Iromeisters Abenteuerreise

Von einem, der auszog, Vertrauen zu üben

Das Gesetz des Karma ist aufgehoben. Alle Wesen sind frei.

Freiwilliges bedingungsloses Grundeinkommen

2013-09-29

Der große Haken an eigentlich allen Modellen für ein bedingungsloses Grundeinkommen, die mir bisher begegnet sind, ist, dass sie alle das nötige Geld fürs BGE durch den Staat einsammeln wollen. Das heißt aber nichts anderes, als dass eine Idee, die eigentlich Freiheit für alle Menschen bedeuten soll, unter Zwang mit Hilfe des staatlichen Gewaltmonopols durchgeführt werden soll.

Diesen Widerspruch kann ich so nicht stehen lassen, weshalb ich hier zunächst das Konzept von Gerechtigkeit hinterfrage & anschließend eine Möglichkeit präsentiere, ein BGE auf freiwilliger Basis zu organisieren.

Das Motto für staatlich organisierte Umverteilung von unten nach oben heißt ja neuerdings "umfairteilen". Da steckt das Wort "fair" drin, mithin eine wie auch immer geartete Vorstellung von Gerechtigkeit.

Deren Problematik ist folgende: Die Idee von Gerechtigkeit ist, dass es einen allgemein, d.h. für alle Menschen gültigen Maßstab gibt. Vorausgesetzt, ein solcher Maßstab existiert überhaupt, haben wir genau zwei Möglichkeiten:

  1. Alle Menschen akzeptieren den Maßstab von Gerechtigkeit und verhalten sich entsprechend. Dann ist alles super und wir brauchen uns nicht weiter damit beschäftigen
  2. Manche Menschen akzeptieren den allgemeinen Maßstab von Gerechtigkeit, andere hingegen nicht, weil sie andere Vorstellungen davon haben. Diese müssten dann "zu ihrem Glück gezwungen werden", wenn's sein muss mit Gewalt.

Nun könnte man einwenden, es gäbe doch noch eine dritte Möglichkeit, nämlich dass im Einzelfall die Betroffenen jeweils neu untereinander verhandeln, wie sie ihre Angelegenheiten regeln (das wäre dann Freie Kooperation). Aber: damit lässt man in der Praxis das Konzept von Gerechtigkeit als allgemeingültigem Maßstab fallen, denn was "gerecht" ist und was nicht, ist dann ja gerade Gegenstand von immer wieder neuen Verhandlungen, & diese auch noch zwischen wechselnden Menschen.

Ich halte es daher mit dem Motto des Todes aus der Scheibenwelt: Es gibt keine Gerechtigkeit. Es gibt nur mich.

Ein weiteres praktisches Problem mit dem Konzept der Gerechtigkeit ist, dass es dazu einlädt, sich für ein Opfer zu halten. Wenn es Gerechtigkeit als allgemeinen Maßstab gibt, kann ich von anderen "ungerecht behandelt werden". Damit mache ich mich zu deren Opfer, halte mich für schwach und rufe womöglich nach Hilfe, sei es nach einem starken Mann, sei es nach dem Sozialstaat mit seiner "Umfairteilung".

Dabei ist ja gerade der Staat eine Einrichtung, die sich über alle allgemeingültigen Maßstäbe hinwegsetzt und sozusagen Wein trinkt, während sie Wasser predigt: Der Staat erlaubt sich selbst nämlich, Gewalt gegen seine Bürger einzusetzen, während er diesen jegliche Gewaltanwendung verbietet - unter Androhung von Gewalt.

Die Leute von FreiwilligFrei sprechen daher sogar vom Stockholm-Syndrom, wenn Menschen nach dem Staat rufen, um für Gerechtigkeit zu sorgen.

Nun kommen wir endlich zum Titelthema, nämlich dem Freiwilligen Bedingungslosen Grundeinkommen (FBGE). Das habe ich im Blog von Patrick Siebert entdeckt, auf der Seite Globale Freiheit wird es ebenfalls beschrieben (die "Rechnung" bzgl. der 1000 € Grundeinkommen ist allerdings Quatsch).

Grundidee ist, dass beliebige Menschen, die sich daran beteiligen wollen, freiwillig selbst gewählte Geldbeträge in einen großen Topf schmeißen, dessen Inhalt dann auf alle, die sich dafür entscheiden, das FBGE für sich zu beanspruchen, gleichmäßig aufgeteilt wird.

Damit wird zwar aller Wahrscheinlichkeit (zunächst) das Kriterium für ein bedingungsloses Grundeinkommen "die Existenz sichern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen" nicht vollumfänglich erfüllt. Dass auch das zweite Kriterium "einen individuellen Rechtsanspruch darstellen" nicht erfüllt wird, ist volle Absicht, denn dafür ist das Ganze dann vollkommen freiwillig, und außerdem könnten wir damit hier und jetzt sofort anfangen, ohne auf ein staatlich organisiertes BGE zu warten.

Ein möglicher und sinnvoller Rahmen für so etwas wäre eine Stiftung wie die Zukunftsstiftung soziales Leben der GLS Treuhand, die schon ein wenig in diese Richtung geht. Bei einer Stiftung stellt sich allerdings die Frage nach der zeitlichen Organisation der Geldflüsse, denn da zahlen die Leute ja nicht nur regelmäßig Beträge ein, sondern manchmal auch einzelne große Beträge, bei denen es unsinnig wäre, sie innerhalb eines Monats an alle zu verteilen. Andererseits ist mir auch noch nicht klar, wie eine solche Stiftung mit kurzfristigen Geldengpässen umgehen soll, wenn es viele Menschen gibt, an die ein FBGE ausgezahlt wird. Garantien gibt es zwar bekanntlich nicht, aber ein bißchen Verlässlichkeit wäre schon ganz schön. Vielleicht hat ja von den LeserInnen jemand eine zündende Idee?!

Update vom 03.08.: Noch bis 18.09. läuft eine Crowdfunding-Kampagne zur Verlosung eines bedingungslosen Grundeinkommens in Höhe von 1.000 € monatlich für ein Jahr: Mein Grundeinkommen.

Gehorchen: Herrschaft aus der Sicht der Beherrschten

2013-09-29

Wie hinlänglich bekannt ist, bin ich Anarchist, was heißt, dass ich mich für eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Zwang einsetze und dabei auf das Prinzip der Selbstorganisation und Selbstverantwortung in überschaubaren sozialen Einheiten setze.
Trotzdem habe ich lange Zeit das Kunststück hinbekommen, mich mit dieser intellektuellen Einstellung gleichzeitig in meinem Leben als Opfer zu empfinden.

Ein Stück von dem langen Weg dahin, dass ich das heute nicht mehr tue, beleuchten die Artikel Vertrauen riskieren sowie der Fight Club-Artikel Mit Tyler Durden zum Nullpunkt.

Inzwischen lebe ich in dem Bewusstsein, dass Leben immer ein Risiko ist und übernehme die wahre Verantwortung dafür.

Und damit sind wir beim Thema dieses Beitrags: Herrschaft ist das Verhältnis von einem oder mehreren Herrschern und einem oder mehreren Beherrschten. Es braucht das Handeln beider Seiten, um ein Herrschaftsverhältnis zu etablieren.
Auch Anarchisten richten ihren Blick zu oft nur auf die bösen Herrscher, die es zu stürzen und damit die Herrschaft abzuschaffen gilt.

Dabei sind die Beherrschten mit ihrem (größtenteils unbewussten) Einverständnis mit dem Beherrschtwerden, ihrer Einwilligung in das Herrschaftsverhältnis, ihrem Gehorchen doch zahlenmäßig die große Mehrheit! Sie tragen mindestens genau so viel dazu bei, dass Herrschaft sich fortsetzt, wie die Beherrscher.

Diese Überlegungen schließen nahtlos an den Beitrag zu Grundeinkommen, Erpressbarkeit und Freiheit an. Dort hatte ich schon geschrieben, dass das einzig Sichere in unserem Leben die Tatsache ist, dass wir alle sterben werden.

Wenn nun jemand einwendet, "aber es gibt doch Gewalt und Zwang, also die Androhung von Gewalt!", dann sage ich platt: Na und? Sterben wirst du sowieso.

Auch Zwang ist nur relativ, und es gehören immer zwei dazu: einer der zwingt und einer, der sich zwingen lässt.

Du hast immer die Möglichkeit, nicht zu gehorchen und dich dafür einsperren, foltern oder töten zu lassen.

Das ist hart, aber es ist so.

Und ich verurteile niemand, die oder der sich bei Androhung von Gewalt bewusst entscheidet, lieber zu gehorchen als sich Gewalt antun zu lassen.

Das ist mir sehr wichtig. Aber es kommt darauf an, dass dir deine Freiheit, deine Wahlmöglichkeit bewusst ist. Was ich sehr wohl anprangere ist, wenn jemand glaubt "Ich musste gehorchen, ich wurde gezwungen, es ging doch gar nicht anders". Doch. Es geht immer auch anders, auch wenn das manchmal sehr weh tut.

Es ist das, was Krishnamurti mit "jede Autorität ablehnen" meint, siehe Bedürfnisse/Bedürftigkeit, brauchen und frei sein.

Und falls du nun einwendest, damit könne man doch im Großen nichts bewirken: Indien ist 1947 vom britischen Empire unabhängig geworden, weil ein kleiner Mann sich hat schlagen und einsperren lassen. Natürlich nicht er allein, sondern viele andere mit ihm. Aber er ging mit seiner Haltung von Satyagraha voran. Diese deckt sich übrigens weitgehend mit meinen Überlegungen hier.
Darauf aufbauend hat in Deutschland Martin Arnold das Konzept der Gütekraft entwickelt. Zitat aus Wikipedia:

Gütekraft beinhaltet sowohl Entwicklung und Anwendung gewaltfreier Aktionen im politischen Raum als auch immer eine Entscheidung für einen Wert (Gerechtigkeit, Freiheit usw.) sowie die Verantwortung des Einzelnen, wertbegründete Entscheidungen zu treffen und die Folgen dieser Entscheidungen zu tragen. Das erfordert Mut, "soul force", das Wirken einer Kraft.

(Das Konzept von Gerechtigkeit lehne ich allerdings ab, dazu später mehr)

Nachtrag vom 05.03.2017: Sehr erhellend bezüglich des Gehorchens sind auch diese beiden Vorträge von Rainer Mausfeld „Warum schweigen die Lämmer?“ - Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagements sowie Die Angst der Machteliten vor dem Volk.

Nachtrag vom 18.04.2019: Ich stelle gerade fest, dass es einen berühmten Vordenker gibt, nämlich Étienne de La Boétie. Im Wikipedia-Artikel über ihn steht

Vermutlich während seiner Studienzeit verfasste La Boétie, sichtlich unter dem Eindruck der genannten Revolten und der Diskussionen im Umfeld Du Bourgs, seinen flammenden Discours de la servitude volontaire (= Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft), worin er die These vertritt, dass die Unterdrückung vieler Menschen durch einen einzigen nur solange möglich sei, wie die vielen sich unterwerfen, statt sich kollektiv zu widersetzen.

Grundeinkommen, Erpressbarkeit und Freiheit

2013-09-17

Am Samstag war ich ja auf der Demo fürs Bedingungslose Grundeinkommen & setze mich auch anderweitig dafür ein. Vor dem Hintergrund meines Beitrags über Bedürfnisse und frei sein stellt sich allerdings die Frage, wo das BGE da reinpasst.

Einerseits ist das Grundeinkommen gerade ein wesentlicher Schritt zu mehr gesellschaftlicher Freiheit, weil jedeR damit zu allen Angeboten von "Arbeitgebern" auch Nein sagen kann, ohne um die eigene Existenz fürchten zu müssen. Das ist das, was u.a. Wolf Lotter in seinem Artikel Der Lohn der Angst schreibt. Erst mit BGE gibt es überhaupt einen wirklich freien Arbeitsmarkt, auf dem beide Seiten auf gleicher Augenhöhe verhandeln können - das Ende der derzeitigen Kultur der Angst.

Aber ist das wirklich so? Brauchen wir dafür wirklich ein Grundeinkommen, oder schaffen wir ganz im Gegenteil damit nicht eine neue und vielleicht noch tiefere Abhängigkeit - nämlich die von eben jenem Grundeinkommen? Denn auch ein Rechtsanspruch garantiert mitnichten, dass ich das Geld auch tatsächlich bekomme. In diesem Leben, auf dieser Welt gibt es nur eine Garantie: dass wir alle sterben werden.

Dass die Menschen mit Grundeinkommen nicht mehr erpressbar seien, setzt voraus dass dessen Auszahlung ohne jedes Machtgefälle abläuft. Ich kann mir zur Zeit keinen Modus vorstellen, mit dem das so wäre, und halte es auch für unwahrscheinlich.

Außerdem liegt es am Ende ganz am einzelnen Menschen, ob er erpressbar ist oder nicht. Und an dieser Stelle kommt glatt wieder Käptn Peng ins Spiel: Gott sind wir selbst, Bewusstsein, das wandert von Form zu Form, um zu wachsen und zu werden. Und die Angst jeder Form ist das sogenannte Sterben, doch Sterben ist Werden und Leiden ist Lernen.

Im Bewusstsein des Todes, wie Don Juan Matus sagt, unserem einzigen weisen Ratgeber, sind wir nicht mehr erpressbar. Was sollte schon geschehen, das uns noch schrecken kann?

Und damit ist das Bedingungslose Grundeinkommen der materielle Widerhall dieser inneren Freiheit. Es wäre schlicht widersinnig etwas anderes zu tun als das was Otto Scharmer so schön formuliert:

Die grundlegende Herausforderung an uns lautet: Sind wir bereit zu akzeptieren, dass wir nicht getrennt voneinander sind, sondern ein ökonomisch und sozial stark voneinander abhängiges Feld von Beziehungen und Gemeinschaften bilden? Und wenn wir zustimmen, dass diese vielschichtige Verbindung existiert: Sind wir bereit, einander die Hände zu reichen? Wenn die Antwort darauf „ja“ lautet, dann wäre es die höchstmögliche ökonomische Intervention, einfach ein Grundrecht auf Einkommen zu schaffen, das, kombiniert mit freiem Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung, ein vielschichtiges Spielfeld schaffen würde, dass es jedem ermöglichte, seinem Streben und seinen Träumen nachzugehen.

Und für die ganz radikalen Demonetarisierer, die zu Recht anmerken, dass ein Grundeinkommen sich ja immer noch innerhalb einer geldbasierten Wirtschaft bewegt, sei gesagt:

Das Grundeinkommen ist ein großer Schritt hin zum geldlosen Wirtschaften, eben weil es bedingungslos an alle gezahlt wird. Dadurch hebt es die Kopplung von Leistung und Gegenleistung, das Tauschprinzip, auf, weil eben gerade keine Gegenleistung erwartet wird.

Und das Grundeinkommen ist ja nicht das Ende der Fahnenstange oder gar der Geschichte. Es ist lediglich ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur neuen Kultur. Daneben, davor & dahinter gibt es noch eine ganze Menge anderer Baustellen.

Du bist der Grund für dein Einkommen

2013-09-15

Unter diesem Motto war ich gestern in Berlin beim Aktionstag Grundeinkommen ist ein Menschenrecht:
Du bist der Grund für dein Einkommen
(die Krone stammt von der Krönungswelle)

Von den VertreterInnen der Parteien berührte mich die Ansprache von Susanne Wiest am meisten. Ralph Boes hungert seit nunmehr 46 Tagen als politischer Protest gegen die Hartz IV-Sanktionen.

Vom Neptunbrunnen vor dem Roten Rathaus ging's bei strahlendem Sonnenschein zur Zwischenstation, dem Friedrichstadtpalast, wo Bernadette La Hengst uns alle in den Chor des Bedingungslosen Grundeinsingens verwandelte.
Bedingungsloses Grundeinsingen vor dem Friedrichstadtpalast

Das Lied Wir singen zur Senkung der Arbeitsmoral fand ich klasse und es erinnerte mich daran, dass ich mir unbedingt noch den Film Frohes Schaffen ansehen will.

Ebenfalls vor dem Friedrichstadtpalast kam Inge Hannemann zu Wort, als Whistleblowerin sozusagen das Hartz IV-Pendant zu Edward Snowden. Sie ist als Mitarbeiterin des Hamburger Jobcenters derzeit freigestellt, weil sie die Sanktionen öffentlich als Verstoß gegen die Menschenwürde und damit das Grundgesetz anprangert. Sie bekam übrigens am gleichen Tag den taz Panterpreis verliehen.

Die Demo zog dann noch weiter bis ins Regierungsviertel, vor die Schweizer Botschaft, um die SchweizerInnen anzufeuern in ihrem Engagement fürs bedingungslose Grundeinkommen. Die Volksinitiative war erfolgreich, das heißt dass die SchweizerInnen nun über die Einführung eines BGE abstimmen werden.
Es stellten sich zum Abschluss noch BGE-Initiativen aus vielen anderen europäischen Ländern vor, wir sind also bei weitem nicht allein.

Aaaaber: Wir waren noch viel zu wenige!!!! Wo wahrt ihr alle? Die Zeit ist reif, das gilt es auch zu zeigen, nicht nur im Internet sondern auf den Straßen, in den Städten und in den Dörfern! more

Bedürfnisse/Bedürftigkeit, brauchen und frei sein

2013-09-8

Der heutige Beitrag ist mehr eine ausführliche Fragestellung, weil es um einen scheinbaren Widerspruch geht, den ich bisher noch nicht auflösen konnte. Es geht um Bedürfnisse bzw. Bedürftigkeit auf der einen Seite und auf der anderen Seite darum, wirklich frei zu sein. Irgendwie gelingt es mir praktisch, mir sowohl meiner völligen Abhängigkeit und Bedürftigkeit bewusst zu sein und dabei gleichzeitig (innerlich) frei. Gedanklich sind das jedoch noch immer totale Gegensätze.
Daher werde ich nun die ganze Thematik auseinander klamüsern & ausbreiten.

Fangen wir an mit Zitaten aus dem Artikel Geburtlich zusammen leben von Ina Praetorius. Was sie darin schreibt, lässt sich kaum bestreiten:

Nur ein paar Jahrzehnte, höchstens, sind wir, die Geborenen, fähig zu handeln, also ein Stück Welt zu gestalten, immer bezogen auf bedürftige Mithandelnde. Gleichzeitig bleiben wir eingebunden in die Matrix Welt. In fast jeder Hinsicht sind wir abhängig vom und von anderen. Keiner und keine von uns kann auch nur fünf Minuten ohne Luft überleben, oder eine Woche ohne Wasser. Von Luft und Liebe, Gemüse und Moral, von Geschichten, Traditionen und der Arbeit anderer leben wir, und schon bald werden wir eingehen in die Erde. Weit entfernt sind wir von der Fiktion, die Johann Gottlob Fichte die Selbstsetzung des Subjekts und Immanuel Kant Autonomie nannte.

Zugleich existiert auch in jedem Menschen ein Autonomiebedürfnis, der Drang, Dinge selbst(bestimmt) zu tun. Und wie Marshall Rosenberg richtig erkannt hat, geht dieses Autonomiebedürfnis dem Bedürfnis, mit anderen zu kooperieren, sogar voraus. Das lässt sich an Kindern wunderbar beobachten, die vielleicht sehr gerne vom Computer weg raus auf den Hof zum Spielen gegangen wären, aber wenn ein Erwachsener sie auffordert, "geht doch mal raus an die frische Luft", dann "müssen" sie schon aus Prinzip noch eine Weile länger am Rechner hocken bleiben, um ihr Autonomiebedürfnis zu befriedigen.

Vielleicht habe ich in meinem Artikel Eine neue Kultur schon die Antwort gegeben, die in der Freiwilligkeit liegt. Denn auch wenn Bedürfnisse eine Grundlage der Gewaltfreien Kommunikation sind, ist Freiwilligkeit eben die zweite Grundlage. Ein Bedürfnis ist kein Grund, sich selbst oder jemand anderen zu etwas zu zwingen. Ich kann nur bitten, und mein Gegenüber (oder auch ich selbst) kann mit Ja oder Nein antworten & beides ist in Ordnung.

Gerald Hüther formuliert die beiden Grundbedürfnisse bzw. -erfahrungen etwas anders, aber inhaltlich gleich: die Erfahrung, immer wieder über sich hinauszuwachsen und die Erfahrung, verbunden zu sein.

Im Zusammenhang ist mir kürzlich aufgefallen, dass unsere Sprache mal wieder sehr aufschlussreich ist: Ohne die Entbindung von unserer Mutter wären wir gar nicht hier. Ohne die enge Bindung an sie und andere Menschen aber auch nicht.

Aktueller Anlass für diesen Artikel, den ich wie manch anderen schon länger im Hinterkopf hatte, ist das Buch Einbruch in die Freiheit von Krishnamurti, von dem ich ja schon mal einen Vortrag über Beziehung hier eingestellt hatte. Wie der Titel schon andeutet, geht es ihm radikal um die Freiheit des Einzelnen. Auch in dem Vortrag über Beziehungen sagte er:

Eine Beziehung, die auf gegenseitigem Bedürfnis basiert, bringt nichts als Konflikt. Wie abhängig wir auch voneinander sind, wir benutzen einander für einen Zweck, für ein Ziel. Doch mit einem Ziel vor Augen ist keine Beziehung möglich. Sie benutzen mich und ich benutze Sie. In diesem Benutzen verlieren wir den Kontakt. Eine Gesellschaft, die auf gegenseitiger Benutzung aufgebaut ist, ist der Nährboden für Gewalt.

Das ist also die Art und Weise, wie wir mit unserer Bedürftigkeit nicht umgehen sollten.

Einen wichtigen Hinweis gibt Don Juan Matus, wenn er sagt:

Der Tod ist der einzige weise Ratgeber, den wir haben.

Denn vor dem Hintergrund des einzig sicheren im Leben, nämlich dass wir eines Tages sterben werden, verlieren sämtliche Bedürfnisse ihre Absolutheit.

Dein Tod wird dir sagen, dass du unrecht hast, dass nichts wirklich wichtig ist, außer seiner Berührung.

Im "Ring der Kraft" äußert er sich direkt zu Bedürfnissen:

Ich habe nie daran gedacht, dass du Hilfe benötigst. Du musst das Gefühl entwickeln, dass ein Krieger nichts benötigt. Du sagst, du brauchst Hilfe. Hilfe wofür? Du hast alles, was du für diese großartige Reise brauchst, die dein Leben ist. Ich habe versucht, dich zu lehren, dass die wirkliche Erfahrung darin besteht, ein Mensch zu sein, und dass es nur darauf ankommt zu leben; das Leben ist der kleine Umweg, den wir heute machen. Das Leben ist ein zureichender Grund, es erklärt sich aus sich selbst und ist vollkommen.

Nun aber noch mal zu Krishnamurti und der Freiheit:

Vor allen Dingen: Können Sie jede Autorität ablehnen? Wenn Sie es können, bedeutet es, dass Sie sich nicht länger fürchten. [...]
In der Freiheit gibt es kein rechtes oder unrechtes Tun mehr. Sie sind frei, und von diesem Zentrum aus handeln Sie, daher gibt es keine Furcht mehr, und ein Mensch, der keine Furcht hat, ist großer Liebe fähig. Und der wahrhaft Liebende kann tun, was er will.[...]
Frei zu sein von aller Autorität, von der eigenen und der eines anderen, bedeutet, sich von allem, was gestern war, loszusagen, sodass der Geist immer frisch, immer jung, unschuldig, voller Kraft und Leidenschaft ist. Nur in diesem Zustand kann man lernen und beobachten, und das bedarf einer umfassenden Bewusstheit, eines unmittelbaren Gewahrseins des inneren Lebensprozesses, ohne ihn zu korrigieren, ohne vorzuschreiben, was er sein sollte oder nicht sein sollte.

Freiheit ist also eine Frage des Bewusstseins und der Achtsamkeit, die Bedürftigkeit und Abhängigkeit ist eine "äußere", wie ich sie in Ermangelung besserer Worte nennen möchte. Es gilt zu erkennen, die Tür deiner Zelle geht nur von innen auf.
Und solche Freiheit ist durchaus nicht schön oder angenehm:

Wenn Sie hingegen keinen Rückhalt haben, wenn keine Sicherheit da ist, keine Zweckerfüllung, dann haben Sie die Ungebundenheit zu schauen und zu schaffen. In dieser Freiheit ist alles neu. Ein selbstsicherer Mensch ist ein totes Wesen.

Und weiter:

Solche Freiheit bedeutet, völlig allein zu sein.[...]
Um allein zu sein, müssen Sie sich von der Vergangenheit lossagen. Wenn Sie allein sind, vollkommen allein, innerlich zu keiner Familie, keiner Nation, keiner Kultur, keinem bestimmten Kontinent gehören, entsteht das Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Der Mensch, der in dieser Art vollkommen allein ist, ist unschuldig, und diese Unschuld ist es, die den Menschen vom Leid befreit.

Dieses allein sein ist auch ein All-Ein-Sein, das Erkennen dass jegliche Getrenntheit von anderen und anderem eine Illusion ist.

Vielleicht gibt es gar keine Auflösung von These und Antithese.
Vielleicht leben wir schlicht und ergreifend in einer paradoxen Welt.

Denn auch Freiheit und Verantwortung gehören untrennbar zusammen, wie z.B. der sehr radikale Artikel Wahre Verantwortung ausführt.

Update vom 11.09.2013: Ich hätte nicht vermutet, dass Paul Watzlawicks Vortrag zum gleichnamigen Buch Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, der mir aus ganz anderen Gründen über den Weg lief, zur aktuellen Fragestellung beitragen könnte, aber hört selbst:

1. wäre ein solcher Mensch frei, denn es stünde ihm ja frei, seine Wirklichkeit immer wieder anders, neu zu schaffen. 2. wäre ein solcher Mensch im tiefsten ethischen Sinne verantwortlich. Denn wer weiß, dass er der Architekt seiner eigenen Wirklichkeit ist, dem steht die bequeme Ausrede, der Hinweis auf "Sachzwänge" oder die Schuld anderer Menschen, nicht mehr offen. Und 3. wäre dieser Mensch im tiefsten Sinne tolerant. Denn wer weiß, dass er der Konstrukteur seiner eigenen Wirklichkeit ist, muss diese Möglichkeit auch dem anderen zubilligen.

Update II immer noch vom 11.09.2013: Da gibt es ja noch ein Video von Michaela Moser über Bedürftigkeit, das noch etwas mehr Licht auf die Sache wirft:

Darin greift sie einen bisher noch nicht erwähnten (vermeintlichen) Gegensatz zur Bedürftigkeit auf, nämlich die Macht. Die ist immer begrenzt, wozu ich noch mal Don Juan Matus zitieren kann:

Wir sind Staub in den Händen dieser Kräfte.

Soviel also zur (persönlichen) Macht, die als Illusion eng mit der Getrenntheit verwandt ist bzw. aus dieser hervorgeht.

Obwohl also meine Macht notwendigerweise begrenzt ist, kann ich trotzdem absolut frei sein. Der Spruch "Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit" fällt mir dazu ein - wieder ein Paradoxon...

Bei diesem Beitrag freue ich mich ganz besonders über Kommentare! Lasst euch nicht vom Captcha abschrecken!

Update vom 31.08.2016: Gerade habe ich in der Oya ein passendes Zitat von Wendell Berry gefunden:

In der Praxis gibt es keine Auto­nomie. In der Praxis gibt es nur die Unterscheidung zwischen verantwortungsvoller und verantwortungsloser Abhängigkeit.

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