Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
« Wenn du es eilig hast, dann gehe langsamer Reinkarnation revisited »

Vipassana - 10 Tage schweigen, auch innerlich

2015-04-6

Heute beginnt die vierteilige Reihe über die theoretischen Aspekte von Vipassana. Natürlich werden auch meine direkten Erfahrungen darin einfließen, in Reinform habe ich davon schon letzte Woche berichtet.

Die wichtigste Grundregel eines 10-Tage-Kurses ist die edle Stille bzw. das edle Schweigen, worunter möglichst vollständiges Einstellen jeglicher Kommunikation mit anderen Kursteilnehmern zu verstehen ist. Über das reine nicht miteinander sprechen geht es noch hinaus, auch z.B. Augenkontakt soll vermieden werden. Die strikte Trennung in Männer- & Frauenbereiche gehört dazu. Dass letzteres sehr sinnvoll ist, hat ein Freund von mir live erfahren in einem Kurs ohne diese Geschlechtertrennung: er sei einer attraktiven, vollbusigen Frau gegenüber gesessen, was ihn den ganzen Effekt des Kurses gekostet hat...
Wozu das Ganze? Vipassana findet in einer möglichst abgeschiedenen Umgebung statt, um möglichst viele Umweltreize abzuschirmen. Man beobachtet die Empfindungen im eigenen Körper, und das geht um so besser, je weniger Ablenkung von aussen kommt.

Selbst bei gar keiner äusseren Ablenkung bleibt dann immer noch die innere Ablenkung in Form von umherschweifenden Gedanken. Aus diesem Grund habe ich mich bei meinem zweiten Kurs gezielt darauf konzentriert, mich auch innerlich zum Schweigen zu bringen. Das ist erheblich schwerer, als einfach nichts zu sagen.
Don Juan Matus nennt es den inneren Dialog abstellen:

"Ich sagte dir ja, der innere Dialog ist das, was uns begründet", meinte Don Juan. "Die Welt ist so oder anders beschaffen, nur weil wir uns vorsagen, dass sie so oder anders beschaffen ist."
Don Juan erklärte nun, dass der Weg in die Welt der Zauberer sich erst öffne, nachdem der Krieger gelernt habe, seinen inneren Dialog abzustellen.

Und weiter im Ring der Kraft:

"Denk daran", fuhr er fort, "die Welt erschliesst sich uns nicht unmittelbar! Dazwischen steht die Beschreibung der Welt. Genaugenommen sind wir also stets einen Schritt weit von ihr entfernt, und unsere Erfahrung der Welt ist stets eine Erinnerung an die Erfahrung. Immerfort erinnern wir uns an den Augenblick, der soeben geschehen und vorüber ist. Wir erinnern, erinnern, erinnern uns."

Da die Aufgabe darin besteht, die Empfindungen im Körper direkt zu beobachten, führt schon der Versuch, sie zu benennen, davon weg.

Als Ludwig Wittgenstein seinen berühmten Satz formulierte "die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", ist er ein Stück über das Ziel hinausgeschossen. Denn es gibt jenseits der Sprache durchaus eine gigantische, magische Welt. Die Prozessorientierte Psychologie arbeitet mit einem Modell von drei Ebenen der Wirklichkeit:

Wirklichkeitsebenen

Der "kleinste gemeinsame Nenner" ist also die Konsensrealität, das, was wir im Wachzustand üblicherweise als "die Wirklichkeit" bezeichnen. Diese ist eingebettet in das Traumland, eine subtilere Form von Realität, die sich uns beispielsweise in den nächtlichen Träumen zeigt, aber auch in seltsamen Zufällen, Körpersymptomen und vielem anderen. Dazwischen existiert keine klare Grenze, es schleicht sich sowohl Traumhaftes in das "normale" Wachleben ein, ebenso wie im Traumland Elemente der Konsensrealität vorkommen. Alle beide sind sie in der Essenzebene enthalten, die, wenn wir genau hinspüren, -schauen oder -lauschen, hinter allem hindurchschimmert. Manche nennen es das klare Licht.
Die Begriffe in Klammern stammen aus der integralen Theorie Ken Wilbers und bezeichnen die drei wesentlichen Bewusstseinszustände.

Damit fallen sowohl die Prozessarbeit als auch die integrale Theorie unter die magischen Paradigmata nach der Einteilung von Peter Carroll im Liber Null:

Die meisten magischen Paradigmata gehen von einem Gesamtuniversum aus, das sich aus drei Realitäten zusammensetzt.

Erste Realität
Die Leere, Chaos, Ain Soph Ur, Gott, das Himmlische, Universum B, das Meon, das Pleroma oder Plenum, Mummu, das Nagual, die Archetypische oder Formative Welt, die 5. Dimension, das Kosmische Bewußtsein, das Hologramm, die Nacht des Pan, Hyperraum, Akausalität, der Quantenbereich

Zweite Realität
Die Äther oder der Astral, Wahrscheinlichkeit, die Götter, Morphogenetische Felder, die Schattenwelt, die Seite, der Wind, das Astrallicht, Potentia, Aura, Mittlere Natur

Dritte Realität
Die Physische oder Materielle Welt, Malkuth, Universum A, das Tonal, die 4. Dimension, der Leib Gottes, der Halograph, Kausalität

Um nun zurück zu Wittgenstein zu kommen: In dem Wort Konsensrealität steckt der Konsens. Es ist die Wirklichkeit, über die wir uns geeinigt haben, eben einen Konsens hergestellt. Dass dieser dabei nie 100%ig ist, zeigt die verschwommenen Grenzen zum Traumland. Und um uns zu einigen, müssen wir miteinander sprechen. Ich ergänze Wittgensteins Satz deshalb zu

Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Konsensrealität.

Dabei besteht der Konsens nicht nur zwischen Menschen, sondern es gibt auch in jedem einzelnen einen Konsens: Das, worüber ich mir mit mir selbst einig bin. Ob etwas blau, türkis oder grün ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Trotzdem wird jeder einzelne Mensch in diesem Punkt für sich meistens eine eindeutige Antwort finden.

Sprache umfasst dabei nicht nur die gesprochene Sprache, denn Gehörlosen steht diese z.B. nicht zur Verfügung. Ein Vortrag an der RWTH Aachen zeigt, dass "Denken in Gebärdensprache" anders funktioniert als "Denken in gesprochener Sprache". Im Klartraumforum gibt es einen interessanten Thread dazu. Aus diesem Grund verstehe ich unter dem "inneren Dialog" im Sinne Don Juans allgemein das Denken in Begriffen.

Wie zu erwarten war, ist es mir immer nur für kurze Momente gelungen, den inneren Dialog ganz abzustellen & in der Welt der Erscheinungen zu surfen. Durch diese Erfahrungen habe ich auch beschlossen, dass ich es gar nicht erstrebenswert finde, "ganz im Jetzt" zu sein. Denn das bedeutet, sich an überhaupt nichts zu erinnern, denn alles, woran wir uns erinnern, ist nicht Jetzt, sondern schon vergangen. Dennoch möchte ich darauf nicht verzichten. Wie ich schon im Beitrag über die Zeit schrieb, macht die Erinnerung ja den roten Faden der Geschichten aus, die wir uns erzählen.

Zugleich ist es immer wieder eine gute Übung, sich daran zu erinnern, dass alles "Wissen" nur Einbildung ist und sich die Wirk-lichkeit im Jetzt immer ganz neu entfaltet. Deshalb binde ich zum Abschluss dieses Beitrags die wunderbar vorgetragene Wolke des Nichtwissens ein:

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