sicht auf das Thema Macht.

Weiterer Nachtrag vom 01.03.: Just because you're paranoid don't mean they're not after you. Heute bin ich in eine Kaskade von Artikeln bei den NachDenkSeiten geraten, die ich hier mal rückwärts aufliste:

Ist das jetzt ein Rückfall?
Rolf Gössner hat jedenfalls seinen Rechtsstreit gegen den Verfassungsschutz im Dezember 2020 schließlich gewonnen. Und Heribert Prantl hat mich kürzlich erst darauf aufmerksam gemacht, dass ebenfalls im Dezember 2020 Schilys Sicherheitsgesetze entfristet wurden. Da sind auf jeden Fall Kräfte am Werk, die nicht unbedingt ein gutes Leben für alle im Sinn haben.

Im übrigen frage ich mich ernsthaft, wie Peter Dale Scott es geschafft hat, bei Wikipedia nicht als Verschwörungstheoretiker bezeichnet zu werden. Und im deutschen Wikipedia-Artikel über ihn ist allen Ernstes ein Global Research-Artikel von ihm verlinkt. Noch erstaunlicher finde ich, dass es zum deutschen Wikipedia-Artikel gar keine Diskussion gibt. Was ist da los? Schlafen die Blockwarte alle?

Nachtrag vom 02.03.: Der Mythos der Macht entfaltet seine Kraft offenbar besonders in dieser Zeit, in der die Konsensrealität bröckelt. Da gilt es gut gewappnet zu sein für die Kapelle der Gefahren.

Meine Foucault-Begeisterung hat einen Dämpfer bekommen

2021-02-17

Mein Dank für die Inspiration, Michel Foucault kritisch zu hinterfragen, geht an die Freie Linke (siehe auch Puh, es sind doch nicht alle Linken staatstreu geworden). In deren Telegram-Kanal wurde ich auf die Beiträge von Gabriel Rockhill bei The Philosophical Salon aufmerksam.

Angefangen habe ich dabei mit seinem Artikel über das Interesse der CIA an französischen Intellektuellen wie Foucault. Das dort besprochene deklassifizierte Paper France: Defection of the Leftist Intellectuals habe ich nicht mehr bei der CIA selbst gefunden, aber bei winter oak.

Warum sollte die CIA den Poststrukturalismus für die eigenen Ziele nützlich finden? Rockhill schreibt dazu:

Even theoreticians who were not as opposed to Marxism as these intellectual reactionaries have made a significant contribution to an environment of disillusionment with transformative egalitarianism, detachment from social mobilization and “critical inquiry” devoid of radical politics. This is extremely important for understanding the CIA’s overall strategy in its broad and profound attempts to dismantle the cultural left in Europe and elsewhere. In recognizing it was unlikely that it could abolish it entirely, the world’s most powerful spy organization has sought to move leftist culture away from resolute anti-capitalist and transformative politics toward center-left reformist positions that are less overtly critical of US foreign and domestic policies. In fact, as Saunders has demonstrated in detail, the Agency went behind the back of the McCarthy-driven Congress in the postwar era in order to directly support and promote leftist projects that steered cultural producers and consumers away from the resolutely egalitarian left. In severing and discrediting the latter, it also aspired to fragment the left in general, leaving what remained of the center left with only minimal power and public support (as well as being potentially discredited due to its complicity with right-wing power politics, an issue that continues to plague contemporary institutionalized parties on the left).

Kurz zusammengefasst: diese "linken" Strömungen verlassen mehr und mehr das eigentliche linke Projekt des Klassenkampfes für eine klassenlose Gesellschaft. Und das kann dem US-Imperium nur recht sein.

In Deutschland zeigte sich dieses Phänomen am ausgeprägtesten in der Spaltung zwischen Anti-Imperialistinnen (dieser Wikipedia-Artikel ist, wie alle politischen WP-Artikel, mal wieder mit Vorsicht zu genießen, er unterstellt pauschal Antisemitismus) und Antideutschen.

Zurück zu Foucault – Gabriel Rockhill hat mehrere Bücher geschrieben, die das Thema mehr oder weniger berühren. Das würde jetzt auch meinen persönlichen Rahmen sprengen, deshalb konzentriere ich mich im folgenden auf seinen Artikel Foucault: The Faux Radical. Darin vergleicht er Foucaults komplexe Theorie mit der von Ptolemäus. Dieser hatte bekanntlich, um weiterhin daran festhalten zu können, dass die Erde sich im Mittelpunkt des Sonnensystems befindet, mit einem immer komplexer werdenden Zusammenspiel von Epizykeln gearbeitet. Rockhill schreibt nun über Foucault:

He has, like Ptolemy, constructed a complex orrery, with many intricate and beautifully detailed parts that function in terms of an impressive internal logic, but whose very purpose is to develop a model of the world by excluding in advance, or significantly downplaying, its most fundamental feature: global capitalism, with all of its component parts, including imperialism, colonialism, class struggle, ecological destruction, the gendered division of labor and domestic slavery, racialized exploitation and oppression, and so forth.

Ein Wolf im Schafspelz sozusagen. Rockhill betont außerdem, dass Foucault und viele andere französische Intellektuelle besonders großen Wert darauf gelegt haben, möglichst einzigartige individuelle Ideen zu entwickeln und sich auf diese Art selbst als Marke zu etablieren:

One of the reasons for this is that, like many of his fellow French theorists, Foucault was animated by an intense drive to differentiate his work from that of prior forms of knowledge, as well as from the research of his competitors on the so-called marketplace of ideas. His scholarly writings thus place a very high priority on idiosyncratic explanations, conceptual novelties, and neologisms. Rather than drawing on and contributing to the further development of collective traditions of knowledge production, brand Foucault puts forth novel histories that are unique to his individual vision of the past and marketable as such.

Das lässt mich sofort an die Entwicklungsebenen der integralen Theorie denken. Der Poststrukturalismus fällt darin in die "grüne", pluralistisch-relativistische Ebene. Diese grenzt sich besonders deutlich von ihrem Vorgänger ab, der "orangen" rationalistischen Ebene. Der von Gabriel Rockhill hochgehaltene historische Materialismus fällt eindeutig in diese Ebene.

Dabei dürfen wir nun nicht den Fehler machen, den Poststrukturalismus als besser als den historischen Materialismus zu bewerten, weil er "weiter entwickelt" sei. Durchaus nicht; beide sind wertvoll. Und wer den Poststrukturalismus verabsolutiert, kippt damit das Kind mit dem Bade aus und ignoriert, was der historische Materialismus uns wichtiges zu sagen hat.

Aus meiner Sicht leben wir ganz klar immer noch in einer Klassengesellschaft, die es aus meiner Sicht daher auch weiterhin zu überwinden gilt. Deshalb ist der historische Materialismus als Theorie und der Klassenkampf als Praxis ebenfalls weiterhin relevant. Da bin ich ganz bei Rockhill.

Seine weitere Analyse von Foucaults Rolle als vermeintlich radikalem Kritiker des Kapitalismus, der aber nur dazu dient, die Kritik innerhalb des Kapitalismus zu kanalisieren, lässt mich an die Figur des Emmanuel Goldstein in George Orwells Roman 1984 denken. Eine weitere Assoziation ist Matrix, wo "der Auserwählte" als "die Anomalie" von den Maschinen toleriert und in für sie handhabbare Bahnen gelenkt werden muss. In Rockhills Worten hat Foucault damit eine Grenze nach links für radikale, kritische Theorie gezogen und diese damit indirekt weiter nach rechts verschoben.

Bis 1968 war Foucault offenbar ein Reaktionär. Nur ein Beispiel dafür:

As a matter of fact, Foucault had served on the governmental commission that wrote the Gaullist university reforms, which were widely recognized as one of the principal sparks for the student revolt. He wrote several of the preparatory reports for the commission and showed no clear sign of opposition to the reforms he helped formulate.

Rockhill wirft Foucault vor, dass dieser den Blick auf das große Ganze der Gesellschaft bewusst unterdrückt und sich damit zum Komplizen der herrschenden Klasse gemacht hat:

Foucault would conceptualize his work at the time as being that of a specific intellectual who mobilized his particular expertise for local power struggles in the field of knowledge and discourse, rather than a universal intellectual—like Sartre and other Marxists—who purported to be able to have access to truth and a systemic account of reality. The latter orientation, he regularly suggested, abiding by one of the most widespread and unproven idealist analogies of the time, was a totalizing intellectual project that was somehow akin to the practice of ‘totalitarianism.’ For idealists, the very act of thinking the social totality is itself a practice of totalizing, and hence ‘totalitarian,’ because ideas are the prime movers of history (and you can use them to free associate between words that sound similar).

To avoid this supposedly bad way of thinking, Foucault openly embraced academic specialization, the intellectual Taylorism that is integral to institutionalized knowledge production under capital. He also encouraged intellectuals to focus on the anonymous, decentralized ‘microphysics of power’ in their local contexts and thereby abandon the project of elucidating and fighting against the macrophysics of power operative in global class struggle. In this way, and with remarkably few exceptions, he gave carte blanche to the major imperial projects of his lifetime. One need only compare his so-called ‘history of the present’ to the ones written by anti-imperialist intellectuals like William Blum, Michael Parenti or Walter Rodney to clearly see this.

Bei aller Kritik finde ich Foucaults Analyse der Funktionsmechanismen bürgerlicher Regierung (Stichwort "Gouvernementalität") durchaus hilfreich. Da er den Neoliberalismus im Gegensatz zu Marxistinnen nicht völlig ablehnt, kann er ihn auf eine Art nüchterner untersuchen.

Einen Noam Chomsky finde ich im Vergleich allerdings wesentlich sympathischer; allein schon, weil er Mitglied der Industrial Workers of the World ist.

Um einen älteren Beitrag aus meinem Blog aufzugreifen, Foucault hat sich offenbar mehr auf die Seite von Wellness anstelle von Solidarität geschlagen:

Like so many other intellectuals of his generation seduced by the ethical turn, Foucault moved away from concrete political struggles and toward a nebulous form of individualist, lifestyle anarchism, or even simple libertarianism, focused on the ‘care of self.’ He questioned the organization of liberation movements, like feminism and gay liberation, that were subordinated to “ideals and specific objectives.”

An dieser Stelle der Foucault-Kritik

As if this wasn’t enough, Foucault would go on to join the chorus of anti-Marxist intellectuals like Furet and Hannah Arendt by indulging in the reductive and simplistic blackmail of the gulag, claiming that any attempt to radically transform the system of socioeconomic relations through collective political action would inevitably lead to the most horrific of consequences. In one of his most widely read essays from 1984, he wrote:

This historical ontology of ourselves must turn away from all projects that claim to be global and radical. In fact, we know from experience that the claim to escape from the system of contemporary reality so as to provide overall programs for another society, another way of thinking, another culture, another vision of the world, has actually only led us to reproduce the most dangerous traditions.

muss ich nun wiederum Rockhill kritisieren. In meinem Blog habe ich schon erklärt, warum ich nichts von Patentrezepten halte. Beim Sozialismus bzw. Kommunismus gibt es eine Tendenz, auch diesen als Patentrezept zu nehmen und alle, die da nicht jubelnd mitmachen, in Arbeitslager zu stecken. Wohlgemerkt eine Tendenz. Das heisst nicht, dass Sozialismus/Kommunismus insgesamt nichts taugen, so wie Foucault es propagierte. Dennoch finde ich es wichtig, da genau aufzupassen und auch die möglichen Schattenseiten zu sehen.

Insgesamt gilt, was ich in der Überschrift schrieb: Meine Foucault-Begeisterung hat einen Dämpfer bekommen. Und das ist eine gute Sache, denn mein Bild von Foucault und dessen Einfluss ist dadurch umfassender und genauer geworden.

Sehr zu empfehlen ist auch die von Rockhill ins Leben gerufene Critical Theory Workshop. Wer statt zu lesen lieber Videos schaut, wird in deren YouTube-Kanal fündig.

Bei all dem bleibt für mich ein gewisser Beigeschmack, denn Stalinismus ist nun wahrhaftig nicht das Ende der Fahnenstange revolutionären Klassenkampfes. Da bin ich wieder ganz bei Orwell: Einige Tiere sind gleicher als andere. Deshalb bevorzuge ich die soziale Revolution in Richtung selbstorganisierten Lebens. Im Grunde meint Commoning bzw. Gemeinschaffen nichts anderes.

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