Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Studiert Chemie!

2005-10-8

Der Artikel Über kurz oder lang von Wolf Lotter aus dem brand eins Magazin hat mir aus mehreren Richtungen Impulse gegeben.
Für meine Forschungsfrage in Sachen Konsensentscheidungen relevant ist ein Zitat des Münchener Soziologen Armin Nassehi:

"Die Demokratie hat man vor allem auch deshalb eingeführt, um Entscheidungsprozesse zu verlangsamen. Wenn einer allein entscheidet, geht das in der Regel ganz schnell. Die Willkür ist eine sehr schnelle Angelegenheit. Aber wenn man Parlamente hat, Ministerien, demokratische Strukturen, dann kann nicht schnell über einen Kamm geschert werden. Man kann mehr Meinungen berücksichtigen und Komplexität besser verarbeiten, wenn man ganz bewusst auf die Bremse tritt."

Das gilt natürlich umso mehr für Entscheidungen im Konsens aller Betroffenen.

Der Unternehmensberater Ulrich Golüke sagt:

"Risiken sind immer in der Zukunft liegende Ereignisse, man muss sie also mit Langfristigkeit behandeln. Eine kurzfristige Gesellschaft ist nicht mehr in der Lage, eine Übereinkunft darüber zu treffen, wer wofür verantwortlich ist – sie kann also die Risiken nicht mehr verteilen."

Nun aber zum Hauptteil dieses Beitrags, der auch die Überschrift erklärt. Michael Braungart ist ein Mensch, den ich unbedingt mal kennen lernen will. Er stellt der herrschenden Lehre von der Öko-Effizienz die Öko-Effektivität gegenüber:

"Hinter der gegenwärtigen Vorstellung von Ökologie steckt nichts Langfristiges, sondern nur ein romantisches Naturbild, zu dem immer auch gehört: Der Mensch ist schlecht. Denn wer die Natur überhöht, der muss den Menschen schlecht machen. Damit das Gewissen nicht so drückt, kaufen diese Leute Recycling-Produkte, zum Beispiel Klopapier, das als Recycling-Produkt aber derart viele Halogenwasserstoffe enthält, dass das Trinkwasser versaut wird. Kurzfristig ist das gut fürs Gewissen, das muss genügen. Man kauft ein Recycling-Produkt und ist damit kein ganz schlechter Mensch mehr, kein 100-prozentiges Schwein, sondern nur mehr ein 90-prozentiges."

"Effizienz steht für Kurzfristigkeit, Effektivität für Langfristigkeit", sagt Braungart, "das Effizienzdenken ist ein Mangelsystem. Man versucht, mit immer weniger von etwas auszukommen, zu vermeiden, zu sparen. Doch das ist der falsche Weg. Effektivität hingegen heißt, die Dinge grundlegend richtig zu machen."

An dieser Stelle fiel mir Professor Hans-Curt Flemming wieder ein, der als Experte für Abwasseraufbereitung ebenfalls mit Unternehmen zusammenarbeitet, um deren Produktionsprozess grundlegend richtig zu machen anstatt deren Fehler nachher wieder auszubügeln.
Etwas weiter hergeholt & dennoch im Thema fiel mir der Artikel Leistungsgrenzen von Fredmund Malik ein. Darin schreibt er nämlich, dass Menschen nicht an ihre Leistungsgrenzen kommen & alles geben was sie können, wenn sie nur darauf bedacht sind, ihre Schwächen loszuwerden. Das ist Effizienzdenken. Wer effektiv denkt, konzentriert sich auf die Stärken & was sich damit alles machen lässt.

"Wir arbeiten nach der Evolution. Denn die Evolution ist pure Vielfalt, weil das langfristig das einzige richtige Prinzip ist. Die Natur ist nicht sparsam oder vermeidet gar etwas, sondern ist im Gegenteil ungeheuer verschwenderisch. Es gibt von allem immer viel mehr, als nötig ist."

Ein konkretes Beispiel:

Wer so denkt wie Braungart, öko-effektiv, der findet heraus, dass Autofahren für die Umwelt eine großartige Sache sein kann. In Katalysatoren verbrennen heute bei Temperaturen um 1700 Grad Celsius Millionen Tonnen Stickoxide. Sie werden nach dem Willen der Öko-Effizienten unschädlich gemacht. "Mit dem Output an Stickoxiden, die in Katalysatoren heute noch nutzlos verbrannt werden, kann man den größten Teil des Weltbedarfs an Stickstoffen decken – und den braucht man für Dünger. Aber der wird heute mit enormem Energieverbrauch und unter beträchtlicher Umweltschädigung extra erzeugt."

Diesen Irrsinn plant Braungart nun gemeinsam mit dem Automobilhersteller Ford abzustellen. Ein Katalysator soll dabei herauskommen, der die nützlichen Stickoxide abfiltert. "Rein rechnerisch produzieren wir damit mehr, als die Landwirtschaft benötigt. Damit können wir die Mär von der Autoindustrie als einer der umweltschädigendsten Industrien überhaupt vergessen."

Ein letztes Zitat von Michael Braungart:

Unter seinen Studenten finden sich heute aber immer mehr Leute, die "Gott sei Dank so eitel sind, dass sie sagen: ,Ich will etwas wirklich besser machen, besser, als uns das Normen und Politik vorschreiben‘". Das klingt überheblich? "Eitelkeit ist für den Erfolg von langfristigen Projekten wahnsinnig wichtig. Qualität ist nämlich viel wichtiger als Moral." Tatsächlich wollten die meisten Menschen, wie die Bauherren von früher, ein wenig Ewigkeit haben, ein bisschen unsterblich sein.

Wer das in seinem Konsumverhalten in die Praxis umsetzen will, dem seien hier die beiden Versandhandelshäuser Manufactum & Biber empfohlen. Ausserdem habe ich mit einem Paar Socken sowie einem T-Shirt von SmartWool bisher beste Erfahrungen gemacht auf meiner Reise. Ach ja, meine Schuhe von ComfortSchuh hatte ich schon erwähnt, sie passen hier aber gut nochmal hin.
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Friedensdorf San José de Apartadó revisited

2005-10-3

Jetzt verstosse ich gleich mit dem darauffolgenden Beitrag gegen meine Regel, mindestens drei Tage zu warten...
Ich weise nämlich auf einen gerade eben gelesenen Artikel in der jungen Welt von Leila Dregger hin, der die Situation im Friedensdorf San José de Apartadó in Kolumbien schildert:

Die Angst vor den Uniformen

Mich erstaunt dabei vor allem, dass Leila Dreggers Artikel in der linken Zeitung "junge Welt" veröffentlicht werden. Dass die Berührungsängste zu spirituellen Menschen in der Linken abnehmen, freut mich. Es müssen ja nicht gleich alle Linken spirituell werden, genauso wenig wie alle Spirituellen linkspolitisch werden müssen. Miteinander reden wirkt jedenfalls auf beide Seiten befruchtend. more

Twenzeit im ZEGG

2005-10-2

Jetzt habe ich ein paar Tage Blog-Pause gemacht, in denen eine ganze Menge geschehen ist. Dass ich jetzt erst nachträglich was über die Twenzeit im ZEGG schreibe, wird fortan immer so sein. Ich habe nämlich beschlossen, frühestens drei Tage nachdem ich etwas erlebt habe, darüber zu schreiben.
Die Gemeinschaftsexpedition I war eine Veranstaltung im Rahmen des Twenprojekts im ZEGG. Das Twenprojekt richtet sich an junge Menschen zwischen 20 & 30 Jahren, wobei die Altersgrenzen nicht gestochen scharf gezogen sind. Es sind auch ein paar "Ehrentwens" dabei ;-)
Bei den Grosstagungen im ZEGG (Pfingsten, Sommer, Herbst & Silvester) gibt es immer eine Gruppe speziell für Twens, & ein- bis zweimal im Jahr eine eigene Twen-Intensivzeit. Wir haben uns inzwischen auch schon zweimal selbst organisiert ausserhalb des ZEGG getroffen.

Diesmal drehte sich die Woche um die Frage, was das Leben in Gemeinschaft eigentlich ausmacht, was dafür wichtig ist an Fähigkeiten & geistigen Grundlagen. Es ging am Freitag zum Abendessen los, ich bin allerdings erst Sonntag gegen Abend angekommen, so dass ich das Wochenende nur kurz anreisse. Am Samstag hat die Gruppe gemeinsam im Wald gearbeitet, der Sonntag drehte sich um das Thema Kooperation.

Der Montag stand, nachdem wir vormittags Äpfel geerntet hatten
Twens beim Äpfel pflücken
im Zeichen der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) nach Marshall Rosenberg. Worum es dabei geht, erklärt am besten der Wikipedia-Artikel. Für die Woche war nach meiner Wahrnehmung am Wichtigsten, dass im Prozess der GfK die Selbsteinfühlung am Anfang steht. D.h. in einem Konflikt fühle ich mich zuerst in mich selbst ein, was jetzt gerade mein Bedürfnis ist.

Am Dienstag hatten wir ein ausgedehntes Forum. Das ist eine hier im ZEGG entwickelte Kommunikationsform, die in erster Linie dazu dient, innerhalb einer Gemeinschaft transparent zu machen was in den einzelnen Menschen vorgeht. Während der Twenzeit nutzten wir diese Form ausgiebig. Dabei kamen viele tiefe persönliche Themen zur Sprache, die sich ganz oft als weit verbreitet entpuppten. Das ist eine schöne Sache beim Forum: die Menschen merken, dass ihre Schwierigkeiten gar nicht ihre ganz individuellen Schwächen sind, sondern in vielen Fällen kulturelle Muster darstellen.
Durch den Nachmittag zur GfK angestossen, drehten sich viele Forumsauftritte um die eigenen Bedürfnisse (siehe auch mein letzter Beitrag hier). Manchmal fällt es gar nicht leicht, diese überhaupt wahrzunehmeen, geschweige denn mitzuteilen. Tut mensch's dann doch, fällt einem oft ein Stein vom Herzen, wird eine Last von einem genommen.
Ich habe bei meinem Auftritt verkündet, mich bis Ende diesen Jahres ganz auf mein Bedürfnis nach körperlicher Nähe zu konzentrieren & auf Beziehungen zu Frauen & auf Sex solange ganz zu verzichten. Sonst vermischt sich das schnell miteinander & macht alles viel zu kompliziert. Zum Jahreswechsel betrachte ich mir was sich bis dahin ergeben hat & entscheide daraufhin wie's weitergeht. Also ob ich diese Beschränkung noch ne Weile beibehalte oder ob sie bis dahin ihren Zweck erfüllt hat.

Das nächste Foto zeigt einen der allseits beliebten "Kuschelhaufen":
Foto entfernt auf Wunsch eines der Abgebildeten

Mittwoch haben wir uns zu Paaren zusammen gefunden & jeweils etwa drei Stunden hatte eineR davon eine Augenbinde um, die andere Person führte bzw. begleitete die blinde Person. Das erfordert einiges an Hingabe & Vertrauen. Es gab etliche witzige Begegnungen:
Foto entfernt auf Wunsch eines der Abgebildeten

sowie meditatives Beisammensein:
Blinde & Sehende am Feuer

Ich hatte dann entschieden das Experiment weiterzuführen & blieb noch bis Donnerstag nach dem Abendessen blind (seit Mittwoch Mittag). Dazu hatte ich mich schon morgens entschlossen, & es fühlte sich tatsächlich so an, als würde ich die letzten drei Stunden meines Lebens noch etwas sehen können. Ich spürte dabei ganz deutlich, dass ich nichts von dem festhalten kann, was ich mir ansehe. Das "Erblinden" hatte etwas Endgültiges. & ich glaube, da ist auch wirklich etwas in mir gestorben.

Früh am Morgen hatte ich begriffen, dass meine Angst (die bis heute in mir wirkt) irgendwann früher mal mein Wächter war, der mich beschützte. Ich spürte dieses beschützende Wesen meiner Angst. Sie hat mir einmal gut getan & ist lediglich nach getaner Arbeit nicht wieder gegangen sondern da geblieben. Sie will mir aber nichts Böses. Hmm, ich hoffe das ist jetzt verständlich was ich sagen will.

Als ich entschieden hatte, noch bis zum nächsten Abend blind zu bleiben, merkte ich ziemlich schnell, was eine meiner stärksten Ängste ist: die Angst die Kontrolle zu verlieren. "Meine Freiheit" bedeutete für mich bisher, dass ich selber mich kontrolliere & niemand sonst. Dass es auch ganz ohne Kontrolle gehen könnte, kam in meinem (unbewussten) Denken gar nicht vor.
Mittags sass ich am mit meinem Partner vereinbarten Treffpunkt & wartete, dass er vorbeikommt & mir die Augenbinde gibt, die er vormittags aufhatte. Dabei hatte ich tierische Angst vor dem, was nun auf mich zukommen würde. Als Blinder bist du ja weitgehend darauf angewiesen, dass andere dir helfen. Du kannst viel weniger selber auf eigene Faust machen.
Kaum hatte ich die Binde auf, war die Angst weg. Echt verrückt das.

Wir haben nachmittags zum Abschluss des Blindenexperiments die Eindrücke & Erfahrungen zusammen getragen, wobei es für mich natürlich nur ein Zwischenstand war. Abends sind wir in die Sauna gegangen, was blind echt sehr eindrücklich war. Die Sauna war auch der Grund, warum ich nachmittags mal kurz geschwankt habe ob ich das wirklich machen soll, aber ich hab's durchgezogen:
blinder Iromeister vor der Sauna

Der Donnerstag war ein ziemlicher Schwenk von den eigenen Themen hinaus in die grosse weite Welt. Wir beschäftigten uns mit der Frage, was jedeR einzelne dafür tun kann, dass es den heute lebenden Wesen & den kommenden Generationen besser geht als momentan. Welche Aufgabe habe ich in der Welt, wie setze ich meine Fähigkeiten ein, um das Leben aller Wesen zu fördern & nicht ihnen zu schaden?
Weil die meisten noch so nahe bei ihren eigenen Bedürfnissen waren (es ist in unserer Kultur ja schon ne Leistung, die eigenen Bedürfnisse offen & ehrlich anzuerkennen, ohne sich dafür zu verurteilen), kam deshalb nicht so viel Engagement zum Vorschein wie die GruppenleiterInnen erwartet hatten. Am Nachmittag führten wir deshalb ein sehr fruchtbares Gespräch, das das gegenseite Unverständnis klärte. Menschen funktionieren nun mal nicht nach Plan, & an dieser Stelle danke ich Teresa, François & Yvonne, dass sie so ehrlich & zugleich einfühlsam waren, dass der Tag doch noch eine gute Wendung nahm.

Nach dem Abendessen nahm ich meine Augenbinde wieder ab. In den 1½ Tagen blind sein wurde viel in mir aufgewühlt. Am stärksten empfand ich, dass die Menschen & Dinge mir näher gekommen sind, als ich nichts sehen konnte. Es gab nicht mehr diese Distanz, die sich beim Sehen so schnell in den Vordergrund drängt, die misst & vergleicht & ganz einfach alles voneinander trennt.
Aus dieser Erkenntnis heraus habe ich mir mehreres gelobt:

  • Ich gelobe, mich nicht mehr von mir selber, von den Menschen & den Dingen zu trennen.
  • Ich gelobe, immer wieder innezuhalten & in mich hineinzuspüren, & dem Raum zu geben was gerade da ist.

Das Zweite ist wichtig, habe ich gemerkt, als ich wieder sehen konnte. Da bin ich nämlich ganz unwillkürlich wieder viel schneller geworden. & zwar nicht graduell. Ich habe deutlich gespürt, dass schnell eine andere Qualität ist als langsam. Rein physikalisch ist der Unterschied gar nicht gross, doch wenn ich schnell bin, dann trenne ich mich von der Welt, verliere den Kontakt zu ihr. Es ist eine ganz andere Art sich zu bewegen.
Übrigens fiel mir heute dazu wieder mein Lieblingslied von Melanie ein: Close to it all.
Als eine praktische Konsequenz aus dem Innehalten werde ich meine Blog-Beiträge ab jetzt mit mindestens drei Tagen Verzögerung schreiben. So haben meine Texte genug Zeit zu reifen.

Bedürfnis nach Nähe

2005-09-26

Der Nachmittag zur Gewaltfreien Kommunikation bei der Twenzeit im ZEGG hat mich an meine ganz tiefen Wunden gebracht. Konflikten bin ich mein Leben lang mit zunehmender Raffinesse & Eleganz aus dem Weg gegangen. Aus Angst.
Das Verbot, anderen zur Last zu fallen, hat als unheimlich starker Glaubenssatz mein Leben an unzähligen Punkten gelenkt. Hat mich dazu bewegt, im Zweifelsfall entweder von meinem Standpunkt abzurücken oder mich zurückzuziehen. & es hat bis zum 7. Februar 2002 wirkungsvoll verhindert, dass ich überhaupt bemerke, dass ich Bedürfnisse habe. Geschweige denn diese mitteile. Darum zu bitten dass jemand mir hilft, eins meiner Bedürfnisse zu erfüllen, war absolut undenkbar.

Der tiefste Wunsch, zu dem ich vordringen kann, ist körperliche Nähe. Ich sehne mich zutiefst danach, mich bei jemand geborgen zu fühlen. Dass mich jemand hält & bei mir ist - & auch bei mir bleibt solange ich das brauche. Ganz einfach zu erfüllen eigentlich. Wenn ich mich traute es den anderen mitzuteilen.

Doch gerade dann wenn ich dem Schmerz in meiner Brust nahe bin, bin ich am wenigsten in der Lage damit auf andere Menschen zuzugehen. Ich denke dann, es passt gerade überhaupt nicht hier hin, & ausserdem würde ich den anderen garantiert zur Last fallen.

Teuflische Falle, nicht wahr?

Carsten äusserte übrigens den Verdacht, dass ich auf meiner Reise durch die Gemeinschaften letztlich Heimat für mich suche. Stimmt auch. Wobei sich Heimat nicht an einem Ort festmacht, sondern an Menschen, bei denen ich mich geborgen fühle. Menschen, die zu mir stehen & zu denen ich stehe, was auch immer kommen möge. Freunde. Gefährten.

Seit meiner "dunklen Phase" 2002 bin ich in der Hinsicht noch überhaupt nicht weitergekommen. Null. Kein Stück.
Bin immer noch zu elend feige, mich in meinem Schmerz zu zeigen. Sehne mich immer noch nach "somewhere I belong", wie Linkin Park singen. Doch weil ich glaube, damit anderen zur Last zu fallen (& das nicht zu dürfen), bringe ich's nicht fertig.
Jetzt teile ich es immerhin schriftlich der ganzen Welt mit. Vielleicht gibt mir das einen Anstoss, aber ich glaub's nicht. Hat früher auch nicht funktioniert.

Weil es so exakt beschreibt, wie ich mich grad fühle, zitiere ich aus meinem Tagebuch vom 1.12.2002:

Der kleine Timo will gehalten werden, ganz fest & warm. Ich will spüren, dass alles richtig ist. Vor allem mit mir selbst.

Ich will nichts hören von "Sprung in meine Grösse", dass ich doch ganz toll bin & lauter so Zeugs. Ich will einfach so akzeptiert werden wie ich jetzt bin, & das ist klein, schwach & abgrundtief traurig.

Es soll auch gar niemand was dazu sagen. Es einfach geschehen lassen, mich halten, da sein, mir zuhören. Das will ich. Das wollte ich schon immer, wenn ich traurig war. Stattdessen sind sofort alle mit "Trost" angekommen. Damit haben sie mich von meiner Trauer, d.h. meinem Gefühl abgelenkt!! Auch wenn's noch so gut gemeint war! more

Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle

2005-09-25

Am Samstag Morgen hielt Prof. Götz W. Werner, Gründer & Geschäftsführer der dm-Drogeriemärkte (& nebenbei im Aufsichtsrat der GLS-Bank), einen beeindruckenden Vortrag über seinen Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens. Diese Idee wird in vielen Abwandlungen von immer mehr Menschen durchdacht & vorgebracht.
Götz Werner begann seinen Vortrag mit einem Blick zurück auf die letzten 5.500 Jahre menschlicher Geschichte & stellte darin zwei Konstanten fest, die das Leben & Wirtschaften der Menschen bestimmten:

  1. Mangel (bzw. Knappheit)
  2. Selbstversorgung

Das hat sich inzwischen ins Gegenteil verkehrt: Vor allem seit der Industrialisierung hat die Arbeitsteilung & Spezialisierung immer weiter zugenommen, so dass wir heutzutage total abhängig von Fremdversorgung sind. Wer baut sich denn sein Essen schon noch selber an? Ganz zu schweigen von den Baumaterialien für die eigenen vier Wände usw. usf.

Mental sind wir jedoch noch Selbstversorger. Das äussert sich darin, dass wir uns selber & gegenseitig ständig fragen, wie wir denn "unseren eigenen Lebensunterhalt verdienen". Gemeint ist damit natürlich Geld verdienen - aber das Geld ist ja nur Mittel um sich dafür die eigentlichen Güter & Dienstleistungen zu kaufen, die mensch zum Leben braucht. Die "private Altersvorsorge" in Form von Geldanlagen ist somit ein Denkfehler. Als Illustration dafür nannte Götz Werner die DDR, in der die Menschen reichlich Geld zur Verfügung hatten, aber dennoch Mangel an Gütern & Dienstleistungen herrschte.
Wer sich seinen Lebensunterhalt in Form von Geld verdient, ist ganz & gar kein Selbstversorger, sondern in ein komplexes System eingebunden, das sich arbeitsteilige Wirtschaft schimpft. Wir sind vielfältig voneinander abhängig.
Deshalb definiert Götz Werner Wirtschaft folgendermassen:

Volkswirtschaft ist das Füreinander Leisten. Betriebswirtschaft ist das Miteinander Füreinander Leisten.

Dabei orientiert er sich stark am Nationalökonomischen Kurs von Rudolf Steiner. Übrigens ein sehr empfehlenswerter Text, der die Wirtschaft aus teilweise sehr ungewöhnlicher Perspektive beleuchtet. In seinem Konzept der Dreigliederung ordnet er die Ideale der Französischen Revolution dem Geistes-, Rechts- & Wirtschaftsleben zu. Dass dabei die Brüderlichkeit dem Wirtschaftsleben zugeordnet wird, erscheint aus heutiger Sicht sehr befremdlich. Als Vision einer menschenfreundlichen Gesellschaft gefällt mir diese Einteilung hingegen ungemein. Steiner deutet die Arbeitsteilung so, dass die Menschen regelrecht unbewusst im geschichtlichen Verlauf altruistisch geworden sind, weil sie eben nicht mehr für sich selbst, sondern füreinander arbeiten.

Diese Sicht der Dinge widerspricht natürlich total derjenigen von Rudolf Bahro, der Pate stand für das LebensGut Pommritz. Dort forschen die BewohnerInnen stark in Richtung Selbstversorgung, wie übrigens viele Gemeinschaften.

Jedenfalls ist die Selbstversorgung für die allermeisten Menschen in den Industrienationen nur noch eine Idee, während die Wirklichkeit das genaue Gegenteil davon ist.

Eine noch viel jüngere Tatsache als die Fremdversorgung ist, dass - ebenfalls in den Industriestaaten - der Mangel von Überfluss abgelöst wurde. Dies wurde ermöglicht durch ständige Produktivitätssteigerungen dank des technischen Fortschritts. Mit den Worten Rudolf Steiners: Wenn der Mensch Geist auf Arbeit anwendet, spart er Arbeit ein.

Innerhalb weniger Jahrzehnte haben sich also die beiden Grundtatsachen menschlichen Wirtschaftens ins Gegenteil verkehrt. Daraus folgt: Es steht uns nicht bloss ein Paradigmenwechsel bevor, sondern eine radikale Paradigmenumkehr!


Nun aber zur Umsetzung des Ganzen, wie Götz Werner es sich vorstellt. Zunächst hat er in seinem Vortrag verdeutlicht, was in unserem System mit den Steuern passiert, die jemand auf das persönliche Einkommen zahlen muss: Da wir eine progressive Einkommensteuer haben, zahlt mensch prozentual mehr, je mehr Einkommen diese Person bezieht. Anders ausgedrückt: Leiste ich mehr, wird mir auch mehr wieder abgeknöpft (ich sehe hier mal davon ab, dass einige Einkommen ohne nennenswerte eigene Leistung zustande kommt).
Auf der anderen Seite, beim Verbrauch, läuft es genau umgekehrt: je mehr ich konsumiere, desto billiger wird für mich das einzelne Konsumgut (Mengenrabatt). Es lohnt sich also, so viel wie möglich zu konsumieren, weil der Stückpreis dadurch sinkt.

Diese Besteuerungs- & Preispolitik ist genau falsch herum & aus diesem Grund fatal sowohl für unsere Wirtschaft als auch für die Natur. Aus diesem Grund schlägt Götz Werner vor, die Umsatzsteuer (die ja eine Verbrauchssteuer ist) schrittweise zu erhöhen & im Gegenzug die Unternehmens- & Einkommenssteuern zu senken & schliesslich ganz abzuschaffen. Aus eigener Unternehmererfahrung weiss er, dass Unternehmen selbst faktisch sowieso keine Steuern zahlen, sondern sie nur an die (End-) Verbraucher weiterreichen. Sämtliche Steuern werden auf die Preise aufgeschlagen, so wie alle anderen Kosten eben auch.
Sinn & Zweck dieser Steuer-Radikalreform ist, dass die Einzelnen weniger konsumieren sollen, damit die Gemeinschaft auch konsumieren kann. Also solche öffentlichen Güter wie Bildung, Wasser- Energieversorgung usw. usf. Wobei diese Güter rapide der Privatisierung zum Opfer fallen, siehe GATS - aber das ist ein anderes Thema & würde hier den Rahmen sprengen.

Von den Einnahmen der Verbrauchssteuer wird das Grundeinkommen finanziert. In diesem Zusammenhang betonte er noch einmal, dass es für die Versorgung der Menschen nicht auf das Geld ankommt, sondern auf Güter & Dienstleistungen. Geld ist eine soziale Vereinbarung, wie produziert & das Erzeugte dann konsumiert werden soll. Er zitierte Oswald von Nell-Breuning: "Alles was produziert werden kann, kann auch finanziert werden."

Das Besondere beim Grundeinkommen: es kommt nicht darauf an, was die Einzelnen leisten. JedeR erhält unterschieds- & bedingungslos genug, um davon leben zu können. Wo das die Grundlage des Wirtschaftens ist, wird die Automatisierung vom Fluch - "Arbeitsplatzvernichtung" - zum Segen: "Die Wirtschaft hat die Aufgabe, die Menschen von der Arbeit zu befreien."
Durch das Grundeinkommen kommen die Menschen zur Freiheit: sie sind dann nämlich nicht mehr auf Erwerbsarbeit angewiesen & können tatsächlich frei wählen, welche Tätigkeit sie ausüben wollen. Götz Werner unterscheidet in dem Zusammenhang zwischen einem Einkommensplatz & einem wirklichen Arbeitsplatz. Im heutigen System suchen die meisten Menschen nach einem Einkommensplatz & haben grosses Glück, wenn dieser mit dem von ihnen erwünschten Arbeitsplatz zusammenfällt.

An dieser Stelle empfehle ich den Artikel Der Lohn der Angst von Wolf Lotter im brand eins Magazin. Der fordert auch ein Grundeinkommen & erwähnt, dass damit der Arbeitsmarkt überhaupt erst zu einem freien Markt würde. Ein freier Markt setzt ja gleichberechtigte & freie Marktteilnehmer voraus. Im Fall des Arbeitsmarktes kann da keine Rede von sein.

Ein interessanter Aspekt ist, dass durch die vorgeschlagene Steuerreform das Gefälle zwischen "Erster" & "Dritter Welt" stark abnehmen würde. Denn die Unternehmens- & Einkommenssteuern werden ja wie erwähnt auf die Preise aufgeschlagen, wodurch diese steigen. Nun muss auch ein Land der Dritten Welt für Investitionsgüter aus einem Industrieland diese hohen Preise zahlen, was an sich schon ungünstig ist. Nun verschulden sich die Länder der Dritten Welt also erheblich, um Investitionsgüter bei uns zu kaufen. Damit sie ihre Schulden zurückzahlen können, müssen sie ihrerseits die Produkte, die mit Hilfe dieser Investitionsgüter hergestellt wurden, an Industriestaaten gegen harte Währung verkaufen. Da die Länder der Dritten Welt aber selber nur geringe Steuern für die Finanzierung der Infrastruktur erheben, sind ihre Produkte auf dem Weltmarkt sehr billig. Unterm Strich sorgt Entwicklungshilfe also dafür, dass die Entwicklungsländern mehr zahlen als sie bekommen.
Würden in den Industriestaaten jedoch Steuern auf den Verbrauch anstatt auf die Wertschöpfung erhoben, dann müssten die Entwicklungsländer erheblich niedrigere Preise für Investitionsgüter zahlen, während ihre eigenen Produkte in den Industriestaaten nicht wesentlich billiger als inländische Erzeugnisse wären.

Neben einem radikal verringerten Verwaltungsaufwand der Steuerbehörden (sowie Massenarbeitslosigkeit in der Steuerberaterbranche ;-)) hätte diese Reform auch zur Folge, dass sich Steuerflucht & Schwarzarbeit überhaupt nicht mehr lohnen würden. Zwar ist das Grundeinkommen nicht die Lösung aller Probleme dieser Welt, aber das Leben würde doch erheblich angenehmer für die allermeisten Menschen.

Bei Attac kümmert sich übrigens die AG Genug für alle um die Lobbyarbeit für ein Grundeinkommen. more

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