Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Friedensdorf San José de Apartadó revisited

2005-10-3

Jetzt verstosse ich gleich mit dem darauffolgenden Beitrag gegen meine Regel, mindestens drei Tage zu warten...
Ich weise nämlich auf einen gerade eben gelesenen Artikel in der jungen Welt von Leila Dregger hin, der die Situation im Friedensdorf San José de Apartadó in Kolumbien schildert:

Die Angst vor den Uniformen

Mich erstaunt dabei vor allem, dass Leila Dreggers Artikel in der linken Zeitung "junge Welt" veröffentlicht werden. Dass die Berührungsängste zu spirituellen Menschen in der Linken abnehmen, freut mich. Es müssen ja nicht gleich alle Linken spirituell werden, genauso wenig wie alle Spirituellen linkspolitisch werden müssen. Miteinander reden wirkt jedenfalls auf beide Seiten befruchtend. more

Twenzeit im ZEGG

2005-10-2

Jetzt habe ich ein paar Tage Blog-Pause gemacht, in denen eine ganze Menge geschehen ist. Dass ich jetzt erst nachträglich was über die Twenzeit im ZEGG schreibe, wird fortan immer so sein. Ich habe nämlich beschlossen, frühestens drei Tage nachdem ich etwas erlebt habe, darüber zu schreiben.

Die Gemeinschaftsexpedition I war eine Veranstaltung im Rahmen des Twenprojekts im ZEGG. Das Twenprojekt richtet sich an junge Menschen zwischen 20 & 30 Jahren, wobei die Altersgrenzen nicht gestochen scharf gezogen sind. Es sind auch ein paar "Ehrentwens" dabei ;-)

Bei den Grosstagungen im ZEGG (Pfingsten, Sommer, Herbst & Silvester) gibt es immer eine Gruppe speziell für Twens, & ein- bis zweimal im Jahr eine eigene Twen-Intensivzeit. Wir haben uns inzwischen auch schon zweimal selbst organisiert ausserhalb des ZEGG getroffen.



Diesmal drehte sich die Woche um die Frage, was das Leben in Gemeinschaft eigentlich ausmacht, was dafür wichtig ist an Fähigkeiten & geistigen Grundlagen. Es ging am Freitag zum Abendessen los, ich bin allerdings erst Sonntag gegen Abend angekommen, so dass ich das Wochenende nur kurz anreisse. Am Samstag hat die Gruppe gemeinsam im Wald gearbeitet, der Sonntag drehte sich um das Thema Kooperation.



Der Montag stand, nachdem wir vormittags Äpfel geerntet hatten

Twens beim Äpfel pflücken

im Zeichen der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) nach Marshall Rosenberg. Worum es dabei geht, erklärt am besten der Wikipedia-Artikel. Für die Woche war nach meiner Wahrnehmung am Wichtigsten, dass im Prozess der GfK die Selbsteinfühlung am Anfang steht. D.h. in einem Konflikt fühle ich mich zuerst in mich selbst ein, was jetzt gerade mein Bedürfnis ist.



Am Dienstag hatten wir ein ausgedehntes Forum. Das ist eine hier im ZEGG entwickelte Kommunikationsform, die in erster Linie dazu dient, innerhalb einer Gemeinschaft transparent zu machen was in den einzelnen Menschen vorgeht. Während der Twenzeit nutzten wir diese Form ausgiebig. Dabei kamen viele tiefe persönliche Themen zur Sprache, die sich ganz oft als weit verbreitet entpuppten. Das ist eine schöne Sache beim Forum: die Menschen merken, dass ihre Schwierigkeiten gar nicht ihre ganz individuellen Schwächen sind, sondern in vielen Fällen kulturelle Muster darstellen.

Durch den Nachmittag zur GfK angestossen, drehten sich viele Forumsauftritte um die eigenen Bedürfnisse (siehe auch mein letzter Beitrag hier). Manchmal fällt es gar nicht leicht, diese überhaupt wahrzunehmeen, geschweige denn mitzuteilen. Tut mensch's dann doch, fällt einem oft ein Stein vom Herzen, wird eine Last von einem genommen.

Ich habe bei meinem Auftritt verkündet, mich bis Ende diesen Jahres ganz auf mein Bedürfnis nach körperlicher Nähe zu konzentrieren & auf Beziehungen zu Frauen & auf Sex solange ganz zu verzichten. Sonst vermischt sich das schnell miteinander & macht alles viel zu kompliziert. Zum Jahreswechsel betrachte ich mir was sich bis dahin ergeben hat & entscheide daraufhin wie's weitergeht. Also ob ich diese Beschränkung noch ne Weile beibehalte oder ob sie bis dahin ihren Zweck erfüllt hat.



Das nächste Foto zeigt einen der allseits beliebten "Kuschelhaufen":

Foto entfernt auf Wunsch eines der Abgebildeten



Mittwoch haben wir uns zu Paaren zusammen gefunden & jeweils etwa drei Stunden hatte eineR davon eine Augenbinde um, die andere Person führte bzw. begleitete die blinde Person. Das erfordert einiges an Hingabe & Vertrauen. Es gab etliche witzige Begegnungen:

Foto entfernt auf Wunsch eines der Abgebildeten



sowie meditatives Beisammensein:

Blinde & Sehende am Feuer



Ich hatte dann entschieden das Experiment weiterzuführen & blieb noch bis Donnerstag nach dem Abendessen blind (seit Mittwoch Mittag). Dazu hatte ich mich schon morgens entschlossen, & es fühlte sich tatsächlich so an, als würde ich die letzten drei Stunden meines Lebens noch etwas sehen können. Ich spürte dabei ganz deutlich, dass ich nichts von dem festhalten kann, was ich mir ansehe. Das "Erblinden" hatte etwas Endgültiges. & ich glaube, da ist auch wirklich etwas in mir gestorben.



Früh am Morgen hatte ich begriffen, dass meine Angst (die bis heute in mir wirkt) irgendwann früher mal mein Wächter war, der mich beschützte. Ich spürte dieses beschützende Wesen meiner Angst. Sie hat mir einmal gut getan & ist lediglich nach getaner Arbeit nicht wieder gegangen sondern da geblieben. Sie will mir aber nichts Böses. Hmm, ich hoffe das ist jetzt verständlich was ich sagen will.



Als ich entschieden hatte, noch bis zum nächsten Abend blind zu bleiben, merkte ich ziemlich schnell, was eine meiner stärksten Ängste ist: die Angst die Kontrolle zu verlieren. "Meine Freiheit" bedeutete für mich bisher, dass ich selber mich kontrolliere & niemand sonst. Dass es auch ganz ohne Kontrolle gehen könnte, kam in meinem (unbewussten) Denken gar nicht vor.

Mittags sass ich am mit meinem Partner vereinbarten Treffpunkt & wartete, dass er vorbeikommt & mir die Augenbinde gibt, die er vormittags aufhatte. Dabei hatte ich tierische Angst vor dem, was nun auf mich zukommen würde. Als Blinder bist du ja weitgehend darauf angewiesen, dass andere dir helfen. Du kannst viel weniger selber auf eigene Faust machen.

Kaum hatte ich die Binde auf, war die Angst weg. Echt verrückt das.



Wir haben nachmittags zum Abschluss des Blindenexperiments die Eindrücke & Erfahrungen zusammen getragen, wobei es für mich natürlich nur ein Zwischenstand war. Abends sind wir in die Sauna gegangen, was blind echt sehr eindrücklich war. Die Sauna war auch der Grund, warum ich nachmittags mal kurz geschwankt habe ob ich das wirklich machen soll, aber ich hab's durchgezogen:

blinder Iromeister vor der Sauna



Der Donnerstag war ein ziemlicher Schwenk von den eigenen Themen hinaus in die grosse weite Welt. Wir beschäftigten uns mit der Frage, was jedeR einzelne dafür tun kann, dass es den heute lebenden Wesen & den kommenden Generationen besser geht als momentan. Welche Aufgabe habe ich in der Welt, wie setze ich meine Fähigkeiten ein, um das Leben aller Wesen zu fördern & nicht ihnen zu schaden?

Weil die meisten noch so nahe bei ihren eigenen Bedürfnissen waren (es ist in unserer Kultur ja schon ne Leistung, die eigenen Bedürfnisse offen & ehrlich anzuerkennen, ohne sich dafür zu verurteilen), kam deshalb nicht so viel Engagement zum Vorschein wie die GruppenleiterInnen erwartet hatten. Am Nachmittag führten wir deshalb ein sehr fruchtbares Gespräch, das das gegenseite Unverständnis klärte. Menschen funktionieren nun mal nicht nach Plan, & an dieser Stelle danke ich Teresa, François & Yvonne, dass sie so ehrlich & zugleich einfühlsam waren, dass der Tag doch noch eine gute Wendung nahm.



Nach dem Abendessen nahm ich meine Augenbinde wieder ab. In den 1½ Tagen blind sein wurde viel in mir aufgewühlt. Am stärksten empfand ich, dass die Menschen & Dinge mir näher gekommen sind, als ich nichts sehen konnte. Es gab nicht mehr diese Distanz, die sich beim Sehen so schnell in den Vordergrund drängt, die misst & vergleicht & ganz einfach alles voneinander trennt.

Aus dieser Erkenntnis heraus habe ich mir mehreres gelobt:

  • Ich gelobe, mich nicht mehr von mir selber, von den Menschen & den Dingen zu trennen.
  • Ich gelobe, immer wieder innezuhalten & in mich hineinzuspüren, & dem Raum zu geben was gerade da ist.


Das Zweite ist wichtig, habe ich gemerkt, als ich wieder sehen konnte. Da bin ich nämlich ganz unwillkürlich wieder viel schneller geworden. & zwar nicht graduell. Ich habe deutlich gespürt, dass schnell eine andere Qualität ist als langsam. Rein physikalisch ist der Unterschied gar nicht gross, doch wenn ich schnell bin, dann trenne ich mich von der Welt, verliere den Kontakt zu ihr. Es ist eine ganz andere Art sich zu bewegen.

Übrigens fiel mir heute dazu wieder mein Lieblingslied von Melanie ein: Close to it all.

Als eine praktische Konsequenz aus dem Innehalten werde ich meine Blog-Beiträge ab jetzt mit mindestens drei Tagen Verzögerung schreiben. So haben meine Texte genug Zeit zu reifen.

Bedürfnis nach Nähe

2005-09-26

Der Nachmittag zur Gewaltfreien Kommunikation bei der Twenzeit im ZEGG hat mich an meine ganz tiefen Wunden gebracht. Konflikten bin ich mein Leben lang mit zunehmender Raffinesse & Eleganz aus dem Weg gegangen. Aus Angst.
Das Verbot, anderen zur Last zu fallen, hat als unheimlich starker Glaubenssatz mein Leben an unzähligen Punkten gelenkt. Hat mich dazu bewegt, im Zweifelsfall entweder von meinem Standpunkt abzurücken oder mich zurückzuziehen. & es hat bis zum 7. Februar 2002 wirkungsvoll verhindert, dass ich überhaupt bemerke, dass ich Bedürfnisse habe. Geschweige denn diese mitteile. Darum zu bitten dass jemand mir hilft, eins meiner Bedürfnisse zu erfüllen, war absolut undenkbar.

Der tiefste Wunsch, zu dem ich vordringen kann, ist körperliche Nähe. Ich sehne mich zutiefst danach, mich bei jemand geborgen zu fühlen. Dass mich jemand hält & bei mir ist - & auch bei mir bleibt solange ich das brauche. Ganz einfach zu erfüllen eigentlich. Wenn ich mich traute es den anderen mitzuteilen.

Doch gerade dann wenn ich dem Schmerz in meiner Brust nahe bin, bin ich am wenigsten in der Lage damit auf andere Menschen zuzugehen. Ich denke dann, es passt gerade überhaupt nicht hier hin, & ausserdem würde ich den anderen garantiert zur Last fallen.

Teuflische Falle, nicht wahr?

Carsten äusserte übrigens den Verdacht, dass ich auf meiner Reise durch die Gemeinschaften letztlich Heimat für mich suche. Stimmt auch. Wobei sich Heimat nicht an einem Ort festmacht, sondern an Menschen, bei denen ich mich geborgen fühle. Menschen, die zu mir stehen & zu denen ich stehe, was auch immer kommen möge. Freunde. Gefährten.

Seit meiner "dunklen Phase" 2002 bin ich in der Hinsicht noch überhaupt nicht weitergekommen. Null. Kein Stück.
Bin immer noch zu elend feige, mich in meinem Schmerz zu zeigen. Sehne mich immer noch nach "somewhere I belong", wie Linkin Park singen. Doch weil ich glaube, damit anderen zur Last zu fallen (& das nicht zu dürfen), bringe ich's nicht fertig.
Jetzt teile ich es immerhin schriftlich der ganzen Welt mit. Vielleicht gibt mir das einen Anstoss, aber ich glaub's nicht. Hat früher auch nicht funktioniert.

Weil es so exakt beschreibt, wie ich mich grad fühle, zitiere ich aus meinem Tagebuch vom 1.12.2002:

Der kleine Timo will gehalten werden, ganz fest & warm. Ich will spüren, dass alles richtig ist. Vor allem mit mir selbst.

Ich will nichts hören von "Sprung in meine Grösse", dass ich doch ganz toll bin & lauter so Zeugs. Ich will einfach so akzeptiert werden wie ich jetzt bin, & das ist klein, schwach & abgrundtief traurig.

Es soll auch gar niemand was dazu sagen. Es einfach geschehen lassen, mich halten, da sein, mir zuhören. Das will ich. Das wollte ich schon immer, wenn ich traurig war. Stattdessen sind sofort alle mit "Trost" angekommen. Damit haben sie mich von meiner Trauer, d.h. meinem Gefühl abgelenkt!! Auch wenn's noch so gut gemeint war! more

Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle

2005-09-25

Am Samstag Morgen hielt Prof. Götz W. Werner, Gründer & Geschäftsführer der dm-Drogeriemärkte (& nebenbei im Aufsichtsrat der GLS-Bank), einen beeindruckenden Vortrag über seinen Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens. Diese Idee wird in vielen Abwandlungen von immer mehr Menschen durchdacht & vorgebracht.>
Götz Werner begann seinen Vortrag mit einem Blick zurück auf die letzten 5.500 Jahre menschlicher Geschichte & stellte darin zwei Konstanten fest, die das Leben & Wirtschaften der Menschen bestimmten:

  1. Mangel (bzw. Knappheit)
  2. Selbstversorgung

Das hat sich inzwischen ins Gegenteil verkehrt: Vor allem seit der Industrialisierung hat die Arbeitsteilung & Spezialisierung immer weiter zugenommen, so dass wir heutzutage total abhängig von Fremdversorgung sind. Wer baut sich denn sein Essen schon noch selber an? Ganz zu schweigen von den Baumaterialien für die eigenen vier Wände usw. usf.>
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Mental sind wir jedoch noch Selbstversorger. Das äussert sich darin, dass wir uns selber & gegenseitig ständig fragen, wie wir denn "unseren eigenen Lebensunterhalt verdienen". Gemeint ist damit natürlich Geld verdienen - aber das Geld ist ja nur Mittel um sich dafür die eigentlichen Güter & Dienstleistungen zu kaufen, die mensch zum Leben braucht. Die "private Altersvorsorge" in Form von Geldanlagen ist somit ein Denkfehler. Als Illustration dafür nannte Götz Werner die DDR, in der die Menschen reichlich Geld zur Verfügung hatten, aber dennoch Mangel an Gütern & Dienstleistungen herrschte.>
Wer sich seinen Lebensunterhalt in Form von Geld verdient, ist ganz & gar kein Selbstversorger, sondern in ein komplexes System eingebunden, das sich arbeitsteilige Wirtschaft schimpft. Wir sind vielfältig voneinander abhängig.>
Deshalb definiert Götz Werner Wirtschaft folgendermassen:

Volkswirtschaft ist das Füreinander Leisten.> Betriebswirtschaft ist das Miteinander Füreinander Leisten.

Dabei orientiert er sich stark am Nationalökonomischen Kurs von Rudolf Steiner. Übrigens ein sehr empfehlenswerter Text, der die Wirtschaft aus teilweise sehr ungewöhnlicher Perspektive beleuchtet. In seinem Konzept der Dreigliederung ordnet er die Ideale der Französischen Revolution dem Geistes-, Rechts- & Wirtschaftsleben zu. Dass dabei die Brüderlichkeit dem Wirtschaftsleben zugeordnet wird, erscheint aus heutiger Sicht sehr befremdlich. Als Vision einer menschenfreundlichen Gesellschaft gefällt mir diese Einteilung hingegen ungemein. Steiner deutet die Arbeitsteilung so, dass die Menschen regelrecht unbewusst im geschichtlichen Verlauf altruistisch geworden sind, weil sie eben nicht mehr für sich selbst, sondern füreinander arbeiten.>
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Diese Sicht der Dinge widerspricht natürlich total derjenigen von Rudolf Bahro, der Pate stand für das LebensGut Pommritz. Dort forschen die BewohnerInnen stark in Richtung Selbstversorgung, wie übrigens viele Gemeinschaften.>
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Jedenfalls ist die Selbstversorgung für die allermeisten Menschen in den Industrienationen nur noch eine Idee, während die Wirklichkeit das genaue Gegenteil davon ist.>
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Eine noch viel jüngere Tatsache als die Fremdversorgung ist, dass - ebenfalls in den Industriestaaten - der Mangel von Überfluss abgelöst wurde. Dies wurde ermöglicht durch ständige Produktivitätssteigerungen dank des technischen Fortschritts. Mit den Worten Rudolf Steiners: Wenn der Mensch Geist auf Arbeit anwendet, spart er Arbeit ein.>
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Innerhalb weniger Jahrzehnte haben sich also die beiden Grundtatsachen menschlichen Wirtschaftens ins Gegenteil verkehrt. Daraus folgt: Es steht uns nicht bloss ein Paradigmenwechsel bevor, sondern eine radikale Paradigmenumkehr!


Nun aber zur Umsetzung des Ganzen, wie Götz Werner es sich vorstellt. Zunächst hat er in seinem Vortrag verdeutlicht, was in unserem System mit den Steuern passiert, die jemand auf das persönliche Einkommen zahlen muss: Da wir eine progressive Einkommensteuer haben, zahlt mensch prozentual mehr, je mehr Einkommen diese Person bezieht. Anders ausgedrückt: Leiste ich mehr, wird mir auch mehr wieder abgeknöpft (ich sehe hier mal davon ab, dass einige Einkommen ohne nennenswerte eigene Leistung zustande kommt).>
Auf der anderen Seite, beim Verbrauch, läuft es genau umgekehrt: je mehr ich konsumiere, desto billiger wird für mich das einzelne Konsumgut (Mengenrabatt). Es lohnt sich also, so viel wie möglich zu konsumieren, weil der Stückpreis dadurch sinkt.>
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Diese Besteuerungs- & Preispolitik ist genau falsch herum & aus diesem Grund fatal sowohl für unsere Wirtschaft als auch für die Natur. Aus diesem Grund schlägt Götz Werner vor, die Umsatzsteuer (die ja eine Verbrauchssteuer ist) schrittweise zu erhöhen & im Gegenzug die Unternehmens- & Einkommenssteuern zu senken & schliesslich ganz abzuschaffen. Aus eigener Unternehmererfahrung weiss er, dass Unternehmen selbst faktisch sowieso keine Steuern zahlen, sondern sie nur an die (End-) Verbraucher weiterreichen. Sämtliche Steuern werden auf die Preise aufgeschlagen, so wie alle anderen Kosten eben auch.>
Sinn & Zweck dieser Steuer-Radikalreform ist, dass die Einzelnen weniger konsumieren sollen, damit die Gemeinschaft auch konsumieren kann. Also solche öffentlichen Güter wie Bildung, Wasser- Energieversorgung usw. usf. Wobei diese Güter rapide der Privatisierung zum Opfer fallen, siehe GATS - aber das ist ein anderes Thema & würde hier den Rahmen sprengen.>
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Von den Einnahmen der Verbrauchssteuer wird das Grundeinkommen finanziert. In diesem Zusammenhang betonte er noch einmal, dass es für die Versorgung der Menschen nicht auf das Geld ankommt, sondern auf Güter & Dienstleistungen. Geld ist eine soziale Vereinbarung, wie produziert & das Erzeugte dann konsumiert werden soll. Er zitierte Oswald von Nell-Breuning: "Alles was produziert werden kann, kann auch finanziert werden.">
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Das Besondere beim Grundeinkommen: es kommt nicht darauf an, was die Einzelnen leisten. JedeR erhält unterschieds- & bedingungslos genug, um davon leben zu können. Wo das die Grundlage des Wirtschaftens ist, wird die Automatisierung vom Fluch - "Arbeitsplatzvernichtung" - zum Segen: "Die Wirtschaft hat die Aufgabe, die Menschen von der Arbeit zu befreien.">
Durch das Grundeinkommen kommen die Menschen zur Freiheit: sie sind dann nämlich nicht mehr auf Erwerbsarbeit angewiesen & können tatsächlich frei wählen, welche Tätigkeit sie ausüben wollen. Götz Werner unterscheidet in dem Zusammenhang zwischen einem Einkommensplatz & einem wirklichen Arbeitsplatz. Im heutigen System suchen die meisten Menschen nach einem Einkommensplatz & haben grosses Glück, wenn dieser mit dem von ihnen erwünschten Arbeitsplatz zusammenfällt.>
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An dieser Stelle empfehle ich den Artikel Der Lohn der Angst von Wolf Lotter im brand eins Magazin. Der fordert auch ein Grundeinkommen & erwähnt, dass damit der Arbeitsmarkt überhaupt erst zu einem freien Markt würde. Ein freier Markt setzt ja gleichberechtigte & freie Marktteilnehmer voraus. Im Fall des Arbeitsmarktes kann da keine Rede von sein.>
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Ein interessanter Aspekt ist, dass durch die vorgeschlagene Steuerreform das Gefälle zwischen "Erster" & "Dritter Welt" stark abnehmen würde. Denn die Unternehmens- & Einkommenssteuern werden ja wie erwähnt auf die Preise aufgeschlagen, wodurch diese steigen. Nun muss auch ein Land der Dritten Welt für Investitionsgüter aus einem Industrieland diese hohen Preise zahlen, was an sich schon ungünstig ist. Nun verschulden sich die Länder der Dritten Welt also erheblich, um Investitionsgüter bei uns zu kaufen. Damit sie ihre Schulden zurückzahlen können, müssen sie ihrerseits die Produkte, die mit Hilfe dieser Investitionsgüter hergestellt wurden, an Industriestaaten gegen harte Währung verkaufen. Da die Länder der Dritten Welt aber selber nur geringe Steuern für die Finanzierung der Infrastruktur erheben, sind ihre Produkte auf dem Weltmarkt sehr billig. Unterm Strich sorgt Entwicklungshilfe also dafür, dass die Entwicklungsländern mehr zahlen als sie bekommen.>
Würden in den Industriestaaten jedoch Steuern auf den Verbrauch anstatt auf die Wertschöpfung erhoben, dann müssten die Entwicklungsländer erheblich niedrigere Preise für Investitionsgüter zahlen, während ihre eigenen Produkte in den Industriestaaten nicht wesentlich billiger als inländische Erzeugnisse wären.>
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Neben einem radikal verringerten Verwaltungsaufwand der Steuerbehörden (sowie Massenarbeitslosigkeit in der Steuerberaterbranche ;-)) hätte diese Reform auch zur Folge, dass sich Steuerflucht & Schwarzarbeit überhaupt nicht mehr lohnen würden. Zwar ist das Grundeinkommen nicht die Lösung aller Probleme dieser Welt, aber das Leben würde doch erheblich angenehmer für die allermeisten Menschen.>
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Bei Attac kümmert sich übrigens die AG Genug für alle um die Lobbyarbeit für ein Grundeinkommen. more

Bei der GLS Gemeinschaftsbank in Bochum

2005-09-24

Gestern & heute waren das Einweihungsfest des neuen Gebäudes der GLS Gemeinschaftsbank in der Christstrasse in Bochum sowie die Jahresversammlung der Genossenschaft. Es geht also mal wieder um Geld bzw. die finanziellen Hebel.

Über die GLS Gemeinschaftsbank eG

Ich fange mal mit ein paar Daten aus dem Geschäftsbericht 2004 an, obwohl der erst am Samstag Vormittag vorgestellt wurde. So bekommt Ihr einen Eindruck der Tätigkeit der GLS-Bank.
Zum 31.12.2004 betrug die Bilanzsumme der Bank 497,529 Mio. EUR. Die Genossenschaft hatte zu diesem Zeitpunkt etwa 13.900 Mitglieder, die Anteile in Höhe von insgesamt 12,7 Mio. EUR gezeichnet hatten. 3000 EUR davon stammen von mir ;-)
Zu den Genossenschaftsanteilen kommen noch einmal 11,2 Mio. EUR stille Beteiligungen.
Die GLS-Gruppe, d.h. Bank & Treuhand (dazu später mehr), beschäftigt z.Zt. 166 MitarbeiterInnen.
Die Bank hat 44.000 KundInnen, wobei noch mehr Leute den Bankspiegel abonniert haben. Diese auch noch als Kunden zu gewinnen, hat sich die Bank für die nächsten Jahre vorgenommen.
Im Jahr 2004 gab es ca. 17% Kreditwachstum, das gesamte Geschäftsvolumen nahm um gut 12% zu.
Kredite werden in den folgenden Bereichen vergeben:

  • Wohnprojekte (18,7%)
  • Heilpädagogik und Sozialtherapie (13,6%)
  • Regenerative Energien (12,4)
  • Freie und Alternativpädagogik (11,8%)
  • Nachhaltige Baufinanzierung (9,5%)
  • Kunst, Kultur, Bürgerengagement (7,1%)
  • Seniorenprojekte, Medizin, Therapie, Pflege (7,1%)
  • Ökologische Landwirtschaft (6,1%)
  • Gewerbliche Finanzierungen (5,6%)
  • Sonstiges (8,1%)

Bei der Kreditvergabe setzt die Bank stark auf Kleinbürgschaften (bis 3000 EUR) als Sicherheiten, weil da im Gegensatz zu Grundschulden u.ä. Menschen dahinterstecken. Auch daran wird die Besonderheit der GLS Bank deutlich, dass hier Menschen im Mittelpunkt stehen & keine abstrakten Werte.
Durch die Übernahme der Ökobank 2003, bei der die Genossenschaftsanteile nicht mit übernommen wurden, ist die Eigenkapitalquote stark gesunken. Zwar ist die Entwicklung der Genossenschaftsanteile sehr erfreulich (das Eigenkapital steigt derzeit doppelt so schnell wie das Geschäftsvolumen), dennoch ist die Ausstattung mit Eigenkapital geringer als bei anderen Genossenschaftsbanken. Also: Werdet GenossInnen der GLS!

Die GLS Treuhand e.V. (ehemals Gemeinnützige Treuhandstelle e.V.)

Der neue Name "GLS Treuhand e.V." wurde auf der Mitgliederversammlung am Samstag beschlossen, ist also noch brandneu. Die Treuhand verwaltet

  • Individuelle Schenkungen
  • Individuelle Stiftungen
  • Zukunftsstiftungen und Themenfonds
  • Testamente

Zukunftsstiftungen sind derzeit in folgenden Bereichen tätig:

Die Zukunftsstiftung Landwirtschaft unterstützt u.a. die Kampagne Save our Seeds, die sich für den Erhalt der Sortenvielfalt in der Landwirtschaft einsetzt. Vor allem geht es ihr darum, das Saatgut frei von gentechnischen Manipulationen zu erhalten. Zum Thema Gentechnik siehe auch der Informationsdienst Gentechnik, der von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft herausgegeben wird.
Eine Aktion der Zukunftsstiftung Bildung ist "Jedem Kind ein Instrument". In Zusammenarbeit mit Bochumer Grundschulen & der Musikschule ermöglicht die Stiftung allen SchülerInnen der 1. & 2. Klassen in Bochum, ein Musikinstrument zu erlernen.

Eine weitere unabhängige Stiftung, die aber eng mit der GLS zusammenarbeitet, ist die stiftung trias. Diese Stiftung kauft Grundstücke, um sie alternativen Wohnprojekten zur Verfügung zu stellen. Diesen wird dabei das Erbbaurecht zugesprochen.

Freitag und Samstag bei der GLS

Als ich bei der Bank ankam, war erst einmal Schlange stehen bei der Registrierung der Mitglieder angesagt. Dabei wuselten zwei rote Tanzbälle & ein Stelzenläufer zwischen den Leuten umher & sorgten für gezielte Irritation:
Rote Gestalten

Das Zitat von Wilhelm Barkhoff (dem Gründer der GLS-Bank)

Die Angst vor einer Zukunft, die wir fürchten, können wir nur überwinden durch Bilder einer Zukunft, die wir wollen!

zog sich als roter Faden durch die Veranstaltungen des Wochenendes, das unter dem Motto Standort für Visionen stand. Der Satz steht übrigens auch auf dem Heft für die Kontoauszüge.
Das zusätzlich zum wesentlich grösseren neuen GLS-Gebäude im Innenhof aufgestellte Festzelt platzte dennoch aus allen Nähten:
Randvolles Festzelt

Das Gebäude hat die Bank von ThyssenKrupp gekauft & unter Leitung des Stuttgarter Architekten Lothar Bracht renovieren lassen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen:
Blick auf Dach & Innenhof
Auf dem Dach ist die Photovoltaikanlage zu erkennen.

Richtig super fand ich den Kabarett-Abend am Freitag mit Winfried Zimmermann aus Stuttgart & den "Hartzinfarkt" der Kleinen Bühne Schönau.

Das Deutsche Mikrofinanz Institut (DMI)

Einer der für mich interessantesten Vorträge stellte die Arbeit des Deutschen Mikrofinanz Institut (DMI) vor. Zum Thema Mikrokredite hatte ich ja schon in Zusammenhang mit Eine Billion Dollar was geschrieben.
Eine Besonderheit des DMI im Unterschied zu Mikrofinanzierern in Dritte-Welt-Ländern ist, dass Kredite meist nicht zur Unternehmensgründung & in der Anfangsphase benötigt werden, sondern später. 90% der Unternehmensgründungen in Deutschland gehen nämlich ohne Fremdkapital über die Bühne. Deshalb ist der Schwerpunkt des DMI die Nachgründungsphase. Es werden Kredite in Aussicht gestellt, die die GründerInnen nur bei Bedarf in Anspruch nehmen. Frühzeitige Krisenintervention ist der zweite Schwerpunkt. Witzig fand ich, dass dabei von den Kreditnehmern verlangt wird, dass sie einmal im Monat eine Postkarte schicken & kurz schreiben, wie das Geschäft aus ihrer Sicht gerade läuft.
Die Kredite werden als Cash-Flow-orientierte Stufenkredite vergeben, d.h. abhängig von den tatsächlich vorhandenen finanziellen Mitteln des Unternehmens werden ansteigende Kreditsummen vergeben. Der erste Kredit darf maximal 10.000 EUR betragen, später gibt es keine Begrenzung.
Das DMI betreut selber keine Kreditnehmer, sondern arbeitet mit derzeit fünf akkreditierten Mikrofinanzierern zusammen. Interessanterweise ist einer davon die Brechmann Beteiligungs GmbH in Bielefeld. Die eigentlichen Kredite kommen derzeit noch fast ausschliesslich von der GLS-Bank.
Das Ausfallrisiko wird vollständig vom GLS Mikrofinanzfonds abgedeckt. Dieser erhält die Hälfte der Kreditzinsen als Provision & zahlt seinerseits Gratifikationen an die Mikrofinanzierer. Die wiederum beteiligen sich am Fonds.

Eine coole Idee habe ich bei der GLS in Form eines Flyers gefunden: den BaumSparVertrag. more

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