Eckhart Tolle und das Fühlen

Gestern habe ich das Buch Eine neue Erde von Eckhart Tolle durchgelesen. Gehört hatte ich von ihm schon vor Jahren, aber erst dieses Jahr war es so weit, dass ich etwas von ihm gelesen habe. Dabei hatte ich mich für Eine neue Erde entschieden, weil es da nicht nur um das jeweils individuelle Bewusstsein geht, sondern vor allem um die menschheitliche Entwicklungsperspektive.

Das Buch ist wirklich ein Erlebnis, es wirkt beim Lesen. Und dabei erfährt man nichts wirklich Neues, vielmehr erinnert das Buch daran, wer wir wirklich sind. Ich kann es wirklich sehr empfehlen, und heutzutage gibt es das Buch auch günstig antiquarisch.

Nur an einem Punkt war ich beim Lesen irritiert, und zwar, wenn es um “negative Gemütsregungen wie Wut, Angst, Hass, Groll, Unzufriedenzheit, Neid, Eifersucht usw.” geht. Die fasst er pauschal als “Negativität” zusammen.

Und in diesem Punkt geht Vivian Dittmar einen entscheidenden Schritt weiter. Sie entlarvt diese Bewertung bestimmter Gefühle als “negativ” als einen weiteren Ausdruck des Ego. Wie sie in der Einleitung ihres Buches Gefühle & Emotionen. Eine Gebrauchsanweisung schreibt:

Jeder von uns kann lernen, mit seinen Empfindungen nicht nur zurechtzukommen, sondern sie als innere Kräfte zu erschließen. Auch die sogenannten negativen Gefühle werden dann nicht mehr als Hindernis zu Glück und Wohlbefinden erfahren, sondern offenbaren sich vielmehr als Schlüssel zu wirklicher Ganzwerdung.

In meiner Wahrnehmung hat sich an dem Punkt noch ein Rest Ego bei Eckhart Tolle eingeschlichen, und zwar sein männliches Ego. Darüber schreibt er selber im Abschnitt “Der kollektive weibliche Schmerzkörper”:

Natürlich haben auch Frauen ein Ego, aber das Ego kann in der männlichen Form schneller Wurzeln schlagen und wachsen als in der weiblichen. Das liegt daran, dass Frauen sich weniger mit ihrem Verstand identifizieren als Männer. Sie sind mehr mit ihrem inneren Körper und der Intelligenz des Organismus verbunden, wo die intuitiven Fähigkeiten ihren Ursprung haben.

Insofern ist es kein Wunder, dass mit Vivian Dittmar hier eine Frau den blinden Fleck des Mannes Eckhart Tolle ausleuchtet. So weit sind die beiden gar nicht auseinander, und interessanterweise trifft Vivian Dittmar dabei eine Unterscheidung, die Eckhart Tolle unterlässt: sie unterscheidet zwischen unmittelbar in einer Situation entstehenden Gefühlen und aus früheren Erlebnissen übrig gebliebenen, unverarbeiteten Emotionen:

Als Emotionen bezeichne ich akkumulierte, angestaute und unerlöste Gefühle. Diese können rein – also als reine Wut, Angst, Trauer, Freude und Scham – oder auch vermischt auftreten. Sogenannter emotionaler Schmerz ist auf große Mengen angestauter Emotionen zurückzuführen. Emotionen sind Gefühle, die nicht gefühlt und daher auch nicht als Kräfte eingesetzt wurden.

Eckhart Tolle spricht in dem Zusammenhang vom Schmerzkörper, wozu Vivian Dittmar emotionaler Rucksack sagt. Auf den Schmerzkörper bzw. emotionalen Rucksack bezogen stimmt das, was Eckhart Tolle schreibt. Allerdings schüttet er das Kind mit dem Bade aus, wenn er Wut, Angst usw. pauschal als “negativ” bewertet. Das ist ja genau das, was das Ego so gerne tut, wie er an anderer Stelle selber beschreibt:

Das Denken isoliert Situationen oder Ereignisse und nennt sie gut oder schlecht, als hätten sie ein Eigenleben. Wenn man sich total auf das Denken verlässt, wird die Wirklichkeit fragmentiert.

An einer Stelle definiert er Emotionen so:

Eine Emotion hingegen ist eine durch Denken ausgelöste Körperreaktion.

Dem stimmt Vivian Dittmar zu, wobei sie Emotion durch Gefühl ersetzt, denn Emotionen sind in ihrem Verständnis wie gesagt aufgestaute alte Gefühle. Jedenfalls liegt ihr zufolge jedem Gefühl ein Gedanke, genauer gesagt sogar eine Bewertung bzw. Interpretation zugrunde:

  • Wut: “Das ist falsch”
  • Trauer: “Das ist schade”
  • Angst: “Das ist furchtbar”
  • Freude: “Das ist richtig”
  • Scham: “Ich bin falsch”

Diese Bewertungen sind wichtig für uns insofern, als wir kein reiner Geist sind, sondern in die Welt der Erscheinungen inkarniert, in der es gewisse Regeln & Gesetze gibt und auch Gefahren, die unsere lebendige Form bedrohen können. Wir sind eben auch Tiere, die zunächst überleben wollen. Dabei helfen uns unsere Gefühle.

Lange vor Vivian Dittmar hatte mir mit Safi Nidiaye eine weitere Frau geholfen, mit meinen Gefühlen umzugehen. Ihr Buch Herz öffnen statt Kopf zerbrechen steht immer noch in meinem Regal.

Bei ihrer Körperzentrierten Herzensarbeit geht es auch darum, die eigenen Gefühle zunächst mal zu fühlen, so wie sie sind, ohne irgendetwas mit ihnen zu machen. Und Safis besonderer Hinweis ist, was ich fühle in meinem Herzen aufzunehmen.

Das Herz kommt mir bei Eckhart Tolle auch etwas zu kurz, was vielleicht miteinander zusammenhängt.

Das ist allerdings wie gesagt das Einzige, was mich an Eine neue Erde irritiert hat, davon abgesehen finde ich das Buch echt super!