Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
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Spiel des Lebens in China

2018-02-12

Vor kurzem habe ich Marc-Uwe Klings neuestes Buch QualityLand gelesen. Beim Lesen habe ich deutlich weniger gelacht als bei der Känguru-Trilogie, & zwar vor allem, weil mir das Lachen allzuoft im Halse stecken blieb. Die Aussichten von QualityLand liegen nämlich allesamt gar nicht weit weg vom heutigen Zustand.
Erschreckend deutlich wird mir das am Beispiel Gamification: In QualityLand bekommen alle Menschen ein Level zugewiesen, das von ihrer Herkunft & allem was sie tun & lassen abhängt, vor allem auch davon, mit welchen anderen Menschen sie befreundet sind. Nun ist mir der taz-Artikel Im Reich der überwachten Schritte begegnet, der Chinas Social Credit System beschreibt. Das habe ich zum Anlass genommen, mir nun doch den Vortrag darüber beim 34C3 anzuschauen, und es ist echt gruselig:

Natürlich musste ich auch gleich an den Beitrag Eine Spielshow namens Kapitalismus denken (dort findet Ihr auch die Erklärung der Überschrift "Spiel des Lebens in China"). Allerdings waren die darin beschriebenen Mittel der sozialen Kontrolle noch sehr grobschlächtig und auch nicht flächendeckend.

Um auf China zurückzukommen – man kann die Entwicklung dort nicht verstehen, ohne sich mit dem Konfuzianismus zu befassen. Deshalb habe ich mir zuerst mal den Wikipedia-Artikel darüber durchgelesen. Darin heisst es u.a.:

Weil Konfuzius' Meinung nach die Ordnung durch Achtung vor anderen Menschen und Ahnenverehrung erreichbar sei, erhielten Anstand und Sitte sowie kindliche Pietät die wichtigste Stellung im praktischen Leben. Kinder sollen die Ahnenverehrung fortsetzen, weswegen Kinderlosigkeit als großes Unglück gilt. Die Summe aller Tugenden ist die wirkliche Menschlichkeit (chin. 仁 ren). Sie allein zeigt, wer innerhalb der Ordnung loyal, gerecht und ehrlich handelt.

Wer dem Anstand und der Sitte entsprechend lebt – also der Etikette, den Riten und der Sitte nach – und sich für die Ahnen aufopfert, verändert sich allein dadurch zum Guten. Das löst einen Dominoeffekt aus, der auf seine Mitmenschen und schließlich den gesamten Kosmos wirkt, was die eigentliche Urordnung wiederherstellt. Das heißt:

  • Verhalte ich mich korrekt, ist die Familie in Harmonie.
  • Wenn die Familien in Harmonie sind, ist es auch das Dorf.
  • Sind die Dörfer in Harmonie, ist es auch die Provinz.
  • Sind die Provinzen in Harmonie, dann ist es auch das Reich.
  • Sind die Reiche in Harmonie, dann ist es auch der Kosmos.

Deswegen soll der Mensch auch stets das Gemeinwesen und das Staatsinteresse im Auge haben.

Eine höchst anerisische Angelegenheit, dieser Konfuzianismus.
Der Artikel über Li (禮, Pinyin: lǐ) führt aus:

Konfuzius trat für eine vornehme Manier ein, bei der man sich immer bewusst bleibt, welche Personen höher oder niedriger gestellt sind als man selbst. Er war davon überzeugt, dass die höchste soziale Ordnung zu erreichen sei, wenn man in der feudalistischen Gesellschaft seinen Rang genau kenne. Die Riten gaben, wie sie in den konfuzianischen Klassikern beschrieben sind, klare Anleitungen, welches Verhalten vom individuellen Menschen erwartet wurde, und zwar abhängig von seiner Rolle und seinem Rang in der feudalistischen Gesellschaft.

Da ist so ein Social Credit System nur die logische Konsequenz, wenn man diese Weltsicht mit den technischen Möglichkeiten kombiniert. Allerdings hätte Konfuzius selbst ein solches System wohl nur als eine Krücke aufgefasst:

Für das Regieren wird auf zwei Mechanismen zurückgegriffen: die moralische Vorbildfunktion des Herrschers und ein System aus Strafen und Anreizen. Die moralische Vorbildfunktion des Herrschers wird dabei klar bevorzugt. Ist der Herrscher gut, so Konfuzius, dann folgen seine Untertanen ihm ohne jede Androhung von Strafe. Wenn er hingegen selbst unmoralisch handelt, wird auch der Staat zwangsläufig in Chaos verfallen. Moralisch zu handeln bedeutet dabei in erster Linie, sich gemäß seinem Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie zu verhalten. Gleichzeitig gesteht Konfuzius sich ein, dass nicht alle Menschen allein durch die moralische Vorbildfunktion des Herrschers geführt werden können. Als zusätzliches Regierungsinstrument werden für einen Teil der Bevölkerung daher Anreize und Strafen befürwortet. Diese haben aber einen untergeordneten Stellenwert und sollten soweit möglich durch moralisches Vorbild ersetzt werden. Sie werden auch als weit weniger effektiv angesehen, da die Bevölkerung ohne moralisches Vorbild nur versuchen werde, die Strafen zu vermeiden, ohne den moralischen Grundsatz zu verinnerlichen.

Interessant ist allerdings, dass der Konfuzianismus schon früh auch in China selbst kritisiert wurde und wird. Welchen Stellenwert er heute dort einnimmt, kann ich schwer einschätzen. Katika Kühnreich spricht in ihrem Vortrag davon, dass er seit den 80er Jahren wohl wieder erstarkt, während er in der Kulturrevolution unterdrückt wurde. Das betont sie auch noch mal im Interview mit Radio Corax.

Der Wert von Privatsphäre ist offensichtlich kulturabhängig. Deshalb zum Schluss noch ein Satz aus dem Konfuzianismus-Artikel:

Während die Aufklärung stark auf die Freiheit des einzelnen Individuums abstellt, zielt der Konfuzianismus auf die Rolle jedes Einzelnen im gesamtgesellschaftlichen Beziehungsnetzwerk ab.

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