Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
« Aufhören, Gegner zu sein Stell dir vor, es ist Wahl, und niemand geht hin »

Die Opportunitätskosten des Opportunitätskostenkalküls

2014-05-13

Die Überschrift wirkt auf die meisten von euch, die keine Ökonomen oder WiWi-Studierende sind, bestimmt abschreckend. Das dahinter stehende Konzept ist aber einfach zu verstehen, also nicht verzagen, sondern weiterlesen! :-)

Dieses Semester hadere ich ohnehin schon mit Mikroökonomie, nachdem ich nun ne ganze Woche + Montag nicht da war, hatte ich einiges nachzuholen. Anlässlich dessen habe ich mir mehrere Bücher ausgeliehen, u.a. Ferry Stockers Spaß mit Mikro. Praktische Mikroökonomik für (ver)zweifelnde Studierende in der 6. Auflage. Das Buch ist ziemlich cool, um in das volkswirtschaftliche Denken hineinzukommen. U.a. auch dafür studiere ich ja Wirtschaftswissenschaften.
Allerdings sind mir inzwischen auch die Unzulänglichkeiten dessen noch mal deutlicher geworden.

Ferry Stocker geht in seinem Buch von den Opportunitätskosten aus, die mit jeder Entscheidung verbunden sind. Was ist das? Nun, schlicht der Nutzen, der mir dadurch entgeht, dass ich mich nicht für etwas anderes entschieden habe. In Stockers Worten:

Die Opportunitätskosten der konkreten Verwendung knapper Mittel (eben auch und gerade von Zeit) bestehen im entgangenen Gewinn der bestmöglichen Alternative.

Er zeigt an unzähligen Beispielen, wie man im Alltag bei Entscheidungen aller Art die Opportunitätskosten berücksichtigt (bzw. berücksichtigen könnte). Er schreibt weiter:

Das Opportunitätskostenkalkül zwingt zu einem besonders aufmerksamen Umgang mit unseren Ressourcen, denn es sagt, dass uns jede getroffene (Verwendungs-) Entscheidung etwas kostet. Nämlich den Verzicht auf jene Alternativen, die dann nicht mehr zugänglich sind.

Es handelt sich bei diesem berechnenden Denken um das des berühmt-berüchtigten homo oeconomicus, des rationalen Nutzenmaximierers.

Und es bleibt etwas Wesentliches auf der Strecke, wenn wir immer weitere Bereiche des Lebens diesem Kalkül unterwerfen: Das Heilige, das Magische, das Träumen. Und am Ende die Freiheit.
Charles Eisenstein hat sein Buch sehr bewusst Sacred Economics genannt – wörtlich übersetzt Heilige Wirtschaft.

Das Leben ist nicht nur nützlich. Wenn wir andere Menschen unter dem Aspekt ihres Nutzens für uns betrachten, dann be-nutzen wir sie, wie ich schon in Nutzen, Be-nutzen, Verlangen und Abneigung schrieb. Durch das Opportunitätskostenkalkül bleiben also auch unsere Beziehungen auf der Strecke, und zwar sowohl die zu anderen Menschen als auch die zu unserer Um-Welt, in der wir leben.

Damit befasst sich Andreas Weber in seinen beiden Büchern "Alles fühlt" und "Biokapital", über die ich zu gegebener Zeit noch mehr hier schreiben werde. Einen kurzen Einblick gibt sein Artikel Es gibt keine Trennung.

Seit dem vorletzten Seminar meiner Prozessarbeits-Ausbildung bin ich großer Fan des freien Akts. Das ist ein Handeln, eine Entscheidung, die keinen Nutzen verfolgt, sondern ich tue es einfach so.
Aus ökonomischer Sicht also völlig irrational. Aber genau darin äußert sich die individuelle Freiheit, die eben gerade nicht modelliert werden kann, weil sie sonst keine Freiheit wäre.

Überhaupt ist Prozessarbeit nicht mit rationalem Nutzenkalkül zu vereinbaren, denn es liegt in der Natur der Sache, dass ich das Ergebnis des Prozesses vorher nicht kenne. Aus der Haltung der Tiefen Demokratie heraus, die allen Aspekten der Wirklichkeit den gleichen Respekt entgegenbringt, kann ich nicht nach meinem privaten Nutzen fragen. Das würde die meisten Aspekte, Rollen und Wesen verdrängen und unterdrücken, weil sie mir oberflächlich betrachtet "nicht nützen". So gesehen handelt der homo oeconomicus vollständig aus Vorurteilen heraus, die er auch gar nicht überprüft, sondern als gegeben hinnimmt.

Im ersten Schritt ist es gar nicht notwendig, mit dem Nutzenmaximieren komplett aufzuhören. Fragen wir doch erst mal, wo "mein Nutzen" überhaupt aufhört und ob er wirklich mit "deinem Nutzen" in Konkurrenz stehen muss. Je mehr "ich" "mein" Bewusstsein erweitere, um so mehr erkenne ich, dass "dein Nutzen" untrennbar mit "meinem Nutzen" verbunden ist und dass auch dein Schaden mein Schaden ist. Die Illusion des Getrenntseins ist der Kern des Übels.
Und wenn wir die durchschaut haben, können wir dann auch mit dem Berechnen aufhören und einfach leben!

Im Zustand des Flow gehen Menschen völlig in ihrer Tätigkeit auf, was auch beinhaltet, dass sie währenddessen keinerlei Opportunitätskosten berechnen. Dabei ist dieser Zustand auch ökonomisch sehr produktiv. Der rationale Nutzenmaximierer tut also gut daran, im Sinne seines Nutzens auch mal eine Pause vom Nutzenmaximieren einzulegen...

Für das Schlusswort eignet sich keiner besser als Don Juan Matus, der im "Ring der Kraft" zu Castaneda sagt, als er diesem seine Lehrmethode offenbart:

"Zusammen mit dem 'Richtigen Gehen'", fuhr Don Juan fort, "muß der Lehrer eine andere, noch schwierigere Fähigkeit lehren, nämlich die Fähigkeit, zu handeln, ohne zu glauben, ohne Belohnung zu erwarten – einfach drauflos zu handeln."

Update vom 15.08.: Philip Roscoe hat ein Buch zum Thema geschrieben, dessen Titel wesentlich eingängiger ist als die Überschrift hier: Rechnet sich das? Wie ökonomisches Denken unsere Gesellschaft ärmer macht.

Update vom 27.01.2016: Im Wikipedia-Artikel zur Psychopathie habe ich gerade folgenden Absatz entdeckt:

Die relative Dominanz von Psychopathen in der Ökonomie sind keine Einzelfälle, sondern strukturell bedingt: Wird das diagnostische Instrumentarium auf das herrschende Menschenbild der Volkswirtschaftslehre, das Modell des sogenannten homo oeconomicus angewandt, so erfüllt dieses die Kriterien für die Diagnose „Psychopathie“. Die Basis der Wirtschaftheorie bildet damit faktisch ein homo psychopathicus.

Siehe dazu auch die dunkle Triade: "Eine Conclusio aus allen dreien ergibt, dass sie alle egoistisch sind und ihr eigenes Wohl über das der anderen erheben." Die englische Wikipedia hat einen ganzen Artikel über Psychopathy in the workplace.

Update vom 30.03.2016: Jon Rappoport haut in seinem Artikel Updated: the stimulus-response Empire in die gleiche Kerbe:

Individuals come to think that “effective” and “instrumental” and “efficient” are more important than anything else.

Keep building, keep expanding, keep consolidating gains—and above all else, keep organizing.
Such notions and thought-forms replace life itself.

At that point, the civilization is doomed. It may take a thousand years to fall, or it may happen all at once. But it’s finished.

The individual creative-force has gone into hibernation. It’s over.

The Machine has come to the fore. All questions are now about how the individual sees himself fitting into the structure and function of The Machine.

Vergleiche auch den Artikel Ausstieg aus der Megamaschine in der aktuellen oya. Kostprobe:

Doch sobald solche Bewegungen aus der Nische herauskommen, nimmt auch der Gegenwind zu. Denn der Weg zu einer wirklich gemeinwohlorientierten, zukunftsfähigen Ökonomie ist kein Win-Win-Spiel. Ihn zu gehen, bedeutet, mächtigen Interessen zu trotzen und Eigentumsverhältnisse infrage zu stellen. Die meisten Menschen in den Städten sind zum Beispiel gezwungen, im Hamsterrad der Akkumulation zu arbeiten, um die Mieten zu bezahlen, die eine Clique von Immobilienhaien und Fonds einstreicht, um das Rad der Finanzmärkte weiterzudrehen. Eine ernsthafte Transformation ist nicht ohne Änderung der Eigentumsverhältnisse denkbar. Das gleiche gilt für den Kampf um eine dezentrale Energiewende, um andere Formen der Mobilität, um Ernährungssouveränität, um patentfreie Produkte, um unsere Wasser- und ­Gesundheitsversorgung.

Wobei ich ja nicht müde werde zu betonen, dass das nur aus der engen Ego-Perspektive kein Win-Win-Spiel ist; wenn alle Beteiligten ihr Bewusstsein erweitern, dann schon. Die mächtigen Interessen sehe ich allerdings sehr wohl.
Um wieder auf den Ausgangspunkt, den homo oeconomicus, zurückzukommen, lasse ich noch mal Jon Rappoport zu Wort kommen:

The elite future is stimulus-response. It’s based on the premise that humans are inherently (biologically) programmed to be dangerous and the programming must change. In other words, a better Pavlovian dog must be created.

Stimulus-response has been the guiding principle of elite rule since the dawn of history. The priest-class searches for the most effective inputs it can find, which in turn will produce the desired responses from the population.

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