Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
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Der Markt kann die Coronakrise nicht bewältigen

2020-05-8

Das sieht man an allen Ecken und Enden ganz deutlich. Die aktuelle Anstalt zeigt es im Bereich des Gesundheitssystems.

Zu diesem Beitrag hat mich Miki Kashtan inspiriert, die im 2. Beitrag ihrer "Apart and together"-Reihe genau darüber schreibt: Addressing Needs beyond Market Economies.

One of the things that the coronavirus appearance, and the ensuing pandemic it caused, opened up is the possibility of exposing this incapacity of the market to attend to need. If the market were able to attend to needs, there wouldn’t have to be any governmental mobilization anywhere, because it would happen by itself through the mechanism of the “invisible hand.” And yet in country after country, governments are initiating actions that would be unheard of before, including re-nationalizing services, mobilizing war-like production, and considering cash payments to those in need or to everyone. That it’s happening is showing us in stark terms that, left to its own devices, the market cannot attend to needs. This is not an accident or an aberration; it’s exactly the inherent logic of how markets operate to make it impossible to move resources to where needs are, except through mechanisms, such as state intervention or individual and community gifting, that operate outside the market logic.

Das habe ich gleich zu Beginn meines Wirtschaftsstudiums gelernt: Der Markt nimmt Bedürfnisse als solche gar nicht wahr, sondern nur, wenn sie mit Kaufkraft gekoppelt als Nachfrage auftreten.

Miki Kashtan begründet in ihrem Artikel, warum ein Markt grundsätzlich gar nicht in der Lage ist, echte Bedürfnisse zu befriedigen:

There is no flow of care. The needs, by themselves, don’t create any movement. If anyone has a need and doesn’t already have resources they can exchange for the specific resources they need, their need will simply go unattended, while those with massive amounts of resources continue to accumulate.

Sie geht auf die Einhegung der Allmende ein, die regelrecht zwischen Markt & Staat eingequetscht wurde in den letzten Jahrhunderten. Damit sind echte Alternativen zu Markt & Staat weitgehend undenkbar geworden:

I want to bring awareness to a far-reaching consequence of both the issue itself and the obscuring of it that current economic theory does: the possibility of alternatives that are neither market-based nor centrally planned. This disappearance is one of the less understood ways in which the current social order perpetuates and reproduces itself. Instead of seeing the entire spectrum of fully deregulated markets to fully planned economies as different mixes of the same fundamental logic, we are trained to see them as opposing logics in battle with each other; a battle we all must be part of and out of which there is no exit.

Dass Markt & Staat untrennbar zusammen gehören, habe ich zuerst bei Paul C. Martin gelernt. Die Voluntaristen sind da zwar anderer Meinung, die ist m.E. aber nicht haltbar.

Zurück zu Miki, die darauf hinweist, wie in der Erzählung des Kapitalismus der Staat im Markt unsichtbar wird:

One reason is that the image of “the invisible hand” makes it appear as if everything is flowing freely, with little to no control. The relationship between the market and the state, and specifically the utter dependence of the market on the existence of a solid state, is made invisible.

Allerdings gibt es da diese eine Stelle bei David Graeber, die sich mir ins Gedächtnis eingebrannt hat, über die islamischen Händler in Malakka im Mittelalter:

Legendär ist das Vertrauen, das sich unter den Händlern im großen malaiischen Umschlaghafen Malakka, dem Tor zu den indonesischen Gewürzinseln herausbildete. In der Stadt gab es ein arabisches, ein ägyptisches, ein äthiopisches, ein armenisches Viertel, außerdem Zonen für die Angehörigen des Swahili-Sprachraums und für Händler aus verschiedenen Regionen Indiens, Chinas und Südostasiens. Diese Händler lehnten, soweit wir wissen, einklagbare Verträge ab und besiegelten ihre geschäftlichen Vereinbarungen lieber mit "einem Handschlag und einem Blick hinauf zum Himmel".

Miki Kashtan nennt in ihrem Text zwei echte Alternativen zum kapitalistischen Markt-Staat, nämlich die Schenkwirtschaft und das Gemeinschaffen:

Beyond any comparison of the extreme ends of an uneasy alliance between markets and states, or even assessments of what may be optimal points within the existing logic, I want to come back to the basic reality that alternatives do exist. Two basic forms that such alternatives take are gifting and what David Bollier calls “commoning,” namely the activity of being part of a commons. Gifting is the flowing of resources towards needs through direct action. Commoning is the sharing of resources that happens when a community engages with resources together, collaboratively, through ongoing agreements.

Sie hält entsprechend nichts von zwangsweise umverteilen.

Was haben Schenken und Gemeinschaffen gemeinsam? Sie bewegen sich jenseits der Tauschlogik:

Although gifting and commoning are very different practices, they both exit – in full – the logic of exchange and accumulation that’s foundational to the market. Gifting is a unilateral movement of resources from where they exist to where they are needed, resulting in unconditional giving on one end being uncoupled from unconditional receiving on the other end. Commoning is a set of agreements between people in relation to resources they hold in common about how they will access and distribute those resources to attend to their needs without depleting the common resources.

In dem Zusammenhang erinnere ich an Christian Siefkes:

Eine postkapitalistische Gesellschaft muss sich um andere Ziele drehen – solange der Profit noch das allgemeine Ziel ist, kann man sich sicher sein, noch im Kapitalismus zu leben. Wenn sich die Bedürfnisse der Menschen in Zukunft allerdings einem ganz anderen, aber ebenso willkürlichen Ziel unterordnen müssten, wäre wenig gewonnen. Ein echter Bruch, eine allgemein lebenswerte Gesellschaft, setzt vielmehr voraus, dass das Überleben, die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen – und zwar aller Menschen! – selbst zum allgemeinen Zweck der gesellschaftlichen Organisation werden, statt nur Mittel für einen anderen Zweck zu sein.

Miki bezieht sich übrigens viel auf Genevieve Vaughan, deren Buch For-Giving schon seit Monaten angefangen bei mir rumliegt, weil ich die Sprache einfach unheimlich sperrig finde.

Im Zusammenhang mit der regenerativen Kultur hatte ich Wirtschaften als das Füreinander-sorgen definiert; da kann Miki Kashtan auf jeden Fall mitgehen.
Sie geht beim Thema Commoning natürlich auf Elinor Ostrom ein, die herausgearbeitet hat, dass Gemeinschaffen in erster Linie durch Beziehungen geprägt ist:

Her works established that commons are relationships, not resources: People engage with the resources of what they hold in common as a community, in relationship with the resource. The community cares for the resource as part of caring for themselves and each other: they all know that the long term wellbeing of all depends on this fuller, deeper caring.

Wie kommen wir also von Markt & Staat weg?

if we want to exit the market, exchange-based, extractive economy, we must rebuild relationships and return to a focus on attending to needs, including the most elemental and physical.

Sie geht dann noch auf das vermeintliche Bedingungslose Grundeinkommen in Spanien ein, das aber im Endeffekt gar keins ist. Allerdings hat die erneute Petition von Susanne Wiest an den Bundestag über 170.000 Stimmen bekommen, und die Petition für ein Notfall-Grundeinkommen für die EU läuft noch (bei ebenfalls schon über 170.000 Stimmen). Das Thema bleibt also spannend.

Nachtrag vom 20.05.: Inmitten der Coronakrise hat sich das Netzwerk Oekonomischer Wandel (NOW) gegründet:

Anders Wirtschaften jetzt!

Corona- und Klimakrise machen die Absurdität des jetzigen Systems für viele offensichtlich.
Diese Situation ist eine historische Chance
für eine grundlegende Neuausrichtung von Wirtschaft und Gesellschaft.
Sie ermöglicht neu zu fragen, wie wir leben wollen.
Gute Antworten sind da.

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