Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Das Amt des Narren als Korrektiv innerhalb von Gemeinschaften aller Art

2005-09-18

Beim Nachdenken über die Frage: Wie können Menschen in Gemeinschaft einander darin unterstützen, nicht in ihrem persönlichen Wachstum stehen zu bleiben? fielen mir die Hofnarren des Mittelalters ein. Sie genossen Narrenfreiheit & durften alles ungestraft aussprechen & gegen jegliche Tabus verstossen. Denn sie waren ja Narren & wurden – offiziell jedenfalls – nicht ernst genommen.
Damit übernahmen die Narren eine wichtige Funktion: Sie hielten den Menschen den Spiegel vor, zeigten die Schwachstellen Einzelner & der ganzen Gesellschaft auf. Das auf eine Weise, die niemandem direkt weh tat.
Eine solche Funktion übernimmt in Gemeinschaften z.T. die Supervision, wie sie in Jahnishausen & in der Kulturfabrik Mittelherwigsdorf regelmässig genutzt wird. Mir schwebt jedoch die Rolle des Gemeinschafts-Narren als feste Einrichtung vor, jeweils einen Monat lang übernimmt ein Mitglied der Gemeinschaft diese Funktion, dann meldet sich jemand anderes. Alle paar Monate kann & sollte eine aussenstehende Person als Narr der Gemeinschaft den Spiegel vorhalten. Meist sollte es jedoch ein Gemeinschaftsmitglied sein, weil diese die Schattenseiten der Gemeinschaft & ihrer BewohnerInnen oft besser kennen als Fremde. Andererseits ist ein Blick von ganz aussen auch nötig, weil jedes System einen blinden Fleck hat, den es selbst nicht wahrnimmt. Bei Gemeinschaften wechselt dieser blinde Fleck natürlich ständig.

Ob es nun die Figur des Narren ist oder eine gleichwertige Einrichtung, ich denke, jede Gruppe von Menschen braucht etwas in der Art, wenn sie sich nicht in ihren Rollen & Selbstbildern bequem einrichten will. Das Forum allein reicht nach meiner Einschätzung dafür nicht aus. Auch eine Gemeinschaft, die regelmässig Forum macht & deren Mitglieder sich auf diese Weise füreinander transparent machen, kann in Routine verfallen. Forumsauftritte können zu Selbstinszenierungen verkommen, wenn das alle so machen & sich damit zufrieden geben. Natürlich ist es einfacher & mit viel weniger Aufwand verbunden, die Inszenierungen der anderen für bare Münze zu nehmen. Wer dort nachhakt, öffnet gelegentlich die Büchse der Pandora.

Menschen in Gemeinschaft, die die Büchse der Pandora öffnen wollen & keine Angst vor gruppendynamischen Prozessen wie auch vor den Abgründen der eigenen Seele haben, können die Einrichtung des Gemeinschafts-Narren gut gebrauchen. Dabei kann der Narr genausogut auch kritisieren, dass sich die Gemeinschaft gerade in gruppendynamischen Prozessen verzettelt. Die Aufgabe des Narren ist, den advocatus diaboli zu spielen, den permanenten Gegenspieler, "die Kraft, die stets verneint" wie es Goethe seinem Mephistopheles in den Mund legt. Dazu muss der Narr in erster Linie mutig sein. Wenn die Rolle in der Gemeinschaft klar akzeptiert ist, fällt das wegen der Narrenfreiheit leichter.
Wir können dabei an ein sehr altes kulturelles Muster anknüpfen. Berühmte Narren wie Till Eulenspiegel geniessen heute – mit genügend zeitlichem Abstand – einen guten Ruf als Menschen, die die Torheiten ihrer Zeit durchschaut & öffentlich dargestellt haben. Denn die eigentlichen Narren sind diejenigen, die vom Hofnarren durch den Kakao gezogen werden.

Obwohl ich die ganze Zeit von "dem Narren" geschrieben habe, kann natürlich eine Närrin genau so gut diese Aufgabe übernehmen.

Als Anregung zähle ich einige mythologische Narrengestalten auf: im Indianischen ist Coyote der Trickster, in der nordischen Sagenwelt ist es Loki, in der Faust-Sage Mephisto. Der Wikipedia-Artikel verweist auf eine ganze Liste.

Nachtrag vom 22.05.2017: Siehe den Artikel Über Narren, Alleskönner, Mütter und Reviertiere von Klaus Eidenschink.

Im Mittelalter durfte der Narr am Hofe des Königs demselben Wahrheiten sagen, die anderen Personen auszusprechen den Kopf gekostet hätte. Diese Rolle war institutionalisiert, weil man um die Abschottungsmechanismen wußte, die den König von der Wirklichkeit im Volk zu isolieren drohten. more

Feuer im Bauch: Über das Mann-Sein

2005-09-17

Wahrhaft demütig ist, wer sich nicht fürchtet, sich zu seiner wahren Grösse aufzurichten, um das zu tun was notwendig ist.
Jedem einzelnen von uns stehen grosse Aufgaben bevor. Sich diesen Aufgaben zu verantworten heisst, alles zu tun was wir können. Nicht mehr, nicht weniger.
Ich brauche nicht aufzuzählen, was von den allgegenwärtigen Kriegen über die zunehmende Umweltzerstörung bis hin zu den beständig wiederkehrenden Wirtschaftskrisen uns alles herausfordert.
& das Allerallerschwerste dabei ist, nicht dem Messias-Syndrom zu verfallen & sich allein verantwortlich dafür zu fühlen. Gerade wir Männer können uns nur vor solcher gut gemeinter Hybris schützen, indem wir uns ein ums andere Mal bewusst machen, dass wir ein Teil des Ganzen sind. Dass wir eine Welle im Ozean sind, & nur der Ozean als Ganzes unterstützt durch den Wind befördert das Schiff ans ferne Ufer.

Ich lese gerade "Feuer im Bauch: Über das Mann-Sein" von Sam Keen. Dieses Buch schüttelt mich gehörig durch. Darin rollt Sam Keen die Geschichte der Männer auf & beschreibt, wie sich die Kriegermentalität seit den Eroberungszügen der Arier/Indogermanen in den Männern der allermeisten Kulturen dieses Planeten festgesetzt hat. Ganz besonders auch in den Idealen der kapitalistischen Wirtschaft. Wenn von "feindlichen Übernahmen" die Rede ist & immer wieder Sunzis "Kunst des Krieges" für Management-Philosophien hergenommen wird, ist das todernst gemeint.
In kurzer Zeit habe ich 15 Seiten aus meinem alten Tagebuch zusammenkopiert, die meine eigene Kriegermentalität aufs Beste illustrieren. & das wo ich Krieg & die Leistungsideale unserer Kultur oberflächlich immer abgelehnt habe. Verzicht auf Lebensfreude, Angst davor sich hinzugeben, das Gefühl nur soviel wert zu sein wie ich leiste, sind über viele Generationen "herangezüchtete" kulturelle Muster. Die legt man nicht so einfach durch eine Willensentscheidung ab.

Ein Zitat aus dem Buch:

Vor zwanzig Jahren, kurz vor dem Ende einer guten, aber schwierigen Ehe, fragte mich meine Frau: "Wärest du bereit, weniger tüchtig zu sein?" Die Frage geht mir bis heute nach.

Wahrlich eine Frage, die einen Mann unserer Kultur ganz schön ins Schlingern bringen kann.

Was ich zur Zeit mache, diese Reise zu vielen verschiedenen Projekten, die alle in irgendeiner Form die Zukunft der Menschheit zum Besseren hinwenden wollen - damit lebe ich wohl meine Frage, wer ich als Mann auf dieser Erde eigentlich bin. Heute Nachmittag kam mir dabei in den Sinn, dass ich mich oft gedrängt fühle, eine bestimmte Rolle & einen bestimmten Platz einzunehmen. Aber die Aufgaben dieser Zeit sind so gross, dass das nur eine Nische ist, in die ich mich einigeln will. & von den Aufgaben mal komplett abgesehen lebe ich auf der Erde! Das hier ist mein Heimatplanet, die ganze Erde! Warum soll ich mich auf einen Punkt beschränken, damit entgeht mir doch wieder die Fülle des Lebens!?!

Mir fällt es unheimlich schwer, einfach dankbar für die Geschenke des Lebens zu sein. Auch dazu hat Sam Keen etwas zu sagen (im Zusammenhang mit dem Geschlechterverhältnis): "Das wahre Problem besteht nicht darin, dass Frauen nicht gewillt sind, mehr zu geben, sondern dass die Männer durch ihre Sozialisation unfähig geworden sind, mehr anzunehmen. Schliesslich ist es ein Gesetz der Wettbewerbsgesellschaft, dass derjenige mächtiger ist, der gibt, als der, der nimmt."
Das ist wohl die grösste Hürde auf dem Weg zu einer Ökonomie des Schenkens. Erst wenn ich staunend & dankbar annehmen kann, was das Leben mir aus der Fülle schenkt, bin ich bereit, ohne Berechnung meinerseits zu schenken.

Vielleicht ist es tatsächlich Angst vor der eigenen Grösse, wie sie Nelson Mandela in seiner Antrittsrede beschrieb. Angst vor der Grösse dessen, was ich geben kann, & vielleicht noch viel mehr Angst vor der Grösse dessen, was ich empfangen kann, woran ich mich freuen kann. Wofür ich mich bedanken kann.

Nach mehreren Jahrtausenden Kapitalismus (worunter ich ein Wirtschaften von Schuldnern & Gläubigern verstehe) kann Mann (& Frau vermutlich auch) sich kaum vorstellen, etwas zu bekommen ohne sich dadurch zu verschulden. Das hab ich im Tauschring gemerkt, wo es keine Zinsen gibt & trotzdem alle versuchen, nicht "in die Miesen" zu kommen.

Wir sind verantwortlich, alles zu geben was wir können, damit unser Leben gut wird. Wir sind genauso verantwortlich, alles was wir bekommen zu ehren. Denn es kommt überhaupt nicht darauf an, was ich verdiene. Stolz ist eine unnötige Empfindung. Krieger sind stolz auf die Zahl der getöteten Feinde. In der Arbeitswelt sind Männer, zunehmend auch Frauen, stolz auf die Zahl der Konkurrenten, die sie auf der Karriereleiter ausgestochen haben.
Natürlich sind wir auch oft stolz auf wirklich gute Dinge, die wir vollbracht haben. Aber was davon ist denn tatsächlich unser ganz alleiniges Verdienst? Auch unsere Talente bekommen wir geschenkt, sagt Tü!Tü! ganz richtig. Statt stolz zu sein, sollten wir deshalb lieber dankbar sein für unsere Begabungen, die uns gegeben wurden. & dankbar dafür, dass wir sie für das Wohl unserer Mitgeschöpfe eingesetzt haben.

Hough! Ich habe gesprochen.

& zum Abschluss noch ein ganz erstaunliches Zitat von Friedrich Nietzsche:

Und es kommt vielleicht ein grosser Tag, an welchem ein Volk, durch Kriege und Siege, durch die höchste Ausbildung der militärischen Ordnung und Intelligenz ausgezeichnet und gewöhnt, diesen Dingen die schwersten Opfer zu bringen, freiwillig ausruft: Wir zerbrechen das Schwert - und sein gesamtes Heerwesen bis in seine letzten Fundamente zertrümmert. Sich wehrlos machen, während man der Wehrhafteste war, aus einer Höhe der Empfindungen heraus -, das ist das Mittel zum wirklichen Frieden, welcher immer auf einem Frieden der Gesinnung ruhen muss: während der sogenannte bewaffnete Friede, wie er jetzt in allen Ländern einhergeht, der Unfriede der Gesinnung ist, der sich und dem Nachbarn nicht traut und halb aus Hass, halb aus Furcht die Waffen nicht ablegt. Lieber zugrunde gehen als hassen und fürchten machen -, dies muss einmal auch die oberste Maxime jeder einzelnen staatlichen Gesellschaft werden! more

Hintergründe des LebensGutes: Rudolf Bahro

2005-09-17

Heute unterhielt ich mich mit Maik Hosang (siehe auch homo-integralis.de, das Institut für integrale (Bewusst-)Seinsforschung und die Zukunft des Menschen) über die Ursprünge & die Geschichte des LebensGutes. Das Projekt geht ja auf Rudolf Bahro zurück, der einen integralen Ansatz verfolgte. Das äussert sich in der Vision des LebensGutes.

Bahro unterteilt das MenschSein in einen ökologisch-ökonomischen Bereich, einen menschlich-sozialen & einen individuell-geistigen Bereich. Das ähnelt sehr dem Konzept der Dreigliederung von Rudolf Steiner. Für Bahro steht dabei die geistige Sphäre im Mittelpunkt. Am wichtigsten ist es ihm, dass die Menschen ihren eigenen Sinn finden. Das LebensGut hat er deshalb als eine Art "weltliches Kloster" konzipiert.
Dabei kann das Projekt - als ein Experiment - immer nur so weit sein wie die einzelnen Menschen hier. Es gibt bewusst keine verbindliche Ideologie & auch keine verbindlichen Treffen der gesamten Gemeinschaft. Nur zu den gelegentlichen Vereinsversammlungen kommen alle zusammen.
Der Versuchscharakter steht deutlich im Vordergrund, es ist ein offenes Geschehen, eine immer wieder neu zu findende Mischung zwischen Ordnung & Chaos.

Wichtig ist (jedenfalls für Maik), dass Menschen nicht von den anderen das erwarten, was sie für sich brauchen. Wer ins LebensGut kommt, sollte sich für sich selbst verantwortlich fühlen.

Der höchste Wert hier ist das Individuum, nicht die Gemeinschaft. Diese ist nur der Nährboden, auf dem sich die einzelnen entfalten können.

Bisher gab es drei grössere Abspaltungen vom Projekt, die Maik als "Öko-Radikalisten" (Leute, denen die Natur wichtiger war als die Menschen, mit denen sie zusammenleben), "Psychotherapie-Gruppe" (Leute, die am liebsten das LebensGut in eine Gruppentherapie verwandelt hätten) & "pseudo-spirituelle Gruppe" (Leute, die mehr von Liebe geredet haben als sie zu leben & am liebsten ein New-Age-Zentrum aus dem LebensGut gemacht hätten) bezeichnet. Falls von den Betroffenen jemand das hier liest: ich zitiere nur Maik & masse mir kein Urteil an. Jedenfalls wird an dieser Darstellung deutlich, was das LebensGut nicht ist.

Mit dem letzten grösseren Umbruch im LebensGut sind viele jüngere Menschen hier hin gekommen, während früher die BewohnerInnen eher älter waren.

Übrigens habe ich mich für das Rudolf-Bahro-Symposium an der Humboldt-Universität zu Berlin am 18. & 19. November: Natur - Kultur - Mensch: Sozialökologische Innovationen für eine zukunftsfähige Lebensweise angemeldet. Das wird spannend!

Beim Stöbern in den Websites habe ich zwei Projekte entdeckt, die definitiv ein Grund sind, mal in Gauting vorbeizuschauen: flowManagement sowie The Site For Integral Recreation Centers. more

Besuch bei Tü!Tü! von den Schenkern

2005-09-16

Ein weiteres Projekt auf dem Gelände des LebensGutes ist der Friedensgarten der Schenker. Hier lebt Tü!Tü! ohne Geld & soweit möglich ohne Staat. Sie hat, wie ausserdem noch ihr Lebenspartner Öff!Öff! & Marion, ihre Papiere abgegeben, weil sie ausserhalb des Gewaltsystems Staat leben will. Gewaltsystem Staat klingt vielleicht zunächst seltsam & zumindest in Deutschland übertrieben, aber was ist denn der Staat? Der Staat ist eine Organisation, die auf ihrem jeweiligen Territorium das Gewaltmonopol innehat. Sprich, die Beamten des Staates (Polizisten, Finanzbeamte usw.) sind - aus Sicht des Staates - berechtigt, Gewalt gegen die BürgerInnen des Staates auszuüben, wenn diese gegen staatliche Gesetze & Verordnungen verstossen. & zwar sind die Staatsbeamten allein dazu berechtigt. Deswegen ist das Ganze ein Monopol.
Aus diesen Überlegungen heraus hat Tü!Tü! dem Bundespräsidenten ihre Ausweispapiere zurückgeschickt, zusammen mit einem langen Brief zur Erklärung. Als Antwort kam zurück, dass es nicht möglich sei, die Angehörigkeit zum deutschen Staat zurückzuweisen. Tü!Tü! antwortete darauf wiederum, dass sie ihren Austritt aus dem Staat erklärt hat & nicht danach gefragt ob das geht.

Tü!Tü! hat schon in ihrer Jugend viel über diese Fragen nachgedacht & schliesslich acht Wochen vor dem Abi alles hingeschmissen & seither so gelebt, wie sie es in ihrem Herzen für richtig hält. Von sich selbst sagt sie, dass sie in Einklang mit der Stimme ihres Gewissens lebt.
Das kann ich von mir noch lange nicht sagen. Ich bin in vielerlei Hinsicht Vollmitglied unserer Kultur & Gesellschaft. Damit sind viele richtig beschissene & noch mal ne ganze Menge mehr Dinge verbunden, die nicht in Ordnung sind. Für mich habe ich aber den Weg gewählt, innerhalb unserer Gesellschaft möglichst viel so zu verändern, dass ich nicht mehr gegen mein Gewissen verstossen muss.
Tü!Tü!s radikale Lebensweise bewundere ich zutiefst. Im Gespräch empfand ich sie als sehr warmherzig, integer & klar in ihren Gedanken. Auch da wo sie selber noch forscht.

Sie erzählte nämlich auch von ihrem christlichen Glauben, dass die Bedeutung des Kreuzestodes Jesu ihr noch ein Rätsel ist, an dem sie knobelt. Jedenfalls steht für sie im Mittelpunkt, dass sie die Nachfolge Jesu lebt. Bonhoeffer lässt grüssen. Die Erlösung von der Sünde durch Jesus ist für Tü!Tü! auf keinen Fall ein Automatismus. Vielmehr habe Jesus vorgelebt wie Erlösung von Sünden erreicht werden kann. Den - vor allem von Freikirchen gern vorgebrachten, von Luther geprägten - Gegensatz zwischen "Gottes Gnade" & "Erlösung aus eigener Kraft" sieht sie als konstruiert & falsch an, weil wir auch unsere "eigene" Kraft geschenkt bekommen.

Damit kommen wir zu der Frage, warum sie ihre Bewegung "die Schenker" nennen. Wie schon erwähnt leben die Schenker ohne Geld, & auch ausserhalb des Tausch-Paradigmas (wie es beispielsweise Heidemarie Schwermer tut). Sie beschenken einander & die Menschen, mit denen sie zu tun haben, & lassen sich beschenken. Das alles ohne gegeneinander aufzurechnen.
Das ist ein radikaler Schwenk im eigenen Geist. Nach aussen hin erst mal gar nicht sichtbar. & dennoch der grösste Paradigmenwechsel, den ich mir vorstellen kann. Die Weltsicht der Schenker geht von der Fülle aus, während jedes Schulbuch "Wirtschaften" als "Umgehen mit knappen Gütern" definiert. Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Erdöl z.B. ist nicht unbegrenzt auf der Erde vorhanden, rein äusserlich also ein knappes Gut. Was die Schenker auszeichnet, ist die Geisteshaltung, dass genug für alle da ist & noch mehr. & die Dinge sind nicht "meins" oder "deins", sondern allesamt uns geschenkt, damit wir das Beste draus machen. Das gilt z.B. auch für unsere Talente. Wer viel davon hat, soll auch mit seinen Fähigkeiten wuchern, sagt Tü!Tü!.
Mir schwebt als ganz grosse Vision auch eine Ökonomie des Schenkens vor. Eine Art "cooking pot market", bei der alle das, was sie geben können, in einen imaginären grossen Topf werfen, aus dem heraus jeder & jedem das geschenkt wird, was sie/er braucht. Mir fällt grad auf, dass Karl Marx das den Kommunismus genannt hat.

Der Friedensgarten in Pommritz ist 1998 entstanden als ein Ort, wo die Schenker Selbstversorgung aus der Natur üben & erforschen. Tü!Tü! ernährt sich fast ausschliesslich von Rohkost.
Strom gibt's logischerweise nicht im Friedensgarten, letztes Jahr hat Tü!Tü! sogar ohne Ofen überwintert. Inzwischen hat sie einen.

Radikal, wie schon gesagt. more

Ankunft im LebensGutPommritz

2005-09-13

Boah, ich bin grad vollkommen geflasht von der "Zukunftsbibliothek" hier - eine Superauswahl von Büchern, da könnt ich Jahre drin verbringen!!! Da heisst es aufpassen, dass ich mich nicht drin verliere. So eine Tendenz habe ich ja seit ich denken kann. Es ist halt alles so verdammt spannend... & wichtig!

Aber ich will Euch ja meine ersten Eindrücke vom LebensGut Pommritz mitteilen. Das sind ne ganze Menge, weil ich von Axel, der seit April diesen Jahres hier wohnt, eine sehr informative Führung über das Gelände bekommen habe.

Hergetrampt bin ich übrigens mit wenig Wartezeit, hätte nicht gedacht dass das so gut geht.
Nach Bautzen trampen


Der Ort Pommritz ist echt ein winziges Kaff, dagegen ist Mittelherwigsdorf richtig gross (übrigens vor allen Dingen lang - Mittelherwigsdorf zieht sich über sieben Kilometer!). Es gibt noch nicht mal Strassennamen hier, das LebensGut hat z.B. die Adresse "Pommritz Nr. 1"!
Das LebensGut ist - wie Jahnishausen - ein altes Rittergut. Zu DDR-Zeiten war hier eine Berufsschule & ein Volksgut mit 240 Mitarbeitern. Heute wird nur noch in wesentlich kleinerem Umfang Landwirtschaft betrieben, deshalb stehen etliche Maschinen ungenutzt rum, auch einige Gebäudeteile harren noch ihrer Nutzung.

Die Gebäude & das umliegende Gelände gehören dem Verein "Neue Lebensformen e.V.", der 1993 aus einer Initiative des sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf & von Rudolf Bahro gegründet wurde. Eigentümer wurde der Verein allerdings erst 1999. Das Projekt hat die "Auflage" bekommen, hier sozial-ökologische Forschung zu betreiben. Entsprechend finden sich auf dem Gelände eine ganze Menge kleiner oder grösserer Experimentierfelder.
Anfangs wohnten hier über 40 Leute, heute sind es 19 Erwachsene & 13 Kinder. Neben dem Neue Lebensformen e.V. sind zwei "Ausgründungen" entstanden: die Ökolandbau Pommritz GbR, die den grössten Teil der Landwirtschaft betreibt, sowie der Sophia e.V., der eine Lernwerkstatt für Philosophie & Ethik geschaffen hat.
Für die Landwirtschaft stehen 42 ha Acker- & 18 ha Grünland zur Verfügung. Das Land ist sehr fruchtbar. Die GbR hat mehrere Gebäude vom Verein gepachtet. Momentan werden 60 Milch- & noch mal 60 Nachzuchtziegen gehalten, dazu noch einige Milchkühe & Milchschafe. In der hofeigenen Käserei wird die Milch zu Käse, Joghurt & Quark verarbeitet. Hier seht Ihr Thomas beim Melken der Ziegen:
Thomas beim Ziegen melken

Eine Bäckerei für das Getreide hat's auch, diese nutzt zur Hälfte einen Elektro- & einen holzbefeuerten Lehmbackofen.
Paradoxerweise ist eine kontinuierliche Versorgung des LebensGutes mit Milchprodukten nicht möglich, weil fast alle Erzeugnisse der Landwirtschaft in Bioläden, auf Märkten & an Restaurants verkauft werden, um wirtschaftlich einigermassen über die Runden zu kommen.
Geheizt wird mit Holz, & zwar hat das LebensGut Öfen, in denen ganze Scheite verfeuert werden. Für diese Heizanlage musste der Verein einen Kredit aufnehmen.

Ein Gebäude auf dem Gelände gehört der Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft, die auf einigen umliegenden Feldern Saatgutversuche durchführt. Alles herkömmliche Landwirtschaft, mit den üblichen Pestiziden & Co. Immerhin werden hier schon seit 1780 landwirtschaftliche Forschungen betrieben.

Der grosse Park hinter den Häusern war ein EXPO 2000-Projekt, wird allerdings im Moment etwas vernachlässigt. Ein Kompostklo hat's da, einen Badeteich sowie einen für Pflanzen & Tiere. Auf dem Gelände befindet sich auch eine Quelle, die allerdings nur genug Wasser für die Teiche liefert.
Das Dorf Pommritz hat keine Kläranlage, so dass alle Abwässer ungeklärt in den Bach fliessen. Aus diesem Grund plant das LebensGut eine eigene Pflanzenkläranlage. Die Gemeinde hat das Angebot abgelehnt, dort die Abwässer des ganzen Ortes zu klären, so dass das LebensGut sie nun nur für das eigene Abwasser auszurichten.
Die Leute, die hier wohnen, arbeiten an einer ganzen Reihe von kleinen & grösseren (Forschungs-) Projekten & Baustellen. Fangen wir mal an mit dem Kräutergarten:

Er ist erst dieses Jahr entstanden. Zur Erklärung steht dort Folgendes:

"Das Auge Gottes"

Dieser Heilpflanzengarten enstand in Anlehnung der "7 Heilgärten", die einstmals von kundigen Mönchen angelegt wurden, um die Heilpflanzen nach ihrer Wirkungsweise anzubauen, die da sind:
Linderung und Heilung von Hautleiden, Verdauuungsstörungen, Erkrankungen der Luftwege, Herz- und Kreislaufbeschwerden, Nervenleiden, Förderung der Entwässerung und Lebensverlängerung.

Wir haben diese systematische Unterteilung aufgegriffen, etwas verändert und um die Besonderheit der Heublumenwiese und einer Heide- und Teichlandschaft erweitert. So sind wohl nicht zufällig 13 Heilgärten entstanden. Symbolisch steht die 13 für Tod und Wiedergeburt, Heilung als Transformationsprozess.

Das nächste Bild zeigt das "Kernforschungszentrum". Dieses heisst so, weil dort ganz viele verschiedene Kerne ausgesät wurden, um zu beobachten, welche Konstellationen von Pflanzen sich daraus entwickeln.
Kernforschungszentrum
Sieht auf jeden Fall sehr bunt & vielfältig aus.

Eine offene Baustelle ist das Kunsthaus. Im ersten Anlauf wurde versucht, die Wände aus Strohballen zu bauen & mit Lehm zu verputzen. Das lief aber schief, weil die Strohballen nicht stark genug zusammengepresst waren. Wenn's fertig ist, soll das Haus für Kunstaktionen genutzt werden:
Kunsthaus

Ein Permakultur-Experiment ist der Waldrandgarten:
Waldrandgarten
Hier wurden ganz viele Sorten von Obstbäumen & -büschen ausgesät, die nun weitgehend sich selbst überlassen werden. Das ist nämlich die Idee von Permakultur: Eine möglichst grosse Vielfalt von Pflanzen zu mischen, so dass sich von selbst die Pflanzen zusammenfinden, die sich in ihrem Wachstum gegenseitig fördern.

Ohne Foto erwähne ich ein kleines Versuchsfeld, auf dem nach Masanobu Fukuoka Weissklee mit Nutzpflanzen zu mischen.
Axel hat erzählt, dass in den ersten Jahren des LebensGuts hier sogar Seidenraupen gezüchtet wurden.

Menschlich ist das Projekt gerade in einer Klärungs- & Umbruchphase. Während des letzten Jahres ist die Gemeinschaft viel unter sich geblieben. Die aktuelle Vision ist, dass hier ein Heilungszentrum entsteht. more

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