Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.
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Grenzen setzen

2015-08-8

In dem insgesamt sehr tiefsinnigen Interview Autorität - Von Weisen und Halbwaisen bin ich, wie schon an vielen anderen Stellen, über das "Kindern Grenzen setzen" gestolpert. Da gilt es nämlich zu differenzieren, aus welchen Motiven Eltern ihren Kindern Grenzen setzen:
Tun sie es, weil sie glauben, ihren Kindern damit etwas Gutes zu tun, ihnen zu helfen? Oder tun sie es, weil sie ihre eigenen Grenzen in der Beziehung mit ihren Kindern wahren wollen?
Ersteres bedeutet ein Herrschaftsverhältnis, so wie es in der Geschichte der drei Bären zum Ausdruck kommt.

Denn natürliches Wachstum erfordert es, die eigenen Grenzen selber auszuloten. Wenn ein Kind erlebt, dass seine Eltern ihm "Grenzen setzen", hat es zwei Möglichkeiten: entweder es akzeptiert diese Grenzen, zähneknirschend oder mit den Schultern zuckend. Dann wird es nie wissen, was sich jenseits dieser Grenzen befindet. Oder es rebelliert dagegen und überschreitet diese Grenzen schon aus Prinzip. Dann kann es passieren, dass das Kind damit seine eigenen Grenzen so weit überschreitet, dass es sich selbst in unnötige Gefahr begibt.

Ausserdem kann so gar keine Beziehung zwischen Eltern und Kind entstehen. Denn das Kind weiss überhaupt nicht, wo die eigenen Grenzen seiner Eltern liegen. Es erlebt immer nur willkürliche Grenzsetzungen, die nur der Überzeugung seiner Eltern entspringen, das sei jetzt für das Kind das Beste.

Solange das Kind noch sehr klein ist, müssen die Eltern ihm manchmal Grenzen setzen, sofern es sich in Lebensgefahr begibt, z.B. auf die Straße rennen will, wo gerade ein Auto angefahren kommt. Das sage ich, der ich noch nie als Fußgänger mit einem fahrenden Auto zusammengestoßen bin; ich will das auch gar nicht ausprobieren. Sobald menschliche Leben in Gefahr sind, gilt diese Regel nicht mehr. Marshall B. Rosenberg spricht in diesem Zusammenhang von "schützender Gewalt". In allen anderen Fällen können Kinder besser wachsen, wenn sie ihre eigenen Grenzen selber testen. Auch eine heiße Herdplatte tut zwar sehr weh, wenn man drauffasst, es entsteht in aller Regel kein irreparabler Schaden dabei.

Damit Kinder sich möglichst ungehindert entwickeln können, brauchen sie daher Erfahrungsräume, in denen sie ihre eigenen Grenzen selber ausloten können. Und sie brauchen authentische Rückmeldungen der Erwachsenen, wo deren eigene Grenzen überschritten werden. Wenn ich gerade meine Abschlussarbeit schreibe, kann ich meinem kleinen Kind auch mal sagen, dass es leiser sein oder rausgehen soll, weil ich mich so nicht konzentrieren kann.

Das beliebte Argument "das stört die Nachbarn" fällt ebenso in die Kategorie einer ungeprüften Vermutung. Wenn es die Nachbarn wirklich stört, können sie das ja selber sagen, und zwar idealerweise den Kindern selber. So werden die Eltern und andere Erwachsene als eigenständige Menschen erlebbar, die ihre eigenen Bedürfnisse haben. Nur auf diese Art können Kinder lernen, erwachsene Beziehungen zu führen. Alles andere sind Machtspiele.

Wenn OM C. Parkin also sagt

Doch für den rein rationalen Geist gibt es immer nur "entweder-oder". Entweder Grenzen setzen als rigides Konzept oder grenzenlose Freiheit gewähren, wozu dann womöglich gehört, dass ein kleines Kind eben nachts um ein Uhr ins Bett geht, wenn es das möchte. Später als Erwachsene sagen sie dann in der Therapie: Ich hätte mir so gewünscht, dass mein Vater mir Grenzen gesetzt hätte.

dann geht er damit dem Problem nicht auf den Grund. Was sich die Erwachsenen in der Therapie nämlich hinter dem "Grenzen setzen" gewünscht hätten, ist, sich an ihrem Vater reiben zu können, ihn als eigenständiges Wesen mit eigenen Bedürfnissen zu erleben.
Solange es mich selber nicht stört, dass mein Kind um ein Uhr nachts schlafen geht, warum sollte ich es daran hindern? Es wird schon selber merken, dass es dann am nächsten Tag ziemlich müde ist. Wahrscheinlich wird ihm der Zusammenhang nicht beim ersten Mal klar, sondern erst beim dritten, fünften oder zehnten Mal. Irgendwann hat das Kind selber begriffen, dass ihm das auf Dauer nicht gut tut, und zwar besser als es je mit "Grenzen setzen" möglich gewesen wäre. Ich spreche hier aus Erfahrung.

Immer wenn ich jemand anderem "Grenzen setze", egal ob einem Kind oder einem Erwachsenen, gehe ich nicht in Beziehung, sondern übe Macht aus. Ich beziehe mich auf meine Vorstellung dieses anderen Menschen, nicht auf sie oder ihn selbst.

Bei dem folgenden Satz

Kinder sind wie ungeformte Tonfiguren, die langsam aber sicher von menschlichen Händen liebevoll in Form gebracht werden.

rollen sich mir wirklich alle Fuß- und Fingernägel auf. Kinder sind eigenständige, lebende Wesen mit einem eigenen Willen, von Geburt an und auch schon davor. Sie kommen neu in diese Welt und haben noch keine Ahnung, wie das hier so läuft. Und sie haben etwas mitzubringen, was nur sie hier beisteuern können. Wenn wir unsere Kinder beschneiden, indem wir ihnen willkürlich "Grenzen setzen" in dem Irrglauben, das täte ihnen gut, dann beschneiden wir das ganze Universum.

OM C. Parkins nächstem Satz

Kinder erwarten Antworten

stimme ich wieder voll zu. Ehrlich antworten kann ich aber nur aus mir selbst heraus, nicht durch autoritäres Besserwissen. Ich rede hier nicht einem laissez-faire das Wort, denn daraus entsteht auch keine Beziehung, das lässt die Kinder in einem Vakuum aufwachsen.

Wenn ich meine eigenen Grenzen dem Kind gegenüber wahre (und Gefahren für Leib und Leben abwehre, solange das Kind diese noch nicht einschätzen kann) statt ihm willkürlich Grenzen zu setzen, wird ein Schuh daraus.

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