Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
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Martin Luther King: Von einer "sachorientierten" Gesellschaft zu einer "personorientierten" Gesellschaft

2016-01-22

Diesen Montag war Martin Luther King Day, und durch einen Kommentar von Glenn Greenwald von 2013 bin ich auf Kings Rede Beyond Vietnam (auf deutsch: Jenseits von Vietnam) vom 4. April 1967 gestoßen. Wenn du Englisch verstehst, dann hör dir die Rede im Original an & lese sie mit, die Aufnahme hat ein paar Macken.
King bezeichnet in seiner Rede die US-Regierung als den größten Gewaltausüber in der heutigen Welt und begründet damit, warum für ihn das Engagement gegen den Krieg untrennbar verbunden ist mit sozialer Gerechtigkeit:

Als ich mit den verzweifelten, ausgestoßenen und zornigen jungen Menschen marschierte, habe ich ihnen gesagt, dass Molotow-Cocktails und Gewehre ihre Probleme nicht lösen würden. Ich habe versucht, ihnen mein tiefstes Mitgefühl und meine Solidarität zu bezeugen, gleichzeitig aber meine Überzeugung aufrechtzuerhalten, dass gesellschaftliche Veränderungen am sinnvollsten durch gewaltloses Handeln herbeigeführt werden. Aber sie fragten, und das mit Recht: Und was ist denn mit Vietnam los? Sie fragten, ob unsere Nation denn nicht massive Gewalt anwendet, um ihre Probleme zu lösen, um die Veränderungen herbeizuführen, die sie wünscht. Diese Fragen trafen mich tief. Und ich wusste, dass ich niemals wieder meine Stimme gegen Gewalttaten der Unterdrückten in den Gettos erheben könnte, bevor ich nicht eindeutig den größten Gewaltausüber in der heutigen Welt angeredet habe, und das ist meine eigene Regierung. Um dieser Jungen willen, um dieser Regierung willen, um der Hunderttausende willen, die unter unseren Gewaltakten zittern, kann ich nicht schweigen.

Und weiter:

Nun sollte es völlig deutlich sein, dass niemand, dem die Lauterkeit und das Leben Amerikas heute am Herzen liegt, an dem gegenwärtigen Krieg vorbeigehen kann. Wenn die Seele Amerikas völlig vergiftet wird, so muss ein Teil der Autopsie Vietnam heißen. Amerika kann niemals zur Genesung kommen, solange es die tiefsten Hoffnungen von Menschen in der ganzen Welt zerstört.

Übrigens war die Rede für mich sogar eine kleine Geschichtsstunde, denn ich habe durch sie erfahren, dass die USA nach 1945 die ehemalige Kolonialmacht Frankreich im Indochinakrieg massiv finanziell unterstützt haben, Vietnam zu rekolonialisieren. Der Vietnamkrieg hatte also eine lange Vorgeschichte der Unterdrückung.

King dazu:

Unsere Regierung war der Meinung, dass das vietnamesische Volk für die Unabhängigkeit noch nicht "reif" sei, womit wir wieder einmal ein Opfer jener tödlichen westlichen Arroganz wurden, die die internationale Atmosphäre so lange vergiftet hat.

Und bis heute vergiftet, möchte ich da hinzufügen.

King geht dann über Vietnam hinaus allgemein darauf ein, warum Gewaltfreiheit so wichtig ist:

Hier wird die eigentliche Bedeutung, die Unentbehrlichkeit des Erbarmens und des gewaltlosen Handelns sichtbar, weil sie uns helfen, den Standpunkt des Gegners zu verstehen, seine Fragen zu hören und zu lernen, wie er uns einschätzt. Von seiner Sicht der Dinge aus können wir vielleicht die grundlegende Schwäche unserer eigenen Position erkennen. Und wenn wir wirklich reif sind, können wir aus den Einsichten der Brüder, die man die Opposition nennt, Gewinn ziehen und, von ihnen lernend, wachsen.

Durch diese Rede ist mir erst wirklich klar geworden, wie groß Martin Luther Kings Vision, wie groß sein Traum war. Er reichte weit über Bürgerrechte für Schwarze hinaus.

Denn der Krieg in Vietnam ist nur ein Symptom einer viel tiefer liegenden Erkrankung des amerikanischen Geistes. Wenn wir diesen ernüchternden Tatbestand ignorieren, wird sich zeigen, dass wir noch in der nächsten Generation alle möglichen "Pfarrer- und Laien-Protestkomitees" organisieren müssen. Sie werden dann über Guatemala und Peru besorgt sein. Sie werden sich um Thailand und Kambodscha, Mozambique und Südafrika Gedanken machen. Wir werden für diese und für ein Dutzend andere Namen marschieren, ohne Ende Versammlungen besuchen, es sei denn, ein grundsätzlicher tiefer Wandel tritt in Leben und Politik Amerikas ein. Solche Erwägungen führen uns über Vietnam hinaus, aber nicht über unsere Berufung, Söhne des lebendigen Gottes zu sein. Ein einsichtiger amerikanischer Beamter in Übersee sagte im Jahre 1957, er habe den Eindruck, unser Volk stehe auf der falschen Seite einer weltweiten Revolution. Wir haben in den letzten 10 Jahren die Entstehung einer neuen Unterdrückungsmethode beobachten können, die jetzt zur Begründung der Anwesenheit amerikanischer Militär-"Berater" in Venezuela führt. Die Notwendigkeit, zur Sicherung unserer Investitionen den gesellschaftlichen Status quo aufrechtzuerhalten, erklärt die konterrevolutionäre Aktion amerikanischer Streitkräfte in Guatemala. Das erklärt auch, warum amerikanische Hubschrauber gegen Guerillas in Kolumbien eingesetzt werden und warum amerikanisches Napalm und Elitetruppen bereits gegen Rebellen in Peru eingesetzt wurden.

[…]

Ich bin davon überzeugt, dass unser Volk eine radikale Revolution der Werte vornehmen muss, wenn es sich auf die richtige Seite der Weltrevolution stellen will. Wir müssen schnell damit anfangen, von einer "sachorientierten" Gesellschaft zu einer "personorientierten" Gesellschaft zu kommen. Wenn Maschinen und Computer, Profitbestrebungen und Eigentumsrechte für wichtiger gehalten werden als die Menschen, dann wird die schreckliche Allianz von Rassenwahn, Materialismus und Militarismus nicht mehr besiegt werden können.

Dass er diese "radikale Revolution der Werte" eingefordert hat, hat ihn wohl das Leben gekostet. Immerhin wurde er exakt ein Jahr nach dieser Rede ermordet.

Eine echte Revolution der Werte wird uns bald dazu bringen, dass wir die Redlichkeit und Berechtigung mancher unserer vergangenen und gegenwärtigen politischen Maßnahmen in Frage stellen. Gewiss ist es unsere Verpflichtung, die Rolle des barmherzigen Samariters für alle diejenigen zu übernehmen, die am Wege liegen geblieben sind. Aber das ist nur ein Anfang. Eines Tages müssen wir begreifen, dass die ganze Straße nach Jericho geändert werden muss, damit nicht fortwährend Männer und Frauen geschlagen und ausgeraubt werden, während sie sich auf ihrer Lebensreise befinden. Wahre Solidarität ist mehr als die Münze, die man dem Bettler hinwirft; sie ist nicht so zufällig und gedankenlos. Sie kommt zu der Einsicht, dass ein Haus, das Bettler hervorbringt, umgebaut werden muss. Eine echte Revolution der Werte wird den schreienden Gegensatz von Armut und Reichtum sehr bald mit großer Unruhe betrachten. Sie wird nach Übersee blicken und mit gerechter Empörung darauf hinweisen, dass einzelne Kapitalisten des Westens riesige Geldbeträge in Asien, Afrika und Lateinamerika investieren, nur um zu verdienen und ohne Interesse an sozialen Fortschritten in jenen Ländern, und sie wird ausrufen: "Das ist ungerecht." Eine Revolution der Werte wird unser Bündnis mit den Großgrundbesitzern in Lateinamerika durchschauen und feststellen: "Das ist ungerecht." Ungerecht ist auch die westliche Überheblichkeit, die meint, dass sie den anderen alles beibringen kann und von ihnen nichts zu lernen hat. Eine wirkliche Revolution der Werte wird den Status quo selbst beseitigen und vom Kriege sagen: "Dieser Weg zur Lösung von Spannungen ist nicht recht." Diese Art von Beschäftigung, menschliche Wesen mit Napalm zu verbrennen, die Häuser unserer Nation mit Waisen und Witwen zu füllen, giftigen Hass in die Adern von Menschen zu spritzen, die normalerweise sich ganz menschlich verhalten, Männer von finsteren und blutigen Schlachtfeldern, körperlich verkrüppelt und seelisch aus dem Gleichgewicht gebracht, nach Hause zu senden, diese Beschäftigung kann nie und nimmer mit Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe in Einklang gebracht werden. Ein Volk, das seit Jahren mehr Geld für militärische Verteidigung als für den Ausbau sozialer Reformen ausgibt, gerät in die Nähe des geistlichen Todes.

Da möchte ich hinzufügen, eine EU, die mehr Geld für Grenzzäune als für den Ausbau sozialer Reformen ausgibt, gerät ebenfalls in die Nähe des geistlichen Todes.

Und bei diesem Absatz

Amerika, das reichste und mächtigste Land der Welt, könnte bei dieser Revolution der Werte durchaus führend sein. Nichts, außer dem unseligen Wunsch nach Selbstvernichtung, könnte uns an einer Neuordnung unserer Prioritäten hindern, welche eben die Vorbereitung auf den Frieden über die Vorbereitung auf den Krieg stellt. Nichts kann uns davon abhalten, die widerspenstigen Verhältnisse so lange mit unseren wunden Händen umzuformen, bis wir ihnen die Gestalt der Brüderlichkeit gegeben haben.

kann ich in der Sprache der Prozess- und Weltarbeit sagen: mögen die USA doch endlich mal ihren Rang als Weltmacht einnehmen! Wie ich im Beitrag über Mikroaggressionen und Rang schrieb:

Unbewusster Rang ist die Haupt-, wenn nicht sogar die einzige Ursache für Konflikte.

Die größte Weltmacht trägt eben auch die größte Verantwortung, diese Welt so mit zu gestalten, dass sich alle anderen darin entfalten können. Wird sie dieser Verantwortung nicht gerecht, nimmt sie ihren Rang nicht ein, dann werden andere sie angreifen, durchaus auch mit Waffen, als "Terroristen". Für die EU gilt das gleichermaßen und hat sich ja zuletzt in Paris gezeigt. Und Deutschland tut sich besonders schwer, seinen Rang als Wirtschaftsmacht einzunehmen, und führt statt dessen einen Export-Weltkrieg gegen den Rest der Welt. Wie King damals sagte:

Wir leben in einer revolutionären Zeit. Auf der ganzen Erde erheben sich die Menschen gegen die alten Systeme der Ausbeutung und Unterdrückung, und aus dem Schoß einer gebrechlichen Welt erwachsen neue Systeme der Gerechtigkeit und der Gleichheit. Die barfüßigen und hemdlosen Bauernmassen der Dritten Welt erheben sich, wie sie es nie zuvor getan haben. "Das Volk, das in der Finsternis sitzt, sieht ein großes Licht." Wir im Westen müssen diese Revolutionen unterstützen. Es ist eine traurige Tatsache, dass die westlichen Nationen, die den revolutionären Geist der modernen Welt recht eigentlich begründeten, aus Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit, krankhafter Angst vor dem Kommunismus und der Neigung, Ungerechtigkeiten als unvermeidlich hinzunehmen, nun zu Erz-Antirevolutionären geworden sind. Aus dieser Entwicklung schließen viele, dass nur der Marxismus revolutionären Geist hat. Der Kommunismus ist deshalb ein Gericht über unser Versagen, eine wirkliche Demokratie zu schaffen und die revolutionäre Entwicklung voranzutreiben, die wir begründeten. Unsere einzige Hoffnung besteht heute darin, dass wir von diesem revolutionären Geist wieder ergriffen werden und in eine oft feindselige Welt hinausgehen, um der Armut, dem Rassismus und dem Militarismus den Kampf anzusagen.

Mit diesem Absatz schliesse ich und verweise dazu passend auf den Film Planetary:

Eine echte Revolution der Werte meint in letzter Konsequenz, dass unsere Treueverpflichtungen weltweit werden müssen, nicht regional beschränkt bleiben dürfen. Jede Nation muss jetzt eine sich über alle Schranken hinwegsetzende Verpflichtung gegenüber der Menschheit als Ganzem entwickeln, um die optimalen Möglichkeiten in ihrem eigenen Bereich bewahren zu können. Dieser Ruf zu einer weltweiten Gemeinschaft, der die Sorge für den Nachbarn über die Rassen-, Klassen- und Nationalzugehörigkeit hinaushebt, ist in Wirklichkeit der Ruf nach einer allumfassenden und bedingungslosen Liebe für alle Menschen.

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