Neues Jahr, neue Linux-Distribution: Artix
Leute, ich habe ein Déjà-vu. Im November 2007 hatte ich hier schon mal unter dem Titel Gentoos schwer wiegende Nachteile geschrieben
Dieses Kompilieren nimmt dermassen viel Zeit (& Festplattenplatz) in Anspruch, dass ich fast sagen kann mein Notebook ist hauptsächlich damit beschäftigt, das System auf dem aktuellen Stand zu halten. Was das selber kompilieren an Beschleunigung beim Ausführen der Programme bringt, steht in keinem Verhältnis zum Aufwand für das Kompilieren selber.
Genau das gleiche erlebe ich nun wieder. Das weitaus dickste Paket ist inzwischen allerdings Chromium, dessen komprimierter (!) Quelltext über ein Gigabyte groß ist (chromium-143.0.7499.109-linux.tar.xz hat 1088 MB). Ich sage ja, Komplexität ist der Feind…
Damals fiel meine Wahl für eine Gentoo-Alternative ja auf Arch Linux, und der einzige Grund, warum ich von Arch wieder auf Gentoo umgestiegen war, ist systemd. Das kommt mir nämlich nicht in die Tüte.
Nun gibt es aber schon länger einen Ableger von Arch Linux namens Artix Linux, dessen Slogan lautet
The Art of Linux
Simple. Fast. Systemd-free.
S6 als Init-System
Statt systemd bietet Artix 4 verschiedene Init-Systeme zur Auswahl:
Da habe ich mich nach einiger Recherche und vor allem, nachdem ich mir diesen Vortrag über S6 angesehen hatte, dafür entschieden.
Ich bin immer noch dabei, mich in die Details von S6 einzufuchsen, es macht bisher einen ganz guten Eindruck.
LXQt als Desktopumgebung
Unter Gentoo hatte ich die letzte Zeit ja LXDE als Desktopumgebung benutzt. Das wird aber nicht mehr aktiv weiterentwickelt, die aktulle Version ist noch aus dem Jahr 2021.
Deshalb habe ich die Gelegenheit genutzt, mit der Linux-Distribution auch die Desktopumgebung zu wechseln, und nutze nun LXQt, was da gar nicht so weit von weg ist. Es gefällt mir gut, auch weil die Bastelei mit tabbed und st entfällt – das QTerminal hat sich bisher als stabil und zuverlässig erwiesen.
Linux Zen-Kernel
Bei der Installation stand ich dann vor der nächsten Entscheidung, nämlich welchen Kernel ich nehmen soll. Linux gibt es ja in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Ich habe mich für den Zen-Kernel entschieden und bin bisher zufrieden. Die Kurzbeschreibung sagt darüber:
Zen Kernel is a fork of Linux that applies out-of-tree features, early backports, and fixes, that impact desktop usage of Linux.
Sound mit Pipewire
Ebenfalls Neuland habe ich dadurch betreten, dass LXQt (zumindest unter Artix Linux) auf PipeWire als Soundserver setzt. Um PulseAudio habe ich ja bewusst einen großen Bogen gemacht, weil das wie systemd von Lennart Poettering entwickelt wurde. PipeWire bildet eine Alternative zu PulseAudio und ist sogar dazu kompatibel.
Das hat u.a. den großen Vorteil, dass der Signal Desktop-Client unter Artix wieder funktioniert. Bei Gentoo hatte ich nämlich apulse benutzt, um Programmen das Vorhandensein von PulseAudio vorzutäuschen, die das unbedingt erwarten. Signal ist eines dieser Programme.
Seit dem Update auf Version 7.73 funktioniert der Signal Desktop-Client allerdings nicht mehr mit apulse. Das kann mir jetzt aber egal sein, da Pipewire ja ein vollwertiger PulseAudio-Ersatz ist, in dem Lennart Poettering nicht seine Finger drin hat.
ConnMan als Netzwerkmanager
Eine weitere Neuerung für mich ist, dass ich der Empfehlung von Artix Linux gefolgt bin, meine Netzwerkverbindungen mit ConnMan zu verwalten. Auch da fuchse ich mich noch ein, das Wesentliche läuft aber schon mal.
Erster Gesamteindruck von Artix Linux
Ansonsten werde ich hier nicht im Detail beschreiben, was ich alles wie installiert und konfiguriert habe. Es hat sich jedenfalls als sehr hilfreich erwiesen, dass ich auf dem iMac, den wir für Videokonferenzen benutzen (keine Panik, da läuft MX Linux drauf, also auch freie Software ohne systemd), schon mal Artix probeinstallieren konnte.
Im März 2007 hatte ich schon über meinen damaligen Wechsel von Ubuntu zu Gentoo Linux geschrieben:
Im Gegensatz zur Ubuntu-Linux-Distribution, die die Menschlichkeit zwar als hehres Ziel ganz gross raushängen lässt, gibt Gentoo den BenutzerInnen ganz praktisch die Mittel an die Hand ihr System zu durchschauen – denn Einfachheit führt meistens zur Entmündigung wenn es sich um etwas so Komplexes wie ein Betriebssystem handelt.
Dieser Philosophie folge ich nach wie vor, auch mit Arch Linux in der Zwischenzeit. Insofern muss ich darauf hinweisen: wer es mir nachmachen will und auch Artix Linux installieren, hat eine gewisse Lernkurve vor sich. Das gehört dazu.
Im übrigen bin ich erstaunt, dass mein Rechner mit Artix erheblich flüssiger und schneller reagiert als die letzten Jahre mit Gentoo. Mal sehen ob das anhält.
Nun werde ich so nach & nach noch die letzten Ecken & Kanten abschleifen, die sind allerdings eh nicht gravierend. Wie ich schon im Jahr 2014 anlässlich des Wechsels weg von Arch Linux zurück zu Gentoo geschrieben hatte:
Der Punkt ist aber: Ich will mit meinem Rechner tatsächlich arbeiten. Das heißt, ich will Dinge damit machen, die nicht den Rechner selbst zum Inhalt haben.
Das konnte ich zuletzt unter Gentoo immer schlechter.