Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
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Libra: Facebook will noch mehr Welt zu Geld machen

2019-07-2

Die Ankündigung der globalen Kryptowährung Libra, die maßgeblich von Facebook entwickelt wird, hat mich so aus dem Kalten erwischt, dass ich erst jetzt eine Stellungnahme veröffentliche.

Zunächst für Uninformierte, die hinter Libra einen übermäßigen Energieverbrauch wie bei Bitcoin & Co. vermuten: Nein, Libra wird nur überschaubar wenig Energie verbrauchen, denn es verwendet kein Proof of Work, sondern zunächst die Zustimmung der Organisationen in der Libra Association, später dann Proof of Stake.

Gerade letzteres finde ich sogar ganz sympathisch, der Beginn der Umstellung auf genehmigungsfreien Betrieb ist spätestens in 5 Jahren geplant:

Diese Unterscheidung ist nicht nur aus technischer, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht wichtig: Genehmigungsfreie Systeme stellen geringe Hindernisse an Teilnahme und Innovation, widerstehen Zensurattacken und fördern einen gesunden Wettbewerb zwischen Infrastrukturanbietern (z. B. wer am Konsens teilnehmen kann) sowie Entwicklern von Anwendungen, die das Netzwerk nutzen. Da niemand andere Teilnehmer vom Markt ausschließen oder deren Transaktionen zensieren kann, können bei einem genehmigungsfreien System die Nutzer stärker darauf vertrauen, dass keine einzelne Partei einseitig die Regeln des Netzwerks zu ihrem Vorteil ändern kann. Im Grunde bedeutet ein genehmigungsfreies System, dass eine unwiderrufliche Entscheidung getroffen wurde, ein offenes Netzwerk zu betreiben, bei dem Änderungen nur implementiert werden können, wenn eine Mehrheit der Teilnehmer zustimmt.

Die Libra Association hat sich sogar direkt in ihre Statuten geschrieben, dass sie sich selbst perspektivisch überflüssig machen will:

Ein wichtiges Ziel der Libra Association ist eine im Laufe der Zeit zunehmende Dezentralisierung. Durch diese Dezentralisierung werden die Zugangshindernisse bei der Nutzung des Netzwerks sowie der Entwicklung möglichst geringgehalten, und das Libra-Ökosystem wird langfristig widerstandsfähiger. Wie oben beschrieben wird die Association eine Methode zur Umstellung auf genehmigungsfreie Verwaltung und Konsens im Libra- Netzwerk entwickeln. Das Ziel der Association ist es, innerhalb von fünf Jahren mit dieser Umstellung zu beginnen. Damit wird allmählich die Abhängigkeit von den Gründungsmitgliedern reduziert. Ebenso wird die Association versuchen, sich selbst als Verwaltungsorgan der Libra-Reserve weitestgehend überflüssig zu machen.

Damit endet meine Sympathie allerdings schon.

Der Kritikpunkt "das ist von Facebook" ist dabei für mich nebensächlich; zum einen, weil die Libra Association gezielt so gestrickt ist, dass Facebook dort keine besondere Rolle neben den anderen Partnern hat. Zum anderen ist es ja klar, dass Facebook ein wirtschaftliches Interesse an Libra hat durch die Integration in Facebook und WhatsApp – und damit kommen wir zu meinem eigentlichen Kritikpunkt, der sich in der Überschrift findet. Im Whitepaper steht, welches Ziel Libra verfolgt:

1,7 Mrd. Erwachsene weltweit sind nach wie vor vom Finanzsystem ausgeschlossen, haben also keinen Zugang zu einer herkömmlichen Bank, obwohl zwei Drittel von ihnen ein Mobiltelefon mit Internetzugang besitzen.

Darum geht es bei Libra – 1,13 bis 1,7 Milliarden zusätzliche Menschen ins globale Finanzsystem einzubinden, die bisher noch davon verschont geblieben sind (und das sind nur die Erwachsenen; Kinder & Jugendliche erwähnen sie wohlweislich nicht, obwohl sie es mit Sicherheit auch auf diese abgesehen haben). Und das ist das genaue Gegenteil von dem, was ich mit Charles Eisenstein anstrebe:

In der Zwischenzeit, bevor das gegenwärtige System zusammenbricht, wird alles, was wir tun, um eine natürliche oder soziale Ressource vor ihrer Umwandlung in Geld zu bewahren, sowohl den Kollaps beschleunigen als auch seine Härte abmildern. […]

Wir können uns an der bewussten, zweckmäßigen Geldvernichtung beteiligen, statt bei der unbewussten Geldvernichtung mitzumachen, die in einer kollabierenden Wirtschaft passiert. Wenn Sie noch Geld zu investieren haben, investieren Sie es in Unternehmungen, die explizit eine Gemeinschaft aufbauen, die Natur schützen und kulturelle Commons bewahren. Erwarten Sie eine finanzielle Null- oder Negativrendite für Ihre Investition – das ist ein gutes Zeichen dafür, dass Sie nicht unbeabsichtigt noch mehr Bereiche dieser Welt in Geld umwandeln. Ob Sie Geld zu investieren haben oder nicht, Sie können auch das zurückfordern, was ausverkauft wurde, indem Sie Schritte heraus aus der Geldökonomie unternehmen.

Insofern stimmt mich Facebooks Libra-Initiative sehr traurig, denn sie dürfte den Zusammenbruch der Megamaschine noch weiter hinauszögern & damit die Fallhöhe noch mal deutlich erhöhen.

Und es gilt natürlich auch für Libra, was ich in Vertrauen vs. Blockchain schrieb:
Die Blockchain-Technologie wurde entwickelt, um Vertrauen zwischen Menschen überflüssig zu machen.

Schliesslich, wenn sie schon eine Kryptowährung durch andere Werte decken, dann könnten sie doch statt mit schnöden bestehenden Landeswährungen "unsere Währung mit Öl decken, das noch in der Erde lagert, mit Gold, das noch unter dem Berg liegt, und mit unberührten Wäldern". Auch das werden sie wohl leider nicht tun…

Nachtrag vom 16.07.: Norbert Häring schreibt gegen Libra – Der Weg zur totalitären Silicon-Valley-Weltwährung.

Nachtrag vom 18.07.: Facebook sagt Schweizer Standards zu – und überrumpelt damit die Datenschützer in Bern.

Nachtrag vom 11.09.: Die Schweizer Finanzbehörde hat sich zu Libra geäußert. Kurz gesagt: "schaun mer mal…"

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