Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
« Fear - very basic to understand Wahrer Reichtum »

Innerer Anarchismus

2014-08-14

Erst seit dem letzten Jahr bin ich dahinter gekommen, dass Anarchismus nur funktionieren kann, wenn mensch nicht nur äußere Herrschaft ablehnt, sondern auch innere Herrschaft. Salopp formuliert:
EineE AnarchistIn beherrscht sich nicht selbst und lässt sich auch nicht von sich selbst beherrschen.

Dieser Beitrag schließt somit direkt an den über das Gehorchen an & führt ihn weiter.

Das Ganze ist ein paradoxes Unterfangen, denn in einer Beherrschergesellschaft lernen wir alle als Kinder, sowohl anderen Menschen zu gehorchen & je nach sozialer Rolle auch andere Menschen zu beherrschen, als auch uns selbst zu beherrschen und uns von unseren (übernommenen) Glaubenssätzen beherrschen zu lassen. Wie lernen wir das? Durch langjähriges Training, ständiges Wiederholen, wodurch sich Gewohnheiten einschleifen.

Solche Gewohnheiten lassen sich nun nicht einfach durch ein Fingerschnippen auflösen, sondern auch zur Selbstbefreiung braucht es Disziplin. Nur sollten wir es damit nicht übertreiben, denn andernfalls schleifen sich nur wieder neue Gewohnheiten ein. Das Ziel ist es, sich von immer mehr Gewohnheiten zu befreien, um letztlich in jedem Augenblick die freie Wahl zu haben, zu tun & zu lassen was wir wollen.

Damit sind wir bei Aleister Crowley, der das in dem Satz zusammengefasst hat:

Tu was du willst, soll sein das Ganze des Gesetzes.

Das heißt im übrigen, dass Werte, Überzeugungen, Ideale und Moral der Freiheit entgegenstehen. Denn sobald es einen absoluten Wert für mich gibt, lasse ich mich von diesem beherrschen. Ich kann dann eben nicht mehr tun, was ich will, weil ich mich selbst davon abhalte.

Kein Geringerer als Konrad Adenauer hat das wunderbar in diesem Satz formuliert:

Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, nichts hindert mich, weiser zu werden.

So eine Einstellung, die eben auch beinhaltet, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, ist Grundvoraussetzung für wirkliche persönliche Freiheit.

Um nun aber eine solche Freiheit zu erlangen inmitten der Beherrschergesellschaft, in der wir leben, brauche ich wie gesagt Disziplin. Ich muss mich zunächst einmal deprogrammieren.
Ich muss mich selbst dazu zwingen, entgegen meiner alten Gewohnheiten zu handeln.
Meine derzeitige Lieblingsszene aus Matrix demonstriert, wie Trinity sich in diesem Moment, als sie auf der Treppe liegt, selbst beherrscht; sie gibt sich buchstäblich selbst den Befehl, aufzustehen:

So ist der Weg zu wahrer Freiheit, der innere Anarchismus, wie ich ihn hier nenne, immer ein Spiel mit den Gegensätzen von Zwang und Freiwilligkeit. In diesem Wort steckt der Wille drin, den ich an anderer Stelle schon als die schöpferische Kraft bezeichnet habe.

Und die wichtigste Zutat ist das Bewusstsein, mit dem ich mich selbst & meine Umgebung in dem ganzen Prozess beobachte. Wenn ich bewusst entgegen einer alten Gewohnheit handle, dann bin ich mir in diesem Moment auch dessen bewusst, dass ich die Wahl habe. Genau diese Wahlfreiheit in jedem Augenblick nenne ich innere Anarchie.

Ein wesentlicher Punkt ist auch noch, die eigene Identität zu hinterfragen und ebenfalls nicht so ernst zu nehmen. Darin ist Don Juan Matus natürlich Meister:

Niemand kennt meine persönliche Geschichte. Niemand weiß, wer ich bin oder was ich tu. Nicht mal ich selbst.

Der letzte Satz ist der entscheidende: Du bist dann vollkommen frei, wenn du selbst vorher nicht weißt, was du als nächstes tun wirst.
Auch das ist natürlich paradox. Und doch stimmt es: Wenn ich vorher schon weiß, was ich zum Zeitpunkt X tun werde, habe ich mich selbst ja schon festgelegt, genau das zu tun, und damit meine Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt.

Mit einer solchen Haltung übernehme ich die volle, direkte Verantwortung für alle meine Gedanken, Gefühle und Handlungen. Solange ich mich selbst beherrsche, mir Tabus durch Wertvorstellungen auferlege, wird die Sache unnötig kompliziert. Denn auch wenn ich behaupte, "ich konnte nicht anders, sonst hätte ich meine höchsten Werte verraten", bin ich dennoch voll verantwortlich für meine Handlungen. Denn auch meine Werte habe ich selbst gewählt. Nur wollen das die allerwenigsten in einer solchen Situation wahrhaben.

Somit ist dieser Beitrag auch eine Antwort auf die Quizfrage unter dem Beitrag zum er-wachsen werden.

Übrigens: Slacklining ist eine wunderbare Art, diese Paradoxie ganz körperlich zu trainieren. Denn einerseits hast du auf der Slackline überhaupt nicht unter Kontrolle, wie diese hin- & herschwingt, andererseits musst du deinen Körper so gut wie möglich beherrschen, um Fortschritte zu machen. & dabei kommt es vor allem erst mal darauf an, deinen Geist zu beruhigen & zu disziplinieren. Auf der anderen Seite darfst du dich auch nicht zu steif machen, sondern musst maximal beweglich sein, um angemessen reagieren zu können.
Ich liebe es einfach!

Update vom 23.01.2015: Beim Nachlesen meines Beitrags Herrschaftszeiten habe ich soeben festgestellt, dass ich den Begriff Innerer Anarchismus damals schon verwendet hatte. Der Begriff ist also nicht neu & hat jetzt in diesem Beitrag hier einen Ehrenplatz bekommen. :)

Update vom 14.04.2016: Heute füge ich noch diesen wunderbaren Satz von Marie von Ebner-Eschenbach ein, der den inneren Anarchismus auf den Punkt bringt:

Die Herrschaft über den Augenblick ist die Herrschaft über das Leben.

Wenn ich mich in diesem Augenblick frei entscheiden kann, bin ich weder an die Entscheidungen irgendwelcher anderen Leute gebunden, noch an meine eigenen früheren Entscheidungen. Allerdings würde ich in ihrem Satz das Wort "Herrschaft" durch Macht ersetzen, denn Herrschaft ist das ja gerade nicht.
Herrschaft ist nur eine sehr eingeschränkte Form von Macht, nämlich die Macht, Regeln durchzusetzen. Absolute Macht hingegen fällt mit absoluter Freiheit zusammen & umfasst die Macht zu herrschen als eine Möglichkeit von vielen. Zur absoluten Macht gehört auch die Macht, Regeln zu brechen oder sich an Regeln zu halten. Crowley eben: Tu was du willst, soll sein das Ganze des Gesetzes.

Update vom 03.05.2016: Dieser Jon Rappoport hat's echt faustdick hinter den Ohren. Ein echter innerer Anarchist. In seinen Nine notes that clarify freedom schreibt er:

Freedom means the individual can change his mind at any moment. It also means that, if he doesn’t change his mind, and instead follows a straight path, he is going to have to keep referring back to the original vision that gave birth to the enterprise he’s engaged in. He’s going to have to keep inspiring himself in that way. Otherwise, his energy will stagnate. He will become less important than the pattern.

Interessant auch, was er über die Machteliten schreibt:

The elite men who manipulate the masses do stand outside The Collective, but they’re not free. Their only power comes from diminishing the power of others.

They don’t know any other kind of power.

The idea that, within themselves, as individuals, they have creative fire is completely and utterly foreign to them.

Das wird mir auch immer klarer, dass Herrschaft letzten Endes ein ganz schön anstrengendes Unterfangen für die Herrschenden ist. Wenn du einmal anfängst, andere zu kontrollieren, musst du diese Kontrolle ständig aufrecht erhalten. Siehe dazu auch das Prinzip der gegenseitigen Erpressbarkeit. Wer sich erpressen lässt, ist nicht frei, auch wenn er dabei die restlichen 99% der Menschheit (mit-) beherrscht.

Update vom 14.11.2016: David Deida schreibt in seinem Buch Der Weg des wahren Mannes:

Vergessen Sie nicht: Selbstdisziplin ist nicht dasselbe wie Selbstunterdrückung. Unterdrückung heißt, gegen Ihre Begierden anzukämpfen und sie so gut wie möglich zu vergraben und am Ausdruck zu hindern. Selbstdisziplin heißt, dass Ihr höchstes Verlangen Ihre weniger wichtigen Begierden beherrscht, nicht durch Macht und Widerstand, sondern durch liebevolle Handlungen, die in Verständnis und Mitgefühl wurzeln.

Update vom 08.02.2017: Die zweite der 11 Vereinbarungen des Jaguars (siehe Kunst des Pirschens) lautet Disziplin:

Ein anderes Wort für Disziplin ist Selbst-Verpflichtung und Selbstverpflichtungen sind Akte der Selbstliebe. Disziplin bedeutet JA sagen. Sich auf eine Sache einlassen können. Durch Disziplin steigerst du deine Willenskraft. Disziplin hilft dir, Ziele zu erreichen, aber auch bei allen Loslass-Prozessen. Sie hilft dir zuverlässig, Haken zu erkennen.
Disziplin ist die Voraussetzung, dich mit deiner Absicht verbinden zu können.

0 Responses to Innerer Anarchismus

Feed for this Entry

0 Comments

    There are currently no comments.

Über dich

E-Mail-Adresse ist nicht veröffentlicht

Zur Diskussion hinzufügen

Schenken

Spenden

Suchen

Archiv

Browse Archives