Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
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Gehorchen: Herrschaft aus der Sicht der Beherrschten

2013-09-29

Wie hinlänglich bekannt ist, bin ich Anarchist, was heißt, dass ich mich für eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Zwang einsetze und dabei auf das Prinzip der Selbstorganisation und Selbstverantwortung in überschaubaren sozialen Einheiten setze.
Trotzdem habe ich lange Zeit das Kunststück hinbekommen, mich mit dieser intellektuellen Einstellung gleichzeitig in meinem Leben als Opfer zu empfinden.

Ein Stück von dem langen Weg dahin, dass ich das heute nicht mehr tue, beleuchten die Artikel Vertrauen riskieren sowie der Fight Club-Artikel Mit Tyler Durden zum Nullpunkt.

Inzwischen lebe ich in dem Bewusstsein, dass Leben immer ein Risiko ist und übernehme die wahre Verantwortung dafür.

Und damit sind wir beim Thema dieses Beitrags: Herrschaft ist das Verhältnis von einem oder mehreren Herrschern und einem oder mehreren Beherrschten. Es braucht das Handeln beider Seiten, um ein Herrschaftsverhältnis zu etablieren.
Auch Anarchisten richten ihren Blick zu oft nur auf die bösen Herrscher, die es zu stürzen und damit die Herrschaft abzuschaffen gilt.

Dabei sind die Beherrschten mit ihrem (größtenteils unbewussten) Einverständnis mit dem Beherrschtwerden, ihrer Einwilligung in das Herrschaftsverhältnis, ihrem Gehorchen doch zahlenmäßig die große Mehrheit! Sie tragen mindestens genau so viel dazu bei, dass Herrschaft sich fortsetzt, wie die Beherrscher.

Diese Überlegungen schließen nahtlos an den Beitrag zu Grundeinkommen, Erpressbarkeit und Freiheit an. Dort hatte ich schon geschrieben, dass das einzig Sichere in unserem Leben die Tatsache ist, dass wir alle sterben werden.

Wenn nun jemand einwendet, "aber es gibt doch Gewalt und Zwang, also die Androhung von Gewalt!", dann sage ich platt: Na und? Sterben wirst du sowieso.

Auch Zwang ist nur relativ, und es gehören immer zwei dazu: einer der zwingt und einer, der sich zwingen lässt.

Du hast immer die Möglichkeit, nicht zu gehorchen und dich dafür einsperren, foltern oder töten zu lassen.

Das ist hart, aber es ist so.

Und ich verurteile niemand, die oder der sich bei Androhung von Gewalt bewusst entscheidet, lieber zu gehorchen als sich Gewalt antun zu lassen.

Das ist mir sehr wichtig. Aber es kommt darauf an, dass dir deine Freiheit, deine Wahlmöglichkeit bewusst ist. Was ich sehr wohl anprangere ist, wenn jemand glaubt "Ich musste gehorchen, ich wurde gezwungen, es ging doch gar nicht anders". Doch. Es geht immer auch anders, auch wenn das manchmal sehr weh tut.

Es ist das, was Krishnamurti mit "jede Autorität ablehnen" meint, siehe Bedürfnisse/Bedürftigkeit, brauchen und frei sein.

Und falls du nun einwendest, damit könne man doch im Großen nichts bewirken: Indien ist 1947 vom britischen Empire unabhängig geworden, weil ein kleiner Mann sich hat schlagen und einsperren lassen. Natürlich nicht er allein, sondern viele andere mit ihm. Aber er ging mit seiner Haltung von Satyagraha voran. Diese deckt sich übrigens weitgehend mit meinen Überlegungen hier.
Darauf aufbauend hat in Deutschland Martin Arnold das Konzept der Gütekraft entwickelt. Zitat aus Wikipedia:

Gütekraft beinhaltet sowohl Entwicklung und Anwendung gewaltfreier Aktionen im politischen Raum als auch immer eine Entscheidung für einen Wert (Gerechtigkeit, Freiheit usw.) sowie die Verantwortung des Einzelnen, wertbegründete Entscheidungen zu treffen und die Folgen dieser Entscheidungen zu tragen. Das erfordert Mut, "soul force", das Wirken einer Kraft.

(Das Konzept von Gerechtigkeit lehne ich allerdings ab, dazu später mehr)

Nachtrag vom 05.03.2017: Sehr erhellend bezüglich des Gehorchens sind auch diese beiden Vorträge von Rainer Mausfeld „Warum schweigen die Lämmer?“ - Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagements sowie Die Angst der Machteliten vor dem Volk.

5 Responses to Gehorchen: Herrschaft aus der Sicht der Beherrschten

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5 Comments

  • Ein interessanter Artikel. Doch ich denke, viele Menschen werden gehorchen ehe sie den Tod wähle, ich wage sogar zu behaupten, dass kein Mensch sagen kann, ob er in solch einer bedrohlichen Situation nicht gehorchen würde, wenn er nicht schon einmal in solch einer Situation war.

  • Ich begrüße es sehr, dass du die innere Freiheit, die der Mensch selbst dann hat, wenn ihm Gewalt angedroht wird, hervorhebst. Die Wachheit für die eigenen Entscheidungen stärkt mich. Dennoch finde ich den Gegensatz, den du zum Begriff des Opfers aufbaust, unglücklich. Ich bin Opfer, wenn mir Gewalt angedroht wird, auch wenn ich noch Agierender bleibe. Ganz egal, wie ich mich entscheide, mit der Gewalt umzugehen, empfinde ich es als Verletzung, wenn mich jemand mit Gewalt bedroht, wie das die Regierung ständig tut. Ich bin Opfer ihrer Gewalt, was nicht heißt, dass ich mich nicht mehr entscheiden kann. Opfer heißt für mich hier nur, dass ich zu Recht Einwände gegen das Vorgehen des Staates haben kann. Es ist eben Unrecht, was er tut.

    #1311 | Comment by Heiko Cochius am Okt 25, 2013 11:08pm
  • @aurelia: Klar, ich verurteile auch niemanden, der sich so verhält. Mir geht es um die Grundhaltung.
    @Heiko: Da scheint mir die Idee von Gerechtigkeit durch, die sich mit Libertarismus/Anarchismus/Voluntarismus nicht verträgt. "Unrecht" setzt das Vorhandensein von "Recht" voraus, und wer bestimmt was was ist?

  • Ja, es ist klar, dass jede Denkrichtung eine andere Auffassung von Gerechtigkeit hat. Dennoch gehört Gerechtigkeit zum Wertekanon, welcher mühsam errungen werden musste. Auch gehört Gerechtigkeitsempfinden zur Grundethik des Menschseins. Wenn das nicht da ist, dieser Gerechtigkeitssinn, dann würde uns die Verrechtlichung der organisierten Kriminalität, also das was gerade wieder vom Bundestag beschlossen wurde, nämlich die Autobahnen zu privatisieren, uns kalt lassen. Dann zucken wir nur desinteressiert mit den Axeln, wenn sich die Miete verdoppelt oder die Lebenskosten steigen. Auch sind uns dann die Kriege egal. Oder? Bei aller Selbstverantwortung, bei jeder inneren Freiheit gehört noch dazu, gerade zur Verantwortung, dass wir den Abbau von Gerechtigkeit nicht zulassen. Möglich, dass Gerechtigkeit neu definiert werden muss. Möglich, dass das Wort Gerechtigkeit semantisch verbrannt ist. Gerechtigkeit bedeutet für mich, dass ich mich wehren kann, dass ich mein Recht bekomme, wenn jemand versucht, mich abzuzocken, auszubeuten oder sonst wie in die Falle zu locken. Also es geht hier um Lauterkeit und Ethik und zwar hier, in diesem Leben.

  • Lieber Wolf Michael,

    offensichtlich gebrauchst Du den Begriff "Gerechtigkeit" in einem weiteren Sinne als ich. Ich meine damit einen für alle Menschen gültigen Maßstab, und die Schwierigkeiten eines solchen Konzepts habe ich im nächsten Beitrag Freiwilliges bedingungsloses Grundeinkommen näher ausgeführt.

    Ich setze da mehr auf Mitgefühl, also auf etwas das im Herzen zuhause ist statt im Kopf wie die Idee von Gerechtigkeit. Vgl. auch die Frage Will ich Recht haben oder glücklich sein? Bei Gerechtigkeit geht es mehr ums Recht haben.

    Dabei sehe ich sehr wohl die Gefahr, dass sich Menschen à la Huxleys Schöne Neue Welt in die Illusion einer glücklichen Welt sperren lassen, in der sie faktisch total ausgebeutet werden. Ganz überflüssig finde ich Vorstellungen von Gerechtigkeit deshalb nicht, aber eben alles in Maßen.


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