Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
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Stell dir vor, es ist Wahl, und niemand geht hin

2014-05-11

Ich bin nicht frei und kann nur wählen,
welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen.

Was Ton Steine Scherben in ihrem Klassiker Keine Macht für Niemand besingen, trifft auf die bevorstehende Europawahl zu wie auf jede Wahl in einer Repräsentativen Demokratie. Und wie man z.B. im YouTube-Kanal von Karl Pitz gut nachvollziehen kann, ist die EU eine besonders undemokratische Demokratie.

Aber auch ganz unabhängig von der EU lautet die Grundsatzfrage: wählen gehen oder nicht? Schauen wir uns dazu mal an, was das eigentlich bedeutet. Du hast da so einen Wahlzettel vor dir mit einer Liste von Kandidaten und Parteien, aus denen du eineN auswählst, indem du dein Kreuzchen machst.
Mit diesem Kreuz signalisierst du zwei Dinge:

  1. zum einen, dass du grundsätzlich bereit bist, dich von irgendwelchen Leuten auf dieser Liste regieren, d.h. beherrschen zu lassen
  2. zum anderen, dass du dich am liebsten von denen beherrschen lässt, bei denen du dein Kreuzchen gemacht hast

Falls du mit Punkt 1 nicht einverstanden bist, dich also von niemandem beherrschen lassen willst, dann darfst du konsequenterweise nicht wählen gehen. Denn andernfalls legitimierst du mit deiner Stimme die Herrschaft des staatlichen Organs, das gerade diese Wahl veranstaltet.

Um es noch mal deutlicher zu sagen:
Mit dem Kreuzchen auf dem Wahlzettel wählst du nicht nur eine bestimmte Partei und deren Vertreter, sondern du wählst auch Polizei, Militär, Gefängnisse, Geheimdienste und Steuern. Und was sonst noch so mit dem Herrschaftssystem Staat zusammenhängt.

Die Juristen sprechen in dieser Hinsicht eine klare Sprache, sie definieren Staat nämlich als die Kombination von Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt. Anders ausgedrückt: Ohne Gewalt kein Staat. Der Umkehrschluss gilt zwar nicht, aber die Abwesenheit eines Staates ist schon mal notwendige Bedingung für eine Gesellschaft ohne Gewalt.

Zur Überschrift: Wenn tatsächlich niemand zur Wahl gehen würde, dann hätte der Staat (im aktuellen Fall die EU) ein Problem, nämlich ein Legitimationsproblem. FreiwilligFrei sagt im Beitrag Wählen ist ein Gewaltverbrechen:

Wenn sich niemand oder nur sehr wenige an einer Wahl beteiligen, dann kann der Staat nicht behaupten, im „Namen des Volkes“ zu handeln. Ohne das Schutzschild, das ihm die Wähler geben, könnte sich eine Regierung auf niemand anderen beziehen als auf sich selbst. Die Menschen in der Regierung und in den ausführenden Organen müssten alles, was sie tun, in eigenem Namen tun und persönlich die Verantwortung für alle Konsequenzen übernehmen.

Falls sich jetzt beim Lesen Widerstand regt in der Richtung, dass unsere heutige Demokratie doch allemal besser ist als die Diktaturen und Monarchien der Geschichte & anderswo auf diesem Planeten, dann sage ich: ja, aber es reicht mir noch nicht. Ich bin nicht zufrieden mit dem Status quo, den wir hierzulande erreicht haben. Und ich werde zumindest so lange auch nicht zufrieden sein, wie immer noch eine Staatsgewalt über mich herrscht.

Solltest du damit einverstanden sein, dich regieren zu lassen, dann bin ich als Anarchist der letzte, der dich vom Wählen abhält. Das einzige, was ich tun kann, ist, auf die Konsequenzen hinzuweisen, die den meisten nicht bewusst sind.

Übrigens: vom ungültig wählen halte ich ebenfalls nichts, weil das dem System schon wieder viel zu viel Energie gibt. Immerhin bringt dich der Staat in dem Fall dazu, in ein Wahllokal zu gehen und auf diese Art deine Nicht-Zustimmung auszudrücken. Außerdem erreicht diese Nicht-Zustimmung nur einen verschwindend geringen Teil der Bevölkerung, nämlich im Zweifel nur diejenigen, die deine Stimme auszählen. Und was in der Statistik als ungültige Stimmen zusammengefasst ist, ist eine Mischung von Protest gegen die vorherrschenden Parteien bei grundsätzlicher Zustimmung zum Staat, tatsächlicher Ablehnung desselben sowie Verpeiltheit/Dummheit. Da ist es wesentlich effektiver, so wie ich hier im Internet oder in anderen Medien sich zu äußern.

Also lasst euch nicht ins Bockshorn jagen, wenn jetzt aus allen Ecken wieder die "Demokratenpflicht" ertönt:

Vor jeder Wahl drängen die Politiker deshalb darauf, dass die Menschen zur Wahl gehen und nicht zu Hause bleiben. Eine geringe oder gar keine Wahlbeteiligung ist für sie das Schreckgespenst, vor dem sie sich fürchten. Das Schlimmste, was ihnen passieren kann, ist die persönliche Verantwortung für alle ihre Handlungen selbst übernehmen zu müssen.

Update: Ich gehe noch kurz auf "wahltaktische" Argumente ein, dass man doch das kleinere Übel wählen möge, um das größere Übel zu vermeiden. In diesem Modus laufen heutzutage faktisch alle Wahlen ab: die Leute wählen das geringere Übel. Aber damit wählen sie immer noch ein Übel!! Und Taktik ist ein Begriff aus dem Krieg. Das sagt doch wohl schon alles.

3 Responses to Stell dir vor, es ist Wahl, und niemand geht hin

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3 Comments

  • Ein schwacher Artikel in meinen Augen, selbstverständlich will ich kurz begründen.

    Sich regieren lassen, heißt ein meinen Augen nicht sich beherschen lassen. Ich bin Wähler und habe bei weitem nicht das Gefühl, dass ich mich nicht frei entfalten kann. Um Ordnung in einer Gesellschaft zu haben, braucht man eine Ordnung, die diese durchsetzt. Wenn wir dahin kommen, dass jeder tun und lassen kann, was er will, dann gute Nacht. Wenn Anarchismus regiert, dann haben wir Zustände wie aktuell in der Ukraine oder Somalia. Denn auf die Abwesenheit eines Staates folgt Gewalt. Das wollen selbst (rational denkende) Anarchisten nicht, versprochen!
    Du lässt ebenfalls die Konsequenzen des Wählengehens unausgesprochen im leeren Raum schweben. Also?
    Mit einem Kreuz auf dem Wahlzettel signalisiere ich eher, dass ich für Werte einstehe von denen ich denke, dass sie der Gemeinschaft an Menschen in einem Wahlgebiet gut tun. Das können Anarchisten nicht von sich behaupten!

    #1325 | Comment by Hoger Holgersen am Mai 11, 2014 06:39pm
  • Lieber Holger, da gehe ich doch direkt drauf ein. Weder in Somalia noch in der Ukraine leben die Menschen in Anarchie. Anarchie ist eine herrschaftsfreie Gesellschaft, und in den genannten Ländern kann man wohl eher von Gewaltherrschaft, mindestens aber von undurchsichtigen Herrschaftsverhältnissen sprechen.
    Und dass auf die Abwesenheit des Staates automatisch Gewalt folgt, ist ein Glaubenssatz, den ich an deiner Stelle mal hinterfragen würde.

    Die Konsequenzen des Wählengehens habe ich doch hinreichend aufgeführt...

    Im übrigen ist Freiwilligkeit einer meiner höchsten Werte, falls das noch nicht deutlich genug wurde. Und genau diesen Wert würde ich durch das Kreuz auf dem Wahlzettel, mit dem ich diesen Staat bzw. die EU legitimiere, verraten. Aus genau dem gleichen Grund halte ich dich wiederum nicht davon ab, zu wählen wen immer du willst. Das ist deine Entscheidung.

    Noch eine Frage zum Schluss: Was verstehst du unter "sich regieren lassen", wenn nicht sich beherrschen lassen?

  • Guten Tag Herr Ollech, habe mal wieder die Zeit gefunden in ihren Blog zu schauen :-)

    Über die Sache mit dem Wählen habe ich mir auch schon Gedanken gemacht und bin heute der Meinung, dass wir einfach zu sehr auf das Ergebnis (Die Wahl) und nicht auf das Entscheidende, den vorherigen Prozess schauen.

    Entscheidend sind die 4 Jahre zwischen den Wahlen, die Wahl selbst ist tatsächlich (fast) egal. Ohne Engagement zwischen den Wahlen, zementiert ein Wahlergebnis nur das, was ist. Wenn die Leute nicht vorher den Hintern hochkriegen und nach der Wahl (trotz 80% Wahlbeteiligung) jammern "Es ändert sich nix", tja, dann sind sie selbst schuld. Der Focus/Appell auf "Du musst wählen gehen" ist falsch. Richtig ist: "Du musst dich engagieren/recherchieren/diskutieren".

    Ich habe mir mal überlegt, wie groß eigentlich der Unterschied zw. einem Konzept ist, das bei Menschen "zündet", und einem Konzept das man sofort wieder wegen persönlicher Irrelevanz vergisst.

    Man stelle sich vor, jemand bekommt vom lieben Gott die Chance, sein Konzept jede Woche 1.000 Menschen vorzutragen (z.B. reist er deutschlandweit von Vortragsraum zu Vortragsraum). Klingt erst mal ganz gut, oder? Jede Woche zu 1.000, immer wieder neuen Menschen über sein Konzept sprechen. Wie viele Menschen erreicht man in seinem Leben? 50.000 im Jahr, 500.000 in 10 Jahren und ca. 5 Millionen in einem Menschenleben. Das heißt, man müsste ca. tausend Jahre alt werden, um vor jedem Menschen in Deutschland einmal zu sprechen.

    Und jetzt kommt das gleiche Spiel mit einem Konzept das "zündet". Wieder am ersten Tag 1.000 Menschen und weil die so begeistert sind, erzählen sie abends ihren Freunden davon... Sie wissen worauf ich hinauswill. Jetzt ist der Erfolg des Konzeptes nicht mehr aufzuhalten, man braucht nur wenige Vorträge und wenige Jahre. Übrigens reichen schon ganz Wenige in dem Vortragsraum aus, die anfangen Extern darüber zu sprechen, es müssen nicht alle Tausend sein. Typischer Lawineneffekt, den ein lineares "Jede Woche 1.000 Menschen" nie erreicht. Ein "exponentielles Mem" sozusagen, dass sich stärker ins Bewusstsein vorarbeitet als andere exponentielle Meme und natürlich erst recht viel stärker als lineare Meme.

    (Dieses Bespiel macht natürlich keinen Unterschied zw. "gut" und "böse", die Leute können auch begeistert dem größten Unsinn hinterherrennen.)


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