Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
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Krishnamurti über Beziehung

2012-08-25

Heute lasse ich Jiddu Krishnamurti sprechen, wieder mal auch als Erinnerung für mich selbst:

Rundfunkansprache Krishnamurtis Colombo, 22. Januar 1950

Handeln hat nur eine Bedeutung innerhalb von Beziehungen, und ohne die Beziehung zu verstehen, kann das Handeln, gleich auf welcher Ebene, nichts anderes als Konflikt verursachen. Das Verstehen der Beziehung ist unendlich viel wichtiger als die Suche nach irgendeiner Methode des Handelns. Eine Ideologie oder ein Programm als Grundlage des Handelns verhindern das eigentliche Handeln. Handeln, das auf einer Ideologie basiert, beeinträchtigt das Verstehen der zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Ideologie mag links oder rechts, religiös oder weltlich orientiert sein, sie wirkt sich unweigerlich negativ auf die Beziehung aus. Das Verstehen der Beziehung ist das wahre Handeln. Ohne die Beziehung zu verstehen, sind Zwietracht und Feindseligkeit, Krieg und Verwirrung unvermeidlich.

Beziehung bedeutet Kontakt, Verbundenheit. Es kann keine Verbundenheit geben, wo Menschen durch Ideen getrennt sind. Ein Glaube kann vielleicht eine Gruppe von Menschen zusammenführen. Eine solche Gruppe wird unvermeidlich Widerstand herausfordern, aus dem sich dann eine andere Gruppe mit anderen Glaubensinhalten bildet.

Ideen verzögern die direkte Beziehung zu dem Problem. Nur durch eine solche direkte Beziehung kommt es zum Handeln. Doch leider gehen wir alle mit den Vorentscheidungen und Erklärungen an ein Problem heran, die wir Ideen nennen. Sie sind ein Mittel, um das Handeln zu verzögern. Eine Idee ist ein formulierter Gedanke. Ohne das Wort, das Symbol, das Bild ist kein Denken möglich. Das Denken ist der Widerhall von Erinnerung und Erfahrung, die konditionierende Einflüsse sind. Diese Einflüsse stammen nicht nur aus der Vergangenheit, sondern auch aus der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart. So überschattet die Vergangenheit stets die Gegenwart. Die Idee ist die Antwort der Vergangenheit auf die Gegenwart, und deshalb ist die Idee immer begrenzt, wie umfassend sie auch sein mag. Deshalb können sich Ideen nicht anders als trennend auf die Menschen auswirken.

Die Welt stand schon immer am Rand einer Katastrophe, aber jetzt scheint sie unmittelbar davor zu stehen. Wenn wir die Katastrophe herannahen sehen, nehmen die meisten von uns Zuflucht zu Ideen. Wir glauben, dass diese Katastrophe, diese Krise durch eine Ideologie abgewendet werden kann. Ideologie ist immer ein Hindernis für die direkte Beziehung, denn sie verhindert das Handeln. Wir wollen Frieden nur als eine Ideal nicht als eine Realität. Wir wollen Frieden nur auf der verbalen Ebene, einer Ebene des Denkens, die wir stolz als die intellektuelle bezeichnen. Aber das Wort "Frieden" ist nicht Frieden. Frieden kann nur sein, wenn die Verwirrung endet, die Sie und andere stiften. Wir hängen an der Welt der Ideen und nicht am Frieden. Wir suchen nach neuen sozialen und politischen Leitbildern und nicht nach Frieden. Wir sorgen uns um die Versöhnung angesichts der Auswirkungen des Krieges und nicht darum, seine Ursache zu beseitigen. Diese Suche wird nur Antworten bringen, die von der Vergangenheit konditioniert sind. Diese Konditionierung nennen wir Wissen, Erfahrung, und die neuen, sich verändernden Tatsachen werden anhand dieses Wissens interpretiert. So entsteht ein Konflikt zwischen dem, was ist, und der Erfahrung, die gewesen ist. Die Vergangenheit, die Wissen ist, muss sich ständig in Konflikt mit der Tatsache befinden, die immer in der Gegenwart liegt. Dies wird also nicht das Problem lösen, sondern lediglich die Verhältnisse fortsetzen, die das Problem verursacht haben

Beziehung ist unser Problem, nicht auf einer einzigen Ebene, sondern auf allen Ebenen unseres Daseins. Sie ist das einzige Problem, das wir haben. Um Beziehung zu verstehen, müssen wir uns ihr frei von aller Ideologie nähern, frei von jedem Vorurteil, nicht nur von dem der Ungebildeten, sondern auch vom Vorurteil des Wissens. Wir können das Problem nicht aus einer früheren Erfahrung heraus verstehen. Jedes Problem ist neu. Es gibt kein altes Problem. Wenn wir an ein neues Problem mit einer Idee herangehen, die ein Ergebnis der Vergangenheit ist, wird unsere Antwort darauf ebenfalls aus der Vergangenheit stammen und so verhindern, dass wir das Problem verstehen.

Die Suche nach einer Antwort intensiviert das Problem nur. Die Antwort ist nicht fern, denn sie liegt immer in dem Problem selbst. Wir müssen das Problem neu betrachten und nicht durch den Schleier der Vergangenheit. Die Unzulänglichkeit der Antwort auf eine Herausforderung verursacht das Problem. Diese Unzulänglichkeit muss zuerst verstanden werden, nicht die Herausforderung. Wir brennen darauf, das Neue zu sehen, aber wir können es nicht sehen, denn das Bild der Vergangenheit blockiert die klare Wahrnehmung. Wir antworten auf die Herausforderung nur als Katholiken, Hindus oder Buddhisten oder aus der Sicht der Linken oder der Rechten, und dies bringt unweigerlich mehr Konflikt hervor. Wichtig ist also nicht, das Neue zu sehen, sondern das Alte abzustreifen. Nur wenn die Antwort der Herausforderung entspricht, entsteht kein Konflikt. Wir müssen es in unserem täglichen Leben sehen, nicht in der Zeitung.

Beziehung ist die Herausforderung des täglichen Lebens. Wenn Sie und ich und ein anderer nicht wissen, wie wir einander begegnen sollen, schaffen wir Verhältnisse, die zum Krieg führen. Folglich ist das Weltproblem Ihr Problem. Sie sind nicht anders als die Welt. Sie sind die Welt. Was Sie sind, das ist die Welt. Sie können die Welt, die Sie selbst sind, nur retten, wenn Sie die Beziehungen in ihrem täglichen Leben verstehen, nicht durch Glauben, die so genannte Religion oder durch die Linke oder Rechte oder durch irgendeine Reform, wie weitreichend sie auch sein mag. Die Hoffnung liegt nicht bei dem Experten, der Ideologie oder dem neuen Führer. Sie liegt bei Ihnen.

Sie mögen fragen, wie Sie, die Sie ein gewöhnliches Leben in einem begrenzten Kreis führen, die gegenwärtige Weltkrise beeinflussen können. Sie glauben nicht, dass Sie dazu fähig sind. Der gegenwärtige Unfrieden ist das Ergebnis der Vergangenheit, die Sie und andere geschaffen haben. Solange Sie und andere Ihre gegenwärtige Beziehung nicht von Grund auf wandeln, werden Sie nur zu weiterem Elend beitragen. Dies ist keine übertriebene Vereinfachung. Wenn Sie sich gründlich damit beschäftigen, werden Sie sehen, wie Ihre Beziehung zu anderen in größerem Rahmen Weltkonflikt und Feindschaft verursacht.

Sie sind die Welt. Ohne die Transformation des Einzelnen, der Sie selbst sind, kann es keine radikale Revolution auf der Welt geben. Die Revolution der Gesellschaftsordnung ohne einen Wandel des Einzelnen wird nur zu weiterem Konflikt und Unheil führen. Denn die Gesellschaft ist die Beziehung zwischen Ihnen und mir und anderen. Ohne eine radikale Revolution dieser Beziehung ist jedes Bemühen, Frieden zu stiften, nichts als eine Reform, wie revolutionär sie auch aussieht, und diese bedeutet Rückschritt.

Eine Beziehung, die auf gegenseitigem Bedürfnis basiert, bringt nichts als Konflikt. Wie abhängig wir auch voneinander sind, wir benutzen einander für einen Zweck, für ein Ziel. Doch mit einem Ziel vor Augen ist keine Beziehung möglich. Sie benutzen mich und ich benutze Sie. In diesem Benutzen verlieren wir den Kontakt. Eine Gesellschaft, die auf gegenseitiger Benutzung aufgebaut ist, ist der Nährboden für Gewalt.

Wenn wir einander benutzen, haben wir nur das Bild des Ziels vor Augen, das wir erreichen wollen. Das Ziel - der Gewinn verhindert Beziehung und Verbundenheit. Bei dem Benutzen des anderen Menschen, wie befriedigend und tröstlich es auch sein mag, ist immer Angst im Spiel. Um diese Angst zu vermeiden, müssen wir besitzen, und aus dem Besitzen entstehen Neid, Verdächtigung und ständiger Konflikt. In einer solchen Beziehung kann man niemals glücklich werden.

Eine Gesellschaft, deren Struktur auf bloßem körperlichen oder seelischen Bedürfnis basiert, muss Konflikt, Verwirrung und Elend hervorbringen. Die Gesellschaft ist die Projektion Ihrer selbst in Beziehung zu anderen, in der das Bedürfnis und das Benutzen vorherrschend sind. Wenn Sie einen anderen Menschen für Ihr materielles oder geistiges Bedürfnis benutzen, haben Sie in Wirklichkeit überhaupt keine Beziehung, Sie haben keinen wirklichen Kontakt miteinander, sind mit dem anderen Menschen nicht verbunden. Wie können Sie mit dem anderen verbunden sein, wenn Sie ihn wie ein Möbelstück benutzen, zu Ihrer Bequemlichkeit und Ihrem Behagen‌ Es ist also unerlässlich, die Bedeutung der Beziehung im täglichen Leben zu verstehen.

Wir verstehen nicht, was Beziehung ist. Der ganze Prozess unseres Daseins, unseres Denkens und Handelns führt zur Isolation, die eine Beziehung verhindert. Wer ehrgeizig, gerissen, fanatisch ist, kann keine Beziehung zu einem anderen haben. Er kann den anderen nur benutzen, und das führt zu Verwirrung und Feindschaft. Diese Verwirrung und Feindschaft existiert in unserer gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur. Sie werden auch in jeder anderen reformierten Gesellschaft existieren, solange keine fundamentale Revolution in unserer Einstellung zum anderen Menschen stattfindet. Solange wir einander als Mittel zu einem Zweck benutzen, wie edel der Zweck auch sein mag, wird es unweigerlich Gewalt und Unruhen geben.

Unsere Schwierigkeit ist, dass wir ein Bild davon haben, wie die neu organisierte Gesellschaft sein sollte, und wir versuchen, uns in dieses Muster einzufügen. Dieses Muster ist offensichtlich fiktiv. Real aber ist, was wir in Wirklichkeit sind, wenn wir verstehen, was wir sind, und das können wir deutlich im Spiegel unserer täglichen Beziehung sehen. Einem Muster zu folgen bringt nur weiteren Konflikt und neue Verwirrung.

Das gegenwärtige gesellschaftliche Chaos und Elend muss seinen Lauf nehmen. Doch Sie und ich können und müssen die Wahrheit der Beziehung erkennen und dann ein neues Handeln beginnen, das nicht auf gegenseitigem Bedürfnis und dessen Befriedigung aufgebaut ist. Eine bloße Reform der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur, ohne dass wir unsere eigene Beziehung fundamental ändern, ist ein Rückschritt. Eine Gesellschaft, die das Benutzen der Menschen zu einem Ziel - wie vielversprechend es auch sein mag - beibehält, verursacht weitere Kriege und unsagbares Leid. Entscheidend bei all diesem sind nicht die neuen Leitbilder, die neuen oberflächlichen Veränderungen, sondern dass man versteht, was in den Menschen, was in Ihnen selbst vorgeht.

Bei dem Prozess, sich selbst zu verstehen, nicht als Einzelwesen, sondern in Beziehung, werden Sie feststellen, dass sich eine tiefe, bleibende Wandlung vollzieht, in der das Benutzen eines anderen als Mittel Ihrer eigenen inneren Befriedigung aufhört. Das Wichtige ist nicht, wie Sie handeln, welchem Leitbild Sie folgen oder welche Ideologie die beste ist, sondern dass Sie Ihre Beziehung zu einem anderen Menschen verstehen. Dieses Verstehen ist die einzige Revolution. Jede Revolution, der eine Ideologie zugrunde liegt, benutzt den Menschen lediglich als ein Mittel zum Zweck.

Es gibt nur eine einzige fundamentale Revolution. Diese Revolution kommt, wenn das Bedürfnis, einen anderen zu benutzen, aufhört. Diese Transformation ist nichts Abstraktes, nicht etwas, das man sich herbeiwünscht, sondern eine Wirklichkeit, die wir erfahren können, wenn wir beginnen, das Wesen unserer Beziehung zu verstehen. Diese fundamentale Revolution kann man Liebe nennen. Sie ist der einzige kreative Faktor, der eine Wandlung in uns selbst und damit in der Gesellschaft herbeiführen kann.

Aus: Krishnamurti, Jenseits der Bilder und Worte, Freiburg 2003, S.65 - 71

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