Bitte fallt nicht auf Blockchain und Kryptowährungs-Quatsch hinein

Hmpf. Da hatte ich gedacht, das Thema hier im Blog abgeschlossen zu haben, aber leider erweisen sich immer mehr Leute, die davon abgesehen eigentlich gute Ideen haben & gute Initiativen vorantreiben, in diesem Zuge auch als Blockchain- und Kryptowährungs-Fans. Deshalb versammele ich an dieser Stelle, warum ich das für eine ausgesprochen schlechte Idee halte.

Aufschlussreich ist zu Beginn wahrscheinlich, dass die Idee von Kryptowährungen auf Basis einer Blockchain aus der anarchokapitalistischen bzw. libertären Szene kommt. Diese Leute habe ich aus gutem Grund schon vor Jahren hier im Blog als die Verblendetsten von allen bezeichnet – und das, wo ich mich selbst ja als (inneren) Anarchisten verstehe. Der Teufel steckt mal wieder im Detail. Bei Norbert Häring erfährst du Hintergründe zum libertären Traum vom Kryptogeld, auch Michael Seemann schreibt darüber in Blockchain für Dummies.

Vertrauen vs. Blockchain

Mein zentrales Argument gegen Blockchain-basierte Kryptowährungen (es mag durchaus vereinzelt sinnvolle Anwendungen für Blockchains geben, allerdings nicht in diesem gehypten Ausmaß) ist nach wie vor, was ich am 25.09.2018 darüber schrieb:

Die Blockchain-Technologie wurde entwickelt, um Vertrauen zwischen Menschen überflüssig zu machen.

Konkret soll die Blockchain Banken u.ä. Finanzinstitutionen ersetzen, die Geldtransaktionen zwischen Menschen vermitteln. Nur tun diese das eben, indem sie Beziehungen zu Kreditnehmern und -gebern aufbauen. Und im Zuge dessen entsteht Vertrauen, das ja nebenbei das Grundthema dieses Blogs & meines Lebens ist.

Die Illusion technischer Kontrolle

Genau das soll in den feuchten Träumen der Anarchokapitalistinnen mit Hilfe der Blockchain rein technisch, ohne jegliches Vertrauen der Menschen ineinander, funktionieren. Und damit kommen wir zu meiner Charakterisierung der Blockchain als anerisischer Illusion. Oder um es in nicht-diskordischen Begriffen auszudrücken, der Blockchain als der Illusion totaler technischer Kontrolle. Warum ich das aus Erfahrung für eine Illusion halte, erklärt z.B. der Beitrag Global Clusterfuck.

Die Blockchain halte ich deshalb wie viele andere Technologien für Teil des Versuchs, uns Menschen immer mehr zu (berechenbaren!) Maschinen zu machen. Siehe dazu u.a. auch meinen Beitrag zur Aufmerksamkeitsökonomie.

Wollen wir uns auf Zahlen reduzieren lassen?

Kürzlich habe ich ein richtig tolles Gespräch zwischen Richard David Precht und Harald Lesch über das Thema Herrschaft der Zahlen – Ist alles vermessbar? entdeckt, das noch bis Anfang Dezember in der Mediathek verfügbar ist. Das bringt gut mein Unbehagen über den Wahn, alles mess- und berechenbar machen zu wollen, auf den Punkt. Und die Blockchain treibt genau diese Agenda massiv voran. Sie fügt sich damit nahtlos ins Programm des Great Reset des Weltwirtschaftsforums. Ergänzend empfehle ich dazu das 3. Kapitel von Charles Eisensteins Buch “Ökonomie der Verbundenheit”, Geld und Geist.

Obwohl Libra nicht auf einer Blockchain basiert, gilt diese Kritik auch gerade dort.

Blockchains als mögliches Überwachungsinstrument

Im Zusammenhang mit dem Social Credit System in China ist mir klar geworden, dass Blockchains – entgegen der ursprünglichen libertären Absicht – sich insbesondere hervorragend als Infrastruktur zur totalen und totalitären Überwachung der Bevölkerung eignen. Deshalb habe ich in einem Beitrag die Blockchain als verteilten Big Brother bezeichnet.

Dazu gehört auch, dass die Blockchain de facto ihr Versprechen von Anonymität nicht halten kann, sondern eher noch ein Alptraum an Überwachbarkeit ist, denn es werden ja alle Transaktionen von allen für immer in der Blockchain gespeichert.

Wenn die Blockchain nichts taugt, was dann?

Nun habe ich hoffentlich genug deine Begeisterung für Blockchain- und Kryptowährungs-Technologien zerstört. Was empfehle ich stattdessen? Es gibt ja das ursprüngliche Versprechen, uns aus den Klauen von Banken und Finanzsystem zu befreien, ein Ziel, das mir durchaus sympathisch ist. Da ich nun aber den Standpunkt vertrete, dass sich soziale Probleme nicht durch Technik lösen lassen, fällt die Blockchain als Lösung dafür aus.

Die Mühen der Ebene: Gemeinschaffen

Übrig bleibt, uns als Menschen auf eine andere Art als im Kapitalismus sozial zu organisieren. Und da dürfte aufmerksamen Leserinnen meines Blogs nicht entgangen sein, dass Gemeinschaffen bzw. Commoning meine bevorzugte Lösung ist. Ja, das ist mühsam und lässt sich nicht so einfach auf 8 Milliarden Menschen skalieren. Doch wir sind als Menschen einfach viel reichhaltigere Wesen als das, was Informatikerinnen mit ihrer notwendigerweise beschränkten Denkweise erfassen können. Und das heisst auch, es bleibt spannend und herausfordernd.

Packen wir es an! Von Mensch zu Mensch, ganz ohne Blockchain.

Nachtrag vom 11.02.: Ein Argument von David Graeber hatte ich noch ganz vergessen. Der zeigt in seinem Buch Schulden. Die ersten 5000 Jahre, dass das Vorherrschen von Münzgeld gegenüber einer Kreditwirtschaft ein Anzeichen dafür war, dass Krieg herrschte. Denn Münzen lassen sich im Zweifelsfall auf ihren Metallgehalt prüfen und bilden dadurch einen Wertmaßstab, der unabhängig vom Vertrauen der Menschen untereinander gilt. Kryptowährungen funktionieren genauso. Graeber schreibt:

In der Geschichte Eurasiens können wir in den vergangenen 5000 Jahren beobachten, dass Phasen, die vom Kreditgeld beherrscht wurden, sich mit solchen abwechselten, in denen Gold und Silber dominierten – dann wieder wurde ein Großteil der wirtschaftlichen Transaktionen mithilfe von Edelmetallstücken abgewickelt, die von Hand zu Hand wanderten.

Was war die Ursache? Der bedeutendste Faktor war allem Anschein nach der Krieg. Edelmetallmünzen sind vorherrschend in Phasen, die von verbreiteter Gewalt geprägt sind. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Gold- und Silbermünzen unterscheiden sich durch ein herausragendes Merkmal von Kreditvereinbarungen: Sie können geraubt werden.

Das können Krypto-Guthaben auch, wie diverse Hacks von Kryptobörsen zur Genüge gezeigt haben. Graeber weiter:

Eine Schuld ist definitionsgemäß eine schriftliche Aufzeichnung wie auch eine Vertrauensbeziehung. Wer dagegen Gold und Silber im Austausch für ein Handelsgut akzeptiert, vertraut allein auf die Genauigkeit der Waage und die Qualität des Metalls. Er setzt auf die Wahrscheinlichkeit, ein anderer werde ebenfalls bereit sein, diese Metalle zu akzeptieren. In einer Welt, die von Krieg und der Bedrohung durch Gewalt beherrscht wird – und dies galt aller Voraussicht nach gleichermaßen für China zur Zeit der Streitenden Reiche, für Griechenland in der Eisenzeit und für Indien vor dem Maurya-Reich –, ist es offenkundig von Vorteil, wenn man Geschäfte möglichst einfach gestaltet. Dies war besonders wichtig, wenn man es mit Soldaten zu tun hatte. Denn Soldaten haben häufig Zugriff auf Beutegut, das zum großen Teil aus Gold und Silber besteht, und sie werden stets nach Mitteln und Wegen suchen, andere Dinge dafür einzutauschen, die das Leben angenehmer machen. Ein schwerbewaffneter umherziehender Soldat verkörpert aber geradezu ein unwägbares Kreditrisiko. Das Tauschmodell der Ökonomen mag absurd erscheinen, bezieht man es auf Transaktionen zwischen Nachbarn in einer kleinen agrarischen Gemeinschaft, wird aber plötzlich höchst sinnvoll bei Geschäften zwischen dem Bewohner einer solchen Gemeinschaft und einem vorüberziehenden Söldner.

Für lange Zeit in der Geschichte der Menschheit erfüllte ein Gold- oder Silberbarren, der mit einem Prägestempel versehen war oder auch nicht, dieselbe Rolle wie der mit unregistrierten Geldscheinen gefüllte Koffer eines modernen Drogenhändlers: ein Objekt ohne Vorleben und wertvoll, weil man wusste, es würde auch an anderen Orten im Tausch für andere Güter akzeptiert und niemand würde Fragen stellen.

Das gilt fast genauso für eine Krypto-Wallet – mit dem Unterschied, dass diese sehr wohl ein Vorleben hat. Graeber abschließend:

Während Kreditsysteme in Zeiten relativen sozialen Friedens vorherrschend sind oder auch in sozialen Netzen, die aus Vertrauensbeziehungen bestehen (unabhängig davon, ob diese vom Staat geschaffen wurden, oder, wie meist, durch internationale Einrichtungen wie Kaufmannsgilden oder Glaubensgemeinschaften), werden sie in Phasen, die durch langwierige kriegerische Auseinandersetzungen und Plünderungen gekennzeichnet sind, durch Edelmetalle abgelöst.

Zynikerinnen könnten zwar sagen, damit sind Kryptowährungen doch ideal für diese Zeit der failed States und des auseinanderbrechenden Imperiums. Ich setze lieber darauf, das Vertrauen in den kleineren & größeren menschlichen Gemeinschaften zu stärken, als mich aus Misstrauen gegen zusammenbrechende soziale Strukturen abzusichern, indem ich Kryptowährungen kaufe – und damit das Misstrauen noch verschärfe.

Nachtrag vom 13.02.: Da Renée Menéndez heute einen ausführlichen Kommentar geschrieben hat, verlinke ich im Gegenzug noch seinen Artikel über Bitcoin, in dem er darlegt, dass Bitcoin eben gerade keine Währung, sondern allerhöchstens eine digitale Sache ist. Wobei er unten in seinem Kommentar betont, dass ihm noch niemand zufriedenstellend erklären konnte, was ein Bitcoin denn nun tatsächlich ist.

Nachtrag vom 15.02.: Ich sollte wohl noch mal auf die grundlegende Tatsache hinweisen, dass einer Software zu vertrauen letztlich immer bedeutet, bestimmten Menschen zu vertrauen.

Nachtrag vom 16.02.: Folge 2 des Podcasts machtmenschmaschine geht zwar erst ab 52:18 (von insgesamt 59:45) überhaupt konkret auf Blockchain-Technologie ein. Die ganze Sendung ist aber philosophisch sehr hörenswert. Und der Podcast-Gast Prof. Dr. Andreas Kaminski kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass die Blockchain das Versprechen, Vertrauen zwischen Menschen überflüssig zu machen, nicht halten kann.

Im übrigen wird es dringend Zeit, dass ich mir endlich mal das Standardwerk von Niklas Luhmann über Vertrauen zu Gemüte führe.

Weiterer Nachtrag vom 16.02.: Das Weltwirtschaftsforum fährt voll auf Kryptowährungen ab – dann kann es ja nur gut sein!!1!

Nachtrag vom 20.02.: Lars Jaeger erläutert in seinem Blog, warum Bitcoin de facto gar keines seiner Versprechen einhalten kann – High-Tech-Spekulation auf Kosten von Umwelt und Rechtsstaatlichkeit – Die schmutzige Gier nach Bitcoins.

Nachtrag vom 14.03.: Fefe hat mal wieder einen epischen Blockchain-Rant. Kostprobe:

Was man bei diesen ganzen Versionswechseln bei Cryptocurrencies im Auge behalten darf: Die haben euch die ganze Zeit ins Gesicht gelogen, dass ihre Infrastruktur sicher sei, dass ihre Kryptografie so sicher ist, dass es keine Fehler und Angriffe mehr gibt und man das jetzt für ewig fortschreiben kann. Deshalb ist es so sicher, dass ihr da bedenkenlos euer Geld reinpumpen könnt.

Aber gleichzeitig haben sie ihre Lügen selbst so wenig geglaubt, dass sie bei Ethereum Landminen eingebaut haben in den Algorithmus, der nach einer Weile einfach komplett zum Stillstand kommt. Die haben also von vorneherein das Gegenteil gemacht als sie euch ins Gesicht gelogen haben. Nix ist da stabil. Das war nicht mal als stabil geplant!

Nachtrag vom 05.04.: Fefe zerstört in seinem neuesten Blockchain-Rant auch noch das Konzept von “Proof of Stake”. Damit bestätigt er meine Einschätzung davon:

Was heißt das konkret? Das ist eine Oligarchie. Und zwar eine selbstverstärkende Oligarchie, denn du kannst ja Gebühren pro Transaktionen kassieren, wenn du den Block auswählst, was dein Guthaben erhöht und damit deine Wahrscheinlichkeit beim nächsten Mal.

Oh und wer hat das meiste Guthaben? Na die, die von Anfang an dabei waren!

Kommt euch das bekannt vor? Von “Strukturvertrieben” und Schneeballsystemen zum Beispiel? Ja, das ist auch meine erste Reaktion, wenn ich das sehe. Das sieht aus wie ein riesiges Ponzi Scheme.

Nachtrag vom 15.04.: Da bleiben für mich keine Fragen mehr offen – Ehemaliger CIA-Vize: Bitcoin ist ein “Segen für die Überwachung”.

Nachtrag vom 11.05.: Jetzt fabulieren sie schon vom “Internet Computer” auf Blockchain-Basis… Na ja, wer’s braucht. ;-)

Nachtrag vom 08.06.: Das Neue Deutschland bezeichnet Blockchain als “codegewordenen Neoliberalismus”.

Nachtrag vom 11.06.: Ganz stimmt das oben zur Anonymität Gesagte nicht – es ist, mit (über- ?) proportional zum Ergebnis steigendem Aufwand, möglich, weitestgehend anonym zu bleiben. Einen Überblick gibt der Artikel How To Use Bitcoin Anonymously (das gilt ähnlich auch für andere Kryptowährungen). Inzwischen gibt es sogar, analog zu Mix-Kaskaden für E-Mail oder im Tor-Netzwerk, Bitcoin-Mixer. Ich zitiere aus letzterem Artikel:

Die Entstehung immer neuer Firmen, die Bitcoin-Transaktionen analysieren und auswerten hat uns große Sorge bereitet.

Das sind die oben genannten Big Data-Analysen von Blockchains.

Für solche Mixer gilt das Gleiche wie für alle anderen Mix-Kaskaden: Ich muss letzten Endes deren Betreiberinnen vertrauen, dass sie nicht die NSA sind. Und mit genügend Rechenpower werden auch die Analysen immer besser; es ist ein ständiges Wettrüsten.

Und wer weiss, welche Kryptobörsen in Wirklichkeit von Geheimdiensten betrieben werden?

Nachtrag vom 13.07.: We’re About to Witness the Great Cryptocurrency Reset. Wenn du das gelesen hast, bleiben keine Fragen mehr offen… Sein Fazit “Out of the tools we possess to rid the system of crony capitalism, crypto is still our best shot.” teile ich allerdings bekanntermaßen nicht.

Nachtrag vom 14.07.: Heute habe ich mal über die geistig-ideologischen Hintergründe der Blockchain-Technologie gebloggt.

Nachtrag vom 13.08.: Endlich komme ich mal dazu, die Chaosradio-Folge 269 “Blockchain, die” (der Titel ist Englisch zu lesen und auszusprechen) zu hören. Ich kann sie euch weiterempfehlen. Und wer bei den absoluten technischen Grundlagen einsteigen will, kann das bei Folge 169 “Bitcoins” tun. Übrigens rückt bei Bitcoin eine 51%-Attacke durch Bitmain in greifbare Nähe.